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  18. November 1998 Jungle World
 

Eine Kriegserklärung 

Klaus von Dohnanyi schreibt in der FAZ über die "Friedensrede" Martin Walsers und toppt dessen Geschichtsrevisionismus 

Als im November vor fünf Jahren die Neue Wache als nationale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft eingeweiht wurde, war ein entscheidender Beitrag zum Geschichtsrevisionismus erbracht: Aus den Tätern wurden Opfer. 

Bereits damals war es dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) gleichgültig, ob sein Vater, der 1945 von Nazis ermordet worden war, nun als Opfer des Krieges oder als Opfer der Gewaltherrschaft zu bezeichnen ist. Das Anliegen des nationalen Gedenkens an alle, die irgendwie viel mitgemacht hatten, war in nationaler Verantwortung auch seines. Daß mit der Neuen Wache auch den Tätern gedacht wurde, z.B. dem Volksgerichtshof-Vorsitzenden Roland Freisler, der Opfer einer Bombe und damit des Krieges wurde, machte Dohnanyi nichts aus. 

Daß er nun Walser zur Seite springt, verwundert wenig. Unter der Überschrift "Eine Friedensrede" interpretiert Dohnanyi in der FAZ (14.11.1998) Martin Walsers Rede als die "Klage eines Deutschen - allerdings eines nichtjüdischen - über den allzu häufigen Versuch anderer, aus unserem Gewissen Vorteile zu schlagen. Es zu mißbrauchen, ja zu manipulieren." Es hätte heißen müssen: aus unserem schlechten Gewissen; und die Anklänge, daß da "andere" illegitime Forderungen stellen, bleiben nicht aus - überflüssigerweise erwähnt Dohnanyi den Wahlkampf des gerade abgewählten, nichtjüdischen US-Senators D'Amato, der wesentlich daran beteiligt war, die Schweizer Banken zu Zahlungen zu zwingen, als ein "grelles Beispiel" für eine Instrumentalisierung des Holocaust: Es haben doch so schon alle verstanden. 

Der Einschub, der deutlich machen soll, daß wohl jüdische Deutsche im Gegensatz zu den nichtjüdischen alles sagen dürfen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, hat die Funktion, Ignatz Bubis Überspanntheit, Überempfindlichkeit zu unterstellen. Auschwitz läßt sich "immer wieder gut verkaufen - oder wie Walser auch sagt - instrumentalisieren", und die Opfer sind immer die Deutschen, wenn auch nicht alle. 

Neben Bubis ist Dohnanyi selbst eine Ausnahme: "Wegen meines tapferen Vaters werde ich selbst oft als 'gute Ausnahme' der Deutschen behandelt; ganz unverdient. Die Abkunft von ermordeten Widerstandskämpfern gibt nämlich ebenso wie die Abkunft von jüdischen Opfern eine Chance für einen persönlich völlig unverdienten Freispruch von der schändlichen, gemeinsamen Geschichte im Dritten Reich." 

Diese positive Formulierung der Kollektivschuld-These - egal, was ihr macht, ihr entkommt uns nicht - erschien schon während der Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung als willkommene Ausrede, statt einer Verantwortung die "Schande" zum Bezugspunkt der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu machen. Statt der gesellschaftlichen wird die individuelle (Gewissens-) Frage gestellt: Was hättest du getan? 

Intention dieser mit Vorliebe von alten Nazis gestellten Fangfrage war natürlich, demjenigen, dem sie gestellt wurde, ein Bild des Gewissenskonflikts zu vermitteln. Wir haben damals gar nicht anders gekonnt, und wenn wir es versucht hätten, wären wir sofort ins KZ gekommen, lautete die Antwort, die sich die Fragenden meistens selbst gaben. 

Damit sollte eine Distanzierung von den Tätern unmöglich gemacht werden. Schließlich kann niemand die Frage beantworten, wie er oder sie gehandelt hätte. So wurde eine konkrete Auseinandersetzung um Verantwortung und Schuld im Ansatz erstickt. 

Dohnanyi geht jetzt, mit Walser im Hintergrund, noch einen Schritt weiter: "Allerdings müßten sich natürlich auch die jüdischen Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich so sehr viel tapferer als die meisten anderen Deutschen verhalten hätten, wenn nach 1933 'nur' die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären. Ein jeder sollte versuchen, diese Frage für sich selbst ehrlich zu beantworten." Und dann den Mund halten und nicht fortwährend die Deutschen beschimpfen. 

Hier baut der Autor auf das heimliche Einverständnis, daß doch alle anständigen Deutschen - jüdische wie nichtjüdische - etwas gegen Krüppel, Schwule und Zigeuner haben. "Wir selbst sind es gewesen", schreibt Dohnanyi. "Die Schande trifft noch heute jeden einzelnen von uns als Deutschen." 

Nicht als Mensch, der reflektieren und sich entscheiden könnte, ob er diesem Kollektiv angehören will; unvorstellbar ist Dohnanyi, daß ein Mensch, und sei er Deutscher, auf die Idee kommen könnte, er würde sich anders verhalten, er könnte sich entscheiden, wenn schon nicht Widerstand zu leisten, so doch das Land zu verlassen, das ihm keine Möglichkeit läßt, eine solche Entscheidung zu umgehen. 

"Immer wieder zu formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen (...) war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache", beschrieb Max Horkheimer diesen Mechanismus nach seiner Rückkehr nach Deutschland, Anfang der fünfziger Jahre. 

Seine Aktualisierung durch Walsers Rede von der "Schande" und das Einverständnis danach, zeigt das vollständige Scheitern der Reeducation als einen Versuch, andere als volksgemeinschaftliche Vergesellschaftungsmodelle in Deutschland durchzusetzen. 

Daß sich Dohnanyi, ansonsten immer ein Freund nationaler Repräsentation, nun gegen das Holocaust-Mahnmal ausspricht, weil er das Gedenken dem Gewissen überlassen will - was immer ihm die beiden Begriffe auch bedeuten mögen - , ist die Konsequenz aus der positiven Kollektivhaftung: eine Kriegserklärung an die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus. 

Nichts Schlimmeres kann es in den Augen von Dohnanyi und Walser geben als "sich durch die Identifikation mit den Opfern selbst für einen Augenblick aus der Reihe der Täter-Erben zu stehlen". Damit ist nicht etwa die Anmaßung gemeint, mit der nichtjüdische Deutsche plötzlich ihre Begeisterung für jüdische Friedhöfe entdecken oder ihre Kinder Sarah, Lea oder Baruch nennen - hier soll verhindert werden, daß das Verhalten einer ganzen Generation nichtjüdischer Deutscher (und Österreicher) politisch be- und verurteilt wird, daß es eine negative Identifikation mit den Opfern in dem Sinne gibt, wie Ignatz Bubis sie in seiner explizit politischen Rede am 9. November 1998 formuliert hat: "Es kann nicht sein, daß die Bekämpfung des Rassismus und Antisemitismus sowie der Fremdenfeindlichkeit den Juden überlassen wird, während ein Teil der Gesellschaft sich dadurch eher belästigt fühlt."

  •  Tjark Kunstreich
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