Bierpreis sichert Arbeitslose
Wie Superminister Oskar Lafontaine den
deutschen Wettbewerbsstaat für den Euro fit machen will
Der neue Superminister für Finanzen,
Europa und gesamtwirtschaftliche Steuerung, Oskar Lafontaine, übernimmt
jetzt auch das Ministerium für Arbeit und Soziales.
Diesen Eindruck konnte man jedenfalls beim
SPD-Bundesparteitag in Bonn gewinnen, als Lafontaine dort seine Reformvorschläge
für die Sozialversicherung präsentierte. Wenn es nach seinem
Willen geht, sollen die Sozialleistungen künftig nicht mehr an das
Versicherungsprinzip, sondern an persönliche Bedürftigkeit gebunden
werden, erklärte er dort den verdutzten Delegierten. Pflegegeld und
Arbeitslosenversicherung seien besser aus Steuermitteln zu finanzieren,
reiche Pflegepatienten und betuchte Arbeitslose sollten hingegen keine
Unterstützung mehr erhalten. Die bisherige Sozialabgaben würden
damit entfallen, die Lohnnebenkosten deutlich reduziert.
Die Idee sorgte nicht nur bei den Genossen
für Verwunderung, auch der DGB und die Grünen konnten sich zunächst
nicht erklären, was der Vorschlag bezwecken soll. Denn bisher gilt
beim Arbeitslosengeld das Versicherungsprinzip: Es wird aus den Beiträgen
der Beschäftigten finanziert und richtet sich nach dem vorangegangenen
Lohnniveau. Die Sozialversicherung orientiert sich dabei immer noch an
dem Leitbild der lebenslangen Vollerwerbsarbeit. Doch diese existiert immer
weniger, statt dessen finden sich immer mehr Beschäftigte in prekären
Arbeitsverhältnisse wieder, die durch das bisherige Sicherungssystem
kaum geschützt sind. Eine Sozialversicherungspflicht für alle
Beschäftigten wäre daher durchaus sinnvoll.
Das will die SPD-Regierung und insbesondere
Lafontaine nun aber gerade nicht. So soll die Beitragsbemessungsgrenze
der Rentenversicherung seiner Ansicht nach weiter gesenkt und die Rente
damit weiter privatisiert werden. Auch bei der maßgeblich von Lafontaine
durchgesetzten Rücknahme der Sozialkürzungen der alten Bundesregierung
geht es weniger um die von der SPD angekündigte Umverteilung. Von
den Verbesserungen in der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und beim Kündigungsschutz
sowie von der Rücknahme der Rentenkürzung profitieren vor allem
die bereits sozialstaatlich Privilegierten.
Dagegen wäre auch nichts einzuwenden,
liefe das Lafontainesche Modell auf der anderen Seite nicht darauf hinaus,
die "Leistungsträger" von der Last ihrer Sozialbeiträge zu befreien.
Denn das ganze Modell hat schließlich vor allem den Zweck, die Lohnkosten
zu senken.
Die im Wahlkampf propagierte Umverteilung
von Reichtum findet daher auch unter Rot-Grün nur von unten nach oben
statt, sollte künftig die Absicherung im Pflege- und Krankheitsfall
aus Steuermitteln erfolgen. Denn diese werden immer weniger von den Unternehmern
und zunehmend von den abhängig Beschäftigten erbracht. Soziale
Gleichheit gilt dann nur noch im Supermarkt. Ob Unternehmer oder Putzfrau
- wer künftig eine Dose Bier kauft, wird durch erhöhte Verbrauchssteuer
dazu beitragen, daß der Staat die Arbeitslosen mit einer minimalen
Grundsicherung abspeisen kann. Der Sozialstaat wird zum Steuerstaat.
Diese Pläne stehen im krassen Mißverhältnis
zu Lafontaines Image, das in den vergangenen Wochen aufgebaut wurde. Insbesondere
seine Forderung nach einer politischen Kontrolle der Europäischen
Zentral- und der Bundesbank sowie der Zinssenkung brachte ihm bei den Unternehmer
und in den Medien den Ruf einer roten Socke ein. Doch diese Kritik ist
ungerechtfertigt, hat doch die deutsche Exportwirtschaft selbst das größte
Interesse an einem fallenden Zinsniveau. Sinken nämlich die Zinsen
in Deutschland, wie vor kurzem in den USA oder jetzt in Italien und Spanien,
verbilligen sich über die fallenden Wechselkurse die Exporte.
Aber Lafontaine wäre nicht Superminister,
hätte er nicht für mehr Sinn als dafür, was die Notenbanken
auch alleine erledigen können. Bisher waren die einzelnen EU-Staaten
in einem System freier Wechselkurse verbunden. Mit Beginn der Währungsunion
zum 1. Januar 1999 wird dieser flexible Anpassungsmechanismus beendet.
Und spätestens, wenn im Euroland ein gemeinsames Zinsniveau durchgesetzt
wird, entfällt auch die Möglichkeit, durch Währungabwertungen
einen innereuropäischen Wettbewerbsvorteil zu erzielen.
Nur eine Reduzierung der Sozialkosten bzw.
der Umstieg auf eine stärkere steuerliche Finanzierung der Sozialleistungen
verspricht nun eine bessere Wettbewerbsposition für das deutsche Kapital
innerhalb der EU. Erst dadurch können die Exportwirtschaft maßgeblich
entlastet und deren Profite in den nächsten Jahren abgesichert werden.
Daß diese Politik in Deutschland mit der Einführung des Euro
zusammenfällt, ist kein Zufall, sondern Resultat der sozialdemokratischen
Vorstellungen vom nationalen Wettbewerbsstaates.
Eine Simulationsstudie des Deutschen Instituts
für Wirtschaftsforschung (DIW), an der sich Lafontaine orientiert,
kommt zum Ergebnis, daß sich die deutschen Unternehmer im europaweiten
Vergleich deutliche Vorteile von der Umfinanzierung in der Sozialversicherung
versprechen können.
Der Konjunkturaufschwung durch steigenden
Konsum und Exporte soll demnach in Deutschland höher ausfallen als
in den anderen Ländern der Währungsunion. Schließlich müßten
die anderen Euro-Staaten ihren staatlich finanzierten Sozialleistungen
komplett abbauen, wenn sie vergleichbare Kostenvorteile für die Unternehmer
erzielen wollen, wie sie nun Lafontaine dem deutschen Kapital anbietet.
Angesichts dieser Wettbewerbsvorteile wird
es sich die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeber (BDA) sicher noch einmal
überlegen, ob sie nicht doch bereit ist, das 100-Tage-Programm der
Bundesregierung im Sozialbereich zu akzeptieren, um sich anschließend
dennoch mit Gewinn am Bündnis für Arbeit zu beteiligen.
Gegen die Entlastungen durch die faktisch
von Lafontaine vorgeschlagenen Lohnkürzungen sind schließlich
die Mehraufwendungen für Lohnfortzahlung im Krankheitsfall weniger
als Peanuts.
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