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Der Antisemitismus der russischen Kommunisten
Links von Jelzin
Von Andreas Spannbauer
Selbst der CDU-Nachkriegskanzler Konrad
Adenauer hat offenbar hin und wieder mal einen lichten Moment gehabt. Angesichts
einer antisemitischen Schmierwelle in Deutschland gab er im Januar 1960
dem Wahlvolk die folgende Empfehlung: "Wenn Ihr irgendwo einen Lümmel
erwischt, vollzieht die Strafe auf der Stelle und gebt ihm eine Tracht
Prügel. Das ist die Strafe, die er verdient."
Folgte man seinem Ratschlag, man müßte
die russischen "Kommunisten" windelweich schlagen. Auf ihren Kundgebungen
zirkulieren unter roten Fahnen braune Schriften, in denen der Nachweis
geführt werden soll, daß Jelzin, der auf Plakaten schon mal
als "Judas" tituliert wird, jüdischer Abstammung sei. Im russischen
Parlament darf ihr Abgeordneter Albert Makaschow ungestraft ankündigen,
daß "mit meinem Tod oder dem meiner Mitstreiter noch zehn dieser
Jidden ins Jenseits befördert werden".
Von Parteichef Gennadi Sjuganow wird diese
Politik gedeckt. Den Protest von Liberalen in der Presse und Fernsehen
gegen Makaschows Ungeheuerlichkeiten beantworten seine Genossen hingegen
mit der Forderung, die Pressefreiheit einzuschränken. Viktor Krivulin,
Dichter und Regionalpolitiker aus Petersburg in Personalunion, beschrieb,
wie es in der Partei Sjuganows so zugeht: "Jude ist für die Kommunisten
ein Synonym für Demokraten." Schuld ist immer der Westen, und der
Westen, das sind die Demokraten, und die Demokraten, das sind sowieso alles
Juden. So einfach erklärt man die Welt.
Nach dem Mord an der liberalen Parlamentsabgeordneten
Galina Starovoitova, die sich gegen die antisemitischen Ausfälle Makaschows
engagiert hatte und im Jahr 2000 für das Präsidentenamt kandidieren
wollte, fragte sich der neoliberale frühere Premierminister Anatoli
Tschubais, wem die Politikerin überhaupt ein Dorn im Auge war. Sein
Ergebnis: "Die Antwort ist einfach: Gangstern und Kommunisten." Eine unnötige
Unterscheidung. Ohne eine Distanzierung von Makaschow und seinen Spießgesellen
hat sich die Kommunistische Partei in Rußland endgültig als
eine Bande von Polit-Kriminellen erwiesen.
Makaschow freilich kann das nicht treffen.
Der General, der 1993 am bewaffneten Sturm der Jelzin-Gegner auf den Moskauer
Fernsehsender Ostankino beteiligt war, sagt über sich selbst: "Das
Volk hat immer recht, und Makaschow ist immer mit dem Volk." Das stimmt
zumindest zum Teil. Der Äußerung Makaschows, die Juden gehörten
ins Grab, sie seien schuld am Untergang des einst so mächtigen Rußlands
und würden das Blut der russischen Bevölkerung trinken, stimmten
15 Prozent zu. Auch sein Vorschlag, den Zugang zu Regierungsämtern
für Juden zu begrenzen, fällt auf fruchtbaren Boden. Die absolute
Mehrheit will auf keinen Fall, daß ein Jude Präsident wird.
Rußland befindet sich in einer Situation,
in der ein paar bösartige Antisemiten-Lümmel die stärkste
Parlamentsfraktion stellen. 44,4 Millionen Russen leben unterhalb der Armutsgrenze,
der Ertrag an Getreide ist heute fast so gering wie während des Zweiten
Weltkrieges. Die Anbiederung der "Kommunisten" an den angesichts der katastrophalen
russischen Verhältnisse offen ausbrechenden Antisemitismus fügt
sich bestens in ihre Generallinie ein, vage von einer Restaurierung der
Sowjetunion zu sprechen, gleichzeitig aber einer effizienteren Marktwirtschaft
das Wort zu reden. Wer auf solch merkwürdige Weise den Kapitalismus
angreifen will, dem bleibt eben nur der Rückgriff auf Perversitäten,
wie sie die Funktionäre der KP offen wie selten zuvor ausblähen:
"Das Unrecht hat Namen und Adresse." So, wie die "Kommunisten" in Rußland
diesen Spruch derzeit interpretieren, hatte ihn Brecht sicher nicht gemeint.
Wer die massenhafte Internierung von Juden
zur Lösung der wirtschaftlichen Katastrophe in die Diskussion bringt,
hat mit Kommunismus nichts zu tun. In Rußland geht bereits die Rede
vom "National-Sozialismus" der Kommunistischen Partei um. "Die KP steht
links von Jelzin, aber sie ist keine linke Partei", schrieb Le Monde diplomatique
dazu. Das aber stimmt nicht ganz: Links von Jelzin steht Wodka Gorbatschow. |