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  18. November 1998 Jungle World
 

Arbeit & Kapital

Marx im 'Zeit'-Geist 

Kaum werden am Speersort die Jalousien hochgezogen, stellt die Redaktion ganz erstaunliche Entwicklungen fest. "Hat Marx doch recht?" fragte sich verblüfft die Zeit in ihrer letzten Ausgabe. "Ähnlichkeiten zwischen der Marxschen These und der ökonomischen Gegenwart" seien mittlerweile u.a. wegen der Krisen in Rußland und Asien "nicht zu übersehen". 

Mallorca für alle 

Droht nach der Arbeitslosenplage bald die Renterschwemme? Arbeitsminister Riester hat angekündigt, die Herabsetzung des Rentenalters auf 60 Jahren bei einem neuen Bündnis für Arbeit zu thematisieren. Riester beruft sich dabei auf eine Idee von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der hatte vor kurzem vorgeschlagen, daß ein Teil der Lohnerhöhungen in einen Tariffonds abgeführt werden könnten, um die frühere Pensionierung zu finanzieren. Außerdem sollen Arbeitszeitverkürzungen, Steuersenkungen und mehr öffentliche Investitionen nach Meinung von Arbeitgeber, Gewerkschaften und Bundesregierung neuen Schwung in das lahme Bündnis bringen. Die ersten Gespräche werden voraussichtlich Anfang Dezember beginnen. 

Milliarden für Cardoso 

Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso kann noch einmal aufatmen. Das Land wird jetzt eine internationale Finanzhilfe von 41,5 Milliarden Dollar (70 Milliarden Mark) erhalten. Der Internationale Währungsfonds zahlt davon 18 Milliarden, jeweils 4,5 Milliarden kommen von der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank IDB. Den Rest wollen einzelne Industriestaaten, u.a. Deutschland, USA und Großbritannien, aufbringen. Bedingung für den Kredit ist allerdings die rasche Umsetzung des kürzlich von Präsident Cardoso verkündigten Drei-Jahres-Plan zur Sanierung des Staatshaushaltes. Der brasilianische Finanzminister Pedro Malan besucht deswegen diese Woche die wichtigsten Geberländer, um die Sparmaßnahmen seiner Regierung zu erläutern. Seit Beginn der Rußlandkrise wurde in großem Umfang Kapital aus Brasilien abgezogen; innerhalb weniger Wochen sanken die Devisenreserven des Landes um fast die Hälfte auf rund 40 Milliarden Dollar - zu wenig, um den Schuldendienst im kommenden Jahr zu leisten. 

Bananen statt Drogen 

Die USA drohen mit Strafzöllen von 100 Prozent gegen europäische Waren, wenn die Bananenmarktordnung der EU nicht bald nach ihren Vorstellungen geändert wird. Betroffen davon wären u.a. Wein, Käse und Kaffeemaschinen. Die EU bevorzugt bei der Vergabe von Importlizenzen seit 1993 Kleinbauern aus den AKP-Staaten (71 Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik), deren Bananen sich sonst gegen die billigeren "Dollarbananen" von Chiquita und Dole nicht behaupten könnten. Das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO hatte vor einigen Wochen auf Betreiben der USA entschieden, daß diese Form von Entwicklungshilfe eine unzulässige Abschottung des weltgrößten Bananenmarktes ist. Jede zweite Staudenfrucht landet in einem europäischen Magen. Der EU-Handelskommissar Brittan findet die amerikanischen Drohgebärden hingegen unsinnig. Es sei doch besser, "wenn die Karibikstaaten Bananen statt Drogen produzieren". Derzeit ist das Problem eigentlich gegenstandslos: Der Hurrikan Mitch hat Chiquitas und Doles Plantagen in Honduras fast vollständig zerstört. 

Verschwörung in Malaysia 

"Die Wirtschaftskrise in Asien ist durch eine Verschwörung ausländischer Spekulanten ausgelöst worden" - mit dieser Erklärung ist der malaysische Premierminister, Mahathir Mohamad, international bekannt geworden. Beim Gipfel-Treffen der 21 Mitgliedsstaaten des asiatischen-pazifischen Wirtschaftsraumes (Apec), der diese Woche in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur stattfindet, wird Mahathir mit seiner These vermutlich auf wenig Sympathie stoßen. Malaysia hatte kürzlich drastische Kontrollen für Devisen- und Kapitalmärkte erhoben. Auf der Tagung soll über den Abbau von Handelsschranken beraten werden. Vor Beginn des Treffens löste die Polizei in Kuala Lumpur eine Demonstration gegen Mahathir mit Gewalt auf. 

Gates und Geady 

Beim Prozeß gegen das Softwareunternehmen Microsoft geriet Bill Gates' Computerfirma erneut schwer unter Beschuß. Der Vizepräsident des Prozessorherstellers Intel, Steve McGeady, sagte aus, Microsoft habe vehement Druck auf sein Unternehmen ausgeübt, damit dieses sich aus der Softwareproduktion zurückziehe. 1995 habe Intel schließlich aufgegeben und die Entwicklung eigener Software eingestellt. Seitdem sprach die Branche von den beiden Unternehmen nur noch als "Wintel", weil das Windows-Programm von Microsoft und die Prozessoren von Intel untrennbar miteinander verbunden schienen. Bill Gates wies die Vorwürfe via Video scharf von sich und holte unbeeindruckt von der Anklage schon zu einem neuen Schlag gegen die unliebsame Konkurrenz aus: Das neue Servicepack für den Microsoft-Internet-Explorer ist nur noch unter Windows NT 4.0 installierbar. 

Anti-Dosen-Attacke 

Der Dortmunder Getränkekonzern Brau und Brunnen AG will ab Januar pro Liter Bier zehn Pfennig mehr verlangen. Und Bundesumweltminister Jürgen Trittin kündigte vergangene Woche an, Bierdosen mit einem Zwangspfand zu belegen, wenn die Hersteller die vorgeschriebene Recyclingquote von 70 Prozent nicht bis Jahresende erfüllen würden. Bislang hatte sich in der Regierung niemand darum gekümmert, daß die Bierhersteller nur 40 Prozent des verkauften Weißblechs wiederverwerten. Während Trittin offenbar ökologische Gründe für seine Anti-Dosen-Attacke hat, stehen bei Brau und Brunnen ökonomische Interessen im Vordergrund: Der Getränkeriese, in dessen Sortiment unter anderem Berliner Pilsener und Gilden Kölsch zu finden sind, korrigierte seine Gewinnerwartungen für 1998 deutlich nach unten. 

Tote Hose bei Levi's 

Ein Drittel der Fabriken von Jeans-Hersteller Levi Strauss in den USA werden für 60 Tage geschlossen. Im Dezember und Januar können rund 4 000 Mitarbeiter bei 90 Prozent Lohnzahlung zu Hause bleiben. Ausschlaggebend für den Produktionsstopp seien die Absatzeinbrüche bei den klassischen Jeans-Schnitten. Die Frage bleibt: Wird sich Levi's den Thron im Beinkleid-Olymp nun mit Flanellhöschen zurückerobern?

  •  Die Nachrichten wurden von Becker, Landgraf und Sedlmayr zusammengestellt 
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