Aufbruch zum Euro-Keynes
Ein Plädoyer für eine gesamtwirtschaftliche
Nachfragepolitik.
Von Rudolf Hickel
Der Wechsel der Bundesregierung ist vollzogen.
Daß damit auch ein demokratisch gewählter Wechsel der Wirtschafts-
und Finanzpolitik gewollt wird, liegt auf der Hand. Schließlich ist
vor allem die in den letzten Jahren bestimmende neoklassische Angebotslehre
gescheitert und daher abgewählt worden: Unbestreitbare Steuerentlastungen
zugunsten der Unternehmen seit 1982, Lohnzuwächse unterhalb der Produktivität,
Abbau sozialstaatlicher Regulierungen zur Marktentfesselung - all diese
Vorleistungen wurden in der Gesamtheit nicht durch ausreichende Sachinvestitionen
für Arbeitsplätze belohnt.
Die Spaltung zwischen einer lahmenden Binnenwirtschaft
und einer wegen ihrer Wettbewerbsstärke bisher florierenden Exportwirtschaft
ist die Folge. Dabei droht infolge der Wirtschaftskrisen in den bisherigen
Tigerstaaten neuerdings dem Exportsektor große Gefahr. Dies schlägt
sich für 1999 im erwarteten Rückgang des wirtschaftlichen Wachstums
von drei auf unter zwei Prozent nieder.
Auf diesen konjunkturellen Rückgang
erneut mit den Instrumenten der Angebotspolitik reagieren zu wollen, hieße
den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Angesichts dieser Risikokonstellation
muß vielmehr die Finanz- und Geldpolitik die gesamtwirtschaftliche
Nachfrage stärken. Das dient auch der Unternehmenswirtschaft.
In der Tat, die Wiederentdeckung der Theorie
und Politik nach Lord John Maynard Keynes wird durch die realen Krisengefahren
erzwungen. Die massiven Attacken gegen den oft übel entstellten Keynesianismus
durch die überwältigende Mehrheit der Lehrstuhl-Ökonomen
produzieren ein intellektuelles Trauerspiel. Da ist von der Wiederbelebung
"verblichener Gespenster" und dem Rückfall in die siebziger Jahre
die Rede.
Ein moderner Keynesianismus ist jedoch,
ausgestattet mit einem weitsichtigen Nachfrage- und Angebotsauge, der einzelwirtschaftlichen
Gewinnpflege allemal überlegen. Man darf dabei nicht vergessen, daß
die Wurzeln dieser Angebotsökonomie in der irreal harmonistischen
Vulgärökonomie eines Jean Baptiste Say aus der Mitte des letzten
Jahrhunderts liegen.
Der übermächtigen Phalanx der
deutschen Ökonomen- und Wirtschaftsgutachter gegen den Keynesianismus
steht die Gelassenheit vieler Experten in den USA gegenüber. Dort
ist die Notwendigkeit einer weltweit keynesianischen Politik längst
wiederentdeckt worden. So hat unlängst der wahrlich unverdächtige
Paul Romer - Pionier der "neuen Wachstumstheorie" - die "keynesianische
Botschaft" erneuert: Die tiefe Wirtschaftskrise in vielen Regionen der
Welt führt dazu, daß wegen unzureichender Nachfrage die Produktionsmöglichkeiten
nicht ausgeschöpft bzw. entwickelt werden. Die Gefahr einer Weltwirtschaftskrise,
an deren Erklärung ja gerade die neoklassische Angebotslehre gescheitert
ist, ist nicht gebannt.
Nicht nur die deutsche Wirtschaftslage
muß keynesianisch gedeutet werden. Die nachfragebedingt unzureichende
Ausschöpfung der Wachstumsmöglichkeiten erklärt den unternehmerischen
Investitionsattentismus und die hartnäckig stabile Arbeitsplatzlücke.
Die deutsche Wirtschaft bewegt sich in
der Liquiditätsfalle. Die üppigen eigenen Finanzierungsmittel
der Unternehmen werden, wie die Analysen der deutschen Bundesbank belegen,
nur unzureichend in Sachinvestitionen und Arbeit umgemünzt.
Einzelwirtschaftlich ist dieses Verhalten
durchaus rational. Wer würde ernsthaft von Unternehmen verlangen,
bei unzureichenden Absatzaussichten zu investieren? Diese Falle zwischen
einzelwirtschaftlicher Rationalität gegenüber der dadurch zustandekommenden
Unterauslastung des gesamtwirtschaftlich möglichen Produktions- und
Beschäftigungsniveaus ist derzeit nur durch eine Stärkung der
Nachfrage zu überwinden. Sie dient der Verbesserung einzelwirtschaftlich
realisierter Rentabilität.
Die neue Bundesregierung pflegt durchaus
die Sehkraft auf beiden Augen der Gesamtwirtschaft, wie es der US-Ökonom
Paul Samuelson fordert: Die längerfristigen Angebotsbedingungen der
Wirtschaft werden aktiv durch Innovations-, Forschungs-, Bildungs- und
Qualifizierungspolitik sowie eine Stärkung der Infrastruktur verbessert.
Darüber hinaus geht es um die Mobilisierung der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage mit allen politischen Instrumenten. Für die einzelnen Politikfelder
bedeutet dieses Zurück zur gesamtwirtschaftIichen Vernunft:
- Auf die konjunkturelle Abschwächung
im nächsten Jahr muß die Finanzpolitik antizyklisch reagieren.
Die steigende Neuverschuldung durch konjunkturbedingte Mindereinnahmen
und Mehrausgaben muß hingenommen werden. Sie mit Ausgabenkürzungen
bekämpfen zu wollen, gliche einem Rennen zwischen Hase und Igel. Am
Ende wäre die öffentliche Kreditaufnahme wegen sich multiplizierenden
Einnahmeverluste höher.
- Auch die Geldpolitik muß sich endlich
ihrer doppelten Verantwortung für die Verhinderung von Inflationserwartungen
und Wirtschaftswachstum mit Beschäftigung bewußt werden. Die
Deutsche Bundesbank überschätzt seit Jahren die Inflationgefahren
und hat damit Wachstumsprozente verschenkt. Nicht Inflation, sondern eher
Deflation dominiert, d.h. mit steigender monetärer Nachfrage ließe
sich die reale Produktion inflationsfrei erhöhen. Spielraum zur Senkung
der durch die Bundesbank beeinflußten realen Geldmarktzinsen gibt
es durchaus. Die für die Sachinvestitionen relevanten Kapitalmarktzinsen
ließen sich noch weiter nach unten drücken. Was für Deutschland
gilt, trifft auch für Euroland zu. Das europäische System der
Zentralbanken kann mit einer expansiven Geldpolitik positiv wirken.
- Die Lohnpolitik muß schließlich
wieder ihren Part zur Stärkung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage
übernehmen. Die hinter der Produktivität herhinkenden Lohnzuwächse
haben in den letzten Jahren die lohnfundierte Basis konsumtiver Nachfrage
geschwächt. Daher sollte der Lohnanstieg wieder am Zuwachs der (realen)
Arbeitsproduktivität ausgerichtet werden. Dies sichert einen inflationsfreien
Anstieg der Kaufkraft der Löhne. Diese Lohnformel gilt gerade auch
im Euroland. Lohnsenkungswettbewerb wäre schädlich. Durch die
Produktivitätsorientierung konzentrieren sich die Unternehmen auf
ihre Innovationsfähigkeit.
Die durch die neue Bundesregierung wiederentdeckte
gesamtwirtschaftliche Vernunft zielt letztlich auf die Verbesserung der
unternehmerischen Absatzchancen. Eine europaweite Ausrichtung ist nötig
und möglich. Die nationalen Grenzen, die die keynesianische Politik
in den siebziger Jahren in der Tat belastet haben, fallen im Euroland weg.
Damit ist der Weg zu einem Euro-Keynesianismus geöffnet.
Der Autor ist Professor für Finanzwissenschaft
an der Universität Bremen |