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  18. November 1998 Jungle World
 

Ausland Nachrichten 

Medienkontrolle gegen Antisemitismus

Die anderen sind schuld. Nein, nicht die Juden selbst. Aber die Medien. Dies ist das vorläufige Fazit, das der russische KP-Chef Gennadji Sjuganow vergangene Woche aus den antisemitischen Äußerungen des nominalkommunistischen Duma-Abgeordneten Albert Makaschow zog. Der Sowjetgeneral a.D hatte Anfang Oktober erstmals (öffentlich) allen Juden den Tod gewünscht. Anläßlich einer Demonstration zum 81. Jahrestag der russischen Revolution am Samstag vorvergangener Woche in Moskau erneuerte und konkretisierte Makaschow seine Schmähungen - umjubelt von mehreren Tausend seiner Anhänger. Diese hielten zum Teil antisemitische Plakate und Karikaturen hoch und fordeten die Entfernung aller Juden aus einflußreichen Positionen. Makaschow machte sich die Forderung umgehend und auf seine Art zu eigen: Die "Anzahl der Juden in wichtigen öffentlichen Ämtern" sei zu begrenzen, ein gesetzlich festgelegter Prozentsatz zur Quotierung von Juden müsse her. Kurz zuvor war eine gemeinsame Verurteilung Makaschows durch die Duma an den Gegenstimmen der Nationalisten und KP-Abgeordneten, die zusammen die Mehrheit im Parlament stellen, gescheitert. Auch ein Partei-Ausschlußverfahren, das bereits seit Anfang Oktober läuft, blieb bislang erfolglos. Ende letzter Woche schaltete sich nun auch die Moskauer Staatsanwaltschaft ein: Mit einem Strafverfahren gegen Makaschow. Gleichzeitig wurden Forderungen nach einem Verbot der KP laut. 

Anstatt sich von Makaschow zu distanzieren, trat KP-Chef Sjuganow Ende vergangener Woche die Flucht nach vorn an: "In Rage gebrachte, unbedachte und beleidigende Äußerungen", versuchte er nach einem Gespräch mit dem israelischen Botschafter in Moskau zu beschwichtigen, dürften einfach "nicht über die Medien verfielfältigt werden." Sjuganows Konsequenz: Stärkere Medienkontrolle durch den Staat. 

Bart ab gibt Prügel 

Haariges aus Afghanistan: 28 Männer wurden letzte Woche in der Südprovinz Helmand von staatlichen Schergen ganz offiziell verprügelt, da sie unter anderem ihr Glück im Spiel versucht oder sich rasiert hatten. Dies berichtete nicht ohne Stolz der Taliban (Koranschüler)-Rundfunksender Schariat. Was die von den islamistischen Taliban gestellte Regierung überhaupt noch erlaubt, ist unklar. Eindeutig verboten hingegen sind Fernsehen, Alkohol, Glücksspiel, Frauen, die nicht vollständig verhüllt sind, Männer, die ihr Gesichtsgestrüpp nicht mehr sehen können, sowie Musik und Tanz: Wie Schariat weiter berichtete, wurden ebenfalls letzte Woche in der östlichen Provinz Logar Hochzeitsgäste festgenommen, die gesungen und getanzt hatten. 

Indes versuchen militärische Einheiten der Taliban seit Mitte vergangener Woche auch noch die letzten Gebiete im Norden Afghanistans zu erobern, die bislang von der Anwesenheit der Gotteskrieger verschont blieben. Seit Mittwoch steht die Stadt Talokan unter Beschuß, internationale Hilfsorganisationen sollen bereits Zufluchtsstätten für Barbiere eingerichtet haben. 

Leninabad umkämpft 

Gerade einmal eine Woche konnten sich die Aufständischen in Tadschikistan halten; Mitte vergangener Woche wurden sie dann von Regierungstruppen besiegt. Knapp tausend bewaffnete Kämpfer unter dem Kommando des früheren Ministerpräsidenten Abdumalik Abdulladschanow und des ehemaligen Generals Machmud Chuderberdschew hatten zuvor die im Norden Tadschikistans gelegene Stadt Chodschent teilweise eingenommen. Bei den einwöchigen Gefechten sollen nach Regierungsangaben mehr als 200 Menschen getötet und über 500 verletzt worden sein. Abdulladschanow war nicht an dem zum Jahreswechsel 1996/1997 geschlossenen Friedensabkommen, das einen mehrjährigen Bürgerkrieg mit knapp 100 000 Toten beendet hatte, beteiligt worden. Seitdem kämpft er zusammen mit mehreren ehemaligen Generälen gegen die Staatsführung unter Staatspräsident Enomali Rochmonow und Regierungschef Jachjo Asimow, die dem regierenden Bündnis islamistischer und postkommunistischer Parteien vorstehen. Unterstützt wird Abdulladschow dabei offensichtlich von den Regierungen der Nachbarstaaten Afghanistan und Usbekistan. Zwar bestreitet die afghanische Taliban-Regierung offiziell jeden Kontakt zu dem ehemaligen Regierungschef, doch sollen nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen bei den Kämpfen um Chodschent mehrere Taliban-Kämpfer festgenommen worden sein. Usbekistan scheint den Aufständischen vor dem Angriff auf Chodschent die Passage durch Teile des Landes erlaubt zu haben. 

Trotz der Niederlage der Aufständischen in der vergangenen Woche wird in Tadschikistan weiter gekämpft: Nachrichtenagenturen meldeten am Wochenende Feuergefechte aus der ebenfalls im Norden gelegenen Region Leninabad. 

Militärs metzeln in Burundi 

Kein Frieden in Burundi: Auch nach den im Juli begonnenen Friedensverhandlungen zwischen Vertretern der Bevölkerungsgruppen der Tutsi und Hutu bleibt der ostafrikanische Staat Kriegsgebiet. In Rutovu östlich der Hauptstadt Bujumura wurden Mitte vergangener Woche rund hundert Hutu-Rebellen und Zivilisten von der burundischen Armee massakriert. Offensichtlich handelt es sich um einen Vergeltungsschlag für einen Angriff der Rebellen auf ein Tutsi-Camp, bei dem Ende Oktober fünf Tutsi ermordet worden waren. Die Armee Burundis besteht hautptsächlich aus Tutsi, die insgesamt jedoch nur 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Seit 1993 metzelten bewaffnete Tutsi mehr als 200 000 Menschen allein in Burundi nieder - Hutu, aber auch Tutsi, die als Verräter angesehen wurden. Nachdem der erste frei gewählte Staatschef Burundis, der Hutu Melchior Ndayaye, 1993 von Tutsi-Fallschirmjägern getötet worden war, kam die Militärregierung des amtierenden Präsidenten und Tutsi Pierre Buyoya an die Macht. Die Hutu-Rebellen kämpfen seitdem gegen die von der Tutsi-Minderheit gestellte Regierung. 

Was Schönes zum Schluß? 

Immer nur Krieg, Katastrophen, Krawalle, Tote und Verletzte hier, Rassisten und Antisemiten dort, so viel Elend. Korrespondenten überschreiben ihre Faxe schon mit: An das Kriegs-, Krisen- und Krawall-Ressort. Dazu kommt noch der ganze Parlaments-, Wahl- und Regierungskram. Natürlich ist die Welt so, wissen wir ja selbst. Aber es muß doch auch irgendwo auf der Welt einmal etwas Schönes passieren. Eine prima Weinernte mit anschließendem Gelage in Slowenien, guter Shit aus Usbekistan, eine Super-Session in Dänemark. Wir geben uns ja auch schon mit Kleinigkeiten zufrieden. Wie wärs mal mit einem gewonnenen Kampf zur Abschaffung der Arbeit in Portugal, einer toughen Antifa-Demo in ganz Österreich oder Spaßguerilla-Aktionen in Neuseeland? Schreiben Sie uns, mailen Sie uns - Sie kommen ja doch mehr rum als wir. 

  •  Die Nachrichten wurden von Sedlmayr und Söhler zusammengestellt 
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