Pinochets später Triumph
Wi(e)der das Vergessen: Die Kampagne gegen
Pinochet dient dem deutschen Interesse.
Von Horst Pankow
Der Fall Pinochet ist für Europas
Demokraten Anlaß für moralisches Auftrumpfen. Während man
naserümpfend auf die USA - Pinochets einstigen Hauptmäzen - zeigt,
schlägt man sich stolz auf die Brust: "Jeder Diktator der Welt ist
vorerst gewarnt: Es gibt in Europa keine Reisefreiheit mehr für politische
Verbrecher." Ach, wirklich?
Zum Zeitpunkt, als der Tagesspiegel diese
großmäuligen Zeilen veröffentlichte (13.11.), hielt sich
und hält sich wohl immer noch der indonesische Schlächter General
Prabowo wegen einer medizinischen Behandlung in der BRD auf. Prabowo ist
einer der Organisatoren der antichinesischen Pogrome mit Hunderten von
Todesopfern im Mai dieses Jahres. Er ist ebenso mitverantwortlich für
die dabei stattgefundenen Massenvergewaltigungen chinesischer Frauen. Prabowo
ist darüber hinaus laut eigenem Bekenntnis nicht nur in das "Verschwindenlassen"
Oppositioneller verstrickt, er soll auch Drahtzieher mindestens eines Massakers
im besetzten Ost-Timor sein. Prabowo ist ein Schwiegersohn des zurückgetretenen
Diktators Suharto. Auf dessen Konto geht die genozidartige Vernichtung
Hunderttausender Kommunisten in den sechziger Jahren und eine mehr als
30jährige Terrorherrschaft. Suharto war bekanntlich einer der "guten
Freunde" des alten Bundeskanzlers.
In Deutschland würde wohl kaum jemand
auf die Idee kommen, Prabowo zu verhaften, eine Anklage auch gegen seinen
Schwiegervater zu verfassen und den Oggersheimer wegen Beihilfe zum Mord,
gar zum Völkermord, zu belangen. Mit solchen Belästigungen hätten
auch nicht die Führungskader der algerischen Islam-Fundamentalisten
zu rechnen, denen man hier, unbeschadet ihres freimütigen Bekenntnisses
zum gottesfürchtigen Massenmord, bereitwillig Asyl gewährt, während
ihre potentiellen Opfer kaltlächelnd abgeschoben werden. Auch findet
niemand etwas daran auszusetzen, daß eine der ersten Amtshandlungen
des neuen Außenministers in einer Sympathieerklärung für
das türkische Folterregime bestand.
"Wer Diktator und politischer Verbrecher
ist, bestimmen wir", war und ist das unausgesprochene Credo aller Staaten,
die sich politische Ambitionen außerhalb ihrer Grenzen erlauben können.
Pinochet war nach seinem Putsch für den Westen ein Retter der Freiheit,
der vielleicht manchmal etwas zu weit ging, aber Chile vor einer drohenden
"kommunistischen Diktatur" rettete. Die entsprechenden Verlautbarungen
deutscher Politiker und Publizisten müssen heute nicht mühsam
in gruftigen, schwer zugänglichen Pressearchiven recherchiert werden;
man braucht einfach nur in das übersichtliche Archiv des FDCL im Berliner
Mehringhof zu gehen, um sich über das Pinochet betreffende Niveau
demokratischer Meinungsbildung zu informieren. Umso trauriger, daß
sich das FDCL an der heuchlerischen Pinochet-Kampagne beteiligt.
Für die deutsche Politik ist der Fall
Pinochet willkommener Anlaß, ihre Pläne für eine internationalistische
Strafgerichtsbarkeit zu befördern. Und eine solche soll sich derzeit
vor allem gegen die von Deutschland auf dem Balkan ausgemachten Feinde
richten.
Pinochet selbst hat verlauten lassen, man
plane gegen ihn einen "Schauprozeß", dem er sich zu verweigern gedenke.
Wäre der chilenische Schlächter ein Deutscher, würde er
sich das möglicherweise noch einmal überlegen. Vielleicht würde
er wie manche Angeklagte in stalinistischen Schauprozessen die Vorwürfe
akzeptieren, wissend, daß auch eine Verurteilung sein Werk bestätigt.
Denn der geplante Prozeß krönt in gewisser Weise Pinochets Lebenswerk:
die Rettung der Demokratie durch die nahezu vollständige Demoralisierung
der antikapitalistischen Opposition.
Pinochet hat schließlich nicht nur
aus sadistischen Machtgelüsten morden lassen: Seinen eigenen Worten
zufolge wollte er die Demokratie retten, indem er sie in Blut badete. Mit
brutaler Repression und einer neoliberalen Wirtschaftspolitik hat er das
erreicht und konnte so, nachdem kaum jemand mehr da war, dies infragezustellen,
als die Mehrheit nur noch Demokratie und nicht mehr Sozialismus wollte,
gelassen abtreten.
Aber Pinochet ist kein deutscher Politikidealist,
er will sich an einem Prozeß nicht beteiligen, weil er glaubt, eine
Belohnung statt Bestrafung verdient zu haben. Das verbindet ihn mit seinem
möglichen Richter Baltasar Garz-n, dessen Karriere eine äußerst
schillernde ist, der aber, ob er nun Linke und Basken oder seine ehemaligen
PSOE-Kumpanen wegen der GAL-Affäre in die Knäste schickt, stets
meint, daß die erfolgreiche Bewältigung nationaler Anliegen
auch einen persönlichen Gewinn zeigen sollte.
Die Uneinsichtigkeit des Generals, an der
demokratischen Abwicklung seiner obsolet gewordenen Person mitzuwirken,
wird fast wettgemacht durch die Bereitschaft mancher seiner Opfer, an der
Schmierenkomödie mitzuwirken. Wer heute glaubt, sein mehr als legitimes
Bedürfnis nach Vergeltung über eine Verurteilung Pinochets durch
seine früheren Finanziers und Propagandisten befriedigen zu können,
geht dem Massenmörder selbst auf den Leim. "Vergessen" war eine der
zentralen Vokabeln in Pinochets Reden nach seiner Abdankung.
Wenn das "Vergessen" der Drahtzieher und
Profiteure der Pinochet-Herrschaft von deutschen Linken mit den Bedürfnissen
seiner Opfer gerechtfertigt wird, ist das bestenfalls peinlichster Paternalismus
und schlimmstenfalls Ausdruck des Wunsches, von der obskuren "ethnischen
Außenpolitik" der deutsch-europäischen "Zivilgemeinschaft" zu
profitieren.
Sollte sich dieses "Vergessen" aber innerhalb
der chilenischen und der internationalen Linken durchsetzen, wäre
dies ein später Triumph des Schlächters. |