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  04. November 1998 Jungle World
 

Feuilleton Nachrichten

Ein Pen 

Acht Jahre später: Die Ost- und Westverbände des Pen haben sich vereinigt, jetzt ganz offiziell in Dresden. Mit der vollzogenen Fusion fällt zwar das Top-Gesprächsthema der Organisation weg, dennoch verteidigten die Schriftsteller auf der ersten gemeinsamen Tagung am vergangenen Wochenende in Darmstadt ihre Rolle als gesellschaftliche Avantgarde, z.B. mit Debatten über eine neue Nationalhymne. Sollte nicht zukünftig die "Kinderhymne" von Brecht abgespielt werden? Dafür plädierte der Publizist Otto Köhler. "Glossen zu Brechts Wendungen und holprige Stegreifverse belustigten die Versammlungen, bis der Antrag zurückgezogen wurde." (Berliner Zeitung) Damit's auch lustig bleibt, wählten die Autoren den Schriftsteller Christoph Hein zu ihrem Präsidenten. Der aus der DDR stammende Autor hatte erst kürzlich bewiesen, daß er dem diesjährigen Friedenpreisträger Martin Walser dicht auf den Fersen ist, als er den Versailler Vertrag als ein Diktat bezeichnete, das "schädlich und demütigend" gewesen sei. Hein wurde von den Delegierten in Dresden ohne Gegenstimme zum Präsidenten des gemeinsamen Pen gewählt. Eine Spätfolge von Versailles? 

Zwei Gotteshäuser 

Der Wiederaufbau von Synagogen wurde in der Bundesrepublik durch Subventionen der jeweiligen Bundesländer finanziert. Anders in Sachsen: Hundert Jahre lang, von 1838 bis zum 9. November 1938, gab es in der dortigen Landeshauptstadt Dresden ein jüdisches Gotteshaus, das der Stadt berühmtester Baumeister Gottfried Semper errichtet hatte. Dank des Zuzugs aus Osteuropa gibt es mittlerweile auch wieder eine 200 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde, die darauf hofft, daß der Sakralbau an den Brühlschen Terrassen neu erstehen kann. Immerhin ist Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) Schirmherr einer Aktion für den Wiederaufbau der Synagoge. 

Falsch gehofft. "Im Moment" könne er sich nicht vorstellen, daß Sachsen eine volle Finanzierungszusage für den Wiederaufbau der Synagoge gibt, sagte Biedenkopf-Sprecher Michael Sagurna der Süddeutschen Zeitung. Die Regierung sehe den Wiederaufbau als "eine Bürgeraktion", die ähnlich wie bei der Dresdner Frauenkirche stark durch Spenden unterstützt werden solle. Die im Februar 1945 von alliierten Bombern zerstörte Frauenkirche - Baukosten: 250 Millionen Mark - wird voraussichtlich 2006 fertiggestellt werden. Der Wiederaufbau der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge soll 20 Millionen kosten. Auf dem Spendenkonto sind bislang 600 000 Mark eingegangen. 

Am 9. November will man einen ersten Spatenstich tun Ñ aber nur symbolisch: Zum Weiterbauen wird's wohl bis 2006 nicht reichen. 

Kultur ist in 

Nachdem Deutschland seit vergangener Woche sogar einen Staatminister für Kultur hat, kann auch das Parlament nicht mehr widerstehen: Kultur ist schön, ein Bundestagsausschuß für Kultur muß her. Weil ein Ausschuß, der keine Gesetze macht, sein Geld nicht wert ist, haben findige Leute wie Antje Vollmer, die nebenbei auch die Kulturpolitikerin der Grünen ist, bereits fleißig Gesetze gesammelt, die der Kulturausschuß machen könnte. Frau Vollmer nennt unter anderem ein neues Stiftungsrecht, Korrekturen an der Besteuerung ausländischer Künstler sowie eine Reform der Künstlersozialkasse. Und in den Pausen gibt's dann immer Sekt. 

Auf den allgemeinen Trend zur Kultur reagiert auch die Führungsspitze der Bundeswehr. "Mit Pauken und Trompeten" wird künftig nicht mehr Rotland massakriert, sondern "die Welt der Militärmusik" bereist (am 8. November im Großen Sendesaal des SFB zu Berlin). Solist am "Piano": Hartmut Bagger, der Generalinspekteur der Bundeswehr höchstselbst. 

Datenfreier Sonntag 

Da soll noch einer behaupten, das Internet sei unpolitisch und fördere die Vereinsamung. Am vergangenen Sonntag schritten die Surfer zur gemeinsamen Aktion: Der erste Streik im deutschen Cyberspace. DarkBreed e.V. hatte aufgerufen, es der Telekom mal so richtig zu zeigen: "Jetzt ist die Zeit gekommen, ein Zeichen zu setzen, und dem 'Riesen Telekom' mal zu zeigen, daß wir eine Gemeinschaft sind, mit der sie nicht ewig machen kann, was sie will." Wenn alle deutschen Internetsurfer sich den Streik-Sonntag offline vertreiben würden, so rechnete der Verein vor, würden der Telekom 10,2 Millionen Mark entgehen. Ziel der Aktion: "Es muß modernen Menschen möglich gemacht werden, dieses Medium ohne übermäßige Kosten zu nutzen." 

Vorbild für den Streikaufruf war eine ähnliche Aktion in Spanien. Dort wurden nach dem Streik eine angekündigte Preiserhöhung teilweise wieder zurückgenommen. 

Kein Regierungsstern 

Verboten ist es, zu behaupten, der stern werde mit dem Regierungswechsel "eher zu einem Regierungsorgan". Das entschied das Hamburger Landgericht in einer Einstweiligen Verfügung gegen Focus-Chefredakteur Helmut Markwort. Erlaubt ist dagegen (noch) die Behauptung, die taz bewerbe sich täglich um den Posten des grün-roten Regierungsorgans. 

Pin für Tits 

Gute Nachrichten für die Liebhaber von Sex und Gewalt: Demnächst können wir auf Pay-TV unsere Lieblingsprogramme auch tagsüber ansehen. Möglich macht's eine vierstellige Codenummer, die verhindern soll, daß Kinder die noch nicht für sie gedachten Programme zu sehen kriegen. "Das ist ein großer Fortschritt, wenn's denn so funktioniert", lobte Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, nachdem ihm der der Verband der privaten Fernsehsender das System vorgestellt hatte. Und wenn's denn nicht so funktioniert, dann haben die Kleinen wenigstens etwas gelernt, was ihnen künftig am Geldautomaten gute Dienste erweisen kann. 

Naddel 

Nadja "Naddel" Farrag, deren zehnjährige Lebensgemeinschaft mit Dieter Bohlen nur durch dessen Intermezzo mit Verona Feldbusch unterbrochen wurde, zieht sich zur Zeit für den Playboy aus. Bohlen: "Bei ihr stimmt einfach alles. Sie ist intelligent, hat Charakter - und einen wunderschönen Körper." Die "Halbsudanesin" (Bild am Sonntag), die für das Shooting 120 000 Mark kriegt: "Ich mußte nicht lange überlegen. Playboy-Fotos sind immer sehr ästhetisch." 

  •  Die Nachrichten wurden von Dietl, Muggenthaler und Runge zusammengestellt 
 
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