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25. November 1998 | Jungle World |
Keine Stunde Null
Ambros, Otto
Die Opfer waren ihnen gleichgültig
"Wieso macht das niemand weg?" |
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Zwangsarbeit ist keine LohnarbeitWarum die Unternehmen nicht zahlen.
Die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sind die größte Gruppe unter den vielen nicht anerkannten und bisher nicht "wiedergutmachungsberechtigten" Opfern des Nationalsozialismus. Der Annahme jedoch, Konzerne und Bundesregierung hätten ein eigenständiges Interesse an einer Regelung der Entschädigungsfrage, weil Deutschland dadurch die Anerkennung des Auslands für Geschichtsbewußtsein und Lernfähigkeit und damit ein Sitz im Sicherheitsrat beinahe sicher wäre, spricht die Wirklichkeit Hohn: Mit der ernsthaft vorgetragenen Behauptung, die Konzerne von heute seien nicht die von damals, wird die juristische und politische Verantwortung negiert. Tatsächlich liegt die Ursache für die Verweigerung von Entschädigungszahlungen im Wesen der Zwangsarbeit selbst begründet: Die geforderte "nachträgliche Entlohnung" der Zwangsarbeit für Konzerne wie Siemens und IG Farben würde den Charakter der Zwangsarbeit als Aufhebung der Lohnarbeit und damit den eigentlichen Sinn der Ausbeutung von KZ-Häftlingen und der aus den besetzten Ländern nach Deutschland Verschleppten offenkundig werden lassen. Das mit der Zahlung von Entschädigungen verbundene Schuldeingeständnis bestätigt diese These: So irrational es auch politisch sein mag, die deutsche Industrie wird die Arbeitskräfte, die substanziell zu ihrer heutigen Weltmarktführerschaft beitrugen, nicht mit einem Pfennig entschädigen, weil die "Vernichtung durch Arbeit" nicht ausschließlich ökonomische Strategie zur Erringung der Weltherrschaft gewesen ist, sondern auch Ausdruck des Vollzugs der Wertvergesellschaftung - eben in der negativen Aufhebung des Kapitalverhältnisses, wie sie in Auschwitz realisiert wurde. Wer in dem Begriff "Vernichtung durch Arbeit" den Begriffsteil "Arbeit" überbetont, wird der Sache nicht gerecht. Schließlich bestanden Sinn und Zweck der Veranstaltung in der Vernichtung - nur tot garantiert die nicht entlohnte Arbeitskraft, daß sie keine Forderungen stellen wird. Nur in der Vernichtung realisierte sich der Extra-Profit, der durch die Einsparung der Lohnkosten erzielt wurde. Nun gibt es jedoch Überlebende, die noch Entschädigung fordern können, und so sie dies tun, wird deutlich, daß es - selbst wenn es aus der Sicht einzelner Unternehmen lächerlich geringe Summen sind - nicht nur um den guten Willen geht, sondern darum, einen - ebenfalls lächerlich geringen - Teil dieses Extra-Profits, und sei es nur symbolisch, wieder abzugeben. Was wir auch von den Schweizer Banken kennen - eine zwanghafte Bindung an Werte, die man sich nach Maßstab des eigenen bürgerlichen Rechts zwar widerrechtlich angeeignet, deren Besitz man jedoch nach denselben Maßstäben legalisiert hat - wird hier als Moment der kapitalistischen Rationalität deutlich. Aus der Sicht von Siemens, Bayer, VW und Bosch fordern nicht ehemalige Arbeitskräfte Lohnzahlungen, sondern zur Vernichtung Selektierte und ihr zufällig Entronnene wollen sie für ihr der kapitalistischen Verwertungslogik entsprechendes ökonomisches Kalkül - die Kosten der Arbeit gegen Null zu drücken - zur Verantwortung ziehen. In der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter/innen läge nicht nur das Schuldeingeständnis, Menschen wie Vieh verwertet zu haben. Tatsächlich geht es hier um das Eingeständnis der ökonomischen Rationalität der "Vernichtung durch Arbeit", um die Identität von Rationalität und Vernichtungswillen. Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten zwischen neun und zehn Millionen Menschen zwangsweise in Deutschland, etwa 13 Millionen in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Der größte "Arbeitgeber" für Zwangsarbeit war der nationalsozialistische deutsche Staat, der die Arbeitssklaven im Straßen- und Gleisbau, in der Rüstungsindustrie und zu Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen einsetzte. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren in Stadt und Land eingesetzt. Deutsche aller sozialen Schichten profitierten von ihrer unmenschlichen Ausbeutung. An den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern konnten die Deutschen während des Krieges ihr Herrenmenschentum austoben. In manchen Dörfern gab es sogenannte Poleneichen: Bäume, an denen die Zwangsarbeiter/ innen gefoltert und ermordet wurden. Das jahrzehntelange kollektive Schweigen über diese alltägliche rassistische Gewalt während des Krieges, die in der ökonomischen Rationalität der Ausbeutung eine kongeniale Ergänzung fand, ermöglichte die Kontinuität des Rassismus. Insofern ist es gar kein Wunder, daß erst in den neunziger Jahren eine größere Solidarität mit den Überlebenden entstanden ist, nämlich auch als eine Folge der Auseinandersetzung mit dem eskalierenden Rassismus und Antisemitismus. Die Verdrängung der rassistischen Gewalt, die den Zwangsarbeiter/innen in Nazideutschland und in den besetzten Gebieten angetan worden ist, hatte auch die Verdrängung ihres Widerstandskampfes zur Folge. Viele von ihnen setzten sich individuell zur Wehr, in vielen Städten entstanden Widerstandsgruppen, die in den Betrieben die Sabotage organisierten. Es gab zum Teil auch bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Gestapo. Aber hier hat die Verdrängung auch einen anderen Grund: Der Widerstand richtete sich erstmal ganz pauschal gegen die Deutschen. Die Zahl der Deutschen, die Zwangsarbeiter/ innen mit Nahrungsmitteln, Kleidung unterstützten oder mit ihnen gemeinsam Sabotage verübten, war äußerst gering; zumeist waren sie selbst Widerstandskämpfer/innen. So internationalistisch sich der Widerstand innerhalb Deutschlands definierte, so wenig wurde der Nachkriegsantifaschismus diesem Internationalismus gerecht. Daß Widerstand gegen den Nationalsozialismus in erster Linie Widerstand von "Ausländern" war, mußte nach dem Krieg zugunsten der Konstruktion eines "anderen Deutschland" negiert werden. So wurden die Zwangsarbeiter/innen auch in der DDR zu "vergessenen Opfern". Das Eingeständnis, daß es so etwas wie deutschen Widerstand gegen den Nazismus während des Krieges praktisch nicht gab, wäre auch das Eingeständnis gewesen, daß die überwältigende Mehrheit der Deutschen den Nationalsozialismus nicht nur unterstützten, sondern sich mit ihm identifizierten. In der Sendung "Talk im Turm" am 1. November verdeutlichte Bundeskanzler Gerhard Schröder noch einmal seine Haltung in der Frage der Entschädigung. Die deutschen Unternehmen hätten "Anspruch auf Schutz" durch den deutschen Staat, es werde keine neue "Wiedergutmachungsdebatte" geben; bei den Sammelklagen gehe es nur um Geld usw. Die kaum verhohlene antisemitische Konnotation, die Aggression gegen die überlebenden Opfer - und die Ankündigung, es werde noch lange dauern, bis man zu einer Lösung komme, machen deutlich, daß sich nichts geändert hat; daß die Unternehmen und der deutsche Staat alles tun, um nicht zu zahlen. Schröders Aussage ist eine Drohung: Entweder die Überlebenden nehmen die Angebote an oder sie können klagen, bis sie schwarz werden. Daß das nicht mehr lange dauert, ist die Hoffnung der Bundesregierung, der Unternehmen und der überwältigenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Nicht nur in den falschen Fährten der deutschen Geschichtsschreibung, die die Zwangsarbeit aus der Reihe der deutschen Verbrechen exterritorialisieren und ökonomisch funktional als "Kriegswirtschaft" interpretieren möchte, sondern auch im nationalen Schweigen über diesen Aspekt unmittelbarer individueller Tatbeteiligung liegt eine Ursache des Vakuums, in das die Forderung nach Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter stößt. In diesem Vakuum wird das Schweigen über Auschwitz beendet: Indem über alles geredet wird, wird über nichts mehr geredet. Insofern ist dann auch die Verweigerung der Entschädigung "wertrational": sie garantiert die Folgenlosigkeit jener aktuellen Debatte um einen Interessenkonflikt, in dessen Verlauf sich die Bundesregierung und ihr Staatsvolk als positive Instanzen präsentieren werden, die dieses Überbleibsel einer längst vergangenen Vergangenheit auf redliche Weise abzuarbeiten bereit sind. Es sollen alle noch offenen Fragen einer Lösung zugeführt, unterschiedliche Interessen versöhnt werden. In der derzeitigen Debatte ist ein Wiederschein jener ekligen Geste zu erkennen, die schon in den fünfziger und sechziger Jahren von deutscher Seite in Richtung der Juden gemacht wurde: Großzügig bot das Land der Mörder den Entronnenen "Versöhnung" an, als gäbe es gleichwertige Rechts-, moralischen oder sonstige Standpunkte, die einen Ausgleich ermöglichen würden. Daß dies nicht den überlebenden NS-Opfern, sondern vor allem noch lebenden NS-Tätern nutzen soll, denen ein ruhiger Lebensrest beschert werden soll, ist dabei schon keine Frage mehr. |
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