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Ein Eisbär träumt von Hollywood
Weil ihn schon in der Schule niemand ernst
genommen hat, will Til Schweiger es allen zeigen
Wenn nach einer Forsa-Umfrage 50 Prozent
aller deutschen Frauen mit demselben Mann eine Nacht verbringen wollen,
heißt das nicht, daß all diese Frauen plötzlich verrückt
geworden sind. Wahrscheinlich ist ihnen bei der verzweifelten Suche nach
einer Antwort, die nicht "Hotte von nebenan" lautet, auf die Schnelle bloß
der Promi eingefallen, über den sie in den letzten Wochen die meisten
Artikel gelesen haben und der ständig im Fernsehen zu sehen war.
Vor Til Schweiger, gerade auf Promotion-Tour
für seinen neuen Film "Der Eisbär", gab es in der letzten Zeit
kein Entrinnen. Sei es, daß der Stupido in Talkshows herumsaß,
mal mit Frau bei Biolek, mal allein bei Harald Schmidt, oder auf Zeitungsseiten
auftauchte, die sonst weltpolitischen Ereignissen vorbehalten sind. Überall
verströmte Schweiger jungenshafte Bräsigkeit, so daß man
am eigenen Urteilsvermögen zu zweifeln begann - hat man nicht vielleicht
irgendwas übersehen, etwas, das die geballte Schweiger-Mania rechtfertigt?
Eigentlich nicht. Seit seiner Rolle in
der "Lindenstraße" Anfang der neunziger Jahre, wo er als Zenker-Sohn,
der unbedingt zur Bundeswehr wollte, weder bleibenden Eindruck hinterließ
noch wütende Fans, die nach seinem Ausstieg Protestbriefe schrieben,
hat er eigentlich nichts Erwähnenswertes getan. Er spielte bloß
in Filmen mit. Irgendwann muß jedoch etwas passiert sein, denn plötzlich
galt der Mann nicht nur als Schauspieler, sondern gleich noch als Star,
junger Wilder und große Hoffnung des deutschen Kinos.
Daß die Filme, in denen er mitspielte,
in Deutschland erfolgreich waren, ist allerdings noch keine Erklärung
dafür, daß Schweiger schlagartig zum Sex-Symbol avancierte.
Auch gibt es keinen einzigen Schweiger-Satz, der es wert wäre, ernsthaft
zitiert zu werden. Wenn Schweiger etwas sagt, meist mit dieser nöligen,
unendlich gelangweilt klingenden Stimme, ist das fast immer nervig.
Möglicherweise gehört auch das
zum Verkaufsprogramm - er sei ein ganz normaler Typ, erklärt Schweiger
immer wieder. "Schon seit meiner Schulzeit nimmt man mich nicht wirklich
ernst", sagte er beispielsweise der Süddeutschen Zeitung. "Aber das
ist mein größter Vorteil. Ich habe damals gelernt: Wer dich
unterschätzt, ist immer einen Schritt hinter dir." Was eigentlich
wie eine realistische Selbsteinschätzung und dazu noch ganz sympathisch
klingt - denn unterschätzt zu werden, gehört immerhin mit zum
Besten, was einem passieren kann -, rutscht sofort ins Peinliche ab.
Denn es reicht Schweiger eben nicht, selbst
zu wissen, was er kann und sich über die Irrtümer seiner Umwelt
zu amüsieren, nein, er träumt diesen Hollywood-typischen Plot,
wo der Mitwelt plötzlich die Augen geöffnet werden und sie überrascht
feststellen muß, daß der vermeintliche Underdog ungeahnte Fähigkeiten
besitzt.
"Als vor vier Jahren der 'Bewegte Mann'
anlief, hat Dieter Wedel, der Regisseur, gesagt: 'Der Schweiger? Der ist
doch weg in einem halben Jahr.' Als der Wedel das gesagt hat, habe ich
nur gedacht: 'Du Depp, das wollen wir mal sehen'", sagt Schweiger.
Deppen sind die, die weder das große
Talent Til Schweigers noch die Qualitäten des jungen deutschen Kinos,
als dessen Protagonist sich Schweiger versteht, erkennen wollen. Armin
Müller-Stahl gehört dazu: "Der rennt durch Hollywood und schimpft
über das junge deutsche Kino, von wegen: 'Da sind nur Ahnungslose
am Werk.' Dem werde ich es schon zeigen. Müller-Stahl ist doch selber
nur ein extrem manierierter Kopf-Schauspieler." Auch Götz George hat
vom jungen deutschen Film natürlich keine Ahnung, "obwohl ich vor
dem als Schauspieler einen Riesen-Respekt habe. Aber warum schimpft er,
daß alle jungen Schauspieler nichts können?"
Dabei kann Götz George unmöglich
Til Schweiger gemeint haben, denn der Mann kann drei Dinge auf einmal -
meint er zumindest. Im "Eisbären" spielte er nicht nur die Titelrolle,
sondern übernahm auch noch die Regie und die Produktion des Streifens.
Gearbeitet wurde hauptsächlich nachts, woraus Schweiger eine Riesen-Affäre
macht. Das klingt unglaublich spießig, bringt aber mindestens mitleidige
Reaktionen bei den Interviewern, für die nächtelanges Durcharbeiten
ganz toll verrückt klingt, erstaunlich, was dieser Mann so alles auf
sich nimmt. Als dann auch noch die Premierenfeier für den "Eisbären"
nachts in einer Tiefgarage stattfand, war klar, daß Schweiger die
neue deutsche Filmszene zu immer neuen Gipfeln führt.
Schweigers "Eisbär", der nach Einschätzung
des Spiegel den Versuch unternimmt, "amerikanische Coolness und Tarantinos
Witz an den Rhein zu verlagern", besteht hauptsächlich aus wild zusammengeklauten
und schlecht nachgebauten Szenen des US-amerikanischen Kinos. Um zu wissen,
wie cool und witzig Schweiger ist, muß man nicht eigens ins Kino
gehen, sondern kann sich auch einen Werbespot für Renault ansehen,
wo Schweiger, bis in die Zehenspitzen cool - was in seinem Fall einfach
nur völlig ausdruckslos bedeutet - wegen Geschwindigkeitsübertretung
von der Polizei angehalten, auf seine anscheinend schwangere Begleiterin
deutet und mit Blaulicht zur nächsten Klinik eskortiert wird. Dort
angekommen, entpuppt sich die Schwangerschaft als Fußball, und Schweiger
ruft, bevor er flüchtet: "Hauptsache, es ist gesund!"
Obgleich schon mit einem Werbespot überfordert,
will Schweiger nach Hollywood. Daß man dort nicht gleich freundlich
abwinkt, hat wohl weniger mit seinen schauspielerischen Qualitäten
zu tun, sondern mehr mit den umgerechnet 110 Millionen Dollar, die seine
Filme bisher eingespielt haben. US-amerikanische Produktionen können
schon längst nicht mehr nur durchs heimische Kinopublikum finanziert
werden, und der europäische Markt wird daher zunehmend wichtiger.
Deswegen achtet Hollywood immer stärker
darauf, in aufwendigen Produktionen mindestens einen europäischen
Schauspieler dabei zu haben, das sichert in dessen Heimatland Vorab-Schlagzeilen,
ausführliche Produktions-Berichte und schließlich hohe Besucherzahlen
- egal, wie bedeutend der Part schließlich ausfällt.
Eher bescheiden fiel z.B. Schweigers schweigender
Auftritt in "Replacement Killers" aus, wo er bei einer Verfolgungsjagd
hinterherstolpern durfte. "Die Jungs und ich", sagt Schweiger in der SZ
über sich und seine beiden Brüder, "wir waren nie besonders weit
vorne. Wir haben uns immer drangehängt an die wirklich Coolen." Und
zu mehr wird es auch nie reichen.
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