Heiße Kartoffel am Mittelmeer
Deutsche Politiker geben sich weiterhin
alle Mühe, um den PKK-Gevatter Abdullah Öcalan aus dem Land fernzuhalten
Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder
am Freitag mit seinem italienischen Amtskollegen Massimo D'Alema in Bonn
zusammentrifft, wird er einiges zu erklären haben. Seit über
acht Jahren behaupten die deutschen Behörden, Adullah Öcalan
für diverse Straftaten zur Verantwortung ziehen zu wollen.
In dem 1990 ausgestellten internationalen
Haftbefehl wirft die Bundesanwaltschaft dem PKK-Führer die Rädelsführerschaft
in einer terroristischem Vereinigung und Mord vor. Am Donnerstag vergangener
Woche hat der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof auf Antrag des Generalbundesanwaltes
diesen Haftbefehl noch erweitert. Neben der Ermordung eines vermeintlichen
Verräters 1984 in Rüsselsheim wird "Apo" (Gevatter) nun auch
verantwortlich gemacht für eine Brandanschlagsserie gegen türkische
Einrichtungen im November 1993 sowie eine ganze Reihe von Liquidierungen
ehemaliger Weggefährten in den achtziger Jahren.
Nachdem Öcalan in Rom festgesetzt
wurde, hat die bundesdeutsche Justiz nun erstmals die Möglichkeit,
dem lange Gesuchten den Prozeß zu machen - wenn die Bundesregierung
seine Auslieferung beantragt. Das wäre ganz im Interesse des italienischen
Ministerpräsidenten. "Es ist vernünftig, ein Auslieferungsgesuch
aus Deutschland zu erwarten", erklärte D'Alema am Wochenende. Lamberto
Dini wurde konkreter: Er erwarte jetzt einen deutschen Auslieferungsantrag.
Der neue, erweiterte Haftbefehl der Bundesanwaltschaft sei dafür "ein
gutes Zeichen", ließ der italienische Außenminister wissen.
Doch die Bundesregierung will Öcalan
nicht. Seit seiner Verhaftung übt sich Bonn im Krisenmanagement, um
seine Überantwortung nach Deutschland zu verhindern. Zur Abwendung
des Unheils verhandelten Innenminister Otto Schily und Außenminister
Joseph Fischer in der letzten Woche in Rom hinter verschlossenen Türen
mit der italienischen Regierung. Schließlich hatte Schily gerade
erst im Berliner Tagesspiegel erklärt: "Die Grenze der Belastbarkeit
Deutschlands durch Zuwanderung ist überschritten." Und dann soll man
sich ausgerechnet diesen Ausländer ans Bein binden?
Am Freitag verkündete Regierungssprecher
Uwe-Karsten Heye das vorläufige Ergebnis der rot-grünen Anti-Apo-Beratungen:
"Die Bundesregierung hat ihr Auslieferungsersuchen vorerst zurückgestellt."
Im Fall Öcalan stehe man vor einer "vielschichtigen politischen Problematik".
Es liege näher, ihn in die Türkei zu bringen, als einen Strafprozeß
in der Bundesrepublik zu führen, so Heye. Nach Auffassung der Bundesregierung
hätten die "türkischen Aspekte" der dem PKK-Chef zur Last gelegten
Verbrechen besonderes Gewicht, erklärte der Regierungssprecher. An
dieser Position hat auch die Ausweitung des Haftbefehls "nichts geändert",
stellte der Sprecher des Justizministeriums, Bernhard Böhm, fest.
Aber an die Türkei wird Öcalan
nicht ausgeliefert werden, das weiß auch die Bundesregierung. Denn
die italienischen Gesetze verbieten die Auslieferung in ein Land, in dem
einem Angeklagten die Todesstrafe droht. In Rom kommentierte der türkische
Diplomat Mumtaz Soysal empört: "Aus politischen Erwägungen hat
Deutschland seine Pflichten als Rechtsstaat hintangestellt."
Die Türkei hat ein Problem: Wenn die
deutsche Regierung nicht in den nächsten Wochen einen Auslieferungsantrag
stellt, wird der "Staatsfeind Nummer eins" bald als freier Mann durch Italien
reisen können. Außer aus Bonn und aus Ankara liegen keine Haftbefehle
gegen ihn vor - und der türkische hat für die italienischen Justiz
wegen der drohenden Todesstrafe keine Bedeutung.
Die linksliberale La Repubblica bezeichnete
die Haltung der deutschen Regierung als "Heuchelei". Es sei ein Widerspruch,
erst einen internationalen Haftbefehl auszustellen, dann aber keine Auslieferung
zu wollen, stellte die römische Tageszeitung fest: "Bonn will die
heiße Kartoffel offensichtlich in der Hand Italiens belassen."
Die bundesdeutschen Zeitungen zeigten sich
da verständnisvoller. Für die Frankfurter Rundschau ist der Fall
Öcalan ein einfaches Rechenexempel: "In Deutschland wohnen hundertmal
so viele Kurden wie in Italien, ähnlich kraß unterschiedlich
ist das Verhältnis der türkischen Wohnbevölkerung in den
beiden Ländern." Was das bedeutet? "Öcalan nördlich der
Alpen vor Gericht - das würde zum großen Risiko für die
innere Sicherheit."
Ähnliche Ängste plagen auch die
Neue Westfälische. Der deutsche Verzicht sei richtig, denn würde
dem PKK-Chef hier der Prozeß gemacht, drohe "die Bundesrepublik zum
Austragungsort des türkisch-kurdischen Konflikts" zu werden. Öcalan
sei "kein gewöhnlicher Verbrecher, sondern ein wandelnder politischer
Sprengsatz", urteilte die Berliner Zeitung. Wer die Bundesregierung des
Opportunismus zeihe, müsse sich fragen lassen, "ob ihm das Gerechtigkeitsprinzip
brennende Autos - und erheblich mehr - wert ist".
Bekanntlich geht dem Deutschen sein Auto
über alles. Erstaunlich nur, daß in keinem einzigen Kommentar
auf das kleine Problem eingegangen wird, auf welcher Grundlage die Justiz
Prozesse gegen PKK-Aktivisten oder -Sympathisanten führen will, wenn
auf die Verfolgung des Oberbösewichts verzichtet wird. Erst am Mittwoch
vergangener Woche hat sie einen Funktionär der Organisation zu 39
Monaten Haft verurteilt, weil er sich der Mitgliedschaft in einer terroristischen
Vereinigung, versuchter schwerer Brandstiftung sowie Sachbeschädigung
schuldig gemacht haben soll.
Offensichtlich ist es ein Fehler der kurdischen
Freundinnen und Freunde Öcalans, denen seit Jahren ohne große
Bedenken in der Bundesrepublik der Prozeß gemacht wird, nicht ähnlich
bedrohlich zu wirken wie ihr Anführer. Dann wäre das PKK-Verbot
wohl längst aufgehoben.
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