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Japanische Regierung verteilt Geschenkgutscheine
Kon-Sum-Sekte an der Macht
Ein Fernseher mit weckergroßem Bildschirm,
ein Bett im Krankenhausstil, eine nach Blechbüchse klingende Kompaktanlage,
ein paar Quadratmeter grauer Büroteppich, ein Anzug von der Stange,
ein Fahrrad ohne Schaltung, zwei Jeans mit Wichtig-Wichtig-Etikett, ein
tatsächlich stabiler Reisekoffer, ein absolut Unöko-Kühlschrank
in Mikrowellenformat, ein Pelzmantel-Imitat, ein halbwegs brauchbares Telefon,
einen Spanplattenschrank, eine Playstation zum Rumballern - das Leben könnte
so schön und die kalte Wohnung (Ökosteuer!) ein wenig voller
sein, wenn auch hier, wie in Japan, die Kon-Sum-Sekte die Macht übernommen
hätte.
Krise hin, Krise her, ein Programm zu machen,
ist nicht schwer. Zumal wenn es - wie das der regierenden liberaldemokratischen
Partei (LDP) - einen beliebten westlichen Brauch in den Fernen Osten bringt:
die Bescherung. Umgerechnet 280 Mark nämlich sollen jetzt in Japan
ältere Menschen und Familien mit Kindern vom Staat geschenkt bekommen.
Einfach so und ganz unbürokratisch. Per Gutschein, der die Japaner
und Japanerinnen dazu bringen soll, aus ihren steinharten Reisbetten zu
springen, fleißig in die Kaufhäuser zu rennen und langsam wieder
etwas zu lernen, was sie vergessen haben: Geld ausgeben. Und zwar zu Hause.
Schluß mit den Zeiten, meinen die Liberalen, in denen die agilen
Bürger mit der obligatorischen Kamera um den Hals Tauben auf dem Petersplatz
oder eingravierte Schauspielernamen auf dem Hollywood-Boulevard zählen,
auf den Eiffelturm hecheln oder nachts mit dem Fahrrad durch die australische
Wüste strampeln. Im Osten geht die Sonne auf, und damit das so bleibt,
sollen auch die Yens da bleiben, wo die Sonne aufgeht.
Dabei läßt sich die japanische
Regierung nicht lumpen: Für den "Heimatgutschein" sollen rund zehn
Milliarden Mark unters Volk gebracht werden. Das aber ist noch nicht alles,
was sich die LDP ausgedacht hat, um das Wachstum zu stimulieren und die
Nachfragelücke zu füllen, die von der Regierung auf vier bis
14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes geschätzt wird. Immerhin will
sich die Regierung das bis dato größte der zahlreichen Konjunkturprogramme,
die nie viel genutzt haben, rund 250 Milliarden Mark kosten lassen. 140
Milliarden sollen in staatliche Infrastrukturinvestitionen fließen,
der Rest geht als Steuergeschenk an die Unternehmer und Einkommensbezieher.
So soll der Spitzensteuersatz auf immerhin noch 50 Prozent gesenkt und
die Unternehmensbesteuerung insgesamt von 46 auf 40 Prozent reduziert werden.
Da in Nippon aber das Mineralwasser so
teuer ist wie in Europa der Sekt, fällt den Japanern und Japaner-innen
nun nicht nur die Entscheidung schwer, was zu trinken sei, sonden auch
der Jubel über die Regierungsgaben aus. Den Reichen kommen die Steuersenkungen
zu spät und gehen längst nicht weit genug; die Armen bringen
wie gewohnt jeden übergebliebenen Yen zur Bank, für noch schlechtere
Zeiten, die wohl trotz alledem im Fernen Osten so sicher kommen werden
wie im Okzident das Christkind in die Kirche. Kein Wunder also, daß
auch die Börse in Tokio skeptisch reagierte, als die Pläne für
das Konjunkturprogramm Ende der vergangenen Woche durchsickerten. Prompt
machte der Nikkei ein Nickerchen und sank zum Wochenende um 2,45 Prozent
auf 14 075 Punkte.
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