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25. November 1998 | Jungle World |
Ambros, Otto
Die Opfer waren ihnen gleichgültig
Zwangsarbeit ist keine Lohnarbeit
"Wieso macht das niemand weg?" |
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Keine Stunde NullNichts gewußt und viel begriffen - die IG Farben seit 1945.Von Katja Leyrer "Frankfurt/M., April 1945: Als wir nach Frankfurt kamen, war unser Ziel der Hauptsitz der IG Farben (...) Im Keller gab es noch einen verschreckten Deutschen; es stellte sich heraus, daß es der Wachmann der Firma war. Er hatte die Befehle des Herrn Direktors befolgt, durch dick und dünn auszuhalten. Wir sagten ihm, er solle sich sofort aufmachen und einige Direktoren der IGF herbeischaffen. In aller Ruhe nahm er das Telefon, das damals noch funktionierte, und rief ein halbes Dutzend der Herren Direktoren an; diese sagten, sie würden ja kommen, aber da seien immer noch so viele Kämpfe und mit dem Verkehr sei es so schwierig; ob wir nicht einen Wagen schicken könnten?" Robert Thompson, der diese Zeilen schrieb, war US-amerikanischer Soldat. Frankfurt, so Thompson, war im April 1945 "eine Totenstadt", zu 80 bis 90 Prozent zerstört. Der US-Soldat Thompson, für die einen Befreier, für die anderen Besatzer, traute jedoch seinen Augen kaum, als er Zeuge der Geschehnisse im IG Farben-Haus wurde und im Zusammenhang damit auch erlebte, daß es selbst im April 1945, während der deutschen Kapitulation, noch ganz unterschiedliche Welten und Wahrnehmungen gab. Thompson berichtet von Flüchtlingen, die in die Stadt kamen. Die Militärregierung hatte den Befehl gegeben, daß sie sich beim IG Farben-Haus sammeln sollten. Ein paar Tausend Menschen kampierten dort, während im Gebäude die IG-Direktoren verhört wurden. "Wir erklärten ihnen unsere Aufgabe, und sie sagten natürlich sofort, keiner sei anwesend, der über diese bestimmte Tätigkeit etwas wisse, und der einzige, der darüber Bescheid wisse, sei zu ihrem Bedauern vor sechs Wochen gestorben. Wie bedauerlich das doch sei! Ein weiterer Experte wohne weit draußen vor der Stadt, ein dritter befinde sich in Mitteldeutschland usw. Unser Chef, der die Deutschen durchweg mit Würde und Geschick behandelte, sagte, das sei aber schade, denn dann müßten wir die Safes in sämtlichen Büros der Herren Direktoren sprengen. Auf einmal begann wenigstens einer der 'Chentlemen' - wie sie sich ständig selbst nannten - sich an ein paar Einzelheiten zu erinnern und sagte, er werde zweifellos irgendwelche Unterlagen finden, wenn er an seinen Safe dürfe." Robert Thompson beschreibt, wie es weiterging: Er begleitete US-Befehlshaber in verschiedene Unternehmen bzw. zu deren Managern. "Soweit ich feststellen konnte, war die Einstellung des durchschnittlichen Managers von Selbstmitleid, kriecherischer Rechtfertigung und einem gekränkten Unschuldsgefühl geprägt, das mit einem Jammern um Mitleid und um Hilfe beim Aufbau seines zerstörten Landes verbunden war. Dafür, was ihr Land in seine bejammernswerte Lage gebracht hatte und wer dafür verantwortlich war, interessierten sie sich kaum, genauer gesagt gar nicht." (Europa in Trümmern. Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944-1948. Frankfurt/M. 1990) Gut zwei Jahre später begann der Kriegsverbrecherprozeß gegen die Herren. Er dauerte vom 27. August 1947 bis zum 29. Juli 1948. Angeklagt waren insgesamt 23 Manager. Die US-amerikanischen Ankläger warfen ihnen vor: Vorbereitung und Führung eines Angriffskrieges, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Versklavung und Ermordung von Zivilbevölkerung, Kriegsgefangenen und Häftlingen. Der IG-Farben-Konzern war eine der Hauptstützen für die deutsche Kriegsführung gewesen, nicht nur als größter Rüstungsbetrieb, sondern auch als Okkupant in den besetzten Ländern. In Monowitz bei Auschwitz hatte die Firma zudem ein eigenes Konzentrationslager (Auschwitz III) eingerichtet und Zehntausende von Zwangsarbeitern beim Bau eines Buna-Werkes "beschäftigt" (mindestens 25 000 kamen um). Zudem lieferte eine Tochterfirma des Konzerns das Zyklon B für die Gaskammern, andere (vor allem Bayer) taten sich durch pharmazeutische Menschenversuche hervor. Der Kriegsverbrecherprozeß ging für die Angeklagten glimpflich aus - immerhin fand er schon im Vorfeld des Kalten Krieges statt, und man wollte die westdeutsche Industrie nicht mehr ernsthaft schädigen. Neun IG-Manager wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, fünf der Mitverantwortung für die Versklavung und Ermordung von Zivilbevölkerung für schuldig befunden - hier ging es um die Verantwortung für den IG-Werksbau in Buna-Monowitz mit angeschlossenem KZ. Die Höchststrafen beliefen sich auf acht Jahre Haft. Anfang 1952 aber waren alle Verurteilten bereits vorzeitig wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Der Alliierte Kontrollrat hatte bereits im November 1945 mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 9 die vollständige Enteignung des Konzerns beschlossen. In SBZ bzw. der späteren DDR wurde dies auch vollzogen - in den Westzonen bzw. der späteren DDR in "Entflechtungsverhandlungen" umgemünzt, die im Grunde aus nicht mehr als einer Rationalisierungs- und Neuordnungsmaßnahme bestand. Die Chemiemultis Bayer, BASF und Hoechst - wenige Jahre später machte jeder für sich mehr Umsatz als die Mutterfirma - wurden wieder als eigenständige Unternehmen gegründet und die Liquidationsgesellschaft IG Farben i. L. (oder in Abwicklung) aktienrechtlich und juristisch als Nachfolgerin der Firma eingesetzt. Sie sollte - ähnlich wie bei einem Konkurs - noch unklare Vermögensdinge zu klären und noch vorhandene Gläubigerforderungen zu befrieden. Dazu zählten neben den Firmenangelegenheiten in den ehemals von Deutschen okkupierten Gebieten und Pensionszahlungen an IG-Angestellte vor allem zu erwartende Entschädigungsforderungen - die "Liquis" waren also dafür da, den anderen Entflechtungstöchtern die Dreckarbeit zu erledigen. Für die (west)deutsche Chemieindustrie ein hervorragendes Schnäppchen: "Es war das historische Glück des deutschen Volkes, daß sich die so heterogen zusammengesetzten, im Grunde nur durch das Ziel der Vernichtung der mitteleuropäischen Diktatoren geeinten Sieger zu entzweien begonnen hatten." Das sind die Anfangsworte des 1955 von den ersten Liquidatoren der neugegründeten IG Farben in Abwicklung (i.A.) vorgelegten Berichtes über die "Entflechtung und Liquidation" der IG Farben-Industrie. Immerhin konnten BASF, Bayer, Hoechst und Casella mit Eröffnungsbilanzen von zusammen 1,5 Milliarden Mark aufwarten; Geld, das die Liquidatoren der fünfziger Jahre - alle ehemalige NS-Funktionäre - aus dem IG Farben-Vermögen zugunsten der neuen Firmen umschichteten. Von 1948 bis 1957 bezahlte IG Farben i.A. jährlich 30 Millionen Mark für Pensionen von ehemaligen leitenden Angestellten, Jahr für Jahr jene Summe, die später einmalig zur Entschädigung der ehemaligen IG-Zwangsarbeiter aufgebracht wurde. Bereits 1953 hatte Norbert Wollheim, ein ehemaliger Buna-Häftling, gegen IG Farben geklagt. In der Folge fand sich die Restfirma nach langwierigen Verhandlungen bereit, 27 Millionen Mark zur Abgeltung aller Ansprüche jüdischer Zwangsarbeiter und Häftlinge des Lagers Monowitz freizustellen. Es handelte sich dabei um die erste Zahlung von "Entschädigung", die allerdings ausdrücklich als freiwillig bezeichnet wurde und nicht mit einer Schuldanerkennung verbunden war. Über die Conference on Jewish Material Claims against Germany, einem Zweckverband vieler Organisationen aus unterschiedlichen Ländern, wurden Anspruchsstellern aus den westlichen Ländern bis in die sechziger Jahre 2 500 bzw. 5 000 Mark gezahlt. Dennoch löste sich IG Farben i.L. nicht auf. Im Gegenteil - hart an der Grenze zur Legalität stieg die Abwicklungsfirma ins bundesdeutsche Aktiengeschäft ein, machte Millionengewinne und wartete. Ausdrücklich hatte man nämlich die enteigneten IG-Werte auf dem Boden der DDR mit einem Erinnerungswert von einer Mark geführt. Es handelte sich um den IG-Farben-Besitz - Stichtag 31. Dezember 1944 - in Ostberlin, Schkopau, Bitterfeld, Wolfen, Premnitz und Staßfurt, darunter auch zahlreiche "arisierte" Grundstücke. Anfang der neunziger Jahre sorgte die Liqui-Firma für internationales Aufsehen. Mit diversen Klagen bis hin zum Verfassungsgericht, die mittlerweile alle abschlägig beschieden wurden, versuchten die Aktionäre, die Enteignungen der Nachkriegszeit rückgängig zu machen, während das Firmenvermögen weitgehend verschoben und ausgeschüttet wurde. In diesem Zusammenhang kam es in den vergangenen Jahren regelmäßig zu tumultartigen Szenen bei den jährlichen Aktionärsversammlungen: ehemalige Häftlinge und Buna-Zwangsarbeiter und ein Bündnis kritischer Aktionäre forderten die sofortige Auflösung der NS-Nachfolgefirma und die Übereignung des Restvermögens für weitere Entschädigungszahlungen. |
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