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  25. November 1998 Jungle World
 

Keine Stunde Null

Ambros, Otto

Zwangsarbeit ist keine Lohnarbeit

"Wieso macht das niemand weg?"

Die Opfer waren ihnen gleichgültig 

Interview mit dem ehemaligen IG Farben-Zwangsarbeiter David Salz 

David Salz, in Berlin geboren, lebt in Givatajem, Israel, und gehörte dem Vorbereitungskomitee ehemaliger Zwangsarbeiter von IG Farben in Auschwitz an, das zusammen mit dem Fritz-Bauer-Institut das Treffen der Überlebenden der IG Auschwitz in Frankfurt/Main organisiert hat. 

Sie waren vor einigen Wochen in Frankfurt/Main und haben an dem Treffen der ehemaligen IG Farben-Zwangsarbeiter teilgenommen. Das Treffen fand statt im ehemaligen IG Farben-Hochhaus. Zuvor hatte es Kritik am Tagungsort gegeben - einige der ehemaligen Buna-Häftlinge wollten sich nicht in der Zentrale der Täter treffen. 

Ich hätte es mir nie einfallen lassen, dieses Gebäude zu betreten. Ich habe es mir nicht zugetraut, diese Stätte einmal zu besuchen, und dies sogar freiwillig zu tun. Dort wurde alles geplant, alles in die Wege geleitet. Dort wurde das Gas bestellt. Ein Komplex, von dem ich nicht geglaubt habe, ihn betreten zu können - seelisch. Praktisch war es ja die ganze Zeit ein Ding der Unmöglichkeit, so lange wie die IG Farben darin gesessen hat. Ich habe innerlich gezittert. Nicht nur meine Mutter wurde vergast, auch drei Geschwister von mir. 

Sie waren im Vorbereitungskomitee für das Treffen. War von vornherein klar, daß Sie sich im ehemaligen IG Farben-Hochhaus treffen oder wurde eine Alternative überlegt? 

Die Frage war, warum im IG Farben-Haus, warum nicht in Polen, in Auschwitz. Aber da Buna-Monowitz nicht mehr existiert - es gibt dort nur eine Gedenktafel -, fanden wir es zwecklos, sich dort auf einem Feld zu treffen. Und Auschwitz ist nicht der Ort, den wir bezweckt haben aufzusuchen. 

Sie waren 13 Jahre alt, als Sie nach Auschwitz kamen. Zuvor hatten Sie sich in Berlin der Gestapo gestellt. Wie kam es dazu? 

Meine Mutter war für den Kriegseinsatz bei Siemens zwangsverpflichtet gewesen. Sie wurde während der Fabrikaktion im Februar 1943, als die Berliner Juden deportiert wurden, direkt von der Arbeit abgeholt und in ein Sammellager gebracht. Ich wußte nichts davon, ich habe nur gemerkt, daß sie nicht nach Hause gekommen ist. Das war noch nie der Fall gewesen. Ich konnte die Uhr danach stellen, wann meine Mutter nach Hause kommt. Ich hatte eine Telefonnummer bei Siemens, wo ich anrief, und die sagten mir, meine Mutter sei ganz normal von der Arbeit weggegangen. Ich war natürlich sehr aufgeregt, habe es bei den Krankenhäusern und bei der Polizei versucht. 

Dann fiel mir eine Freundin meiner Mutter ein, die auch bei Siemens arbeiten mußte, und bin dort hin gelaufen. Aber auch sie war nicht nach Hause gekommen. Ich habe überall herumgefragt, was passiert war. Die Gestapo kam einige Male zu uns, aber ich habe die Tür nicht geöffnet, obwohl die Nachbarn den Beamten gesagt haben, daß sie mich gesehen hatten und daß ich da sein müßte. Solange meine Mutter nicht da war, wollte ich die Tür nicht aufmachen. Ich hatte immer noch Hoffnung, daß sie zurückkommt. 

Nach ein paar Tagen kam eine Bekannte und erzählte, daß meine Mutter in der Sammelstelle ist. Sie weine viel und mache sich Sorgen, was ich mache. Ich habe sie gefragt, was ich tun soll, und sie antwortete: "Stell dich der Gestapo." 

Und das haben Sie getan? 

Stellen Sie sich vor, ich war damals 13 Jahre alt. Ich habe einen Rucksack gepackt und mir Sachen von meiner Mutter angezogen, weil ich dachte, wenn man mir alles abnimmt, kann ich ihr wenigstens das geben, was ich am Leib trage. Ich bin dann zur Gestapo gegangen, die haben mich schrecklich geschlagen, ich habe furchtbar geblutet. Selbst wenn ich ihnen etwas hätte sagen wollen, ich hätte es gar nicht gekonnt. Ich war mehr ohnmächtig als bei Bewußtsein. 

Ich wurde zunächst nicht ins Sammellager überstellt, weil man noch abwarten wollte, bis ich mich etwas stabilisiert hatte. Als ich dorthin kam, war der Transport, in dem meine Mutter war, schon weg. Ich blieb im Sammellager, bis die nächsten eintausend Menschen nach Auschwitz transportiert wurden. 

Indirekt hat mir das das Leben gerettet, denn ich glaube kaum, daß ich von der Hand meiner Mutter gewichen wäre, wenn wir zusammen in Auschwitz angekommen und zur Selektion geführt worden wären. Andererseits dachte ich, meine Mutter sei in jedem Fall bei den Arbeitenden, und so wollte ich da auch unbedingt hin. 

Sie waren nach den Selektionskriterien der SS jedoch zu jung für die Zwangsarbeit. 

Als ich an die Reihe kam, hatte ich schon gehört, was für Berufe sie suchen, und habe mich auf die Fußspitzen meines Hintermanns gestellt. Als sie mich fragten, wie alt ich bin, antwortete ich: 16, auf die Frage nach dem Beruf: Elektriker. So kam ich in die Gruppe der Arbeitenden und nach Buna Monowitz. Damals war mir gar nicht so bewußt, daß ich mich älter gemacht hatte, ich wollte nur meine Mutter wiedersehen. 

Wie lange waren Sie dann in Buna Monowitz? 

Vom 13. März 1943 bis zum 18. Januar 1945. Ich war in verschiedenen Kommandos. Am Anfang war da ja noch nichts. Das Werk war noch im Bau. Es mußten Schienen getragen, Zement abgeladen werden und all das. Nachher kam ich dann in andere Kommandos, in denen die Arbeit nicht ganz so schwer war. Das ging natürlich mit Hilfe von anderen, die schon lange da waren. Ohne ihre Hilfe hätte ich nicht überlebt. 

Am 18. Januar ging es dann auf den Todesmarsch. Wir mußten zu Fuß bis Gleiwitz gehen, wo wir auf offene Waggons geladen wurden. Zu dieser Jahreszeit, das möchte ich betonen. Wir kamen zuerst nach Buchenwald, dort wurden wir aber wegen der Überbelegung nicht aufgenommen, und dann nach Nordhausen, einem Außenlager von Buchenwald. Das haben wir aber erst später erfahren. 

Nach einem Bombardement in Nordhausen bin ich geflohen. Auf einmal waren die SS-Wachen weg, keine Postenkette, der Zaun hatte einen Kurzschluß. Ich bin dann durch die Wälder gelaufen, an vieles kann ich mich nicht erinnern, weil ich schon sehr schwach war. 

Bekamen Sie Hilfe? 

Einmal kam ich zu einem Haus und habe um Essen gebeten. Sie haben mir zu Essen gegeben und mich gefragt, wer ich bin. Ich dachte, ich kann es mir schon erlauben zu sagen, daß ich jüdischer Abstammung bin. "So so, ein Judenjunge, so sieht also ein Judenjunge aus." Und die sind raus aus dem Zimmer und zur Polizei. Als sie weg waren, wurde mein Instinkt wach und ich wollte weg. Die Tür war versperrt, also bin ich durchs Fenster. Ich war noch nicht ganz im Wald, als ich sie rufen hörte: "Wo ist der Judenjunge?" 

Zum Schluß wurde ich von den Amerikanern gefunden. Die Kräfte hatten mich verlassen. Ich lag auf einem Friedhof, über den die Amerikaner in Güsten einmarschierten. Später erfuhr ich, daß zwischen Nordhausen und Güsten etwa 200 Kilometer liegen. Wie ich das vollbracht habe, ist mir bis heute ein Rätsel. 

Haben Sie in den fünfziger Jahren die Entschädigung von IG Farben bekommen? 

Ja, ohne großen bürokratischen Aufwand. Das lag wahrscheinlich daran, daß Norbert Wollheim, der vor einigen Wochen verstorben ist, mit dem gleichen Transport nach Auschwitz kam. Wollheim hatte gegen IG Farben geklagt und war der Präzendenzfall für die Entschädigungszahlungen, die IG Farben leisten mußte. Ich war in Verbindung mit Wollheim, mit Max Wilner und Heinz Galinski, deswegen habe ich die Zahlungen schnell erhalten. 

Auf dem Treffen in Frankfurt war die Frage der Entschädigung ja nicht im Programm vorgesehen, aber sie war doch Thema. Welche Überlegungen spielten dabei eine Rolle? 

IG Farben hat sich an uns bereichert. Sie haben nichts getan, um unsere Angehörigen zu schützen, aber alles, um im "Dritten Reich" zu wirtschaften und zu verdienen. Die Opfer waren ihnen gleichgültig, sie wurden geflissentlich übersehen. Was wir bekommen haben, steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir leisten mußten und geleistet haben. 

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