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Der Held im Spannungsfeld
Staatsminister Ludger Volmer ist schuld,
daß es die Grünen noch gibt.
Von Ralf Schröder
Regierungsfähigkeit als Buchstabensuppe:
"Am ehesten objektivierbar ist der Begriff als exekutive Handlungsfähigkeit
im komplexen Spannungsfeld von programmatischen Eigenansprüchen, divergenten
Lobbyforderungen, öffentlicher Meinung, Resonanz des Auslandes, rechtlichen,
institutionellen und finanziellen Rahmenbedingungen."
So schreibt ein grüner Staatsminister
im Auswärtigen Amt wenige Wochen vor seinem Amtsantritt. Er redet
auch so präzise: Als seine Fraktionskameraden jüngst mit der
Regierung und gegen jedes international geltende Recht beschlossen, die
völkisch motivierten Banden der albanischen UCK in ihrem Kampf um
einen selbstverwalteten Staat gegen die jugoslawische Regierung mit Kampfbombern
zu unterstützen, sagte der (künftige) Staatsminister dem Nachrichtenmagazin
Spiegel: "Ich habe dem nicht zugestimmt. Die anderen haben zugestimmt,
um den Druck auf Milosevic nicht zu unterlaufen." Aha, die anderen: Wer
Ludger Volmer nun aufforderte, aus dieser unappetitlichen Truppe zu desertieren,
bekäme den Vogel gezeigt. Andere Walzer sind zu tanzen: "Internationale
Zivilgesellschaft"!
"Bündnis 90/Die Grünen haben
immer wieder betont, daß Entmilitarisierung mit der Zivilisierung
internationaler Beziehungen Hand in Hand gehen müsse. Dies ist kein
Allgemeinplatz, sondern bedeutet, daß militärische Strukturen
so weit und nur so weit abgebaut werden können, als zivile Funktionsäquivalente
entstehen." Das erste ist, nah an der Tautologie, ein Allgemeinplatz, das
zweite einfach Unfug, selbst wenn man grün denkt. Alt ist das alles.
Aber wer ist Volmer?
Volmer wurde immer so etwas wie mitleidende
Sympathie entgegengebracht. Diese Sympathie kam von links und salutierte
der Hartnäckigkeit, mit der Volmer die nach rechts driftenden Parteigenossen
Joseph Fischer und Cohn-Bendit aufhalten wollte. Die Sympathie war nicht
angebracht. Hätte Volmer den - mit Verlaub - Arschlöchern beizeiten
einen Tritt gegeben und wäre mit seinem Anhang einen trinken gegangen:
Die grüne Partei wäre kaputt gegangen. Wahrscheinlich. Das jedenfalls
deutet Volmer in seinem Buch "Die Grünen und die Außenpolitik
- ein schwieriges Verhältnis" an.
Statt "praktizierender Partei- und Außenpolitiker"
zu bleiben, hätte der gelernte Sozialwissenschaftler auch als solcher
sein Geld verdienen können. Das beweist sein Buch, das er allerdings
nicht geschrieben hat, um Geld zu verdienen, sondern um der Politikwissenschaft
zu demonstrieren, daß die Grünen in Methode und Jargon auf Augenhöhe
der korruptesten Wissenschaft des akademischen Betriebes und deshalb ernst
zu nehmen sind.
In unsicheren Zeiten oder wenn sich die
Bedingungen marktwirtschaftlicher Expansion anderweitig ändern, haben
Politologen - ob "Kampf der Kulturen", "Weltinnenpolitik" oder "Multipolare
Weltordnung" - für jedes Bedürfnis eine passende neue Theorie
bereit. Das nennt sich dann laut Volmer "Fachkontroverse" oder "Denkschule".
Der Staatsminister beweist aber nicht nur, daß er so ziemlich alle
Denkschulen kennt und bei Bedarf besuchen kann, er beherrscht auch jede
Menge wissenschaftlich klingender Begriffe, die das Lesevergnügen
steigern wie "Stringenzpostulat", "Realitätsadäquanz", "Konstituierungsphasen",
"Problemzusammenhänge", "Lernerfahrungen" und "Strukturierungsversuche".
Das geht so über 649 Seiten, aber,
wie gesagt, das hätte nicht sein müssen: Volmer hat die Partei
- nach eigenem Bekunden - zweimal freiwillig gerettet: Im April 1990 war
Parteitag in Hagen, und der Streit zwischen den Flügeln der Grünen
hatte sich aufs äußerste zugespitzt. Die Realos hatten sich
um die sogenannten Bürgerrechtler aus der DDR verstärkt, Spaltungen
drohten. In der "Entscheidungsschlacht" (Volmer) legte der heutige Staatsminister
einen Antrag vor: Dieser "lehnte eine Zusammenarbeit mit der PDS ab, beharrte
aber darauf, daß die humanistischen Gehalte und die Kapitalismuskritik
der sozialistischen Ideenwelt konstitutiven Wert für die Grünen
behalten sollen". Gesäusel, das Ebermann, Trampert und andere Linke
zum Parteiaustritt veranlaßte.
Zwölf Monate später, die Grünen
waren mittlerweile aus dem Bundestag geflogen, rüstete sich die Partei
schon wieder zur "finalen Auseinandersetzung" (Volmer). Die Realpolitiker
schoben mit geballter Unterstützung der Medien der Parteilinken die
Schuld für die Wahlniederlage zu, "die verbliebenen Radikalökologen
um Jutta Ditfurth beklagten larmoyant ihr Schicksal, durch die Realo-Offensive
(Ö) ausgegrenzt zu werden". Wieder drohte die Spaltung. Volmers Stunde:
Im Vorfeld der Bundesdelegiertenkonferenz in Neumünster war in ihm
die Erkenntnis gereift, "daß die Grünen keine reine Linkspartei
seien". Auf der Konferenz selbst gab es eine klare Mehrheit für die
von Volmer als Grundsatzpapier verfaßte "Kieler Erklärung" der
"gemäßigten Linken". Dennoch zog sich der heutige Staatsminister
mit dem Realo-Strategen Fritz Kuhn "zu mehrstündigen Verhandlungen
zurück".
Man erarbeitete ein auch für die Realos
akzeptables Papier und: "Die Operation gelang." 80 Prozent der Delegierten
stimmten dem Kompromiß zu. Unmittelbar nach der Abstimmung kam es
zu einem der schönsten Momente der neuzeitlichen Parteiengeschichte:
"Während die oberflächlich betrachtende Presse tumultartige Szenen
im Saal als Beweis für den endgültigen Niedergang der Partei
wertete, fand in Wirklichkeit das Gegenteil statt: Die Partei konstituierte
sich neu. Die Tumulte waren nur Ausdruck der finalen Krise der Flügelexponenten,
die ihrer Bedeutungslosigkeit entgegensahen."
Jutta Ditfurth, nach Volmer Exponentin
der Linksradikalen, verließ zwei Wochen später die Partei. Antje
Vollmer, nach Ludger Volmer am anderen Rand zuhause, wurde später
grüne Vizepräsidentin des Bundestages und ist aus dieser Bedeutungslosigkeit
bis jetzt nicht wieder aufgetaucht.
Volmer faßt das alles heute so zusammen:
"Diese Strategie lief nicht auf Spaltung in der Mitte hinaus, sondern darauf,
das Gros der Partei zu erhalten und die Extrempositionen abzusplittern."
Eine Art parteiinternerer Verfassungsschutz also, notwendig für eine
Formation, die es zur Vollwert-Partei bringen will: Folgt man Volmers Teleologie,
dann war die bisherige Geschichte der Grünen vor allem eine Geschichte
des Kampfes gegen eigene Defizite.
Was ehemals von üblen Reaktionären
zu Unrecht gegen die Grünen vorgebracht wurde, bestätigt jetzt
rückblickend die gemäßigte Linke. Ausschließlich
negierende Kritik, so Volmer, sei "als politische Haltung nicht illegitim,
wenn sie als notwendiges und unvermeidliches Durchgangsstadium begriffen
wird, dem konzeptionelle Arbeit an positiven Alternativen folgt". So konjugiert
sich Volmer - mal Vati der Partei, mal pflichtbewußter Parteisoldat
- mit Hilfe etablierter politikwissenschaftlicher Kategorien wie "Handlungsfähigkeit",
"Geschlossenheit", "Gestaltungskraft" die Parteigeschichte zurecht, um
hier zu stranden: Es sei "evident", daß "eine innerparteiliche Konvergenz"
nur auf der Basis der Strömungen entstehen könne, "die als politischer
Pazifismus beschrieben wurde".
Der politische Pazifismus ist kein Programm,
sondern eine Haltung für Leute ohne Rückgrat. Er ist so verlogen,
daß die Lüge kein Kriterium und kein Gegenteil findet. Niemand
kann die Flexibilität des politischen Pazifismus so gut beschreiben
wie sein Erfinder Volmer: "Programmatische Radikalität mit der Bereitschaft
zum Pragmatismus bei der Durchsetzung verbinden." Oder: "Pragmatismus unter
grundsätzlicher Beibehaltung der eigenen Perspektive." Oder: Die "gradualistische
Verflüssigung" der "eigenen Positionen" gegen den "Maximalismus" der
"Radikalpazifisten". Ins wirkliche Leben übersetzt: Wird der politische
Pazifist und künftige Staatsminister Volmer vom Spiegel nach dem geplanten
Bombardement gegen die Serben gefragt, antwortet er: "Aber wir können
nicht, weil die Welt so kompliziert ist, sagen: Wir verzichten auf den
Anspruch mitzuregieren. Wir sind da in einem Dilemma, das ist offensichtlich."
Das Dilemma aber ist nicht Ausnahme, sondern Existenzweise für einen
autoritären Zwangscharakter, der nur eines will: Wichtig sein, und
das mit gutem Gewissen.
Solche Gestalten wollen sich ihr Wohlbefinden,
das vom Sadismus militärischer Vernichtungsdrohung mitgespeist wird,
dann auch von höchster Stelle vergüten lassen. So suchen dann
die flexibelsten Opportunisten kapitalistischen Weltordnens ausgerechnet
bei ihrem entschiedensten Kritiker um Bestätigung nach: "Theodor Adorno",
so Volmer, "hatte in seiner Dialektik der Aufklärung herausgearbeitet,
daß bei aller Rationalität Gewaltförmigkeit nicht auszuschließen
sei."
Muß aber, wer in einem einzigen Satz
überzeugend darlegen kann, daß er nichts verstanden hat, gleich
noch obszön werden? "Die Wortführer grüner Realpolitik orientieren
sich eher an der Frankfurter Schule um Adorno. Die unmittelbare Einbindung
in deren Diskurse wie die Dialoge mit der aktiven jüdischen Gemeinde
in Frankfurt rückten für sie die Frage ins Zentrum, wie ein zweites
Auschwitz zu verhindern sei (Ö). Ein zweites Auschwitz verhindern
zu wollen, erforderte das Bekenntnis,
im Notfall auch Gewalt anwenden zu müssen.
Eine Welt zu schaffen, in der Auschwitz nicht mehr vorkommen kann, erforderte
demgegenüber die Abschaffung aller gewaltförmigen Mechanismen."
Kein Zweifel: Effektiver wäre es, die Deutschen und ihre Staatsminister
unter Aufsicht zu stellen.
Ludger Volmer: Die Grünen und die
Außenpolitik - ein schwieriges
Verhältnis. Westfälisches
Dampfboot, Münster 1998, 649 S., DM 68 |