620-Mark-Jobs
Alles bleibt anders
Von Christoph Villinger
Direkt aus Moskau eingeflogen, sprach Bundeskanzler
Schröder sein Machtwort: Die Grenze für die Sozialversicherung
bleibt jetzt doch bei 620 Mark. Eine Senkung auf 300 oder gar 200 Mark
gibt es nicht. Dafür wird die bisher geltende pauschale Lohnsteuer
abgeschafft.
Schröder wischte damit den Gesetzesvorschlag
vom Tisch, mit dem vor allem die Gewerkschaftsbürokratie die rund
5,6 Millionen Billig-Jobs umgestalten wollte. Ursprünglich sollten
die Gering-VerdienerInnen auch noch etwa 20 Prozent Beiträge für
die Sozialversicherung bezahlen. Dies hätte bei einem Verdienst von
620 Mark einen weiteren Reallohnverlust von über 100 Mark bedeutet.
Statt dessen müssen die Unternehmer
nun zwölf Prozent an die Renten- und zehn Prozent an die Krankenkasse
abführen. Allerdings entstehen dadurch für die geringfügig
Beschäftigten keine Ansprüche, es sei denn, sie zahlen freiwillig
zusätzlich 7,5 Prozent ihres Lohnes an die Rentenkasse. Was wohl kaum
jemand machen wird. Dazu noch ein paar Regelungen, um den allzu exzessiven
"Mißbrauch" der 620-Mark-Jobs zu verhindern.
Die neue Regelung reißt zwar ein
Milliardenloch in den Finanzhaushalt - was auch zeigt, wie überstürzt
die ganze Aktion beschlossen wurde. Aber am Ende waren fast alle zufrieden.
Die "unten" können ihre Nischen im real existierenden Kapitalismus
erstmal behalten, und die Unternehmerverbände zeigten sich auch ganz
glücklich. Denn außer einer Umwidmung der Gelder ist nicht viel
passiert. Nur die Gewerkschaften sprachen von "einem ersten Schritt" und
meldeten schon wieder "Nachbesserungsbedarf" an.
Da werden sie nicht lange zu warten brauchen.
Vor dem Bundesverfassungsgericht wird dieses neue Gesetz sicherlich keinen
Bestand haben. Denn den von den Unternehmern bezahlten Beiträgen zur
Sozialversicherung stehen keinerlei Ansprüche und Leistungen gegenüber.
Und mit Sicherheit wird auch die fehlende Steuergerechtigkeit durch den
Wegfall der pauschalen Lohnsteuer moniert werden.
Doch was hatte Schröder zu diesem
Schritt veranlaßt? Einerseits hat er, durch die tägliche Lektüre
von Bild, doch etwas Gespür dafür, was bei den "kleinen Leuten"
ankommt. Und andererseits ist er soweit auf der Höhe der Zeit, um
nicht mehr an eine Rückkehr zum fordistischen Normalarbeitsverhältnis
zu glauben.
Und nun? Offenbar haben auch die ModernisiererInnen
in der SPD und bei den Grünen bis jetzt noch kein endgültiges
Konzept zur Zukunft der Sozialsysteme in der Tasche.
Doch spätestens im kommenden Jahr
wollen sie mit dem Umbau der gesamten Sozialversicherung beginnen. Oskar
Lafontaine hat schon angekündigt, wohin die Reise geht: Abschaffung
der beitragsfinanzierten Arbeitslosenversicherung und ihre Ersetzung durch
eine steuerfinanzierte bedarfsabhängige Arbeitslosenunterstützung.
Ohne Opposition wird die Chance verpaßt
werden, das einzufordern, was wirklich notwendig wäre: eine Sozialversicherung
für alle, unabhängig davon, wie niedrig die Einkommen auch sind
und um welche Form der Beschäftigung es sich handelt.
Dann wird der Konflikt um den Sozialumbau
so einfach entschieden wie jetzt die Auseinandersetzungen um die 620-Mark-Jobs.
Nur daß dann das Machtwort eben von Oskar Lafontaine gesprochen wird. |