Innenminister Schily nimmt Kontinuität
ernst
Der Sheriff kehrt zurück
Von Sebastian Sedlmayr
Otto Schily sieht nicht aus wie Manfred
Kanther. Er hat nicht diesen akkuraten Linksscheitel, auch nicht den militärisch
aufrechten Gang seines Amtsvorgängers. Irgendwie kommt er gemütlicher
daher, plaziert seinen Bürokratenkörper mit Gelassenheit im Sessel
auf der Regierungsbank und lehnt sich leger zurück.
Doch wer sich den Weisungen des neuen SPD-Innenminister
unterstellt sieht, für den wird es ungemütlich. Und da die deutsche
Innenpolitik sich seit einigen Jahren fast nur noch mit Nichtdeutschen
befaßt, sind es vor allem die "Ausländer", denen auch nach Kanthers
Abgang das Leben schwer gemacht wird.
"Die Grenze der Belastbarkeit Deutschlands
durch Zuwanderung ist überschritten", sagte der Innenminister am Sonntag
dem Berliner Tagesspiegel. Die Zuwanderungsgrenze, so Schily, hätte
gar auf "Null" herabgesetzt werden müssen, wenn neben dem Kompromiß
der Regierungskoalition zur doppelten Staatsbürgerschaft auch ein
Zuwanderungsgesetz verabschiedet worden wäre.
Das Boot ist also wieder mal voll. Und
zwar nicht nur für die Menschen, die Schily im Einklang mit CSU und
Republikanern als "Wirtschaftsasylanten" bezeichnet, sondern auch für
Flüchtlinge, die in ihrem Heimatland von politischer Verfolgung, Folter
und Mord bedroht sind.
Denn nach wie vor, daran will auch der
starke Mann der Sozialdemokraten nicht rütteln, hat keinen Anspruch
auf Asyl, wer von nichtstaatlichen Kräften verfolgt wird. Das führt
zum Beispiel dazu, daß Frauen aus Afghanistan, die wegen lackierter
Fingernägel von der Taliban verstümmelt werden, kein Asyl beantragen
können, weil die Taliban nicht offiziell als afghanische Regierungsmacht
anerkannt sind.
Einen seiner Lieblingssprüche tischt
der Ex-Grüne auch in diesem Zusammenhang immer wieder gerne auf: "Die
Rechtsstaatlichkeit ist Kernbestandteil unserer Verfassung." Und schließlich
gebe es zum Asylrecht eine "klare Rechtssprechung" - die sich ausschließlich
an staatlicher Verfolgung orientiert. Für eine eventuelle Neuregelung
verweist der Innenminister - wie es in der rot-grünen Koalition bei
vielen strittigen Themen Usus ist - auf die europäische Ebene und
stellt gleich klar, daß die Innenminister der meisten EU-Staaten
den Asylanspruch, den die BRD zumindest noch einigen wenigen politisch
Verfolgten gewährt, ablehnen.
Vielmehr werde auf EU-Ebenen bereits überlegt,
dem Vorschlag Österreichs zu folgen und eine "unabhängige Institution"
zu gründen, die allein befugt wäre, über Bleiberecht oder
Abschiebung zu entscheiden - außergerichtlich versteht sich.
Doch wie die Freigabe weicher Drogen, die
PDS-Überwachung durch den Verfassungsschutz und die "Grenzen für
die Eingriffsbefugnisse des Staates" (Stichwort: Großer Lauschangriff)
will Schily auch die Möglichkeiten für eine neue Asylregelung
"erst einmal prüfen". Bis dahin schürt der Law-and-Order-Freund
weiter kräftig Unbehagen in der Bevölkerung. Neben der Zuwanderung
macht er sich Sorgen um die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in
den bundesdeutschen Großstädten und warnt trotz stagnierender
Verbrechensstatistik davor, Kriminalität "zu bagatellisieren".
Bei seinem Amtsantritt sagte Schily noch
präventiv, niemand müsse sich Sorgen machen, daß es erstmals
gelungen sei, den scheidenden Inneminister zu klonen. Wie gesagt: Man sieht
es ihm nicht an - doch wer den Worten Schilys lauscht, hört Kanther. |