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  11. November 1998 Jungle World
 

Die Ehre mit Pistole und Messer zu retten versucht

Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden 

Eine Diskursanalyse von Margret Jäger, Gabriele Cleve, Ina Ruth und Siegfried Jäger  

In der Diskussion um die Ursachen für den erstarkenden Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland ist bislang eine Vielzahl sich teilweise widersprechender, aber auch sich ergänzender Faktoren genannt worden. In diesem Zusammenhang sind auch die Medien in die Kritik geraten. Viele PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen haben z.B. die Berichterstattung über die Änderung des Artikels 16 GG vehement kritisiert und den Medien deshalb eine erhebliche Mitverantwortung für die Eskalation von Gewalttaten gegenüber Flüchtlingen und EinwanderInnen attestiert.  

Diese Kritik ist nicht gänzlich folgenlos geblieben. Nach unserer Beobachtung ist in einigen Printmedien durchaus der Versuch zu beobachten, rassistische Effekte zu vermeiden. Trotzdem bleibt hier noch eine Menge zu tun, um zu einer ausgewogenen Berichterstattung über Migration und das Leben von EinwanderInnen als selbstverständlichem Teil des Alltagslebens in Deutschland vorzudringen.  

Mit der von uns durchgeführten vergleichenden Analyse der Medienberichterstattung über Straftäter ausländischer und deutscher Herkunft haben wir einen Teilbereich dieser Berichterstattung analysiert. Wir wollen damit Anregungen für eine nichtdiskriminierende mediale Behandlung dieses diffizilen Teilbereichs des Einwanderungsdiskurses erarbeiten.  

Dabei zeigt sich das Problem, daß die Medien, sofern sie über Kriminalität und kriminelle Vorkommnisse zu berichten haben, von vornherein in einem Feld agieren, das die Gefahr von ausgrenzenden Effekten in sich birgt. Denn bei der Berichterstattung über Straftaten von MigrantInnen ist die Falle des Rassismus weit geöffnet: Erstens, weil die Nationalität markiert wird, zweitens, weil die Straftat ohnedies ein negatives Ereignis darstellt und drittens, weil der betreffende Bericht medial verbreitet wird. Wir werden später auf dieses Problem - oder besser: dieses Dilemma -, in dem sich JournalistInnen bei der Berichterstattung über Straftaten von MigrantInnen befinden, noch ausführlicher eingehen.  

Kriminalität, Kriminalitätsentwicklung und Kriminalitätsfurcht  

Kriminalität ist immer verbunden mit Abweichungen von herrschenden Normen: Wer sich kriminell verhält, verstößt gegen geltende Rechtsnormen. Diese Normen finden sich weder einfach vor noch haben sie Ewigkeitswert. Sie werden durch soziale Prozesse hergestellt, in denen durch Bewertungen das produziert wird, was von den Normen abweicht. Kriminalität ist also keine feste und unabänderliche Größe. Was in einer Gesellschaft als kriminell gilt, wird von dieser festgelegt und kann im Verlauf der Entwicklung einer Gesellschaft und insbesondere unter anderen (Macht-)Verhältnissen auch verändert werden.  

Trotzdem sind kriminelle Delikte immer ein Verstoß gegen jeweils gültige Normen. Diejenigen, die sich so verhalten, riskieren deshalb ihren Ausschluß aus der Normen-Gemeinschaft. Inwieweit dieser Ausschluß dauerhaft ist oder nur zeitweilig stattfindet, hängt auch von der Art und Weise ab, wie über solche Abweichungen von geltenden Normen bzw. über Personen, die solche Abweichungen zeigen, gesprochen und geschrieben wird. Das entscheidet mit darüber, ob sie langfristig aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang ausgeschlossen werden oder ob ihnen ein Weg zurück offengehalten wird. Die Medien als zentrale Vermittlungsinstanz diskursiver Prozesse in unserer Gesellschaft tragen hier erhebliche (Mit-) Verantwortung.  

Hinzu kommt, daß in Deutschland die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung und die in der Bevölkerung herrschende Kriminalitätsfurcht auseinanderklafft. Es ist zwar richtig, daß die Kriminalität im Verlauf der letzten Jahrzehnte insgesamt zugenommen hat. Doch diese Tendenz ist keineswegs steigend. Die Steigerung hat sich deutlich abgeflacht. Nach der jüngsten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 1996 insgesamt sogar 0,3 Prozent weniger kriminelle Vorfälle erfaßt als im Jahr davor und 1997 sogar 0,9 Prozent weniger. (1)  

Demgegenüber ist aber die Befürchtung, die Kriminalität in Deutschland könne erheblich ansteigen bzw. sei bereits drastisch angestiegen, bei der Bevölkerung stark angewachsen. Nahmen 1986 26 Prozent (der Westdeutschen) an, die Kriminalität nehme immer mehr zu, so sind es 1993 bereits 48 Prozent. Karl-Heinz Reuband, Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, beantwortet die Frage, wie es zu solchen Fehl-Wahrnehmungen komme, folgendermaßen:  

"Fragen zu gesellschaftlichen Gefährdungen - welcher Art auch immer - werden sich immer primär auf Informationen stützen, die aus den Medien als Experten- und Politikermeinung vermittelt werden. Der einzelne Bürger kann keinen Überblick über die Entwicklungen jenseits des eigenen Erfahrungsbereiches haben, er muß sich auf eine medial vermittelte Wirklichkeit stützen. Im vorliegenden Fall dürfte der Grund für die gestiegene Wahrnehmung der gesellschaftlichen Bedrohung wohl in erster Linie bei den Politikern und in den Medien zu suchen sein, die Anfang der neunziger Jahre das Thema der Inneren Sicherheit zum Thema erhoben und Bedrohungsszenarien entwarfen."  

Verantwortung der Medien  

Diese Einschätzung, daß die Kriminalitätsfurcht von Politik und Medien nicht unwesentlich geschürt wird, kann durch eine Reihe von Untersuchungen bestätigt werden. Sie verweisen ebenfalls auf die wichtige Funktion, die Medien bei der Herstellung (diskursiver) Wirklichkeiten zukommt.  

Doch sie erklären die besondere Verantwortung der Medien nicht alleine. Daneben ist zu bedenken: Deutschland ist faktisch ein Einwanderungsland. Diese Einschätzung wird zwar nicht von der gesamten Bevölkerung (deutscher Herkunft) geteilt, und auch im Bereich der Politik spricht man allenfalls von einem Zuwanderungsland, doch die realen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte lassen keinen anderen Schluß zu.  

Vorbehalte gegenüber EinwanderInnen hat es zwar bereits in den sechziger Jahren gegeben, doch haben sich diese nicht in gleich heftiger Weise artikuliert, wie dies seit Anfang der achtziger Jahre der Fall ist. Seitdem hat sich der Einwanderungsdiskurs auch öffentlich als ein Problem-Diskurs konstituiert. Das bedeutet, er ist erheblich rassistisch aufgeladen worden.  

Die Tatsache, daß Deutschland faktisch ein Einwanderungsland ist, bedeutet vor diesem Hintergrund für die Medien zweierlei: Sie sind erstens gehalten, Einwanderung und die nachfolgenden Einbürgerungsprozesse kontinuierlich in ihrer Berichterstattung zu berücksichtigen. Zum zweiten fließt in diese Berichterstattung aber auch ein, daß ein nicht geringer Teil der (deutschen) Bevölkerung diese Einwanderung nicht befürwortet.  

Damit stellt sich gleichzeitig die Frage, ob und in welcher Weise die Medien rassistische Einstellungen in der Bevölkerung produzieren bzw. stabilisieren. (2) Gerade die zurückliegende Asyldebatte, die ihren vorläufigen Abschluß in einer weitgehenden Einschränkung - um nicht zu sagen: faktischen Abschaffung - des Asyl-Artikels 16 GG fand, hat deutlich gemacht, daß den Medien bei der Herstellung von rassistischen Einstellungen ein hohes Maß an Mit-Verantwortung zuzusprechen ist. Dies gilt erst recht angesichts der Verschränkung des Einwanderungsdiskurses mit dem Kriminalitätsdiskurs. Mit anderen Worten: Berichte über Straftaten von EinwanderInnen klinken sich immer in den bereits vorhandenen rassistisch aufgeladenen Einwanderungsdiskurs ein.  

Kriminalitäts- und Einwanderungsdiskurs  

Mit unserer Studie zur sogenannten Ausländerkriminalität haben wir deshalb diese Verschränkung des Einwanderungsdiskurses mit dem Kriminalitätsdiskurs in den Mittelpunkt gestellt. Wir wollen damit auch einer in jüngerer Zeit häufig geäußerten These genauer nachgehen, der Einwanderungsdiskurs sei nach dem sogenannten Asylkompromiß von 1993 vor allem durch Berichte über kriminelle MigrantInnen rassistisch unterfüttert worden.  

Aus unserer Sicht weist bereits der geläufige Begriff "Ausländerkriminalität" auf rassistische Strukturen sowohl des Einwanderungs- wie auch des damit verschränkten Kriminalitätsdiskurses hin. Schließlich legt dieser Begriff den Schluß nahe, daß Kriminalität, wenn sie von AusländerInnen begangen wird, ursächlich mit ihrem Status als AusländerInnen zu tun habe.  

Unsere Fragestellung lautet deshalb: Wird über Straftaten von Migranten anders berichtet als über Straftaten von Deutschen? Um den Stellenwert der Berichte über kriminelle Einwanderer und Flüchtlinge genau verorten zu können und um der Verschränkung der beiden Diskurse von Einwanderung und Flucht auf der einen und Kriminalität auf der anderen Seite gerecht zu werden, haben wir die Berichterstattung über kriminelle Delikte in sechs auflagenstarken Zeitungen und Zeitschriften für einen Zeitraum von drei Monaten archiviert, nach diskursanalytischen Gesichtspunkten aufbereitet und analysiert.  

Uns interessierte zum einen die Frage, wie die Medien das brisante Feld der Kriminalitätsberichterstattung insgesamt behandeln. Denn solche Berichte sind in hohem Maße dazu geeignet, Denormalisierungsängste zu schüren und damit in der Bevölkerung ein Klima von Verunsicherung herzustellen.  

Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Fragestellung darauf konzentriert, wie der Mediendiskurs mit dem Problem umgeht, daß Straftaten, die von MigrantInnen begangen werden, zusätzlich in einen rassistischen Diskurszusammenhang eingebunden werden. Denn dies führt dazu, daß diese Personen besonders stark ausgegrenzt und diskriminiert werden.  

Gegen solche Diskriminierungen wendet sich auch der Deutsche Presserat, der in seinem Pressekodex unter Ziffer 12.1 fordert: "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, daß die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte."  

Vorüberlegungen: Rassismus, Diskurse, Kollektivsymbolik  

Wir gehen davon aus, daß Rassismus eine Einstellung im Sinne von "Für-Wahr-Halten" bzw. "Wissen" ist, bei der Menschen, die anders aussehen und/oder andere Sitten und Gebräuche pflegen als die Mehrheit der Bevölkerung, indem sie z.B. eine andere Sprache sprechen, als mehr oder weniger homogene Gruppe, eben als "Rasse", konstruiert und negativ bewertet werden, wobei diese Bewertung im Einklang mit dem hegemonialen Diskurs steht. (3)  

Rassismus liegt demnach dann vor, wenn drei Faktoren zusammen auftreten:  

1. Es liegt eine Rassenkonstruktion vor: Bestimmte körperliche Eigenarten von Personen werden zum Kennzeichen einer Menschengruppe gemacht, und die Merkmale werden mit bestimmten Verhaltensweisen verknüpft. Und/oder: Soziale Eigenschaften von Personen werden zum Kennzeichen einer Menschengruppe gemacht und als natürlich unterstellt. Entscheidend ist, daß eine Naturalisierung sozialer Eigenschaften stattfindet. (4)  

2. Die so konstruierte andere Gruppe wird gegenüber der eigenen bewertet, in der Regel negativ.  

3. Die negative Bewertung wird vom herrschenden, hegemonialen Diskurs in seiner Tendenz geteilt und kann deshalb Machtwirkungen entfalten.  

Dabei fassen wir - im Anschluß an Michel Foucault - Diskurs als eine gesellschaftliche Redeweise, die institutionalisiert ist, gewissen (durchaus veränderbaren) Regeln unterliegt und die deshalb auch Machtwirkungen besitzt, weil und sofern sie das Handeln von Menschen bestimmt. Um die historische Gewordenheit und das Weiterwirken von Diskursen in der Zukunft zu berücksichtigen, läßt sich der Diskurs auch als ein "Fluß von Text und Rede (bzw. von sozialen Wissensvorräten) durch die Zeit" begreifen.  

Diskursanalyse beantwortet, grob gesagt, die Frage danach, was zu einem bestimmten Zeitpunkt von wem wie sagbar war bzw. sagbar ist. Das bedeutet, daß immer auch die Frage danach gestellt ist, was nicht sagbar war bzw. ist. Für die Analyse rassistischer Elemente ist letzteres von großer Bedeutung. Denn Rassismus ist in unserer Gesellschaft - obwohl weit verbreitet - dennoch ein Tabu. Das bedeutet, daß diejenigen, die rassistische Einstellungen artikulieren wollen, dies unter Verwendung besonderer Argumentationsweisen tun, die mit Hilfe der Diskursanalyse herausgearbeitet werden können.  

Vielfach wird angenommen, daß die Art und Weise, wie die Menschen in der Gesellschaft miteinander kommunizieren, was sie denken und sprechen, die gesellschaftliche Wirklichkeit mehr oder weniger genau widerspiegele. Aus dieser Sicht wird der Diskurs dann als Ausdruck gesellschaftlicher Praxis verstanden. (5) Auf die Medien bezogen, bedeutet ein solches Verständnis, daß die Medien im wesentlichen die ihnen vorausgesetzte Wirklichkeit abbilden, also im wesentlichen nur das wiedergeben, was tatsächlich der Fall ist. Den Journalisten stellt man sich dabei als eine Art Troubadour vor, dessen Aufgabe vor allem darin besteht, Informationen zu verbreiten und zwischen Wirklichkeit und den Menschen zu vermitteln. Er wäre also bloßes Medium, bloßer Vermittler.  

Auf diese Weise lassen sich jedoch die eigenständigen Wirkungen, die vom (Medien-) Diskurs ausgehen, nicht erklären. Deshalb ist es sinnvoll anzunehmen, daß Bedeutungen, die wir produzieren, nicht der Wirklichkeit "entnommen", sondern von uns der Wirklichkeit "zugewiesen" werden. (6) Ein wichtiges Charakteristikum des Mediendiskurses ist es deshalb, daß dieser nicht nur und nicht einmal in erster Linie Realitäten abbildet, sondern daß er vielmehr selbst Realität ist und als Applikationsvorgabe für gesellschaftliches und individuelles Handeln fungiert. Deshalb interessierte uns bei unserer Analyse weniger die Frage, ob die in den Zeitungen dargelegten Sachverhalte auch korrekt dargestellt wurden; viel interessanter ist die Frage nach den diskursiven Effekten, die von der Darstellung ausgehen.  

Zu diesen Effekten trägt die in den Medien reichlich verwendete Kollektivsymbolik nicht unerheblich bei. Kollektivsymbole wie das "volle Boot", "der Strom" oder "der Ansturm von Flüchtlingen" oder auch Bilder wie die "Festung Europa" zeichnen sich zum einen dadurch aus, daß sie für jedes Gesellschaftsmitglied unmittelbar verständlich sind. Zum anderen entfalten Kollektivsymbole ihre Wirkung innerhalb eines umfassenderen Systems weiterer Symbole, das insgesamt als eine Topologie für moderne industrialistische Kulturen beschrieben werden kann.  

Fragestellung und Material  

Nun zu unserer grundlegenden Frage: Gibt es markante Unterschiede zwischen der Berichterstattung über kriminelle Delikte, sofern diese von EinwanderInnen begangen wurden, und den Berichten über vergleichbare Taten, die von InländerInnen begangen wurden? Mit dieser Fragestellung haben wir den Mediendiskurs hinsichtlich der Kriminalitätsberichterstattung insgesamt zu erfassen versucht. Denn nur vor diesem Hintergrund lassen sich Unterschiede überhaupt feststellen. Bei der Betrachtung möglicher Unterschiede tut sich die Schnittstelle auf, die zwischen Kriminalitäts- und Einwanderungsdiskurs auf der medialen Diskursebene existiert.  

Bei der Auswahl der Zeitungen, die uns dazu das empirische Material liefern sollten, leitete uns die Absicht, mit ihnen einen relevanten Ausschnitt des Mediendiskurses und auch der Kriminalitätsberichterstattung erfassen zu können. Es ging uns vor allem darum, die Bandbreite dessen abzudecken, was im Print-Mediendiskurs insgesamt Wirkung entfaltet. Diese Bandbreite läßt sich dadurch ermitteln, daß die wichtigsten unterschiedlichen Diskurspositionen bzw. ideologischen Positionen der Zeitungen zur Geltung kommen. Insgesamt haben wir fünf Tageszeitungen und ein Wochenmagazin für die Zeitdauer eines Vierteljahres vollständig erfaßt und ausgewertet:  

Die Frankfurter Rundschau (FR)  

Die FR ist zwar eine regionale Tageszeitung; sie hat aber mit ihrem "Mantel" über den Frankfurter Raum hinaus bundesweite Ausstrahlung: Bundesweit wird sie vor allem von "Multiplikatoren" gelesen und kann in ihrer politischen Ausrichtung insgesamt als sozial-liberal angesehen werden.  

FAZ

Dagegen versucht die FAZ - nach Aufmachung, Stil und Inhalt - vor allem konservative Leser an sich zu binden. Daß ihr dies gelingt, ist auch ihrem Ruf geschuldet, vor allem im ökonomischen Sektor eine kompetente Berichterstattung zu liefern.  

Bild-Zeitung  

Auch die diskursive Position von Bild ist konservativ, wobei zu diesem konservativen Spektrum durchaus völkisch-nationale Einsprengsel gehören. Die Bild-Zeitung ist das einflußreichste Boulevardblatt in Deutschland; sie kann als eine der wichtigsten Regulierungs- und Normalisierungsinstanzen angesehen werden.  

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)  

Demgegenüber ist die WAZ eher eine Familienzeitung. Als größte Regionalzeitung im Ruhrgebiet präsentiert sie gleichzeitig auch dort vorherrschende politische Auffassungen, die sich als traditionell sozialdemokratisch umreißen lassen.  

Rheinische Post (RP)  

Auch die RP ist eine Regionalzeitung, deren Verbreitung aber stärker im Rheinland zu verorten ist. Im Unterschied zur WAZ kommen in der RP eher christliche und konservative Stimmen und Werte zur Geltung.  

Der Spiegel  

Auch wenn das traditionsreiche Nachrichtenmagazin aus Hamburg mittlerweile durch den Focus erhebliche Konkurrenz erhalten hat, so ist er immer noch ein wichtiges Organ, das zudem auch in der Lage ist, die Diskurse in der BRD erheblich mitzugestalten. Seine ideologische Orientierung ist allerdings nicht ganz eindeutig. Der Spiegel wird zwar in der Öffentlichkeit vielfach immer noch als ein linksliberales Blatt gehandelt. Tatsächlich hat sich jedoch seine politische Position, vor allem nach der Wende 1989, erheblich nach rechts verlagert. Das bedeutet nicht, daß man dieses Magazin als ein strikt konservatives Organ charakterisieren könnte; im Spiegel kommt die gesamte Bandbreite der hegemonialen politischen Positionen der Bundesrepublik zur Geltung.  

Alle Meldungen, Nachrichten, Berichte, Kommentare, die in diesen Zeitungen in der Zeit vom 1. Juli bis zum 31. September 1997 zu finden waren und die sich auf kriminelle Delikte bezogen, wurden von uns archiviert. Dabei haben wir uns auf die Straftaten beschränkt, die in Deutschland begangen wurden.  

Nach ihrer Archivierung wurden Artikel systematisch erfaßt und zu einem Dossier zusammengestellt, das die Grundlage der weiteren Analyse bildete. Um sich die diskursive Wirkung insgesamt vergegenwärtigen zu können, mußte sowohl der allgemeine diskursive Kontext, insbesondere der Diskurs über EinwanderInnen und Flüchtlinge, als auch der engere Kontext, der vor allem in der aktuell laufenden Kriminalitätsdebatte besteht, berücksichtigt werden. Denn in diesen diskursiven Kontext sind die Artikel hineingeschrieben worden, und in diesem Kontext entfalten sie ihre diskursiven Effekte.  

Inländische und  ausländische Kriminelle in den Printmedien  
Wie werden inländische Täter markiert und charakterisiert?  

Wir haben 1 565 Artikel erfaßt. Etwa die Hälfte der in Tageszeitungen gefundenen Texte zu kriminellen Handlungen enthält Markierungen, die die (z.T. mutmaßlichen) Täter hinsichtlich ihrer nationalen Zugehörigkeit kennzeichnen. Bei allen analysierten Zeitungen (bzw. der Zeitschrift) sticht eine Auffälligkeit ins Auge: In den Inländer-Artikeln ist nur ganz selten die Rede von "Deutschen"; der Verweis auf die deutsche Nationalität wird nicht expliziert, sondern geschieht in der Regel durch Namens- und/oder Berufsnennungen. Dabei besteht eine leichte Tendenz, deutsche Straftäter in Verbindung mit nur einem einzelnen konkreten Delikt zu markieren.  

Die Darstellung deutscher Straftäter zeichnet sich zudem insgesamt dadurch aus, daß im allgemeinen der Personenschutz gewahrt bleibt. Sofern es sich nicht um Personen handelt, die der Öffentlichkeit bereits bekannt sind, werden die Straftäter mit Namenskürzel, Beruf (und Alter) formal charakterisiert. Die Täter werden als handelnde Subjekte dargestellt, die für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden können.  

Dabei wird vielfach der Versuch unternommen, die Beweggründe, die hinter ihren Taten stehen, zu hinterfragen, um eventuelle Resozialisierungen als erfolgreiche Strategie zu ermöglichen. Allein im Fall der Sexualstraftäter und auch bei rechtsextremen Straftaten ist dieses Verständnis nicht zu finden. In diesen Bereichen läßt sich beobachten, daß die Täter als krank und "anormal" aus der Gesellschaft ausgegliedert werden.  

Wie werden ausländische Täter markiert und charakterisiert?  

Ausländische Straftäter werden deutlich deftiger behandelt: Zumeist erfolgt der Hinweis auf ihren Status dadurch, daß ihre Nationalität und/oder ihre Herkunft direkt angesprochen werden. Weitere Markierungen erfolgen durch Beschreibungen ihres Aussehens und/ oder der Bemängelung ihrer Sprachkenntnisse. Auch durch ausländisch klingende Namen wird in der Regel auf die Herkunft hingewiesen.  

Die angeführten Straftaten sind meist als viel brutaler und gefährlicher dargestellt als die der deutschen Täter. Außerdem werden ausländische Straftäter oftmals bezichtigt, das deutsche Sozialsystem zu mißbrauchen. Aufgrund des häufigen Einsatzes von Fotos ist es nicht unbedingt immer notwendig, die Nationalität der Täter eigens zu nennen. Bilder von "fremd" aussehenden Personen verweisen von sich aus auf ihre nichtdeutsche Herkunft.  

Bei den Berichten erhalten ausländische Täter (im Unterschied zu deutschen) nur ganz selten eine Stimme, indem sie z.B. wörtlich zitiert werden. Es wird wenig(er) über ihre Beweggründe, die zu der Straftat führten, berichtet. In aller Regel wird die Perspektive des Gerichts und der Polizei eingenommen.  

Vor allem in den Gerichtsreportagen (besonders in der WAZ) macht sich noch ein weiterer Unterschied geltend: Während bei deutschen häufig betont wird, sie hätten ein "umfassendes Geständnis" abgelegt, fehlen bei den ausländischen Straftätern solche Hinweise. Dies suggeriert mitunter die Vorstellung, daß sie sich dem deutschen (Rechts-) System nicht anpassen können oder wollen.  

Neben der Ausgrenzung als Straftäter durch eine tendenzielle Pathologisierung verweist vor allem die Bild-Zeitung bei ihrer Berichterstattung immer wieder darauf, daß die Straftaten häufig in Zusammenhang mit binationalen Partnerschaften entstünden. Auf diese Weise werden gleichzeitig alle solche Lebensgemeinschaften in die Nähe krimineller Delikte gerückt. Dies steht in der Tradition der Verdammung sogenannter "Mischehen".  

Allen untersuchten Zeitungen gemeinsam ist die auffallende Tendenz, ausländischen Tätern mehrere Delikte zuzuordnen. So wird nicht nur häufig betont, daß sie sich gleichzeitig wegen einer weiteren Straftat zu verantworten haben. Diese Straftaten werden - im Unterschied zu denen deutscher Straftäter - durch lange Aneinanderreihungen besonders hervorgehoben. Zudem werden Ausländer häufig mit sogenannter Organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht, die sich in Deutschland ausbreite. Durch diese Verbindung werden von Ausländern begangene Straftaten als gefährlicher und brutaler als die deutscher Täter imaginiert.  

In der FR findet eine feste Kopplung von ausländischen Straftätern mit Drogen-, Schmuggel- und Bandenkriminalität statt. Auch im Spiegel sind Ausländer vielfach in Delikte verwickelt, die sich der sogenannten Organisierten Kriminalität zuschreiben lassen. Die RP stellt ausländische Täter häufig in Verbindung mit Drogenkriminalität dar, die zudem noch mit Schmuggelgeschäften verknüpft ist. Die Hervorhebung der Täter als Ausländer läßt sie als Außenstehende erscheinen; sie gehören eben wegen ihrer "fremden" Nationalität nicht zur deutschen Gesellschaft.  

In allen Artikeln wird bei der Veranschaulichung dieser Situation auf das System kollektiver Symbolik rekurriert, indem die Innenwelt (= Deutschland) als geordneter Zusammenhang und die Außenwelt als bedrohliches Chaos, das Unordnung und Krankheit in sich birgt, imaginiert wird.  

All das hat zur Folge, daß sich in der Bevölkerung der Eindruck herstellt und verfestigt, von Ausländern gehe eine besondere Gefährdung der deutschen Gesellschaft aus. Es entsteht der Eindruck: In ihrer Zerstörungswut gehen sie - anders als "normale" Straftäter - organisiert vor. Auf diese Weise wird das gut bestellte "deutsche Haus" einer Bedrohung von "außen" ausgesetzt. Dabei wirkt besonders bedrohlich, daß sich die "Feinde" offenbar bereits auf deutschem Boden aufhalten, in unser Inneres eingedrungen sind und dort ihr Unwesen treiben.  

Die Konsequenz einer solchen Bedrohung ist also nicht nur, daß die Grenzen geschlossen werden müssen, um ein mögliches Eindringen weiterer Straftäter zu verhindern. Vor dem Hintergrund der Debatte um die Innere Sicherheit und die sogenannte Ausländerkriminalität ruft eine solche Darstellung auch die Forderung nach schärferen Ausweisungsbestimmungen hervor.  

Der kulturelle Hintergrund als Ursache eines Verbrechens: Analyse eines komplexen Textes  

Wir möchten nun ein Beispiel darstellen, das besonders sorgfältiger Analyse bedarf. Im untenstehenden Artikel aus der FR vom 4. September 1997 ist die Mühe festzustellen, kulturelle und psychische Hintergründe eines Verbrechens sichtbar zu machen und damit zum Verstehen der Tat und des Täters beizutragen.  

Völlig unverblümt wird der Angeklagte als ein Einwanderer markiert, der sich auch nach 30 Jahren nicht "an die hiesige Lebensweise" gewöhnt habe. Der Mann aus Anatolien könne kaum Deutsch; Deutschland sei ihm fremd geblieben, er handele weiterhin nach den Sitten und Gebräuchen seiner Heimat. Die Ehre eines Mannes sei für ihn ein überaus hohes Gut, dessen Verletzung unter keinen Umständen hingenommen werden dürfe.  

Für den Autor ist eine solche Denk- und Handlungsweise in ihrer "Bedingungslosigkeit und Radikalität" "befremdend" und sogar "archaisch". Er weiß sich mit den Kindern des Mannes darin einig, daß das Ereignis, das den Angeklagten zum Straftäter werden ließ, eine tatsächliche oder auch nur vermeintliche Denunziation, "eine Lappalie" sei. Die Tat des Angeklagten ist von daher kaum zu verstehen.  

So weit wäre dieser Artikel ein ziemlich "normales" Beispiel für eine mediale Berichterstattung über Mord- und Totschlag, begangen durch einen Einwanderer. Und wäre es damit getan, müßte auch dieser Darstellung vorgehalten werden, daß sie ziemlich unmittelbar den vorhandenen rassistisch unterfütterten Diskurs über Einwanderung stärkt.  

Doch der Artikel endet hier nicht. Möglicherweise ahnt der Verfasser die fatalen Auswirkungen einer solchen Darstellung. Auf jeden Fall bemüht er sich im folgenden um eine präzise Schilderung der Tat und ihrer Vorgeschichte; er versucht, das Handeln des Mannes verständlich zu machen oder zumindest doch zu erklären. Neben der Würdigung der Herkunft und der damit verbundenen Traditionsgebundenheit des Täters befaßt sich der Autor ausführlich vor allem mit der psychischen Situation, die er allerdings allein in den Zusammenhang mit der Herkunftsgebundeneit stellt.  

Ausführlich wird das psychiatrische Gutachten zitiert, in dem die Tat als "Folge einer typisch wahnhaften Verengung des Bewußtseins mit paranoiden Zügen" bezeichnet wird. Der Täter habe an einer tiefgreifenden "Bewußtseinsstörung" und seelischer "Abartigkeit" gelitten. So kommt man zunächst zu dem Ergebnis: Ein Verständnis für die Tat und die Beweggründe des Täters sind nur dadurch zu erzielen gewesen, daß auf die ausländische Herkunft des Täters zuvor aufmerksam gemacht wurde.  

Dem Unbehagen, das uns trotzdem bei der Lektüre beschleicht, den Gründen dafür, weshalb unterm Strich das Gefühl übrigbleibt, wir hätten es hier mit fremdartigen und dazu noch brutalen Einwanderungskulturen zu tun, soll im folgenden nachgegangen werden.  

Zunächst ist festzuhalten: Die kulturelle und herkunftsbezogene Andersartigkeit des Mannes wird sehr deutlich als Hintergrundfolie für seine Tat herausgestellt. Die Tat selbst wird ausführlich geschildert. Der Artikel ist an prominenter Stelle der Zeitung gedruckt. All diese Faktoren weisen darauf hin, daß er geeignet ist, den bereits vorhandenen rassistisch geprägten Einwanderungsdiskurs zu verfestigen und in besonderer Weise zu akzentuieren, denn die Tat ist so blutig und brutal ausgeführt und - wie gesagt - in diesem Artikel so drastisch geschildert worden, daß sich die Leserinnen und Leser nur voll Abscheu abwenden können.  

Die Versuche, Ursache und Motive der Tat mit dem kulturellen Hintergrund zu erklären, dürften kaum verhindern, daß der Täter als gefährlicher, von archaisch-befremdlichen Motiven geleiteter ausländischer Verbrecher angesehen wird, womit er auch seine Landsleute in Mitleidenschaft zieht. Es entsteht das Gefühl: So etwas ist nicht integrierbar, das ist abartig und fremd.  

Das fängt bereits in den Überschriften an. Für sie muß der Verfasser des Artikels zwar nicht unbedingt verantwortlich sein; hinsichtlich der Wirkung auf die Leserschaft ist dies jedoch irrelevant. Die Tatwaffen Pistole und Messer werden kraß hervorgehoben; das Motiv der Ehrenrettung wird ins Zentrum gerückt. Damit wird bei den meisten Deutschen ein Gefühl von Andersartigkeit geweckt und das Klischee bedient, nach dem Türken einen anderen und vor allem völlig überzogenen Ehrbegriff haben. Die Unterzeile zielt sensationslüstern auf Sex und Crime.  

Nach dieser Einstimmung beginnt der Text mit seiner kulturalistischen Schilderung des Täters, die im Lichte dieser Überschrift zu betrachten ist: Man weiß ja bereits, was kommen wird; die in den Überschriften angespielte grausame Tat wird sofort mit der archaischen Herkunft des Täters assoziiert.  

Der Anlaß der Tat wird - wie bereits betont - als "kaum mehr als eine Lappalie" bezeichnet. Diese Formulierung konterkariert das Bemühen des Verfassers, Verständnis für die Motive des Täters zu erzeugen, und führt dazu, daß sowohl die Darstellung des kulturellen Hintergrundes wie auch die der psychischen Situation des Täters nicht sehr überzeugend ausfällt. Der Leser/ die Leserin kann geradezu nicht umhin, sich zu fragen, wie man sich wegen einer solchen Lappalie so grausam und brutal verhalten könne.  

Für den Mann kann das Ereignis offensichtlich keine Lappalie gewesen sein, sondern es trieb ihn zum Wahnsinn, und das Geschehen kann wohl zu Recht als eine Tragödie bezeichnet werden. Sie als solche darzustellen, nur das würde dem Täter menschlich gerecht werden, ohne daß die Tat selbst dadurch entschuldigt würde.  

Hier zeigt sich die Neigung, eigene Maßstäbe für normal und sakrosankt zu halten: daß uns eine Ehrverletzung zum Wahnsinn und zu einer Wahnsinnstat verleiten könnte, ist für uns kaum nachvollziehbar.  

Vor diesem Hintergrund erscheint es ausgesprochen problematisch, die türkische Herkunft bzw. die daran gekoppelte Traditionsgebundenheit als das eigentliche Problem der psychischen Krankheit des Täters zu akzeptieren. In dem psychiatrischen Gutachten ist davon nichts notiert - zumindest wird es im Artikel nicht ausgebreitet. Allein durch die Verteidigungsstrategie des Anwalts wird dieser Zusammenhang in den Artikel eingebracht bzw. nahegelegt und vom Verfasser offensichtlich geteilt, was er auch dadurch zum Ausdruck bringt, daß er den Anwalt als einen "renommierten Strafverteidiger" charakterisiert.  

Psychische Krankheiten entstehen wohl in der Regel aus den spezifischen Faktoren, die die Kranken in ihrer persönlichen Umgebung und ihrer persönlichen Geschichte zu verarbeiten haben. Das ist bei Deutschen so, das ist natürlich auch bei Einwanderern so. Das Problem liegt aber wohl in erster Linie an der psychischen Krankheit, das heißt, an den Gegebenheiten der sozialen Umgebung, die ein Ausleben von Drucksituationen unmöglich machen. Auf diesen Gesichtspunkt lenkt der Autor seine Aufmerksamkeit jedoch nicht. Damit läßt er die Gelegenheit aus, z.B. über die speziellen Probleme von Einwanderern in einem Klima, in dem ihre Anwesenheit ständig als Problem angesehen wird, zu reflektieren.  

Hier wird die Problematik der Berichterstattung über ausländische Straftäter allerdings in vollem Ausmaß sichtbar: Der Autor ist um Vermeidung rassistischer Vorurteile redlich bemüht. Dennoch nährt er den rassistisch aufgeladenen Diskurs, weil er primär und ohne wirkliches Verstehen des kulturellen Hintergrunds des Täters diesen Hintergrund als Motivkomplex für die Tat interpretiert und nicht dessen psychische Situation. Zu dem Schluß, daß es sich hier um eine ganz "normale" Paranoia eines frustrierten Kleinbürgers handelt, konnte er sich nicht durchringen.  

In Fällen wie dem vorliegenden wäre es auf jeden Fall erforderlich gewesen, den Vergleich zu deutschen psychisch kranken Straftätern zu ziehen, die ja auch einen jeweils spezifischen persönlichen Hintergrund haben. Damit wäre die Blickrichtung des Artikels verändert worden. Darüber hinaus hätte es ihm gutgetan, wenn die Einwanderersituation als persönlicher Hintergrund der Tat in der Weise problematisiert worden wäre, daß die Umgebung des Mannes schließlich 30 Jahre lang seine Isolierung zugelassen hat. Damit würde der Täter nicht als eigenständiges Subjekt geleugnet, doch die Einwanderungsgesellschaft wäre auf diese Weise ebenso in die Verantwortung genommen worden - wie dies in der Regel ja auch geschieht, wenn bei jugendlichen deutschen Straftätern auf das Elternhaus verwiesen wird.  

Daß der Verfasser sich bei einer solchen Perspektivierung in die Gefahr begeben hätte, nunmehr wiederum psychisch Kranke als tendenziell und latent Straffällige zu diskriminieren, soll hier nicht verschwiegen werden. Dieser Gefahr hätte er jedoch mit einem kurzen Hinweis auf diese falsche Lesart begegnen können. Dennoch weist dieser Einwand auf das "diskursive Getümmel" hin, in das sich Journalisten und Journalistinnen in ihrer Arbeit immer begeben und deren Effekte oft schwer kontrollierbar sind.  

Die Verschränkung des Einwanderungsdiskurses mit anderen Diskursen, hier beispielhaft vorgestellt an der Verschränkung mit dem Diskurs der Inneren Sicherheit, führt in der Regel zu fatalen Effekten. Hier erreicht sie, daß sich in der Bevölkerung eine Kriminalitätsfurcht einstellt, die erstens mit der realen Situation nicht in Verbindung gebracht werden kann und die zweitens zu einer engen Assoziation von "Ausländern" und Kriminalität" führt und damit Rassismus schürt. 

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