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  18. November 1998 Jungle World
 

Ein Eisbär träumt von Hollywood 

Weil ihn schon in der Schule niemand ernst genommen hat, will Til Schweiger es allen zeigen 

Wenn nach einer Forsa-Umfrage 50 Prozent aller deutschen Frauen mit demselben Mann eine Nacht verbringen wollen, heißt das nicht, daß all diese Frauen plötzlich verrückt geworden sind. Wahrscheinlich ist ihnen bei der verzweifelten Suche nach einer Antwort, die nicht "Hotte von nebenan" lautet, auf die Schnelle bloß der Promi eingefallen, über den sie in den letzten Wochen die meisten Artikel gelesen haben und der ständig im Fernsehen zu sehen war. 

Vor Til Schweiger, gerade auf Promotion-Tour für seinen neuen Film "Der Eisbär", gab es in der letzten Zeit kein Entrinnen. Sei es, daß der Stupido in Talkshows herumsaß, mal mit Frau bei Biolek, mal allein bei Harald Schmidt, oder auf Zeitungsseiten auftauchte, die sonst weltpolitischen Ereignissen vorbehalten sind. Überall verströmte Schweiger jungenshafte Bräsigkeit, so daß man am eigenen Urteilsvermögen zu zweifeln begann - hat man nicht vielleicht irgendwas übersehen, etwas, das die geballte Schweiger-Mania rechtfertigt? 

Eigentlich nicht. Seit seiner Rolle in der "Lindenstraße" Anfang der neunziger Jahre, wo er als Zenker-Sohn, der unbedingt zur Bundeswehr wollte, weder bleibenden Eindruck hinterließ noch wütende Fans, die nach seinem Ausstieg Protestbriefe schrieben, hat er eigentlich nichts Erwähnenswertes getan. Er spielte bloß in Filmen mit. Irgendwann muß jedoch etwas passiert sein, denn plötzlich galt der Mann nicht nur als Schauspieler, sondern gleich noch als Star, junger Wilder und große Hoffnung des deutschen Kinos. 

Daß die Filme, in denen er mitspielte, in Deutschland erfolgreich waren, ist allerdings noch keine Erklärung dafür, daß Schweiger schlagartig zum Sex-Symbol avancierte. Auch gibt es keinen einzigen Schweiger-Satz, der es wert wäre, ernsthaft zitiert zu werden. Wenn Schweiger etwas sagt, meist mit dieser nöligen, unendlich gelangweilt klingenden Stimme, ist das fast immer nervig. 

Möglicherweise gehört auch das zum Verkaufsprogramm - er sei ein ganz normaler Typ, erklärt Schweiger immer wieder. "Schon seit meiner Schulzeit nimmt man mich nicht wirklich ernst", sagte er beispielsweise der Süddeutschen Zeitung. "Aber das ist mein größter Vorteil. Ich habe damals gelernt: Wer dich unterschätzt, ist immer einen Schritt hinter dir." Was eigentlich wie eine realistische Selbsteinschätzung und dazu noch ganz sympathisch klingt - denn unterschätzt zu werden, gehört immerhin mit zum Besten, was einem passieren kann -, rutscht sofort ins Peinliche ab. 

Denn es reicht Schweiger eben nicht, selbst zu wissen, was er kann und sich über die Irrtümer seiner Umwelt zu amüsieren, nein, er träumt diesen Hollywood-typischen Plot, wo der Mitwelt plötzlich die Augen geöffnet werden und sie überrascht feststellen muß, daß der vermeintliche Underdog ungeahnte Fähigkeiten besitzt. 

"Als vor vier Jahren der 'Bewegte Mann' anlief, hat Dieter Wedel, der Regisseur, gesagt: 'Der Schweiger? Der ist doch weg in einem halben Jahr.' Als der Wedel das gesagt hat, habe ich nur gedacht: 'Du Depp, das wollen wir mal sehen'", sagt Schweiger. 

Deppen sind die, die weder das große Talent Til Schweigers noch die Qualitäten des jungen deutschen Kinos, als dessen Protagonist sich Schweiger versteht, erkennen wollen. Armin Müller-Stahl gehört dazu: "Der rennt durch Hollywood und schimpft über das junge deutsche Kino, von wegen: 'Da sind nur Ahnungslose am Werk.' Dem werde ich es schon zeigen. Müller-Stahl ist doch selber nur ein extrem manierierter Kopf-Schauspieler." Auch Götz George hat vom jungen deutschen Film natürlich keine Ahnung, "obwohl ich vor dem als Schauspieler einen Riesen-Respekt habe. Aber warum schimpft er, daß alle jungen Schauspieler nichts können?" 

Dabei kann Götz George unmöglich Til Schweiger gemeint haben, denn der Mann kann drei Dinge auf einmal - meint er zumindest. Im "Eisbären" spielte er nicht nur die Titelrolle, sondern übernahm auch noch die Regie und die Produktion des Streifens. Gearbeitet wurde hauptsächlich nachts, woraus Schweiger eine Riesen-Affäre macht. Das klingt unglaublich spießig, bringt aber mindestens mitleidige Reaktionen bei den Interviewern, für die nächtelanges Durcharbeiten ganz toll verrückt klingt, erstaunlich, was dieser Mann so alles auf sich nimmt. Als dann auch noch die Premierenfeier für den "Eisbären" nachts in einer Tiefgarage stattfand, war klar, daß Schweiger die neue deutsche Filmszene zu immer neuen Gipfeln führt. 

Schweigers "Eisbär", der nach Einschätzung des Spiegel den Versuch unternimmt, "amerikanische Coolness und Tarantinos Witz an den Rhein zu verlagern", besteht hauptsächlich aus wild zusammengeklauten und schlecht nachgebauten Szenen des US-amerikanischen Kinos. Um zu wissen, wie cool und witzig Schweiger ist, muß man nicht eigens ins Kino gehen, sondern kann sich auch einen Werbespot für Renault ansehen, wo Schweiger, bis in die Zehenspitzen cool - was in seinem Fall einfach nur völlig ausdruckslos bedeutet - wegen Geschwindigkeitsübertretung von der Polizei angehalten, auf seine anscheinend schwangere Begleiterin deutet und mit Blaulicht zur nächsten Klinik eskortiert wird. Dort angekommen, entpuppt sich die Schwangerschaft als Fußball, und Schweiger ruft, bevor er flüchtet: "Hauptsache, es ist gesund!" 

Obgleich schon mit einem Werbespot überfordert, will Schweiger nach Hollywood. Daß man dort nicht gleich freundlich abwinkt, hat wohl weniger mit seinen schauspielerischen Qualitäten zu tun, sondern mehr mit den umgerechnet 110 Millionen Dollar, die seine Filme bisher eingespielt haben. US-amerikanische Produktionen können schon längst nicht mehr nur durchs heimische Kinopublikum finanziert werden, und der europäische Markt wird daher zunehmend wichtiger. 

Deswegen achtet Hollywood immer stärker darauf, in aufwendigen Produktionen mindestens einen europäischen Schauspieler dabei zu haben, das sichert in dessen Heimatland Vorab-Schlagzeilen, ausführliche Produktions-Berichte und schließlich hohe Besucherzahlen - egal, wie bedeutend der Part schließlich ausfällt. 

Eher bescheiden fiel z.B. Schweigers schweigender Auftritt in "Replacement Killers" aus, wo er bei einer Verfolgungsjagd hinterherstolpern durfte. "Die Jungs und ich", sagt Schweiger in der SZ über sich und seine beiden Brüder, "wir waren nie besonders weit vorne. Wir haben uns immer drangehängt an die wirklich Coolen." Und zu mehr wird es auch nie reichen.

  •  Elke Wittich 
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