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Base'n'Basket
Erst der Arbeitskampf in der NBA kann im
US-Basketball das ermöglichen, was die Major League Baseball vormachte:
die Rückkehr des Sports in die Gesellschaft
Der Buhmann heißt Ewing. Bei so einem
Namen nimmt es nicht wunder, daß er für sich und die Seinen
mehr Geld fordert. Mister Ewing, Vorname Patrick, ist Präsident der
NBA-Spielergewerkschaft, des Zusammenschlusses der US-Basketballprofis,
und dieser Berufsstand hat zur Zeit ein Problem: Die Spieler wurden von
ihren Vereinen ausgesperrt.
Am 3. November sollte eigentlich die neue
Saison beginnen, doch dieser Termin ist nicht mehr einzuhalten. Zunächst
waren die Trainingscamps ausgefallen, dann die Saisonvorbereitungsspiele,
und nun glaubt keiner mehr an einen pünktlichen Saisonbeginn. Die
optimistische New York Times spricht vom Dezember als möglichem Starttermin,
doch Billy Hunter von der Spielergewerkschaft spricht von mindestens zwei
Monaten, die verloren gehen werden.
Grund für die Aussperrung sind, wie
es die Spielergewerkschaft höflich formuliert, "arbeitsrechtliche
Streitigkeiten". Die 29 NBA-Clubs hatten zum 1. Juli dieses Jahres den
bislang gültigen Tarifvertrag gekündigt, und die Verhandlungen
um einen neuen, bei dem es nach Darstellung der Washington Post immerhin
um die Verteilung von zwei Milliarden Dollar jährlichem Einkommen
gehen wird, sind bislang zu keinem Ergebnis gekommen. Weit über 100
Spieler sind derzeit ohne Vertrag, und solange die Tarifauseinandersetzung
anhält, darf kein Basketball-Sportler mit einem Verein verhandeln.
Die NBA steckt also in einer tiefen Krise, mit der in den letzten Jahren
niemand gerechnet hatte. Da galt die NBA als "modernste Geldmaschine" (Welt
am Sonntag) bzw. als das "erfolgreichste Sportunternehmen der Welt" (FAZ).
Die NBA hatte in den späten achtziger
und frühen neunziger Jahren dafür gesorgt, daß Basketball
zu den großen amerikanischen Sportarten American Football und Baseball
aufschließen, und im Wettlauf um Besucherzahlen, Merchandising-Erfolge
und TV-Einschaltquoten das populäre Eishockey abhängen konnte.
Zu Hilfe kam den NBA-Strategen um Commissioner David Stern dabei die offenkundige
Modernisierungsunfähigkeit des Baseball.
Dank der Auftritte der größten
NBA-Stars als "Dream Team" bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona
und 1996 in Atlanta wurde die NBA weltweit populär, ihre Fernsehrechte
und ihre Souvenirartikel verkauften sich extrem gut, Stars wie Michael
Jordan und Magic Johnson wurden unumstrittene Weltstars, während sich
die Baseballcracks nur in den USA großer Beliebtheit erfreuen konnten.
Die Aufholjagd der NBA gegenüber der
Major League Baseball (MLB) gelang um so besser, als in der Saison 1994/95
die Baseballprofis in einen siebeneinhalb Monate dauernden Streik traten.
Der Arbeitskampf, in dem auch Präsident Bill Clinton schlichten wollte,
schadete dem Image der MLB nachhaltig, und Menschen wie David Cone, Schlagmann
bei den New York Yankees, die erklärten, "die besten Tage des Baseball
liegen vor uns", galten als Spinner. Doch jetzt, 1998, findet im US-Baseball
eine der erfolgreichsten Saisons der Geschichte statt. Mark McGwire von
den St. Louis Cardinals schaffte in der Vorrunde der National League 70
Homeruns, ihm auf den Fersen war Sammy Sosa von den Chicago Cubs.
Das ist nicht nur, wie es europäischen
Beobachtern oft erscheint, eine bloße (wie immer so etwas funktionieren
könnte) sportliche Leistung, nämlich das Brechen des 61-Homerun-Rekordes
von Roger Maris im Jahr 1961, der damit wiederum die wirklich legendären
60 Homeruns, die Babe Ruth 1927 (beide spielten für die New York Yankees)
überboten hatte. Die Homerun-Jagd in dieser Saison bedeutet wesentlich
mehr: McGwire ist Weißer, Sohn eines Rechtsanwaltes.
Sein Konkurrent Sosa stammt aus der Dominikanischen
Republik, und der beste Schlagmann der mit der National League konkurrierenden
American League ist Ken Griffey Jr. von den Seattle Mariners, ein Schwarzer.
Die drei größten ethnischen Gruppen der USA, die Weißen,
die Latinos und die Schwarzen, sind also an der Spitze der besten Baseball-Spieler
repräsentiert. Genau das macht die Stärke und Akzeptanz des MLB-Baseballs
in der diesjährigen Saison aus.
Harvey Araton beschrieb in der New York
Times die gesellschaftliche Bedeutung der verschiedenen Homerun-Rekorde
so: "Maris schlug den 34 Jahre alten Rekord von Babe Ruth mit 60 Homeruns
im Jahr 1960, aber die Ruth-Legende vertiefte nur seine mythische Grundlage,
denn seine Spikes waren fest im amerikanischen Traum verankert. Seine Homeruns
führten ihn zum Reichtum. Nun, am Ende des 20. Jahrhundert, in einem
Land, das weiterhin unter den schmerzlichen Wunden der Rassentrennung leidet,
haben wir einen weißen Mann, einen schwarzen Mann und einen Hispanic-Mann,
die Jagd auf Maris machen." Aratons Analyse der Rekordjagd erschien schon
im August, und er prophezeite für den Fall, daß es einem der
drei Spieler gelinge, den Rekord zu brechen, dies die Saison sein werde,
"in der Baseball seinen Platz als das Spiel des amerikanischen Volkes zurückerobert".
Diesen Status hatte Baseball in den letzten
Jahren verloren, deutlichster Ausdruck war der Spielerstreik 1994/95. Vieles
spricht dafür, daß erst die Legitimationskrise, in die Baseball
rutschte, schließlich die neuen Stars, die neue Begeisterung und
die neue sportliche Leistungsfähigkeit der Liga ermöglichte.
Die Krise als Voraussetzung des nachfolgenden Booms - diese Entwicklung
im Baseball wird nun auch in der NBA erwartet.
"Major League Baseball benötigte den
größten Sommer seit fünfzig-und-noch-was Jahren", schrieb
die Washington Post im Hinblick auf die NBA-Situation, "um sich von dem
Streik vier Jahre zuvor zu erholen." Die Zeitung erinnerte an den Streik
der Eishockeyspieler in der NHL, der auch 1994/95 stattfand: "Die Zuschauerzahlen
und die Fernsehquoten der NHL haben sich immer noch nicht erholt, seit
vor drei Jahren eine halbe Saison auf der Höhe der Popularitätskurve
der Sportart ausgefallen war." Die NHL hatte damals die Saison, von 82
auf 48 Spieltage verkürzt, das aber schließt die NBA kategorisch
aus. David Stern, der bislang allmächtige NBA-Commissioner, erklärte
in der Chicago Sun: "Die NHL ging damals an ihre äußersten Grenzen.
Wir werden keine gestückelte Saison spielen, um so am integren Charakter
einer regulären Saison zu rütteln."
Die Krisensaison kommt für die NBA
jedoch zum richtigen Zeitpunkt. Michael Jordan, der Star der Szene, wollte
ursprünglich nach der vergangenen Saison zurücktreten - nachdem
er 1993 schon einmal abgetreten war und 1995 zurückkam (als habe er
die Symbolik geahnt, versuchte er sich in dieser Zeit als Baseballprofi).
Im Frühsommer aber wurde er mit seinen Chicago Bulls nochmals Meister
und hängte eine Saison dran. Versuche der NBA, einen ähnlich
charismatischen Nachfolger aufzubauen, scheiterten bislang. Shaquille O'Neal
von den L.A. Lakers sollte den Part nach dem ersten Jordan-Rücktritt
übernehmen, aber er kam mit der sportlichen Verantwortung nicht zurecht.
Scottie Pippen spielte nur an der Seite von Jordan gut, und Dennis Rodman,
wie Pippen und Jordan bei den Chicago Bulls, beweist zwar auch außerhalb
der Arena Charisma, ist aber als rauhbeiniger Verteidiger nicht der, den
man sportlich zur Popularisierung des Basketballs benötigt.
Auch Spieler wie Patrick Ewing oder Karl
Malone sind zu alt und zu uncharismatisch, um die Lücke nach Jordan
zu schließen. Aber schon am Beispiel Shaq O'Neal zeigt sich, daß
die Nachfolgersuche keine ist, die von rein sportlichen Fähigkeiten
oder von purer Werbekompatibilität geprägt ist.
Nicht allein seine einzigartigen Fähigkeiten
auf dem Spielfeld machten Michael Jordan zum vergötterten Star: Es
war auch der von ihm wie von keinem sonst verkörperte Typus des rotzfrechen,
arroganten, schlecht erzogenen und sehr selbstbewußten Schwarzen.
Wie der Boxer Muhammad Ali in den siebziger Jahren seine Erfolge als politische
Demonstration verstand, so waren auch Jordans Erfolge gesellschaftliche
Demonstrationen. Das Recht des schwarzen US-Bürgers, ein genauso arroganter
Kotzbrocken zu sein wie sein weißer Nachbar, wurde von Jordan selbstverständlich
in Anspruch genommen.
Eine solch selbstbewußte Figur als
gesellschaftliches Leitbild kann eben nicht von Spähern, seien sie
von Vereinen oder von Werbeagenturen, ausgeguckt werden. Nur eine große
gesellschaftliche Auseinandersetzung wie beispielsweise ein Arbeitskampf
kann eine solche Person oder wie im Fall der MLB eine solche gesellschaftliche
Realität abbildende Personenkonstellation hervorbringen. Diese Chance
hat die NBA zur Zeit. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß
Patrick Ewing hart bleibt.
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