 |
 |
No U Turn Allowed
Katja Diefenbach im Gespräch mit Simon
Reynolds über sein neues Buch "Energy Flash. A Journey through Rave
Music and Dance Culture"
Simon Reynolds ist 35 Jahre alt, arbeitet
als Redakteur für Spin und schreibt für The Wire und Village
Voice etc. Reynolds kam in die Musikszene, als Punk vorbei war, die "Disco
Sucks"-Stimmung nachgelassen hatte und Post-Punkbands auch Funk- und Dub-Terrain
betraten. 1992 stolperte er in die Hardcore Rave Szene und verlor sein
Herz. "Energy Flash" ist seine Version der Geschichte von Rave im gefährlichen
U turn von Acid House zu Speed Garage.
Am Anfang, sagst Du, stand das "Golden
Age of Rave", die Zeit der Ecstasy-Politiken und damit die Zeit einer ganz
bestimmten Geschlechter- und Drogen-Konstellation, eine Sekunde kollektiver
Glückseligkeit auf dem Dancefloor. Dann wurde alles ganz anders ...
Ich spreche vor allem über Großbritannien,
über eine Zeit, sagen wir, von 1988 bis Ende '91, vielleicht noch
Mitte '92: das "Golden Age of Rave", eingeläutet von einer metropolitanen
Hipster-Elite. Die Sache lief und lief und lief. Ungefähr '91 erreichte
das Ganze seinen Höhepunkt, riesige Raves fanden statt, umstellt von
Ecstasy und der Polizei. Die Stimmung blieb euphorisch, fast idyllisch.
Das war die Erfahrung der Leute in ihren ersten ein, zwei Jahren des Ravens.
Dann machte sich die unstabile Dynamik
des Ecstasy-Schluckens bemerkbar, in der du eine immer größere
Toleranz entwickelst. Die Leute versuchten, den zunehmenden Verlust des
ursprünglichen Gefühls der ersten fünf oder zehn Male abzuwenden,
indem sie immer mehr Pillen nahmen. Der verrückte chemische Effekt
von MDMA ist, daß je mehr du einschmeißt, du das glückselige
Gefühl von Sinnlichkeit und Intimität verlierst, das "luv'd up
feeling", wie man in England sagt, und der Amphetamin-artige Teil des Gefühls
tritt hervor. Die Leute werden nervöser, zittriger und fixierter.
Der Blick in ihren Augen ist nicht mehr so elektrisch, der Kontakt zu anderen
Leute wird starr.
Genau zu diesem Zeitpunkt schien die Musik
schneller, härter und dunkler zu werden. Aus Belgien und Deutschland
kam Gabba und aus Detroit mit "Underground Resistance" eine neue Art militanter
Tracks, eine nicht-utopische musikalische Vision.
Glaubst Du wirklich, man kann die Geschichte
von Rave als Drogenstory erzählen? Dann wären British Hardcore
und auch Jungle die Folgen einer MDMA-Überdosierung gewesen, sozusagen
eine biochemische Notwendigkeit?
Ja, ich glaube, das war die Dynamik. Die
Tunes stiegen innerhalb eines Jahres von 124 auf 151 bpm. Die Stimmung
wurde gestörter, die Riffs krampfartiger. Manchmal habe ich gedacht,
es ist wie von einem Stromschlag getötet zu werden oder einen epileptischen
Anfall zu kriegen. Für jemanden wie mich - mit Rock-Hintergrund -
war das unbeschreiblich aufregend.
Natürlich haben auch andere Sachen
eine Rolle gespielt. Die Bilderwelt des militanten Underground war auch
eine Reaktion auf den ungeheuren kommerziellen Erfolg von Rave, spätestens
ab 1992. So entstanden die paramilitärischen Images, denen Pioniere
wie DJ Tanith vom Tresor den Weg bereiteten. Das passierte in Deutschland,
Belgien und Detroit. Ein paramilitärisches Guerilla-Techno-Feld.
Im Jungle hast du ähnliche Images,
die um einen eher schwarzen Sound kreisen, aber die gleiche Obsession für
Cyberpunk-Filme und Terminator-Zeichen teilen. Goldie nannte einen Track,
den er unter dem Namen "Metalheadz" machte, so, "Terminator". Alles Cyberpunk-Visionen
einer dystopischen Zukunft, von einem dunklen Krieg, in den wir gehen,
anstatt in das verheißene Land, das uns die frühe House-Musik
versprochen hat. Auf diese Musik tanzt du anders. Sie macht dir einen anderen
Körper.
Welche Musik macht Dir denn welchen
Körper?
Einen Effekt, den Ecstasy zu haben scheint,
ist das Abbremsen einer aggressiven sexuellen Energie. Es macht dich sensitiv
und touchy. Die Leute wollen sich anfassen, umarmen, küssen. Ecstasy
führt sie weg von einer genitalen Orientierung und verteilt ihre Sinnlichkeit
über den ganzen Körper. Verstrahlte Leute sind verliebt, zärtlich,
sinnlich usw., aber nicht erotisiert. Das hilft ihnen, den männlichen
Charakter- oder Körperpanzer, wie Wilhelm Reich ihn beschrieben hat,
zu brechen.
Reich ist davon ausgegangen, daß
es einen Weg gibt, den autoritären Charakter, das faschistische Subjekt,
zu unterminieren. Und er hat dafür, glaube ich, eine ganze Reihe von
Forschungen in Richtung Massage, Atmung usw. unternommen. Ecstasy ist eine
Abkürzung auf diesem Weg. Es scheint den Leuten ihre rigiden Bewegungen
zu nehmen. Vielleicht sind Frauen dem so und so näher, und in diesem
Sinne ginge es also um Feminisierung. Und genauso hat sich mit Ecstasy
einiges von der Körpersprache und dem expressiven Verhalten der Gay
Culture in heterosexuellem männlichem Verhalten eingefunden. House
kommt aus der schwulen Kultur in Chicago. Und der Import nach Europa wurde
hauptsächlich durch Ecstasy ermöglicht und katalysiert.
Du schreibst des öfteren, daß
E Dir einen "organlosen Körper" macht. Das ist ein Begriff von Deleuze
und Guattari. In letzter Zeit habe ich öfter ein unangenehmes Gefühl,
wenn in Cultural Studies und Poptheorie poststrukturalistische Begriffe
benutzt werden, weil ich den Eindruck nicht loswerde, daß es um reine
Illustrationen geht, um hippe begriffliche Marker, die vor allem etwas
über den Wunsch der AutorInnen, theoretisch up-to-date sein zu wollen,
aussagen. So ist das World Wide Web ein Rhizom geworden und Techno eine
Wunschmaschine.
Als ich anfing zu raven, las ich das erste
Mal Deleuze und Guattari, und ich verstand verschiedene Passagen ihres
Konzepts nicht oder fand zumindest nichts in der Realität, was damit
beschrieben sein könnte. Und dann, als ich das erste Mal auf einem
Rave war, dachte ich, das ist eine Wunschmaschine, eine Verschaltung von
Technologie und Leuten.
Ich war sehr von der Art und Weise beeindruckt,
in der die Tanzbewegungen quer durch die Menge zu wandern schienen, so
als ob die Leute sie unbewußt nachahmen würden, als ob sie sich
selbst ausdrücken und dabei gleichzeitig Teil einer größeren
Entität wären.
Das Gleiche gilt für den organlosen
Körper. Die Sensation dieses Begriffs scheint auf einen lockerer werdenden
Körper zu passen, auf Energie, die durch den Körper fließt.
Du fühlst, wie die interne Hierarchie des Körpers aufgelöst
wird. Ecstasy unterbricht deine Existenz als Organismus. In diesen Geschichten
gibt es verrückte Grenzen, denen sich die Leute nähern, und die
letzte Grenze ist der Tod.
Wieso wurde Jungle Anfang der Neunziger
zu Deiner Lieblingsmusik für dieses Jahrzehnt?
Vielleicht ist das das Aufregendste, was
ich jemals mitbekommen habe, wie früher Hardcore plötzlich dunkel,
nihilistisch und depressiv wurde - und erfinderisch, diese ganze dunkle
Seite der Breakbeat-Ära war erfinderisch. Und dann, mit unglaublicher
Geschwindigkeit, entwickelte sich das zu Jungle, und dann zu Drum'n'Bass:
eine dreijährige aufsehenerregende Veränderung.
Ich ging in Clubs und hörte Piratensender.
Ich war nie Teil von Punk gewesen. Deshalb war Jungle mein Punk. Für
mich war das eine vollkommen überraschende und faszinierende Subkultur,
der Slang, das MCing, die versteckten Politiken hinter Jungle, die Bezug
nahmen auf Großbritannien als Immmigrationsland und besonders auf
die wirtschaftliche Lage Mitte der Neunziger.
Was meinst Du mit versteckten Politiken?
Von Anfang an war verrückt, daß
es plötzlich all diese Lyrics, Samples, Titel gab, die über Crime
und Gangsterism sprachen. Noch sechs Monate vorher ging alles um das glückliche,
glückliche Ding; und plötzlich Statements, wie hart es ist, in
den Neunzigern zu überleben. Dieses Element spiegelt die britische
Unterklasse wider, das Lumpenproletariat. Leute, die irgendwie ökonomisch
überleben müssen, erwägen, zu den verschiedensten Maßnahmen
zu greifen.
Und dann gibt es noch die ganze Frage der
Abschottung. Jungle und Hardcore wurden derart verfolgt, von der Presse
ignoriert und gleichzeitig gefürchtet, daß sie eine vollkommen
getrennte Ökonomie der kleinen Clubs, spezialisierten Plattenläden,
Dutzender Piratenradiostationen und Independent Labels aufbauten. Die ganze
Kultur ist eine Umkehrung der Plattenindustrie: keine CDs mehr, nicht mal
Jungle-Alben. Alles dreht sich um die 12-Inch-Maxi. Und dann gibt es die
Dubplate- Geschichte.
DJs bekommen vorab von einem Netzwerk von
ProduzentInnen eine Pre-Release-Version eines Tracks auf DAT oder Kassette.
Auf eigene Kosten pressen die DJs die Dubplate, die sich ungefähr
25 bis 40mal auflegen läßt. Das heißt, daß Tracks
sechs Monate oder ein Jahr, bevor sie rauskommen, schon in den Clubs laufen
- die schöne Idee einer Musik, die man nicht kaufen kann.
Hast Du im Jungle nicht das Happy- Handbag-Gefühl
vermißt, die Housiness, die glücklichen Samples?
Mir ging es nicht so um House, sondern
um die Euphorie des frühen Happy Hardcore, der manisch vor Energie
war, sehr uplifting, glückliche Pianos, die wie verrückt in der
Luft vibrierten, wie ein Morsecode-Signal. Aber gleichzeitig war Jungle
eine realistischere, genauere Antwort auf die aktuellen politischen Realitäten.
Genau das ändert sich jetzt wieder
mit Speed Garage, wo die Leute wieder mehr Geld haben. Plötzlich haben
sie die Schnauze voll, diese wirklich harte, depressive, aggressive Musik
zu hören, weil sie sich gar nicht mehr so fühlen. Und so wanderte
der Puls, das populistische Herz der Szene zu Speed Garage, was sehr viel
positivere Vibes hat. Speed Garage handelt von Highlife, Champagner, Koks
und ist im konventionellen Sinne sexy: House meets R&B, gewürzt
mit ein paar Jungle-Elementen.
Wer wird eigentlich in London oder Großbritannien
reicher? Ich habe von London eher den Eindruck, daß vor allem junge
Leute ziemliche Probleme haben, einen gutbezahlten Job zu kriegen und die
hohen Mieten aufzubringen.
Es ist viel Geld im Umlauf, und ein bißchen
davon sickert auch weiter nach unten. Und außerdem sind die Leute,
die heute in der Speed Garage-Szene sind, so etwas wie erwachsen geworden.
Sie waren Teenager, als sie anfingen zu raven, sie waren in den frühen
Zwanzigern, als Jungle kam und nun sind sie Mitte, Ende Zwanzig und haben
sichere oder einigermaßen gute Jobs, haben vielleicht sogar Kinder.
Da ist inzwischen wirklich eine andere Stimmung in Großbritannien
aufgekommen.
Es gibt noch viele runtergekommene Gegenden
und vor allem StudentInnen, Mittelschichtskinder, verarmen. Sie kriegen
keine Studienbeihilfe, sie verlassen die Uni mit riesigen Schulden.
Die Speed Garage-Szene mit ihren Designer-Klamotten,
ist das nicht vielleicht eher eine kleine Neo-Yuppie-Clique, die in der
Werbebranche arbeitet, im Multimedia-Bereich, so Kreativ-Terroristen?
Nein, es ist eher eine Art von Arbeiterklassen-Sache,
eine Art Imitation der HipHop-Idee, auf großem Fuß zu leben,
der Player, so etwas in Richtung: die ganze Woche ranklotzen und sich am
Wochenende wirklich, wirklich amüsieren; dieses: nichts ist zu gut
für uns. Also trinken wir Champagner, nehmen Koks, rennen mit Dolce
& Gabbana-Shirts rum und lassen den Einnäher raushängen,
damit alle wissen, daß wir uns was geleistet haben. Vielleicht geben
sie dafür einen Großteil dessen aus, was sie unter der Woche
verdient haben. Das schließt an die alte Tradition an, daß
das Wochenende die ganze Arbeitswoche retten muß.
Denkst Du, daß in der Speed Garage-
Szene alles wieder aufgegeben wird, was sich am Anfang von Rave im Gegensatz
zur Achtziger-Jahre-Disco zwischen den Geschlechtern und in den Ausgehpolitiken
geändert hatte?
Was Speed Garage ändert, ist die Rückkehr
zu polarisierteren Geschlechterrollen, womit überhaupt so etwas wieder
auftaucht, wie weibliches Sich-aufreizend-Kleiden; nicht anders allerdings
die Männer, mit Muskelshirt unterm Anzug. Teilweise hat das mit dem
Niedergang von Ecstasy als paradigmatischer Droge zu tun, so daß
der ganze asexuelle, glückselige, unschuldige Vibe verschwunden ist.
Die Speed Garage-Szene kommt ja selber
aus dieser verrückten E-Utopie. Sie wollen weiter tanzen, weiter Drogen
nehmen, aber sie wollen das mit einem eher normalen Lebensstil vereinbaren.
Außerdem haben die Veränderungen viel mit Kokain zu tun, eine
hypersexuelle Droge. Sie steigert jede Art von Appetit, außer Hunger.
Du willst jede Art von Genuß. Der ultimative Ausdruck dafür
ist, daß du mehr Kokain willst, eine perfekte KonsumentInnen-Droge
also.
In unterschiedlicher Art und Weise scheint
Speed Garage mit der Erzählstruktur von Rave zu brechen. Die Clubs
sind exklusiv mit elitärem Vibe. Du kannst nicht mit Trainingshose
und Turnschuhen reingehen. Das ist wirklich eine Rückkehr zur Achtziger-Jahre-Disco,
bevor Rave losging.
Es ist so, als ob sie sagen würden,
wir sind nun älter, wir haben alle Ideen von Gegenkultur aufgegeben,
wir interessieren uns für materielle Dinge, für BMWs und Dolce
& Gabbana-Klamotten, für Statusfragen und Markenwaren. Vielleicht
ist das der Endpunkt, vielleicht das nächste Stadium der Dance Drug
Culture in Großbritannien. |