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Feuilleton Nachrichten
Rathfelder gerüffelt
Zuerst wollte er das Massengrab gerochen
, danach nur noch gesehen haben. Schließlich gestand Erich Rathfelder,
Balkan-Korrespondent der Tageszeitungen Presse (Wien) und taz (Berlin)
ein, daß ihm lediglich ein albanischer Augenzeuge von den "Massengräbern
mit Hunderten massakrierten Zivilisten" nahe dem Kosovo-Dorf Orahovac berichtet
habe. Bestätigt wurden die Angaben - angeblich sollen 567 Leichen,
darunter 430 Kinder verscharrt worden sein - weder von jugoslawischen noch
von internationalen Stellen. Nachdem die jugoslawische Botschaft in Wien
Beschwerde gegen die Darstellung eingelegt hatte, brachte die Wühlarbeit
ihres Korrespondenten der Presse nun eine Rüge des Österreichischen
Presserats ein: Er veruteilte das Blatt mit der "einstimmigen Feststellung",
es habe "durch die Veröffentlichung Berufspflichten verletzt".
Rathfelders Kollegen von der Frankfurter
Allgemeinen waren mit der Rüge gar nicht einverstanden Der Presserat
setze sich "dem Verdacht aus, als lasse er sich in die Belgrader Propaganda
einspannen, gegen die die Realität steht, welche eine andere Sprache
spricht."
Marx kommt
Nur noch 32 Jahre warten muß, wer
sich die komplette Marx-Engels-Gesamtausgabe (Mega) ins Regal stellen möchte.
Denn der Akademie Verlag, der letzte Woche die Herausgabe des Werkes vom
Karl Dietz Verlag übernommen hat, möchte bis zum Jahr 2030 die
restlichen 75 des auf 122 (Teil-) Bände angelegten Werkes veröffentlicht
haben.
Im Gegensatz zu anderen DDR-Werken, die
mit wissenschaftlichem Anspruch auftraten, zeichnen sich die rund 250 Mark
teuren Bände durch editorische Wertneutralität aus, lediglich
die Vorworte sind tendenziös.
Der erste Band der zweiten Mega erschien
1975, nachdem Stalin 1931 der ersten Mega ein Ende bereitet hatte. Ursprünglich
war vorgesehen, daß die zweite Mega 170 Bände mit noch einmal
so vielen Apparatbänden umfaßt. Die Finanzierung des Projektes
ist bis zum Jahr 2015 gesichert. Trägerin ist die Marx-Engels-Stiftung,
zu der die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Trierer
Karl-Marx-Haus sowie zwei russische Institute gehören. Auch die Tatsache,
daß die Mega zu den 150 Langzeitvorhaben der deutschen Akademien
gehört, läßt erwarten, daß die zunehmende Geldknappheit
den dunkelblauen Bänden nichts anhaben kann. Besonders interessant
dürfte es werden, Marx' Arbeiten am zweiten und dritten Band des "Kapitals"
sowie an den Theorien über den Mehrwert zu verfolgen, deren derzeit
erhältliche MEW-Version von Engels zusammengestellt wurde.
Informationen für Verbraucher I
Ulrich Wickerts "Buch der Tugenden" kostet
jetzt nur noch 7,90 Mark (statt 48 Mark), ist zwar"leicht angestoßen"
(Zweitausendeins), enthält aber weiterhin eine "Fülle hochinteressanter
und zum Nachdenken anregender Texte aus Philosophie, Literatur, Politik,
Theologie und Wissenschaft - von Aesop, Wilhelm Busch, Luther, Enzensberger,
von Homer bis Grass, von Aristoteles bis Karl Popper, von Goethe, Lichtenberg,
H.C. Andersen, Fontane, Kästner, Brecht, Ernst Jandl, Walter Benjamin,
Thomas Mann, Doris Lessing, George Orwell, Albert Schweitzer, Schopenhauer,
Ignatz Bubis, Otto Schily, Oswald von Nell-Breuning, Uta Ranke-Heinemann,
Werner Heisenberg u.v.a."
Informationen für Verbraucher II
Die Fünfziger-Jahre-Remakes der Reihe
"German Classics" von Bernd Eichinger gibt's jetzt als Video zum Stückpreis
von 7,98 Mark bei Lidl. Die "Top Video-Filme mit Megastars!" (Werbung)
"Charley's Tante" (mit Thomas Heinze), "Es geschah am hellichten Tag" (mit
Joachim Krol), "Die Halbstarken" (mit Til Schweiger) und "Das Mädchen
Rosemarie " (mit Heiner Lauterbach) werden nur vorübergehend im Sortiment
geführt, solange der Vorrat reicht. Ebenfalls im aktuellen Angebot:
Damen-Hausschuh in verschiedenen aktuellen Farbkombinationen, Größen:
36-41 für 9,98 Mark.
Hausarrest bei Talibans
Weil er "lebende Objekte" in Afghanistan
gefilmt hatte, ist der deutsche Journalist Armin-Paul Hampel, Chef des
Südostasien-Studios der ARD, von der Taliban vorübergehend unter
Hausarrest gestellt worden. Nur wenige Tage zuvor war seinem US-amerikanischen
Kollegen Brent Sattler gleiches passiert. Ihm waren ebenfalls verbotene
Aufnahmen vorgeworfen worden. Nach Ansicht der Gotteskrieger haben Journalisten
lediglich die Landschaften und Bauten Afghanistans zu filmen, Menschen
und Tiere fallen unter Bildverbot. Besonders dann, wenn Aufnahmen von Frauen
gemacht werden, zensieren die Taliban das Material, wie im Fall Hampels.
Auf den beschlagnahmten Videobändern waren Frauen zu sehen. Der Korrespondent,
der inzwischen nach Pakistan ausreisen konnte, sagte gegenüber der
Berliner Zeitung, er sei korrekt behandelt worden und nicht einmal "von
einem der Taliban-Leute körperlich angefaßt worden".
Naumann
Ein Platz für Michael Naumann ist
gefunden; der Kulturbeauftragte der SPD wird im Range eines Staatsministers
arbeiten, allerdings kein eigenes Ministerium bekommen. Aufgestockt wird
sein Ressort durch die bisher im Innenministerium angesiedelten Aufgabenbereiche
(z.B. Filmförderung). Als Staatsminister hat Naumann unmittelbaren
Anschluß an das Kanzleramt. Zu seinen wichtigsten Vorhaben zählt
Naumann die Kulturförderung der neuen Länder, die zusätzliche
rund 120 Millionen Mark erhalten sollen.
Toleranz für Böhse Onkelz
Machte das Berliner Schwulenblatt First
Anfang der neunziger Jahre von sich reden, weil es den früheren NPDler
und späteren Vorsitzenden der rechten Deutschen Homophilen Organisation
(DHO), Jürgen Neumann, beschäftigte, fällt es heute mit
der Forderung nach mehr Toleranz gegenüber den Böhsen Onkelz
auf, die "eine sehr unschöne Vergangenheit aufweisen", sich aber von
der "fehlerhaften Periode" ihrer rechtsradikalenSchaffenszeit distanzieren.
Es sei, schreibt First-Musikredakteur Nicolas D. Lange, zwar nicht "unverständlich,
Zweifel gegenüber diesem Verhalten zu hegen, aber zu urteilen, ohne
sich mit der 'veränderten' Materie auseinandergesetzt zu haben, ist
unzumutbar. Gleiches widerfährt 'uns', indem engstirnige Menschen
Schwule/Lesben über einen Kamm scheren und sich auch nicht die Mühe
machen, mal über den Tellerrand zu hinaus zu sehen."
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Die Nachrichten wurden von Bickel,
Geiger, Niermann und Runge zusammengestellt
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