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Arbeit & Kapital
Marx im 'Zeit'-Geist
Kaum werden am Speersort die Jalousien
hochgezogen, stellt die Redaktion ganz erstaunliche Entwicklungen fest.
"Hat Marx doch recht?" fragte sich verblüfft die Zeit in ihrer letzten
Ausgabe. "Ähnlichkeiten zwischen der Marxschen These und der ökonomischen
Gegenwart" seien mittlerweile u.a. wegen der Krisen in Rußland und
Asien "nicht zu übersehen".
Mallorca für alle
Droht nach der Arbeitslosenplage bald die
Renterschwemme? Arbeitsminister Riester hat angekündigt, die Herabsetzung
des Rentenalters auf 60 Jahren bei einem neuen Bündnis für Arbeit
zu thematisieren. Riester beruft sich dabei auf eine Idee von Bundeskanzler
Gerhard Schröder. Der hatte vor kurzem vorgeschlagen, daß ein
Teil der Lohnerhöhungen in einen Tariffonds abgeführt werden
könnten, um die frühere Pensionierung zu finanzieren. Außerdem
sollen Arbeitszeitverkürzungen, Steuersenkungen und mehr öffentliche
Investitionen nach Meinung von Arbeitgeber, Gewerkschaften und Bundesregierung
neuen Schwung in das lahme Bündnis bringen. Die ersten Gespräche
werden voraussichtlich Anfang Dezember beginnen.
Milliarden für Cardoso
Brasiliens Präsident Fernando Henrique
Cardoso kann noch einmal aufatmen. Das Land wird jetzt eine internationale
Finanzhilfe von 41,5 Milliarden Dollar (70 Milliarden Mark) erhalten. Der
Internationale Währungsfonds zahlt davon 18 Milliarden, jeweils 4,5
Milliarden kommen von der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank
IDB. Den Rest wollen einzelne Industriestaaten, u.a. Deutschland, USA und
Großbritannien, aufbringen. Bedingung für den Kredit ist allerdings
die rasche Umsetzung des kürzlich von Präsident Cardoso verkündigten
Drei-Jahres-Plan zur Sanierung des Staatshaushaltes. Der brasilianische
Finanzminister Pedro Malan besucht deswegen diese Woche die wichtigsten
Geberländer, um die Sparmaßnahmen seiner Regierung zu erläutern.
Seit Beginn der Rußlandkrise wurde in großem Umfang Kapital
aus Brasilien abgezogen; innerhalb weniger Wochen sanken die Devisenreserven
des Landes um fast die Hälfte auf rund 40 Milliarden Dollar - zu wenig,
um den Schuldendienst im kommenden Jahr zu leisten.
Bananen statt Drogen
Die USA drohen mit Strafzöllen von
100 Prozent gegen europäische Waren, wenn die Bananenmarktordnung
der EU nicht bald nach ihren Vorstellungen geändert wird. Betroffen
davon wären u.a. Wein, Käse und Kaffeemaschinen. Die EU bevorzugt
bei der Vergabe von Importlizenzen seit 1993 Kleinbauern aus den AKP-Staaten
(71 Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik), deren Bananen sich sonst
gegen die billigeren "Dollarbananen" von Chiquita und Dole nicht behaupten
könnten. Das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO hatte
vor einigen Wochen auf Betreiben der USA entschieden, daß diese Form
von Entwicklungshilfe eine unzulässige Abschottung des weltgrößten
Bananenmarktes ist. Jede zweite Staudenfrucht landet in einem europäischen
Magen. Der EU-Handelskommissar Brittan findet die amerikanischen Drohgebärden
hingegen unsinnig. Es sei doch besser, "wenn die Karibikstaaten Bananen
statt Drogen produzieren". Derzeit ist das Problem eigentlich gegenstandslos:
Der Hurrikan Mitch hat Chiquitas und Doles Plantagen in Honduras fast vollständig
zerstört.
Verschwörung in Malaysia
"Die Wirtschaftskrise in Asien ist durch
eine Verschwörung ausländischer Spekulanten ausgelöst worden"
- mit dieser Erklärung ist der malaysische Premierminister, Mahathir
Mohamad, international bekannt geworden. Beim Gipfel-Treffen der 21 Mitgliedsstaaten
des asiatischen-pazifischen Wirtschaftsraumes (Apec), der diese Woche in
der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur stattfindet, wird Mahathir mit
seiner These vermutlich auf wenig Sympathie stoßen. Malaysia hatte
kürzlich drastische Kontrollen für Devisen- und Kapitalmärkte
erhoben. Auf der Tagung soll über den Abbau von Handelsschranken beraten
werden. Vor Beginn des Treffens löste die Polizei in Kuala Lumpur
eine Demonstration gegen Mahathir mit Gewalt auf.
Gates und Geady
Beim Prozeß gegen das Softwareunternehmen
Microsoft geriet Bill Gates' Computerfirma erneut schwer unter Beschuß.
Der Vizepräsident des Prozessorherstellers Intel, Steve McGeady, sagte
aus, Microsoft habe vehement Druck auf sein Unternehmen ausgeübt,
damit dieses sich aus der Softwareproduktion zurückziehe. 1995 habe
Intel schließlich aufgegeben und die Entwicklung eigener Software
eingestellt. Seitdem sprach die Branche von den beiden Unternehmen nur
noch als "Wintel", weil das Windows-Programm von Microsoft und die Prozessoren
von Intel untrennbar miteinander verbunden schienen. Bill Gates wies die
Vorwürfe via Video scharf von sich und holte unbeeindruckt von der
Anklage schon zu einem neuen Schlag gegen die unliebsame Konkurrenz aus:
Das neue Servicepack für den Microsoft-Internet-Explorer ist nur noch
unter Windows NT 4.0 installierbar.
Anti-Dosen-Attacke
Der Dortmunder Getränkekonzern Brau
und Brunnen AG will ab Januar pro Liter Bier zehn Pfennig mehr verlangen.
Und Bundesumweltminister Jürgen Trittin kündigte vergangene Woche
an, Bierdosen mit einem Zwangspfand zu belegen, wenn die Hersteller die
vorgeschriebene Recyclingquote von 70 Prozent nicht bis Jahresende erfüllen
würden. Bislang hatte sich in der Regierung niemand darum gekümmert,
daß die Bierhersteller nur 40 Prozent des verkauften Weißblechs
wiederverwerten. Während Trittin offenbar ökologische Gründe
für seine Anti-Dosen-Attacke hat, stehen bei Brau und Brunnen ökonomische
Interessen im Vordergrund: Der Getränkeriese, in dessen Sortiment
unter anderem Berliner Pilsener und Gilden Kölsch zu finden sind,
korrigierte seine Gewinnerwartungen für 1998 deutlich nach unten.
Tote Hose bei Levi's
Ein Drittel der Fabriken von Jeans-Hersteller
Levi Strauss in den USA werden für 60 Tage geschlossen. Im Dezember
und Januar können rund 4 000 Mitarbeiter bei 90 Prozent Lohnzahlung
zu Hause bleiben. Ausschlaggebend für den Produktionsstopp seien die
Absatzeinbrüche bei den klassischen Jeans-Schnitten. Die Frage bleibt:
Wird sich Levi's den Thron im Beinkleid-Olymp nun mit Flanellhöschen
zurückerobern?
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Die Nachrichten wurden von Becker,
Landgraf und Sedlmayr zusammengestellt
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