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Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe
Martin Walser wird für seine Verdienste
um die Verständigung der Deutschen mit sich selbst geehrt.
Von Joachim Rohloff
Wofür Martin Walser den Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels bekam, vermochte selbst sein Laudator Frank Schirrmacher
nicht zu sagen. Warum er ihn bekam, ist sonnenklar.
Alle anderen Preise hat er schon: den Hesse-,
den Schiller-, den Büchner-, den Hauptmann- und den Huch-Preis, die
Heine- und die Zuckmayer-Medaille, den Großen Literaturpreis der
Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die Ehrendoktorwürde
der Universitäten Konstanz, Hildesheim und Dresden, das Große
Bundesverdienstkreuz und den "Pour le mérite". ("Unbestechlich"
nannte Walsern die Frankfurter Oberbürgermeisterin, und an seiner
Unbestechlichkeit ist nicht zu zweifeln; allerdings wird sie doch, da sie
derart honoriert wurde, nicht sonderlich schwer gefallen sein.)
Weil offenbar kein Jahr vergehen darf,
ohne daß Walser einen Preis bekäme, der Nationalpreis, den er
sich redlich verdient hat und der gewiß nicht lange ausbleiben wird,
heuer schon an Biermann vergeben war und niemand einen Martin-Walser-Preis
für besondere Verdienste um Martin Walser stiften mochte, blieb nur
der Friedenspreis.
Schirrmacher verzichtete darauf, dem Preisträger
besondere Verdienste um denWeltfrieden und die Völkerverständigung
anzudichten. Diesmal reichte schon Walsers beträchtliches Verdienst
um die Verständigung der Deutschen über und mit sich selbst.
Daß die Deutschen ein ganz normales Volk unter anderen Völkern
seien, müsse dem Terror der "Meinungssoldaten" zum Trotz endlich gesagt
werden dürfen, sagte Walser in seiner Dankesrede nicht zum ersten
Mal. Die Versammelten nickten beifällig. Und von Walsers Bekenntnis,
er könne, obwohl man Auschwitz nie vergessen dürfe, die Bilder
aus den Konzentrationslagern nicht ertragen, er müsse wegschauen,
wenn das Fernsehen sie wieder und wieder zeige, werden sie nur so viel
verstanden haben: Von Auschwitz ist inzwischen abzusehen.
Walser mißtraut allen Meinungen und
verläßt sich lieber auf sein "Geschichtsgefühl". Eine Meinung
tauge nur dazu, eine Gegenmeinung zu provozieren. Wenn er geschwiegen hätte,
sinnierte er einst, wären seine Gegner wohl angeln gegangen oder ins
Kino; da er nicht an sich halten konnte, formulierten sie ihren Widerspruch.
Walsers Gefühl erwachte 1978, als
er tief in deutscher Geschichte den Landsmann Schlageter traf, der im Baltikum
gekämpft und an der Ruhr die französische Besatzungsmacht sabotiert
hatte, deshalb hingerichtet und deshalb von den Nazis zum nationalen Helden
ernannt worden war. Ihn vor den Nazis und für Deutschland zu retten,
verbündete Walser sich mit Heidegger.
Dieser nämlich "sagt, Schlageter sei
'den schwersten und größten Tod gestorben'. Weil wehrlos und
allein. Er fragt, woher Schlageter die 'Härte des Willens' und die
'Klarheit des Herzens' gehabt habe, für dieses Schwerste und dieses
Größte. Er führt die Willenshärte auf das Urgestein
der Schwarzwaldberge, den Granit, zurück. Die 'Klarheit des Herzens'
werde von der 'Herbstsonne des Schwarzwaldes' genährt. Außerdem
wird nur noch gesagt: 'Er mußte ins Baltikum, er mußte nach
Oberschlesien, er mußte an die Ruhr.' (Ö) Ich gestehe, daß
ich finde, so könne man über Schlageter reden." Denn "warum soll
man die Sozialgeschichte nicht auch durch Daten der Naturgeschichte ausdrücken.
Komisch ist dieses Heidegger-Vokabular nur, wenn man es für metaphorisch
hält."
Wir müßten Schlageter, "schon
um des historischen Anstandes willen", den Nazis streitig machen und ihn
nicht länger hart wie Kruppstahl nennen, sondern hart wie Schwarzwaldgranit.
Denn er war kein Nazi, sondern katholisch. Von diesem Gefühl war es
nicht weit bis zur Meinung, Hitler sei eine Ausgeburt des Versailler Diktats
gewesen und die Wehrmacht unschuldig an Auschwitz. Walser brauchte trotzdem
fast zwanzig Jahre.
Während der Historikerstreit ihn erfreut
hatte, weil man fortan ganz öffentlich und nicht mehr nur im "Samisdat"
eine abweichende Meinung zur deutschen Geschichte äußern durfte,
die Noltesche nämlich, stimmte ihn die Wehrmachtsausstellung des Hamburger
Instituts für Sozialforschung unfroh: "Ich habe die Ausstellung nicht
gesehen. 'Verbrechen in der deutschen Wehrmacht', also, daß man den
ganzen Verein so generell kriminalisiert, ich weiß nicht (...) 'Die
Wehrmacht': Das geht mir total gegen den Strich. Es gibt einen Satz, den
ich damals zum Historikerstreit gehört habe, der mir auch nicht einleuchtet.
Da wurde die Wehrmacht angegriffen, weil durch ihren Einsatz der Betrieb
von Auschwitz weiterhin möglich geworden sei. Verstehen Sie, diesen
Zusammenhang herzustellen. Die Soldaten, die sich haben erschießen
lassen, die haben doch gar nicht gewußt, daß es Auschwitz gibt,
die haben doch nicht das Gefühl gehabt, daß sie Auschwitz verteidigen
sollen. Deshalb darf man nicht nachträglich sagen: Die haben Auschwitz
ermöglicht!"
Ein Kritiker, wehrte Walser sich in seiner
Dankesrede, habe ihn neulich beschuldigt, Auschwitz komme in seinen Büchern
nicht vor. Der Mann habe ja wohl überhaupt keine Ahnung von den Gesetzen
des Erzählens. Das ist gelogen. Nicht Auschwitz hat Reich-Ranicki
vermißt, sein Geschichtsgefühl kränkte nur der Umstand,
daß in Walsers neuestem Roman über eine Kindheit im Dritten
Reich keine Nazis vorkommen. |