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Wagnis Rot-Grün in Woche, Zeit und tagezeitung
Verweile doch, du bist ...
Im Frühsommer skizzierte der Politikwissenschaftler
Georg Fülberth in der Zeitschrift konkret, wie sich die Kopfarbeiter
mit akademischer Ausbildung - die Intelligenz, die Intellektuellen - in
den westlichen Industriegesellschaften zu einer gesellschaftlichen Schicht
mit eigenem Format entwickelt haben. "Die Intellektuellen", so Fülberth
im Rückblick auf die revolutionären Gesten der 68er, "fanden
sich durchaus in einem Kapitalismus zurecht, der für sie noch allemal
breit und einladend genug war. So entstand Verantwortung".
Die Sorte Verantwortung, die eine soziale
Schicht im Kapitalismus für das Ganze wahrnimmt, stellt die eigenen
Ansprüche an Geld und Lifestyle immer als erste Bedingung für
das Allgemeinwohl vor. Die Verantwortung und das Interesse der Intelligenz
betätigten sich am letzten Septembersonntag gemeinsam in der Wahlkabine,
und so entstand das "Wagnis Rot-Grün" (u.a. Die Zeit).
Rot-Grün ist ein Wagnis, weil die
Intelligenz nicht sicher ist, ob ihre Forderungen erfüllt werden.
"Sie müssen die sozialdemokratischen
Tabus vergessen. Auch den angepeilten Spitzensteuersatz von 49 Prozent.
45 sind die absolute Obergrenze", so Chefredakteur Manfred Bissinger in
der Woche in einem Brief an Schröder.
In der Zeit war ähnliches in einer
fiktiven "Regierungserklärung" des neuen Kanzlers zu lesen: "Wir senken
die Lohn und Einkommenssteuer. Künftig gibt es nur drei Tarife: 15,
25 und 35 Prozent." Daß die Sozialleistungen effizienter eingesetzt,
d.h. knapper bemessen werden sollen, ist in diesem Milieu ohnehin Gemeinplatz.
Darauf, daß sie das Wagnis eingegangen
ist, mit der SPD zu paktieren, ist die Intelligenz richtig stolz. "lllusionslos
glücklich", titelte die Zeit dialektisch und fast schon verrucht.
"Out of Oggersheim", sekundierte die taz, mahnte zwar noch schnell, man
solle "nicht durch die Hintertür das Pathos wieder hereinholen, das
gerade erst weggeschickt wurde" - machte dann aber bei jener Poesie mit,
die die revolutionäre Aura des rot-grünen Paktes mit einer fast
schon pathologischen Hartnäckigkeit besingt.
Das Wagnis als ästhetisches Event,
bitteschön: "Die Müdigkeit der späten Kohl-Ära gehört
der Vergangenheit an." (Zeit) "Am wichtigsten ist wohl, daß nach
langer Blockade die politische Energie nun wieder frei fließen kann."
(taz) "So viel Anfang war nie." (Zeit) "Den Geschmack von Stagnation und
Mehltau hatten weit mehr Menschen satt, als es rotgrüne Fähnchenschwenker
gibt." (taz) "Jetzt geht's los", sagt Gräfin Dönhoff zum Thema,
während die taz noch staunt: "Woher kommt bloß die neue Leichtigkeit?"
Angefeuert vom eigenen Entschluß, das Wagnis einzugehen, denkt die
Gräfin im Augenblick seines Zustandkommens an faustische Größe
und schreibt mit Goethe: "Verweile doch, du bist zu schön", während
die taz meint: "Verweile doch, du bist so schön!" - man beachte das
Ausrufezeichen. Das Fazit: "So zeigt sich bis ins tiefste Bürgertum
hinein eine Sehnsucht nach Aufbruch, Neubeginn und zündenden Ideen."
(taz)
Aber: Ein Wagnis ist ein Wagnis.
Sollten "die sozialdemokratischen Tabus"
ein Gelingen des Experiments verhindern: Der scheidende Kanzler selbst
hat gesagt, er könne sich auch eine schwarz-grüne Zukunft vorstellen.
"Kohl", so die Zeit, "hat sozusagen die Grünen voll anerkannt. Die
Eltern entdecken, wer ihre Kinder sind." Deutsche Revolutionäre.
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