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Eine Kriegserklärung
Klaus von Dohnanyi schreibt in der FAZ
über die "Friedensrede" Martin Walsers und toppt dessen Geschichtsrevisionismus
Als im November vor fünf Jahren die
Neue Wache als nationale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg
und Gewaltherrschaft eingeweiht wurde, war ein entscheidender Beitrag zum
Geschichtsrevisionismus erbracht: Aus den Tätern wurden Opfer.
Bereits damals war es dem ehemaligen Hamburger
Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) gleichgültig, ob sein
Vater, der 1945 von Nazis ermordet worden war, nun als Opfer des Krieges
oder als Opfer der Gewaltherrschaft zu bezeichnen ist. Das Anliegen des
nationalen Gedenkens an alle, die irgendwie viel mitgemacht hatten, war
in nationaler Verantwortung auch seines. Daß mit der Neuen Wache
auch den Tätern gedacht wurde, z.B. dem Volksgerichtshof-Vorsitzenden
Roland Freisler, der Opfer einer Bombe und damit des Krieges wurde, machte
Dohnanyi nichts aus.
Daß er nun Walser zur Seite springt,
verwundert wenig. Unter der Überschrift "Eine Friedensrede" interpretiert
Dohnanyi in der FAZ (14.11.1998) Martin Walsers Rede als die "Klage eines
Deutschen - allerdings eines nichtjüdischen - über den allzu
häufigen Versuch anderer, aus unserem Gewissen Vorteile zu schlagen.
Es zu mißbrauchen, ja zu manipulieren." Es hätte heißen
müssen: aus unserem schlechten Gewissen; und die Anklänge, daß
da "andere" illegitime Forderungen stellen, bleiben nicht aus - überflüssigerweise
erwähnt Dohnanyi den Wahlkampf des gerade abgewählten, nichtjüdischen
US-Senators D'Amato, der wesentlich daran beteiligt war, die Schweizer
Banken zu Zahlungen zu zwingen, als ein "grelles Beispiel" für eine
Instrumentalisierung des Holocaust: Es haben doch so schon alle verstanden.
Der Einschub, der deutlich machen soll,
daß wohl jüdische Deutsche im Gegensatz zu den nichtjüdischen
alles sagen dürfen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, hat die Funktion,
Ignatz Bubis Überspanntheit, Überempfindlichkeit zu unterstellen.
Auschwitz läßt sich "immer wieder gut verkaufen - oder wie Walser
auch sagt - instrumentalisieren", und die Opfer sind immer die Deutschen,
wenn auch nicht alle.
Neben Bubis ist Dohnanyi selbst eine Ausnahme:
"Wegen meines tapferen Vaters werde ich selbst oft als 'gute Ausnahme'
der Deutschen behandelt; ganz unverdient. Die Abkunft von ermordeten Widerstandskämpfern
gibt nämlich ebenso wie die Abkunft von jüdischen Opfern eine
Chance für einen persönlich völlig unverdienten Freispruch
von der schändlichen, gemeinsamen Geschichte im Dritten Reich."
Diese positive Formulierung der Kollektivschuld-These
- egal, was ihr macht, ihr entkommt uns nicht - erschien schon während
der Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung als willkommene Ausrede,
statt einer Verantwortung die "Schande" zum Bezugspunkt der Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus zu machen. Statt der gesellschaftlichen wird
die individuelle (Gewissens-) Frage gestellt: Was hättest du getan?
Intention dieser mit Vorliebe von alten
Nazis gestellten Fangfrage war natürlich, demjenigen, dem sie gestellt
wurde, ein Bild des Gewissenskonflikts zu vermitteln. Wir haben damals
gar nicht anders gekonnt, und wenn wir es versucht hätten, wären
wir sofort ins KZ gekommen, lautete die Antwort, die sich die Fragenden
meistens selbst gaben.
Damit sollte eine Distanzierung von den
Tätern unmöglich gemacht werden. Schließlich kann niemand
die Frage beantworten, wie er oder sie gehandelt hätte. So wurde eine
konkrete Auseinandersetzung um Verantwortung und Schuld im Ansatz erstickt.
Dohnanyi geht jetzt, mit Walser im Hintergrund,
noch einen Schritt weiter: "Allerdings müßten sich natürlich
auch die jüdischen Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich
so sehr viel tapferer als die meisten anderen Deutschen verhalten hätten,
wenn nach 1933 'nur' die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in
die Vernichtungslager geschleppt worden wären. Ein jeder sollte versuchen,
diese Frage für sich selbst ehrlich zu beantworten." Und dann den
Mund halten und nicht fortwährend die Deutschen beschimpfen.
Hier baut der Autor auf das heimliche Einverständnis,
daß doch alle anständigen Deutschen - jüdische wie nichtjüdische
- etwas gegen Krüppel, Schwule und Zigeuner haben. "Wir selbst sind
es gewesen", schreibt Dohnanyi. "Die Schande trifft noch heute jeden einzelnen
von uns als Deutschen."
Nicht als Mensch, der reflektieren und
sich entscheiden könnte, ob er diesem Kollektiv angehören will;
unvorstellbar ist Dohnanyi, daß ein Mensch, und sei er Deutscher,
auf die Idee kommen könnte, er würde sich anders verhalten, er
könnte sich entscheiden, wenn schon nicht Widerstand zu leisten, so
doch das Land zu verlassen, das ihm keine Möglichkeit läßt,
eine solche Entscheidung zu umgehen.
"Immer wieder zu formulieren: das Schuldbekenntnis
der Deutschen (...) war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden
in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war
die Hauptsache", beschrieb Max Horkheimer diesen Mechanismus nach seiner
Rückkehr nach Deutschland, Anfang der fünfziger Jahre.
Seine Aktualisierung durch Walsers Rede
von der "Schande" und das Einverständnis danach, zeigt das vollständige
Scheitern der Reeducation als einen Versuch, andere als volksgemeinschaftliche
Vergesellschaftungsmodelle in Deutschland durchzusetzen.
Daß sich Dohnanyi, ansonsten immer
ein Freund nationaler Repräsentation, nun gegen das Holocaust-Mahnmal
ausspricht, weil er das Gedenken dem Gewissen überlassen will - was
immer ihm die beiden Begriffe auch bedeuten mögen - , ist die Konsequenz
aus der positiven Kollektivhaftung: eine Kriegserklärung an die Auseinandersetzung
mit dem deutschen Faschismus.
Nichts Schlimmeres kann es in den Augen
von Dohnanyi und Walser geben als "sich durch die Identifikation mit den
Opfern selbst für einen Augenblick aus der Reihe der Täter-Erben
zu stehlen". Damit ist nicht etwa die Anmaßung gemeint, mit der nichtjüdische
Deutsche plötzlich ihre Begeisterung für jüdische Friedhöfe
entdecken oder ihre Kinder Sarah, Lea oder Baruch nennen - hier soll verhindert
werden, daß das Verhalten einer ganzen Generation nichtjüdischer
Deutscher (und Österreicher) politisch be- und verurteilt wird, daß
es eine negative Identifikation mit den Opfern in dem Sinne gibt, wie Ignatz
Bubis sie in seiner explizit politischen Rede am 9. November 1998 formuliert
hat: "Es kann nicht sein, daß die Bekämpfung des Rassismus und
Antisemitismus sowie der Fremdenfeindlichkeit den Juden überlassen
wird, während ein Teil der Gesellschaft sich dadurch eher belästigt
fühlt."
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