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  04. November 1998 Jungle World
 

Arbeit & Kapital Nachrichten

Hillary von der Saar 

Jetzt legt sie los, die Hillary von der Saar, die "Schattenfrau des Schattenmanns" (Berliner Morgenpost). Christa Müller ist nicht nur die Gattin von Finanzminister Oskar Lafontaine, sondern auch dessen "wichtigste Beraterin". Die studierte Volks- und Betriebswirtin hatte zuerst in der EG-Kommission in Brüssel und als Oberregierungsrätin in Hessen gearbeitet, bevor sie Angestellte im SPD-Vorstand wurde. Gemeinsam mit ihrem Ehemann hat sie im Frühjahr das Buch "Keine Angst vor der Globalisierung" vorgelegt, eine Art vorgezogene Regierungserklärung der Lafontaines. Vermutlich gehen wesentliche Teile des großen Werks auf ihre Kappe. Von Wirtschaft habe sie keine Ahnung, nur von "Wirtschaftswissenschaften", warnt Bild am Sonntag. 

Fürst Tietmeyer 

Christa Müller hat es gewagt, die heilige Kuh der Monetaristen zu bedrohen: die Unabhängigkeit der Notenbanken. "Wir haben einen demokratischen Staat, und da muß es bei einem Gremium, das sehr viel Macht hat, eine Kontrolle geben", forderte Müller mit Blick auf Bundes- und Europäischer Zentralbank. In ähnlicher Weise äußerte sich Lafontaines neuer Staatssekretär Claus Noé: "Nur wer sich für unfehlbar hält, kann glauben, daß der öffentliche Diskurs nicht der Erkenntnis dient." Im Gegensatz beispielsweise zur US-Notenbank hält die Bundesbank ihre Sitzungsprotokolle geheim. Außerdem warf Noé dem Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer ein feudalistisches Politikverständnis vor; dieser hat kürzlich den Euro zu einem "entpolitisierten Geld" erklärt. Die Lafontaines sind seit einigen Zeit damit beschäftigt, die Notenbankiers mit der Forderung nach einer Zinssenkung zu ärgern. 

Was bringt uns der Euro, Herr Lagerfeld? 

"Freuen Sie sich auf den Euro?" fragt das Petra-Team, und Karl Lagerfeld antwortet: "Es wird Länder geben, die einen starken Euro nicht verdienen. Wenn sie zahlreich sind, kann es schlecht um den Euro stehen. Manche Länder müssen mehr arbeiten für die, die fauler oder unfähig sind, denn sonst werden alle darunter leiden." Lagerfeld ist führender Modemacher in Europa. Petra ist das Fachmagazin für die semimoderne Frau. 

Neuer Sack-Bahnhof 

Nun ist es also soweit: Für den seit Wochen unter Beschuß geratenen Bahn-Chef Johannes Ludewig (Jungle World, Nr. 44/98) ist Ersatz gefunden. Diethelm Sack, bislang zuständig für Finanzen und Controlling im Vorstand der Deutschen Bahn AG, soll zunächst als kommissarischer Bahnchef fungieren. Bei der Sitzung des Aufsichtsrates am 2. Dezember gilt die Wahl Sacks zum Vorstandsvorsitzenden als sicher. Seit 1991 ist der ehemals beim Autozulieferer VDO beschäftigte Finanzexperte bei der Bundesbahn. Auch bei anderen Großunternehmen bekleidet Sack hohe Ämter: Er ist Beirat der Deutschen Bank sowie Aufsichtsrat der Frankfurter Versicherungs AG. Ludewig, der nach zwei Jahren gehen muß, erhält rund drei Millionen Mark Abfindung. 

Imperialistische US-Bananen 

US-Bananen haben es schwer. Jedenfalls in Europa, denn dort hatte die Europäische Union empfindliche Zölle gegen den US-Import erhoben. Die USA klagte daher vor dem Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO, die wiederum die EU dazu verdonnerte, ihre Sanktionen gegen die US-Firmen Chiquita und Dole aufzuheben. Die Europäer würden jedoch die Vorgabe der WTO nicht erfüllen, meinte vergangene Woche der US-Handelsbeauftragte Barshefski. Kommt es bis zum 1. Januar 1999 zu keiner Einigung, droht ein Handelskrieg - die USA denkt bereits über Strafzöllen gegen die europäische Autoindustrie nach. Genervt sind Clintons Untertanen auch von der Weigerung der EU-Kommission, den Verkauf von amerikanischem Hormonfleisch zuzulassen. Hinter den Kulissen geht es allerdings weit harmonischer zu. Derzeit verhandeln Konzernmanager per "Transatlantic Business Dialogue" über die Schaffung der größten Freihandelszone der Welt zwischen den USA, Mexiko, Kanada und der EU. Die soll dann "Neuer Transatlantischer Marktplatz" heißen. 

Stabil in die Rezession 

Die Wahlen hatte Brasiliens Präsident Fernando Henrique Cardoso mit dem Versprechen gewonnen, die Landeswährung Real stabil zu halten. Nun hat die Regierung ein Sanierungsprogramm für die maroden Staatsfinanzen vorgelegt. Die Gebühr für Banktransaktionen sowie die Abgabe auf Firmenumsätze werden erhöht. Außerdem müssen die Beamten künftig höhere Pensionsbeiträge zahlen. 

Gleichzeitig möchte Finanzminister Pedro Malan die Ausgaben im Sozialbereich drastisch kürzen. Auch die Staatsbetriebe müssen kräftig sparen. Damit erfüllt die brasilianische Regierung zwar die Auflagen des Internationalen Währungsfonds, der dem Land vor kurzem einen 30 Milliarden Dollar-Kredit bewilligt hat. Das Land werde nächstes Jahr wegen dem Sparpaket jedoch eine tiefe Rezession erleben, erklärte der Präsident. 

Wo bleibt De Gaulle? 

Der Prozeß gegen den Software-Giganten Microsoft nimmt unerwartete historische Dimensionen an. AOL-Chef Steve Case sei "Franklin D." (Roosevelt), Jim Barksdale von Netscape "Josef Stalin" und Bill Gates, der Microsoft-Tycoon, "Adolf Hitler". So steht es zumindest in einer e-mail, die am vergangenen Donnerstag dem Gericht vorgelegt wurde. Die alliierten Kämpfer für Marktgerechtigkeit, der Microsoft-Konkurrent Netscape sowie der Internet-Anbieter AOL, hatten sich Nachrichten mit dieser Rollenverteilung zugesandt. Jetzt fragen sich die Prozeßbeobachter, wo der neue De Gaulle geblieben ist. 

Doch es gab auch noch andere Überraschungen im "Jahrhundertprozeß". Wie aus einer Gesprächsnotiz des Finanzchefs von Apple hervorgeht, wurde der Internet Explorer von Microsoft nur als Standardbrowser auf das Apple-System installiert, weil Gates' Firma dafür 150 Millionen US-Dollar zahlte. Die Notiz schloß mit den Worten: "Andernfalls sind wir tot." 

Schöner Gammeln 

"Wir wollen ein Programm mit 100 000 Ausbildungsplätze für Jugendliche machen. Wer von den Jugendlichen dieses Programm nicht annimmt, weil er Gammeln für schöner hält, der kann keine Stütze kriegen." 

Bundeskanzler Gerhard Schröder, Spiegel, 26. Oktober 1998 

  •  Die Nachrichten wurden von Becker, Geiger und Sedlmayr zusammengestellt 
 
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