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Engel in Maschen
Geistig behinderte Kinder und Jugendliche
sind die Stars der neuen Benetton-Werbekampagne
Hildegard ist sechs Jahre alt. Auf dem
Titelbild grinst sie freundlich, trägt einen kecken Hut und einen
roten Pulli. Ihre Augen stehen etwas schräg, der Mund ist offen, die
Zunge sichtbar. Sie scheint sich zu amüsieren. Das Bild der Göre
wurde seit 15. September sechseinhalb Millionen Mal zu Werbezwecken verteilt,
nach Aussagen der Agentur in 120 Ländern.
Der 100seitige Katalog mit Hildegards Porträt
wird weltweit in 7 000 Benetton-Geschäften an die Kunden abgegeben
und - da bereits vergriffen - gerade wieder nachgedruckt. Er enthält
Fotos von geistig behinderten Kindern und Jugendlichen, manchmal mit ihren
Bezugspersonen.
Das Titelmodell ist offensichtlich ein
Kind, das man früher als "mongoloid" bezeichnet hätte. Bei Trisomie
21 oder Down-Syndrom ist das Chromosom Nr. 21 drei- statt zweimal in den
Zellen vorhanden. Kinder mit dieser Chromosomenabweichung wurden zumindest
bis in jüngere Zeit recht häufig geboren (1995: einmal auf 700
Neugeborene); ihre Lebenserwartung ist in der Regel niedriger als die "normaler"
Menschen, und sie gelten als retardiert, also entwicklungsverzögert,
bis geistig schwerbehindert.
Warum manche von ihnen sprechen und sogar
lesen lernen und später sogar über Jahrzehnte lang berufstätig
sind, andere wiederum apathisch wirken und kaum in der Lage sind, in kommunikative
Prozesse einzutreten, ist umstritten. Trisomie 21 gilt heute als eine "vermeidbare"
Behinderung, da die Chromosomenverdreifachung durch pränatale Untersuchungen
diagnostiziert werden kann und den Schwangeren dann zur Abtreibung geraten
wird.
Hildegard hat Glück gehabt. Im Nationalsozialismus
wäre sie ermordet worden; und hätte ihre Mutter vor knapp sieben
Jahren das medizinisch Mögliche über sich ergehen lassen und
kein behindertes Kind gewollt, dann wäre Hildegard nicht geboren worden.
Ganz legal, auch in Bayern.
Nun ist Hildegard Werbestar. Ihr Konterfei
ziert nicht nur den diesjährigen Herbstkatalog von Benetton; das Mädchen
ist - in anderen Kleidungsstücken eher kritisch in die Welt guckend
- auf Plakatwänden und ganzseitigen Anzeigen in Zeitschriften zu sehen.
Leider haben ihr die Ausstatter für dieses Foto eine sehr bunt gestreifte
Strickjacke und einen Rollkragenpullover angezogen, in den nicht nur eine
stilisierte Blume, sondern auch noch das Wort "Love" eingestrickt wurde.
So ist sie eben, die Benetton-Mode - aber
um deren Ästhetik soll es hier gar nicht gehen. Tatsache ist, daß
es dem Kleider- und Sportartikelgiganten nicht gerade schlecht geht und
viele Leute, die dem herrschenden Schönheitsideal eher genügen
als das neue kleine Titelmodell, sich gerne so bunt anziehen. Benetton
ist eines jener Markenzeichen, das Kinder, Teenager und auch manche Erwachsene
am Körper spazieren führen. Nicht ganz teuer, aber auch nicht
ganz billig.
Es ist nicht das erste Mal, daß die
Benetton-Werbeverantwortlichen Aufsehen erregen und zur Presseberichterstattung
verführen: Erinnert sei an das Foto eines neugeborenen Kindes (1991),
das eines sterbenden Aidskranken (1992), auch das hierzulande verbotene
eines Soldatenfriedhofes (1991). Wahrscheinlich ist die Werbung für
United Colors of Benetton die am häufigsten zensierte, kritisierte,
aber auch preisgekrönte und zum Nachdenken anregende, die es zur Zeit
gibt. Das ist eine sehr erfolgreiche Werbestrategie.
United Colors of Benetton macht Ernst mit
den Erkenntnissen, Werbung nicht nur als Abbildung des Produkts zu begreifen,
sondern die saubere Trennung (bzw. die Illusion dieser Trennung) zwischen
Kommerz, Politik und Kunst nicht anzuerkennen. "Das Leben selbst wird zum
Skandal", ist das Motto der damit beauftragten Strategen.
Genau das macht oft den Reiz aus, Benetton-Werbung
zu betrachten, auch wenn sie nicht selten tabubrecherisch bis an den Rande
der Geschmacklosigkeit daherkam, was aber wiederum nicht ein Defizit an
Kunstverständnis oder Werbewirksamkeit ausdrückt. Manchmal fehlte
der politische Durchblick - und Kampagnen für gleichzeitig 120 Länder
zu entwerfen, ist sicherlich nicht gerade einfach.
Ein Beleg dafür ist vielleicht die
1990 erschienene Plakatwerbung, die eine stillende Mutter zeigte. Im Prinzip
handelte es sich um eine gute Idee. Die Stillende war schwarz, der Säugling
weiß. Die Provokation gegen den damals grassierenden Mutterkult bei
uns und in Mitteleuropa - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
stillt die Mama nicht ihr eigenes Kind - kann nur begrüßt werden.
Doch in den USA und anderswo haben Schwarze dieseWerbung durchweg verurteilt
und für rassistisch befunden, was ebenfalls richtig war, denn die
Tradition, arme schwarze Frauen zu Ammendiensten für reiche Weiße
kaufen zu können, ist mancherorts noch im wahrsten Sinne des Wortes
lebendig.
Auch für die Herbstkampagne 1998 mit
den behinderten Kindern und Jugendlichen gilt Widersprüchliches: Die
sechsjährige "mongoloide" Hildegard ist wunderbar. Die Fotos, sowohl
die der Plakat- und Anzeigenwerbung als auch die gut 50 weiteren im Kollektionskatalog,
die andere geistig behinderte Kinder zeigen, sind hervorragend; sie machen
fast durchweg Leute zu Stars, bei denen sonst weggeguckt wird, und sie
machen das sehr einfühlsam, behutsam, mit Respekt und mit einer sehr
gekonnten Ausgewogenheit zwischen Ästhetisierung und Darstellung von
Realität. Ich habe noch nie auf 100 Seiten Fotos gesehen, auf denen
behinderte Menschen so modern - integriert in Werbelandschaften und Ästhetisierungen
- abgebildet wurden. Es sind eben Bilder von "richtigen Leuten", und das
ist ungewohnt, weil es das noch nicht gab.
Ein zweiter Effekt ist, daß man beim
Betrachten des Katalogs irgendwann das Interesse daran verliert, die spezifischen
Merkmale der Behinderung auf den Bildern zu erkennen. Es entsteht so etwas
wie eine Ahnung davon, daß dies nicht das Wichtigste sei, eine Ahnung
von der Normalheit auch geistiger Behinderung.
Nachdenklich hat mich gemacht - im Katalog
sind auf vielen Fotos auch Betreuer, Betreuerinnen und Verwandte der behinderten
Kinder und Jugendlichen abgebildet -, daß ich nach diesem Gewöhnungsprozeß
viel mehr Fremdheit beim Betrachten mancher Gesichter der "Normalen" (Nonnen,
Eltern, Zivildienstleistende) empfand. Allein die Tatsache, daß es
nicht 100 Seiten Horrorfotos oder Familienschnappschüsse sind, sondern
hervorragend fotografierte Szenen und Porträts, eröffnet also
eine neue Sicht auf die Abgebildeten. Und den Fotos ist anzumerken, daß
nicht die "Normalen" die Stars sind, sondern die "Anderen".
Man sollte allerdings tunlichst vermeiden,
die Texte zu lesen, die im Katalog den Bildern in glücklicherweise
sehr, sehr kleiner Schrift beigefügt sind. Das bringt schnell auf
den Boden der Realität zurück, weil sich hier wider Willen die
realen Unsicherheiten und Verlogenheiten im Umgang mit Behinderung zeigen:
Es ist - von seiten der Eltern und Betreuer - zu oft die Rede von Glück
und gegenseitiger Liebe, vom Beten, in einem Fall gar davon, daß
diese Behinderten eigentlich "Engel" sind, denn sie kennen "das Böse,
die Lüge und die Falschheit nicht".
Das zitierte Beispiel stammt von Stefanos
Mutter Paola, die zusammen mit ihrem halbflüggen, sehr gut aussehenden
behinderten Sohn abgebildet ist. Paola Gräfin Balbo de Vinadeo ist
die Chefin der Münchner Agentur, die die Beneton-Werbung konzipiert.
Sie hat den Kontakt durch die persönlichen Beziehungen zu den Betreuerinnen
und Betreuern und anderen Eltern hergestellt, deren Kinder im Heilpädagogischen
Zentrum St. Valentin in Oberbayern - katholische Trägerschaft - betreut
werden.
Auch, wenn der Verdacht, ein Schnäppchen
gemacht zu haben, auf der Hand liegt: Es ist anzuerkennen, daß eine
erfolgreiche Frau, die ein behindertes Kind hat, nicht nur an die Öffentlichkeit
geht, sondern auch versucht, ein Politikum daraus zu machen, in diesem
Fall Werbung.
Die Stars, so Frau Balbo im Interview,
seien ganz normal bezahlt worden, allerdings wollten viele Eltern das Honorar
als Spende an die Einrichtung geben. Das war auch in jedem linksradikalen
Kinderladen so üblich, wenn ein Fernsehteam auftauchte.
Mütter von behinderten Kindern leiden
auch unter Ausgrenzung, weil ihr Kind nicht "vorzeigbar" ist. Manche machen
ihre Kinder mittels Drill oder Liebe zu "Fast-Normalen", andere überhöhen
sie zu Engeln. Über die Anpassungsleistungen, die Behinderte in ihrer
Kindheit erlernen müssen, hat unter anderen der Hamburger Autor Udo
Sierck - ein Spastiker - ausführlich berichtet. Er nannte eines seiner
Bücher "Das Risiko, nichtbehinderte Eltern zu bekommen".
Die Werbefrau Paola Balbo hat ihrenFrieden
damit gemacht, einen geistig behinderten Sohn zu haben. Ihr Sohn und "Engel"
ist wohl im St. Valentin-Zentrum in Ruhpolding vergleichsweise gut untergebracht,
wenn auch in der umfangreichen Benetton-Werbung samt der Begleitmaterialien
für Journalisten nicht die Rede von "Integration" von Behinderten
ist.
Auch das ist bedauerlich, hat aber in diesem
Fall eben mit der Person dieser Mutter, der Chefin einer erfolgreichen
Werbeagentur, zu tun, die - wie viele andere Eltern behinderter Kinder
- schlechte Erfahrungen gemacht hat mit fortschrittlich wirkenden Integrationsmodellen,
die nicht begleitet wurden durch entsprechende Maßnahmen und Fachpersonal.
Wer auch immer die Texte ausgewählt
haben mag - Frau Balbo sagt im Gespräch mit Jungle World, sie seien
unzensiert und eben der Wahrheit entsprechend - muß einen deutlichen
Hang zur Esoterik haben. Der Text-Vorspann von Susanne Tamaro, einer italienischen
Bestsellerautorin, ist greulich. Er macht die abgebildeten Kinder zu "Sonnenblumen"
und zeichnet ein Harmoniebild, das süßlicher kaum vorzustellen
ist.
Die Kampagne - bei Benetton hat das einen
explizit politischen Anspruch - wird leider auch begleitet von fast ekligen
Texterklärungen, wie glücklich alle waren beim Fototermin und
wie überglücklich überhaupt alle sind, die Firma, die Künstler,
die behinderten Kinder und ihre Umgebung; auch - vermutet man fast - die
am Leibe getragenen Klamotten.
Das ist teilweise kaum erträglich.
Trotzdem ist der Katalog wichtig. Und wichtig ist auch: Nina, jetzt 10,
aus Merseburg, hat endlich ein Bilderbuch, wo sie drin vorkommt. Nina ist
die Tochter einer meiner Freundinnen - ein Down-Syndrom-Kind -, und sie
hat noch nie so viele Bilder von sich und ihresgleichen in einem Band gesehen.
Sonst sind immer nur die die anderen drin.
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