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  14. Oktober 1998 Jungle World
 

Feuilleton Nachrichten

Rathfelder gerüffelt 

Zuerst wollte er das Massengrab gerochen , danach nur noch gesehen haben. Schließlich gestand Erich Rathfelder, Balkan-Korrespondent der Tageszeitungen Presse (Wien) und taz (Berlin) ein, daß ihm lediglich ein albanischer Augenzeuge von den "Massengräbern mit Hunderten massakrierten Zivilisten" nahe dem Kosovo-Dorf Orahovac berichtet habe. Bestätigt wurden die Angaben - angeblich sollen 567 Leichen, darunter 430 Kinder verscharrt worden sein - weder von jugoslawischen noch von internationalen Stellen. Nachdem die jugoslawische Botschaft in Wien Beschwerde gegen die Darstellung eingelegt hatte, brachte die Wühlarbeit ihres Korrespondenten der Presse nun eine Rüge des Österreichischen Presserats ein: Er veruteilte das Blatt mit der "einstimmigen Feststellung", es habe "durch die Veröffentlichung Berufspflichten verletzt". 

Rathfelders Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen waren mit der Rüge gar nicht einverstanden Der Presserat setze sich "dem Verdacht aus, als lasse er sich in die Belgrader Propaganda einspannen, gegen die die Realität steht, welche eine andere Sprache spricht." 

Marx kommt 

Nur noch 32 Jahre warten muß, wer sich die komplette Marx-Engels-Gesamtausgabe (Mega) ins Regal stellen möchte. Denn der Akademie Verlag, der letzte Woche die Herausgabe des Werkes vom Karl Dietz Verlag übernommen hat, möchte bis zum Jahr 2030 die restlichen 75 des auf 122 (Teil-) Bände angelegten Werkes veröffentlicht haben. 

Im Gegensatz zu anderen DDR-Werken, die mit wissenschaftlichem Anspruch auftraten, zeichnen sich die rund 250 Mark teuren Bände durch editorische Wertneutralität aus, lediglich die Vorworte sind tendenziös. 

Der erste Band der zweiten Mega erschien 1975, nachdem Stalin 1931 der ersten Mega ein Ende bereitet hatte. Ursprünglich war vorgesehen, daß die zweite Mega 170 Bände mit noch einmal so vielen Apparatbänden umfaßt. Die Finanzierung des Projektes ist bis zum Jahr 2015 gesichert. Trägerin ist die Marx-Engels-Stiftung, zu der die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Trierer Karl-Marx-Haus sowie zwei russische Institute gehören. Auch die Tatsache, daß die Mega zu den 150 Langzeitvorhaben der deutschen Akademien gehört, läßt erwarten, daß die zunehmende Geldknappheit den dunkelblauen Bänden nichts anhaben kann. Besonders interessant dürfte es werden, Marx' Arbeiten am zweiten und dritten Band des "Kapitals" sowie an den Theorien über den Mehrwert zu verfolgen, deren derzeit erhältliche MEW-Version von Engels zusammengestellt wurde. 

Informationen für Verbraucher I 

Ulrich Wickerts "Buch der Tugenden" kostet jetzt nur noch 7,90 Mark (statt 48 Mark), ist zwar"leicht angestoßen" (Zweitausendeins), enthält aber weiterhin eine "Fülle hochinteressanter und zum Nachdenken anregender Texte aus Philosophie, Literatur, Politik, Theologie und Wissenschaft - von Aesop, Wilhelm Busch, Luther, Enzensberger, von Homer bis Grass, von Aristoteles bis Karl Popper, von Goethe, Lichtenberg, H.C. Andersen, Fontane, Kästner, Brecht, Ernst Jandl, Walter Benjamin, Thomas Mann, Doris Lessing, George Orwell, Albert Schweitzer, Schopenhauer, Ignatz Bubis, Otto Schily, Oswald von Nell-Breuning, Uta Ranke-Heinemann, Werner Heisenberg u.v.a." 

Informationen für Verbraucher II 

Die Fünfziger-Jahre-Remakes der Reihe "German Classics" von Bernd Eichinger gibt's jetzt als Video zum Stückpreis von 7,98 Mark bei Lidl. Die "Top Video-Filme mit Megastars!" (Werbung) "Charley's Tante" (mit Thomas Heinze), "Es geschah am hellichten Tag" (mit Joachim Krol), "Die Halbstarken" (mit Til Schweiger) und "Das Mädchen Rosemarie " (mit Heiner Lauterbach) werden nur vorübergehend im Sortiment geführt, solange der Vorrat reicht. Ebenfalls im aktuellen Angebot: Damen-Hausschuh in verschiedenen aktuellen Farbkombinationen, Größen: 36-41 für 9,98 Mark. 

Hausarrest bei Talibans 

Weil er "lebende Objekte" in Afghanistan gefilmt hatte, ist der deutsche Journalist Armin-Paul Hampel, Chef des Südostasien-Studios der ARD, von der Taliban vorübergehend unter Hausarrest gestellt worden. Nur wenige Tage zuvor war seinem US-amerikanischen Kollegen Brent Sattler gleiches passiert. Ihm waren ebenfalls verbotene Aufnahmen vorgeworfen worden. Nach Ansicht der Gotteskrieger haben Journalisten lediglich die Landschaften und Bauten Afghanistans zu filmen, Menschen und Tiere fallen unter Bildverbot. Besonders dann, wenn Aufnahmen von Frauen gemacht werden, zensieren die Taliban das Material, wie im Fall Hampels. Auf den beschlagnahmten Videobändern waren Frauen zu sehen. Der Korrespondent, der inzwischen nach Pakistan ausreisen konnte, sagte gegenüber der Berliner Zeitung, er sei korrekt behandelt worden und nicht einmal "von einem der Taliban-Leute körperlich angefaßt worden". 

Naumann 

Ein Platz für Michael Naumann ist gefunden; der Kulturbeauftragte der SPD wird im Range eines Staatsministers arbeiten, allerdings kein eigenes Ministerium bekommen. Aufgestockt wird sein Ressort durch die bisher im Innenministerium angesiedelten Aufgabenbereiche (z.B. Filmförderung). Als Staatsminister hat Naumann unmittelbaren Anschluß an das Kanzleramt. Zu seinen wichtigsten Vorhaben zählt Naumann die Kulturförderung der neuen Länder, die zusätzliche rund 120 Millionen Mark erhalten sollen. 

Toleranz für Böhse Onkelz 

Machte das Berliner Schwulenblatt First Anfang der neunziger Jahre von sich reden, weil es den früheren NPDler und späteren Vorsitzenden der rechten Deutschen Homophilen Organisation (DHO), Jürgen Neumann, beschäftigte, fällt es heute mit der Forderung nach mehr Toleranz gegenüber den Böhsen Onkelz auf, die "eine sehr unschöne Vergangenheit aufweisen", sich aber von der "fehlerhaften Periode" ihrer rechtsradikalenSchaffenszeit distanzieren. Es sei, schreibt First-Musikredakteur Nicolas D. Lange, zwar nicht "unverständlich, Zweifel gegenüber diesem Verhalten zu hegen, aber zu urteilen, ohne sich mit der 'veränderten' Materie auseinandergesetzt zu haben, ist unzumutbar. Gleiches widerfährt 'uns', indem engstirnige Menschen Schwule/Lesben über einen Kamm scheren und sich auch nicht die Mühe machen, mal über den Tellerrand zu hinaus zu sehen." 

  •  Die Nachrichten wurden von Bickel, Geiger, Niermann und Runge zusammengestellt 
 
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