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Die Erfindung der weißen Rasse
Rassistische Unterdrückung als System
sozialer Kontrolle. Zu Theodore W. Allens Studie über Rassismus.
Von Jost Müller
Der Titel "The Invention of the White Race",
die "Erfindung der weißen Rasse", machte hellhörig, als vor
vier Jahren Theodore W. Allen den ersten einer auf zwei Bände angelegten
historischen Studie über Rassismus, Kolonialsystem und Sklaverei im
südlichen Teil der nordamerikanischen Ostküste vorlegte.
Erst wenige Jahre zuvor hatte in der Linken
der BRD eine allerdings überfällige politische und theoretische
Debatte über Rassismus begonnen, über seine staatlich-institutionelle
Verankerung, seine impliziten wie expliziten Erscheinungsformen und seine
dauerhafte Präsenz in der Alltagsideologie einer Gesellschaft, die
sich zumindest offiziell unter dem perfiden Hinweis auf eine kaum nennenswerte
Vergangenheit als überseeische Kolonialmacht (1884-1915) und auf die
historische Überwindung des NS-Rassenwahns vom Vorwurf des Rassismus
freisprechen wollte. Das Anwachsen faschistischer Wahl- und Stoßtrupparteien
mit ihrer rassistischen Programmatik ließ solche Legitimationsmuster
in den achtziger Jahren noch weitgehend unangetastet.
Das Erschrecken aber über das Ausmaß
rassistisch motivierter Übergriffe auf Flüchtlinge, Migrantinnen
und Migranten zu Beginn der neunziger Jahre hat immerhin einige empfindlich
gemacht für staatlich sanktionierte und konsensuell gedeckte Diskriminierungspraktiken,
denen andere tagtäglich ausgesetzt sind. Plötzlich waren auch
deren Stimmen für bundesrepublikanische Linke vernehmbar und plötzlich
war nicht mehr auszuschließen, daß es auch "schwarze Deutsche"
oder "deutsche Schwarze" gibt.
Notgedrungen, weil Vergleichbares im deutschsprachigen
Raum kaum auffindbar war, aber glücklicherweise, weil hier, um es
gleich anzudeuten und ein scheinbar veraltetes Wort zu verwenden, ein wirklicher
Erkenntnisfortschritt ermöglicht wurde, mußte auf theoretische
Reflexionen und wissenschaftliche Forschungen vor allem aus Britannien,
Frankreich und den USA Bezug genommen werden, sollte die Debatte über
rassistische Unterdrückung überhaupt in Gang kommen.
Produktiv wurde in ihr die Erkenntnis,
daß es sich bei dem, was der Begriff "Rasse" oder "Ethnie" bezeichnet,
nicht um eine biologisch oder kulturell bestimmte Entität, sondern
um eine soziale Konstruktion handelt, die die herrschaftlichen Praktiken
der Ein- und Ausschließung von Individuen und gesellschaftlichen
Gruppen regelt und historisch wie aktuell mit einem Bündel von soziologischen,
somatischen, symbolischen und phantasmatischen Zuschreibungen angereichert
ist.
Im Grundsatz nimmt auch Allens Studie "Die
Erfindung der weißen Rasse" diese Definition auf, wobei allerdings
der Hauptakzent seiner historischen Untersuchung auf dem sozialen Herrschaftsaspekt
liegt. Zur Orientierung unterscheidet Allen für die Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg in der US-amerikanischen Geschichtsschreibung über
Rassismus und Sklaverei zwei grundlegende Ansätze, den psycho-kulturellen
und den sozio-ökonomischen.
I.
Der erste Ansatz baut auf eine psycho-kulturelle
Argumentationslinie, nach der die Entstehung der Sklaverei die unmittelbare
Folge eines bereits ausgebildeten, vorkolonialen rassistischen Einstellungspotentials,
eben einer psycho-kulturellen Disposition oder "Geisteshaltung" der englischen
Kolonisatoren war.
Allen nun kann in seiner Studie, vornehmlich
im zweiten Band ("The Origin of Racial Oppression in Anglo-America", 1997),
unter einer Reihe von historischen Gesichtspunkten diesen Ansatz widerlegen.
Dies gilt beispielsweise für die unterschiedliche Behandlung von "Indianern"
und "Negern" unter der prinzipiellen Vorstellung einer Superiorität
der Weißen, für die verschiedenen Vorgehensweisen der englischen
Kolonisatoren in der Karibik und auf dem Festland gegenüber "Mulatten",
"freien Farbigen" und Plantagensklaven sowie für das Ereignis des
gemeinsamen Aufstands von weißen Leibeigenen auf Zeit und schwarzen
Sklaven als vererbbare "Leibeigene" auf Lebenszeit während der Phase
der sogenannten Bacon-Rebellion von Mai 1676 bis Januar 1677 in Virginia,
um nur drei Punkte zu nennen, die dieser Ansatz schließlich ignorieren
muß.
Nicht zuletzt die Tatsache, daß sich
in der ersten Periode der Kolonisierung des nordamerikanischen Festlands
im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts weiße wie schwarze Landarbeiter
nach dem Muster der Schuldknechtschaft in zeitlich befristeter Leibeigenschaft
auf den Tabakplantagen in Virginia verdingen mußten, macht deutlich,
daß deren englische Besitzer zunächst keine rassistische Segregation
der Arbeitskräfte vornahmen. Auch in dieser Hinsicht erweist sich
also die psycho-kulturelle Argumentationsweise als unzulänglich.
Hinzu kommt jedoch noch der theoretisch-methodische
Einwand, daß in diesem Ansatz historischer Forschung nicht nur der
Rassismus der Sklaverei, sondern mehr noch die ideologische Rassenkonstruktion
dem Rassismus und der historischen Wirkungsweise rassistischer Unterdrückung,
hier der Sklaverei, immer schon vorausgesetzt ist. Mit anderen Worten:
Das, was die historische Forschung erbringen soll, die Konstitutionsbedingungen
von rassistischer Versklavung offenzulegen, wird als sekundäres, ableitbares
geschichtliches Phänomen behandelt; und so stößt dieser
Ansatz den Historiker in den Abgrund anthropologischer Abhandlungen oder
psychologisierender Romane zurück, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert
kultiviert wurden.
Das Muster ist nachzulesen bei Thomas Jefferson,
Gouverneur von Virginia und späterer dritter Präsident der Vereinigten
Staaten von Amerika, in "Notes on the State of Virginia" aus den achtziger
Jahren des 18. Jahrhunderts. Zur Frage der Freilassung der Sklaven, damals
ein Synonym für "Schwarze" oder "Neger", heißt es im 13. Kapitel,
in dem Jefferson sich mit dem Rechtssystem befaßt: "Man wird wahrscheinlich
fragen: Warum nicht die Schwarzen hierbehalten und in den Staat eingliedern,
um auf diese Weise die Kosten zu sparen, die anfallen, wenn weiße
Siedler importiert werden, um die Lücken zu füllen? Tief verwurzelte
Vorurteile bei den Weißen, zehntausend Erinnerungen der Schwarzen
an die ihnen zugefügten Verletzungen; neue Provokationen, die wirklichen,
naturbeschaffenen Unterschiede und viele andere Umstände würden
uns aufteilen in Parteien und Erschütterungen verursachen, die wahrscheinlich
nie enden würden, es sei denn, die eine oder die andere Rasse wäre
ausgelöscht."
Es folgt eine lange Betrachtung über
die physische und psychische Beschaffenheit der "Schwarzen", über
ihre sittlichen und kulturellen Fähigkeiten, etwa ihren vermeintlichen
Mangel an "Vernunftdenken" und an "Empfindungsvermögen" in der Liebe,
über ihre Musikalität, aber ihre Unfähigkeit zur Poesie,
das ganze Arsenal an stigmatisierenden Zuschreibungen, das sich der Jurist,
Politiker, Diplomat und Tabakplantagenbesitzer Jefferson zurechtgelegt
hat, um sich im Glauben an die Superiorität der Weißen zu bestärken
und seine Apartheidsthese zu untermauern. Schließlich hebt er zu
einem kühnen universalgeschichtlichen Vergleich an: "Bei den Römern
erforderte die Emanzipation nur eine Anstrengung. Der befreite Sklave durfte
sich vermischen, ohne daß er das Blut seines Herrn befleckt hätte.
Doch bei uns ist eine zweite, in der Geschichte unbekannte Anstrengung
erforderlich. Wird er befreit, muß er so weit entfernt werden, daß
keine Vermischung möglich ist."
Mit solchen Auffassungen stand Jefferson,
wie sich denken läßt, im 18. Jahrhundert keineswegs allein;
bei Hume ("Of National Characters", 1753), Voltaire ("Essai sur les mÏurs
et l'esprit des nations", 1756), Rousseau ("ƒmile ou de l'ƒducation", 1762),
Kant ("Von den verschiedenen Rassen der Menschen", 1775) und vielen anderen
finden sich ähnliche Zuschreibungen; legitimatorische Rekurse auf
die antiken Sklavenhaltergesellschaften, auf deren Kolonisationspraxis,
auf klimatische und physische Bedingungen sowie psychische und intellektuelle
Fähigkeiten prägten den philosophischen Diskurs weitgehend.
Noch Hegel meinte in den zwanziger Jahren
des folgenden Jahrhunderts: "Der einzige wesentliche Zusammenhang, den
die Neger mit den Europäern gehabt haben und noch haben, ist der der
Sklaverei. In dieser sehen die Neger nichts ihnen Unangemessenes, und gerade
die Engländer, welche das meiste zur Abschaffung des Sklavenhandels
und der Sklaverei getan haben, werden von ihnen selbst als Feinde behandelt."
Hegel, der sich an dieser Stelle seiner "Vorlesungen über die Philosophie
der Geschichte" für die "allmähliche Abschaffung der Sklaverei"
ausspricht, hält die Rebellion der Sklaven für einen Aufstand
des Naturzustands gegen die Gesellschaft. Um dies aber zu vermeiden, müsse
der Staat zuerst für deren "Erziehung, eine Weise des Teilhaftigwerdens
höherer Sittlichkeit und mit ihr zusammenhängender Bildung" Sorge
tragen, bevor der Zustand der Sklaverei aufgehoben werden könne.
Auch nach dem Verbot des Sklavenhandels
und der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert bleibt das so formulierte
Muster des herrschaftlichen Legitimationsdiskurses in Kraft. Am 21. Juli
1900 wenden sich 75 Siedlerkolonisatoren aus dem Bezirk Windhuk, Deutsch-Südwestafrika,
in einem Gesuch an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts der
kaiserlichen Regierung, um gegen eine mögliche Abschaffung der Prügelstrafe
zu protestieren, und deren Begründung lohnt es sich ausführlich
zu zitieren:
"Die erste Vorbedingung für eine richtige
Behandlung der Eingeborenen ist, daß man sich über ihre Lebensanschauung
und ihren Gesichtskreis klar wird. Unsere Eingeborenen leben seit Urzeiten
in Faulheit, Roheit und Stumpfsinn in den Tag hinein; je schmutziger sie
sind, desto wohler fühlen sie sich. Für jeden Weißen, der
unter Eingeborenen gelebt hat, ist es nicht gut möglich, dieselben
als Menschen im europäischen Sinne anzusehen; sie müssen erst
mit endloser Geduld, Strenge und Gerechtigkeit im Laufe der Jahrhunderte
dazu erzogen werden.
Für Milde und Nachsicht hat der Eingeborene
auf Dauer kein Verständnis; er sieht nur Schwäche darin und wird
infolgedessen anmaßend und frech gegen den Weißen, dem er doch
nun einmal gehorchen lernen muß, denn er steht geistig und moralisch
doch so tief unter ihm. Ehrgefühl darf man bei den Eingeborenen nicht
suchen, weshalb auch entehrende Strafen für ihn zwecklos sind. Entziehung
der Freiheit faßt er falsch auf, bekommt er doch bei Gefängnis
seiner Meinung nach gute Wohnung und besseres Essen als er selbst hat.
Als Strafe war ihm bisher nur körperliche Züchtigung bekannt,
und die muß naturgemäß auch beibehalten werden, bis er
in späteren Zeiten einmal mehr Mensch geworden ist.
Wie die Erfahrung gelehrt hat, haben die
in Südafrika geborenen Weißen ihre Eingeborenen zu den relativ
brauchbarsten Arbeiten erzogen; sie kränkeln nicht an einer übertrieben
humanen Auffassung, sondern geben ihren Eingeborenen bei Bedarf ihre verdiente
Züchtigung. Der Eingeborene fühlt sich bei ihnen wohl und arbeitet
gern bei ihnen."
Die Ansicht, daß es gerecht sei,
unter Züchtigungen zur Arbeit getrieben zu werden, diese dann auch
noch gerne zu tun und sich dabei wohlzufühlen, wird der Gezüchtigte
kaum geteilt haben. Darauf verweisen die ungezählten Rebellionen und
Aufstände, wie etwa der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika (1905/06)
und der Nama-und-Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika (1904-07),
auf den die deutsche Kolonialarmee unter Generalleutnant von Trotha mit
einer "Vernichtungsstrategie" gegen die Herero-Stämme antwortete,
oder wie die bereits erwähnte Bacon-Rebellion und der Aufstand der
Sklaven in der französischen Kolonie Saint-Domingue vom August 1791,
der in einen veritablen Unabhängigkeitskrieg von über zehnjähriger
Dauer mündete, in dem schließlich gegen den Versuch der napoleonischen
Armee, innerhalb der Plantagenökonomie die Sklaverei wiederherzustellen,
1804 die Gleichheit aller vor dem Gesetz proklamiert sowie die Abschaffung
der Sklaverei und die völkerrechtliche Souveränität des
Staats Haiti durchgesetzt wurde.
Das Bild vom demütig sein Schicksal
ertragenden Sklaven gehört ebenso wie das vom gerechten, gar gütigen
Herrn, der an "seinen Negern" lediglich eine zivilisatorische Mission erfüllt,
zu den Legendenbildungen über Rassismus, Kolonialsystem und Sklaverei,
die auf die Apologie der Herrschaft zugeschnitten sind; sie sind die sozialpazifizierte
Kehrseite der Vorstellung vom immerwährenden "Rassenkampf", wie sie
der psycho-kulturelle Ansatz bereithält. Immerhin aber die selbstgesetzte
zivilisatorische Mission, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die "Erziehung
zur Arbeit" zu bewerkstelligen, war und ist den Herrschenden uneingeschränkt
abzunehmen, und gerade diese Mission hat sich dann auch in der bürgerlichen
Geschichtsschreibung nachhaltig Geltung verschafft.
II.
Der sozio-ökonomische Ansatz in der
US-amerikanischen Geschichtsschreibung geht auf die Etablierung des Systems
der Sklavenarbeit zurück, um die Entstehung rassistischer Unterdrückung
zu erklären.
Bereits 1944 hatte der Historiker Eric
Williams in seiner heute als klassisch geltenden, marxistischen Studie
"Capitalism and Slavery" über den Zusammenhang von Sklavenhandel,
Plantagensklaverei und der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise
in England die These vertreten, daß die Sklaverei nicht das Produkt
des Rassismus, sondern der Rassismus eine Folge der Sklaverei war.
Was zunächst wie eine einfache Umkehrung
des psycho-kulturellen Ansatzes erscheint, erwies sich für die historische
Forschung als aufschlußreicher Ausgangspunkt. Gestützt auf Williams
These waren sowohl die Motive der Versklavung als auch die Formen der Renitenz,
"Faulheit", Sabotage und Revolte, nicht länger aus rassistischen Zuschreibungen
abzuleiten, etwa aus der klimatischen Anpassungsfähigkeit der aus
Afrika Verschleppten beziehungsweise aus deren "Unbändigkeit" und
"Fanatismus". Die legitimatorische Funktion solcher Zuschreibungen für
die angesprochene "Erziehung zur Arbeit" wurde durchschaubar, und man kam
nicht umhin, die "Sklaven" als handlungsfähige Subjekte der historischen
Ereignisse zur Kenntnis zu nehmen.
In den Mittelpunkt der historischen Forschung
zu Rassismus, Sklaverei und Kolonialsystem rückte der sozio-ökonomische
Ansatz dabei die Plantagenökonomie. Sie prägte die für die
rassistische Versklavung grundlegenden Sozialverhältnisse und kurbelte
in Europa die kapitalistische Akkumulationsmaschinerie an. Die Zucker-,
Tabak- und Baumwollplantagen auf dem amerikanischen Kontinent, in Brasilien,
in der Karibik oder auf dem nordamerikanischen Festland, bildeten das Territorium
der modernen kapitalistischen Sklavenhaltergesellschaften. Schon Marx merkt
in dem berüchtigten Kapitel über die "sogenannte ursprüngliche
Akkumulation" im ersten Band des "Kapital" an: "Überhaupt bedurfte
die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die
Sklaverei sans phrase in der neuen Welt."
Paradoxerweise ist Marxens polemische Bemerkung
ebenso hellsichtig wie verdunkelnd. Letzteres nicht nur, weil Marx Lohnarbeit
und Sklavenarbeit - zumindest metaphorisch - in eins setzt, sondern vor
allem, weil er hinter der Formulierung von der "Sklaverei sans phrase"
ihren Charakter als spezifische Institution von Ausbeutung und rassistischer
Unterdrückung tendenziell verschwinden läßt.
Mit anderen Worten, die politischen und
ideologischen Implikationen einer auf Sklaverei basierenden Ökonomie
treten völlig in den Hintergrund gegenüber dem ökonomischen
Resultat. Es ist hier nicht der Ort, das unzureichend geklärte Verhältnis
von außerökonomischer Gewalt und ökonomischer Effektivität,
wie es beispielsweise in der zitierten Formulierung auftaucht und als Problem
das gesamte Kapitel über die "sogenannte ursprüngliche Akkumulation"
im "Kapital" durchzieht, gar Marxens Überlegungen zum Problem der
Sklaverei etwa in den "Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie"
weiter zu verfolgen. Im Blick hatte Marx die Baumwollplantagen in den nordamerikanischen
Südstaaten zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die "Verwandlung der früher
mehr oder weniger patriarchalischen Sklavenwirtschaft in ein kommerzielles
Exploitationssystem", die durch die Expansion der europäischen Textilindustrie
angestoßen wurde.
Die historische Koinzidenz der ökonomischen
Durchsetzung der industriellen Bourgeoisie und der effektivierten Restituierung
der Plantagenökonomie im Übergang zum Baumwollanbau sowie der
festen Etablierung einer kleinen Sklavenhalter-Aristokratie in den Südstaaten,
von sogenannter industrieller Revolution und forcierter Sklavenwirtschaft
steht nicht in Frage.
Zieht man etwa das Beispiel Virginia heran,
so wird allerdings deutlich, daß diese Konstellation die Herausbildung
von rassistischer Unterdrückung bereits voraussetzt. Im ausgehenden
17. Jahrhundert und beginnenden 18. Jahrhundert wird in dieser englischen
Kolonie die Plantagenökonomie im Tabakanbau eingeführt und mit
ihr die Sklaverei.
Zuvor beruhte die Ausbeutung der Arbeitskräfte
in den Kolonialgebieten des nordamerikanischen Festlands vor allem auf
der schon erwähnten Schuldknechtschaft, die eine zeitlich befristete,
meist sieben Jahre dauernde Leibeigenschaft bedeutete, in der die einwandernden
Europäer die überteuerten Schiffspassagen gegen Kost und Unterkunft
abarbeiten mußten. Immerhin mehr als die Hälfte aller europäischen
Einwanderer hatte im 17. und 18. Jahrhundert einen solchen Status als "Intentured
Servant" (in den französischen Kolonien hießen Einwanderer mit
diesem Status engagés) inne oder, sofern sie überlebten, inne
gehabt.
Der Grund, weshalb dieses System der Ausbeutung
in Virginia aufgegeben wurde, ist, dem sozio-ökonomischen Ansatz zufolge,
darin zu sehen, daß Arbeitskräfte aus Afrika schlicht billiger
gewesen seien. Allen nun, der den sozio-ökonomischen Ansatz gerade
im Hinblick auf die zentrale Bedeutung, die dieser den Produktionsverhältnissen
und Haushaltsorganisationen beimißt, übernimmt, kann in seiner
historischen Studie zeigen, wie diese Grundannahme fehlgeht.
Zum einen lassen sich, wie Allen bereits
in der Einleitung zur englischsprachigen Ausgabe anmerkt, keine Belege
dafür finden, daß die Kosten für den Erwerb und Transport
von Arbeitskräften aus Afrika geringer gewesen wären als die
für Arbeitskräfte aus England, Schottland oder Irland. Das ökonomische
Kalkül der Plantagenbesitzer erweist sich mithin als kaum hinreichend,
um die Etablierung rassistischer Versklavung zu erklären.
Zum anderen beinhaltet das ökonomische
Argument eine Tautologie, die Allen in seiner Kritik der Beziehung von
Rentabilität und Versklavung im sozio-ökonomischen Ansatz herausstellt
und die auch das bei Marx aufgezeigte Problem von politischer und ideologischer
Implikation und ökonomischem Resultat der modernen Sklaverei betrifft:
Demnach waren afrikanische Arbeitskräfte billiger, weil sie versklavt
waren, bevor sie versklavt wurden, weil sie billiger waren. Für Allen
bildet diese Tautologie die Achillesferse jeder sozio-ökonomischen
Erklärung rassistischer Versklavung, die eine solche ökonomistische
Verkürzung vornimmt und den Aspekt der sozialen Kontrolle der Arbeitskräfte
vernachlässigt.
Nicht nur, daß die historische Quellenlage
jenes Rentabilitätsargument nicht stützt, sondern auch daß
das ungeklärte Verhältnis von Ökonomie und "außerökonomischem
Zwang" zum Anlaß genommen wird, in psycho-kulturelle Argumentationsmuster
zur Begründung der Versklavung zurückzufallen, motiviert seine
Forschungsarbeit. Letztlich erscheinen die Sklaven auch in der ökonomistischen
Variante des sozio-ökonomischen Ansatzes als "williges" Eigentum,
als eine Art fixes Kapital, nicht aber als rebellische Arbeitskräfte,
die sie in der Geschichte des Kolonialismus und der modernen Sklaverei
tatsächlich waren.
Das Pendant ökonomischer Rationalität
ist nach Allen in der Konstruktion eines Herrschaftssystems zu suchen,
das den Plantagenbesitzern eine wirkungsvolle Kontrolle der Arbeitskräfte
wie der gesellschaftlichen Hierarchie erlaubte.
Diesem System der sozialen Kontrolle, wie
es in Virginia zu Beginn des 18. Jahrhunderts, vor allem in dem "Act concerning
Servants and Slaves" von 1705, durchgesetzt wurde, diente die "Erfindung
der weißen Rasse" in dreifacher Weise: erstens als Reaktion der herrschenden
Klasse auf die Solidarität der Leibeigenen und Sklaven, als zerstörerisches
Mittel gegen die Arbeitersolidarität, wie sie sich etwa in der Bacon-Rebellion
gezeigt hatte; zweitens zur Einschwörung der besitzlosen "Weißen"
mittels des juristisch kodifizierten und staatlich institutionalisierten
Privilegiensystems auf die rassistische Gemeinschaft mit der Plantagenbourgeoisie;
drittens schließlich durch die Desorganisation der Beherrschten insgesamt,
mit niederschmetternden Auswirkungen nicht nur für die Interessenbestimmung
der afro-amerikanischen Bevölkerung, sondern auch für die der
besitzlosen "Weißen".
In Allens Augen handelt es sich hierbei
um einen politischen Vorgang, der nunmehr fast drei Jahrhunderte die Geschichte
zunächst der englischen Kolonien in Nordamerika und dann der Vereinigten
Staaten beherrscht hat.
Tritt zum Argument ökonomischer Rationalität
aber das Argument politischer Herrschaftsrationalität hinzu, so bleibt
die Frage zu beantworten, wie die Konstruktion "weißer Superiorität"
in den sozialen Verhältnissen verankert ist. Allen neigt dazu, diese
Verankerung als politische Strategie der herrschenden Klasse und damit
instrumentell aufzufassen. Die herrschende Klasse bedient sich rassistischer
Unterdrückung, so seine Antwort, um bestimmte soziale Gruppen dauerhaft
aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen.
In diesem Sinn bildet die rassistische
Unterdrückung ein gesondertes Unterdrückungssystem, das weder
dem der sozialen Klassenherrschaft noch dem sexistischer oder nationaler
Unterdrückung entspreche und die Verweigerung fundamentaler, bereits
gültiger Rechte, die Erzeugung herrschaftssichernder Privilegien wie
die Herstellung eines eigentümlichen sozialen Status
beinhalte.
Um diese Form der Unterdrückung zu
charakterisieren, stützt Allen sich auf das Konzept des "sozialen
Todes", das in den Forschungen zur vorkolonialen Sklaverei von dem Kreis
um Claude Meillassoux (vgl. "Anthropologie de l'esclavage", 1986; dt.:
"Anthropologie der Sklaverei", 1989) schon in den siebziger Jahren entwickelt
wurde und in der vergleichenden Studie "Slavery and Social Death" (1982)
von Orlando Patterson zugrunde gelegt ist. Gemeint sind damit soziale Prozesse,
wie Entsozialisierung, Entzivilisierung und Entpersönlichung, die
zur Zerstörung der kollektiven wie der individuellen Reproduktionsfähigkeit
führen und etwa in Handels-, Gewerbe- und Berufsverboten, in gesetzlich
festgelegten Heiratsverboten und restriktiven Heiratsregeln, im Verbot,
Lesen und Schreiben zu lernen, über Eigentum zu verfügen, in
der Verweigerung eines Rechtsbeistands vor Gericht und ähnlichem mehr
ihren Niederschlag finden.
Allens Studie verfolgt anhand dieser Bestimmungen
die soziale Genese des rassistischen Unterdrückungssystems in den
USA, und seine sozialgeschichtliche Orientierung bewahrt ihn schließlich
vor einem allzu simplifizierenden Instrumentalismus wie vor reinem Konstruktivismus
in der Herrschaftsanalyse.
III.
Um die Herausbildung rassistischer Unterdrückung
als System sozialer Kontrolle zu beschreiben, hält Allen die gesamte
Geschichte der atlantischen Kolonisierung präsent und zieht sie zum
Vergleich mit den Bedingungen auf den nordamerikanischen Kontinent heran.
Insbesondere anhand der Kolonisierung der Karibik wird dabei deutlich,
daß die Kolonialmächte und die Plantagenbesitzer unterschiedliche
politische Strategien der sozialen Kontrolle entwarfen.
Überhaupt bildete die Karibik über
Jahrhunderte einen zentralen Schauplatz der atlantischen Kolonisierung.
Die karibischen Inseln waren begehrte Objekte der europäischen Kolonisatoren;
neben den westeuropäischen beanspruchten auch nordeuropäische
Mächte wie Dänemark und - zumindest zeitweise - Kurland hier
überseeische Besitzungen und im ausgehenden
19. Jahrhundert kamen schließlich
noch die USA (vor allem Puerto Rico) hinzu. Angetrieben durch die Gründung
von "Westindischen Handelsgesellschaften" in England, Holland und Frankreich
entwickelte sich die Karibik im
17. Jahrhundert zum Hauptkampfplatz, auf
dem sich zeitweilig auch unabhängige Freibeutergesellschaften tummelten,
bevor gegen Ende des Jahrhunderts von seiten der Kolonialmächte staatliche
Verwaltungen eingeführt wurden.
Die Inseln waren nicht nur als Plantagenkolonien
und Umschlagplätze für den transkontinentalen Dreieckshandel
zwischen den europäischen Metropolen, der afrikanischen Westküste
und den amerikanischen Kolonien von zentraler Bedeutung, sondern auch als
militärische Stützpunkte, um das spanische Handelsmonopol zu
brechen und die Kolonisierung des Festlands voranzutreiben. Indem Allen
die unterschiedlichen historischen Bedingungen der Kolonisation in seine
Studie einbezieht, kann er die verschiedenen Systeme der sozialen Kontrolle
genau bestimmen. Grob skizziert, entstand auf dem nordamerikanischen Festland
ein wesentlich massiveres System der sozialen Ausschließung als in
der Karibik, wo die herrschende Klasse die "freien Farbigen" bald in der
Funktion einer sozialen Pufferschicht zwischen Sklaven und Plantagenbesitzern
zu schätzen wußte.
Solche historischen Vergleiche machen darüber
hinaus auch deutlich, daß die Genese rassistischer Unterdrückung
keineswegs einer einheitlichen historischen Entwicklungslogik folgt. Schon
aus diesem Grund ist die Fixierung auf ein historisches Datum, wie es anläßlich
der 500-jährigen Wiederkehr der ersten "Entdeckungsfahrt" von Crist-bal
Col-n (Christoph Kolumbus) und damit der Anfänge der spanischen Kolonisation
in Amerika nicht selten auch in kritischer Absicht scheinen konnte, in
sozialgeschichtlicher Perspektive hinfällig.
Das Jahr 1492 markiert nach einer Version
der Geschichtsschreibung mit der Vertreibung der Araber und Juden aus Spanien,
dem Ende der sogenannten reconquista, und den Anfängen der atlantischen
Kolonisierung, dem Beginn der conquista, zugleich den Beginn einer sich
sukzessive totalisierenden eurozentristischen Zivilisation, in der Kolonialismus
und Rassismus unmittelbar verschweißt sind. Für Tzvetan Todorov,
den etwas vorsichtigeren Autoren einer Diskursanalyse anhand von Quellen
des "Seefahrers" Col-n selbst, des "Eroberers von Mexiko" Hernando Cortés
und des "Anwalts der Indianer" Bartolomé de Las Casas zur Konstruktion
des "Anderen" im frühen spanischen Kolonisationsprozeß ("La
Conqute de l'Amérique", 1982; dt.: "Die Eroberung Amerikas", 1985),
sind die Europäer alle "direkte Nachkommen Col-ns", und auch er datiert
den "Beginn des modernen Zeitalters" auf das Jahr 1492.
Entzieht man sich der symbolischen Wirkung
eines allem Anschein nach schlüssigen Datums, so liefern die historischen
Ereignisse in Spanien lediglich einen von mehreren Ausgangspunkten, rassistische
Unterdrückung im Zusammenhang von Kolonisation und Versklavung zu
analysieren. In den Blick kommen dagegen historische Aspekte und Ereignisse,
die das fixe Datum weniger überzeugend erscheinen lassen: etwa die
Vertreibung der Juden im ausgehenden 13. Jahrhundert aus England und im
14. Jahrhundert aus Frankreich, um nur zwei Daten aus der lang dauernden
Verfolgungs- und Vertreibungsgeschichte der Jüdinnen und Juden zu
nennen, die portugiesischen Kolonisation im Atlantik (Madeira, Azoren)
und an der afrikanischen Westküste verstärkt seit Beginn des
15. Jahrhunderts, die bereits auch dem Sklavenhandel diente, nicht zuletzt
die portugiesisch-kastilische Konkurrenz um die Kanarischen Inseln, in
der seit 1479 erstmals die reconquista nach Übersee verlagert wurde,
oder auch das mißglückte Unternehmen des Venezianers Giovanni
Caboto (John Cabot) und der Bristol Merchants aus den Jahren 1497/98, auf
einer Nord-West-Passage die Küste Chinas zu erreichen, was dem Vorhaben
Col-ns, den Seeweg nach Indien zu erschließen, völlig analog
war.
Die angeführten Gegenbeispiele mögen
die These von der sich seither totalisierenden Zivilisation oder von dem
Beginn des moderneren Zeitalters nicht hinlänglich außer Kraft
setzen, aber sie lenken die Aufmerksamkeit dennoch auf einen weiteren Raum
und einen längeren Zeitabschnitt, als den Umschwung von reconquista
und conquista in Spanien. Die historischen Veränderungen zu Beginn
der sogenannten Neuzeit in Europa sind nur ausgehend von der fundamentalen
Krise der Feudalität zu begreifen, einer langen Krisenperiode im 14.
und 15. Jahrhundert, in der Ökonomie, Staat und Gesellschaft umgewälzt
wurden.
Um einige Tendenzen zu nennen, die diese
tiefgreifende Umwälzung charakterisieren, sei hier auf die Umwandlung
der feudalen Abgabepflichten in Geldrenten, die Zentralisierung der politischen
Macht gegen die parzellierte Herrschaft des Lehnsystems, die Auflösung
des Rittertums, die Ausweitung der Warenbeziehungen, die umfassende Wiedereinführung
des römischen Rechts mit seinem kodifizierten Eigentumsbegriff, das
Anwachsen der Städte und die Herausbildung der Handelsbourgeoisie,
schließlich die Erschütterung des katholischen Universalismus
und die ständige Gefahr von Bauernrevolten verwiesen. Alle diese Tendenzen
haben sich auch auf den Prozeß der Kolonisation ausgewirkt, dessen
Resultat aber keineswegs voraussehbar war.
Im für die atlantische Kolonisierung
entscheidenden westlichen Teil Europas entstanden aus der Krise und der
sie begleitenden sozialen Umwälzung die königlichen Renaissancestaaten;
dies gilt etwa beginnend mit Regierungszeit von Isabella und Ferdinand
seit 1479 in Kastilien und Arag-n, für England unter dem ersten Tudor-König
Heinrich VII. seit 1485 und schon seit 1461 unter Ludwig XI. für Frankreich.
Die Renaissancestaaten bilden, so könnte man sagen, die Rohform der
absoluten Monarchie; sie bewerkstelligten die gewaltsame Reorganisation
der Adelsmacht, die in der Krise der Feudalität einer Paralyse anheimzufallen
drohte.
Sie zentralisierten und vereinheitlichten
den Staatsapparat und schufen so die Grundlagen für die Herausbildung
des absolutistischen Staats, der sich in den folgenden Jahrhunderten vor
allem als Organisation des Kriegs in einen Territorialstaat wandelte, und
wie in Europa sollte der Krieg auch das wichtigste politische Mittel der
territorialen Aneignung der "Neuen Welt" bleiben. Die institutionellen
Neuerungen dieser Territorialstaaten, die jedoch noch nicht als Nationalstaaten
zu bezeichnen sind, waren also zunächst ganz auf die Kriegsführung
ausgerichtet; ihr diente die Einrichtung einer effektiven Verwaltung und
eines Steuersystems ebenso wie die Verleihung von Handelsmonopolen und
der Aufbau eines diplomatischen Apparats oder schließlich eines stehenden
Heeres.
Doch auch diese allgemeine Charakteristik
des sozialen und politischen Zustands der europäischen Kolonialmächte
seit dem 16. Jahrhundert reicht nicht hin, um die jeweiligen politischen
Strategien zu erläutern, die im Zuge der Kolonisation von seiten der
herrschenden Klassen Anwendung fanden. Der absolutistische Staat im Westen
war gekennzeichnet durch einen Zwiespalt, der immer wieder zum Motor seiner
Gewaltexzesse - etwa der Hugenottenverfolgungen in Frankreich des 16. und
17. Jahrhunderts - wurde. Einerseits verfolgte er offensichtlich das Ziel,
die aristokratischen Privilegien und das aristokratische Eigentum zu schützen
und Bauern wie besitzlose Landbewohner in neue Abhängigkeits- und
Ausbeutungsverhältnisse (Pachtsystem u.ä.) zu zwingen; andererseits
aber kamen die neuen institutionellen Mittel dieser Herrschaftssicherung
auch der aufkommenden Handels- und Manufakturklasse zugute.
Aus diesem Zwiespalt und vor allem aus
der jeweils ihm entspringenden politischen Machtkonstellation und Kompromißstruktur
zwischen den beiden dominanten sozialen Klassen ergaben sich die möglichen
Strategien, die beispielsweise den spanischen und französischen vom
englischen oder den holländischen vom portugiesischen Kolonialismus
unterschieden.
In der " Erfindung der weißen Rasse"
beschreibt Allen die Etablierung rassistischer Unterdrückung in den
englischen Kolonien des nordamerikanischen Festlands als eine solcher möglichen
Strategien der Herrschaftssicherung, die sich aus dem absolutistischen
in den bürgerlichen Staat übertragen haben. Er geht dabei zurück
auf die Kolonisierung Irlands, um die irische Geschichte, wie er mehrfach
betont, als Spiegel seiner Einsichten in die soziale Genese von Rassismus
und "weißer Superiorität" in den USA zu verwenden. Denn die
irische Geschichte liefert ihm das Fallbeispiel einer rassistischen Unterdrückung
ohne Bezug auf eine bestimmte Hautfarbe, die aber zahlreiche Parallelen
mit dem System der rassistischen Unterdrückung der Afro-Amerikaner
in den englischen Kolonien und den späteren Südstaaten aufweist.
Durch diesen Vergleich, der zunächst
wie ein unnötiger historiographischer Umweg erscheinen mag, kann Allen
die konstitutiven Elemente rassistischer Unterdrückung als System
sozialer Kontrolle, also unabhängig von allen stigmatisierenden Zuschreibungen
und ökonomistischen Verkürzungen, herausarbeiten: das Erfordernis
einer wirkungsvollen administrativen Bürokratie, die Notwendigkeit
eines stehenden Heeres, die Rekrutierung einer Mittelschicht als sozialer
Pufferzone und nicht zuletzt die Vernichtung jeder sozialen Mobilität
innerhalb der bestehenden Gesellschaft, alles Elemente der Herrschaftssicherung,
die der absolutistische Staat hervorgebracht und an den bürgerlichen
Staat vererbt hat.
War die irisch-katholische Bevölkerung
vor allem nach der Einführung von drakonischen Strafgesetzen am Ende
des 17. Jahrhunderts und zu Beginn des 18. Jahrhunderts, den sogenannten
Penal Laws, die schließlich fast ein Jahrhundert in Kraft bleiben
sollte, so fanden sich jene katholischen Iren, die über den Atlantik
in die englischen Kolonien oder später die Vereinigten Staaten übersetzen
konnten, auf der Seite der rassistischen Unterdrücker wieder und verwandelten
sich womöglich von Gegnern der rassistischen Unterdrückung zu
Verfechtern der Konstruktion "weißer Superiorität" in Amerika.
Allein schon das Fallbeispiel Irland, das im ersten Band ausführlich
dargestellt wird, relativiert in Allens Augen diese vorherrschende Konstruktion.
IV.
Das Buch "Die Erfindung der weißen
Rasse" enthält nicht die Geschichte des Rassismus, sondern Allen schreibt,
um eine Formulierung von ƒtienne Balibar aus dem gemeinsam mit Immanuel
Wallerstein veröffentlichten Essayband "Rasse, Klasse, Nation" (franz.
1988, dt. 1990) aufzugreifen, die "singuläre Geschichte" der rassistischen
Unterdrückung in den USA.
Er zeichnet den historischen Entwicklungsweg
nach, den diese Form sozialer Kontrolle von der Kolonisierung Irlands in
die englischen Kolonien Amerikas und schließlich durch den Prozeß
der "weißen" Dekolonisation in den USA hindurch genommen hat; er
markiert die Wendepunkte, hin etwa zur Etablierung der rassistischen Unterdrückung
in den späteren Südstaaten zu Beginn des 18. Jahrhunderts oder
zur Ersetzung der rassistischen durch die nationale Unterdrückung
im Irland des 19. Jahrhunderts; er untersucht die jeweils spezifischen
sozio-historischen Situationen, etwa in Ulster, Virginia oder der britischen
Karibik, in denen die rassistische Unterdrückung als politische Strategie
zur Anwendung kam, sowie die Latenz- und Tendenzphasen in
der Umsetzung dieser Strategie.
Rassismus, so seine fundamentale These,
läßt sich nur als soziales Herrschaftssystem begreifen, dessen
ökonomische und politische Konstitutionsbedingungen sich genau angeben
lassen. So gelingt ihm tatsächlich der historische, nicht allein logische
Nachweis, daß es sich bei der "weißen Rasse" um eine soziale
Konstruktion handelt, der die Grundlagen in sozialen Kämpfen nicht
nur in bestimmten historischen Augenblicken bereits entzogen wurden, sondern
künftig auch entzogen werden können. In diesem Sinn gibt Allens
Studie der kritischen Rassismustheorie, wie sie sich auch in der Bundesrepublik
entwickelt hat, ihre sozialhistorische Dimension zurück.
Freilich verfolgt Allen nur einen von mehreren
Strängen, entlang deren die historische Ausbreitung des Rassismus,
oder besser, der Rassismen und deren Einlagerung in das Kolonialsystem
sowie ihrer staatlich-administrativen und ökonomischen Voraussetzungen
zu analysieren sind. Weitere historische wie auch gegenwartsbezogene Studien
wären zweifellos wünschenswert und notwendig, um die soziale
und sozialgeschichtliche Dimension der Rassismustheorie herauszuarbeiten
und zu stützen.
Bisher hat die in der BRD noch in den Anfängen
steckende Debatte über rassistische Unterdrückung, ihre ökonomischen,
politischen wie ideologischen Bedingungen und Folgen es allerdings noch
nicht vermocht, eine solche Theorie- und Forschungsarbeit anzustoßen.
Dies mag zum einen an der faktischen politischen Schwäche antirassistischer
Organisierung liegen, die bisher nicht dazu in der Lage war, über
kleine Gruppen und subkulturelle Milieus hinaus eine soziale Form der Auseinandersetzung
zu finden und sich so nicht selten in Kampagnen erschöpft, die im
ideologischen Rahmen moralisierender Kritik und humanistischer Ideale,
kurz: aufklärerischer Anklage, verharren müssen.
Dies liegt aber zum anderen auch daran,
daß in der gegenwärtigen Situation eine anderen Ländern
kaum vergleichbare intellektuelle Provinzialisierung, ja Verödung
festzustellen ist, in der die
letzten Verbindungen zwischen einer universitären Linken, einer Linken,
die über die Ressourcen von Forschungseinrichtungen und Universitätsinstituten
verfügen könnte, und der nicht-institutionalistischen, politisch
informell agierenden Linken gekappt zu werden drohen.
Indiz hierfür ist nicht zuletzt die
Art und Weise, wie in der universitären Linken - von wenigen Ausnahmen
abgesehen - auf die Rassismus-Debatte reagiert wurde. Statt sich der brennenden
Frage staatlich sanktionierter und konsensuell gestützter rassistischer
Diskriminierungspraktiken in Theorie und Forschung anzunehmen, um die Debatte
voranzutreiben, wurde die Rassismustheorie mit windigen Konzepten von Fremdenfeindlichkeit
und Xenophobie, die alle unverkennbar Tendenz auf eine politische Anthropologie
nehmen, oder mit sozialpsychologischen Anomie- und Deprivationsthesen abgewehrt
und antirassistische Politik allzu oft einfach als dogmatisch, realitätsfremd
und maßlos übertrieben abqualifiziert.
So blieb es im wesentlichen der Buchproduktion
kleinerer Verlage, den auflagenschwachen Zeitungen, Zeitschriften und anderen
Periodika der Linken überlassen, ein deutschsprachiges Publikum mit
den weiterreichenden Debatten und den neueren Forschungsansätzen überhaupt
bekannt zu machen und einen intellektuellen Transfer vor allem aus dem
englisch- und französischsprachigen Ausland zu organisieren. In diesem
Kontext ist auch die hier mit dem ersten Band vorliegende Übersetzung
der Studie "The Invention of the White Race" von Theodore W. Allen zu sehen.
Jost Müller hat diesen Text als Vorwort
für Theodore W. Allens "Die Erfindung der weißen Rasse" geschrieben.
Der erste Band, "Rassistische Unterdrückung und soziale Kontrolle",
340 S., DM 48, erscheint Ende Oktober / Anfang November im Berliner ID
Verlag. Wir danken dem Verlag für die Genehmigung zum Abdruck des
Vorworts. |