Der Wille zur Macht
Der designierte Finanzminister Oskar Lafontaine
will seine künftige Behörde zum Superministerium ausbauen
Superman startet durch. Doch der heißt
neuerdings nicht Gerhard Schröder, sondern Oskar Lafontaine. Derzeit
steht ihm zwar noch sein alter Rivale, der SPD-Fraktionschef Rudolf Scharping,
im Weg, der ihm den Parteivorsitz streitig machen will. Setzt sich jedoch
Lafontaine endgültig mit seinen Plänen durch, wird er nicht nur
Finanzminister in Schröders Kabinett, sondern vermutlich auch die
zentrale Figur der künftigen europäischen Finanzpolitik.
Auch wenn es im künftigen Kabinett
deswegen noch mächtig Ärger geben wird, Lafontaine braucht sein
neues Amt, um seine ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen: Die Abkehr von
der bisherigen strikten monetären EU-Stabilitätspolitik sowie
eine Neuordnung des internationalen Währungssystems.
Über mangelnden Willen zur Macht kann
man sich bei dem "Napoleon von der Saar" nicht beklagen. Das künftige
Finanzministerium müsse zusätzliche Kompetenzen erhalten, forderte
er vergangene Woche. Die Grundsatzabteilung sowie die Europa-Kompetenzen
des Bundeswirtschaftsministeriums sollten seiner Behörde beigeordnet
werden. Auch das Auswärtige Amt hätte nach den Plänen seine
Europa-Kompetenzen abzugeben. Damit würde das neue "Superministerium"
über "eine in der Geschichte der Bundesrepublik einmalige Machtfülle
verfügen", wie die FAZ sorgenvoll kommentierte. Das Wirtschaftsministerium
unter Jost Stollmann würde dadurch zur "Verwaltungsstelle einer staatlich
moderierten Computerei" zurückgestuft, die Aufgaben des designierten
Außenministers Joseph Fischer auf "darstellerische Aufgaben des gehobenen
Protokolls beschränkt", schreibt die FAZ weiter.
Noch bevor die endgültige Ämterverteilung
entschieden ist, legte sich Lafontaine bereits mit Bundesbankpräsident
Hans Tietmeyer an. Die Politik der Bundesbank bedürfe erheblicher
Korrekturen, erklärte der Superminister in spe. Statt weiterhin eine
antiquierte Stabilitätspolitik zu betreiben, solle sich Tietmeyer
am Beispiel der USA orientieren und endlich die Zinsen senken.
Die Kritik ließ nicht lange auf sich
warten. Lafontaines Forderung entspringe der "Lieblingsthese europäischer
Hardcore-Sozialdemokraten", die Wirtschafts- und Finanzmärkte weltweit
zu regulieren, wurde ihm in der regierungsnahen taz vorgeworfen. Auch Erwin
Teufel, CDU-Chef in Baden-Württemberg, warnte vor einer Bundesbank
unter "sozialistischer Kontrolle".
Lafontaine kann auf den Widerspruch recht
gelassen reagieren. Die letzten Verfechter der konservativen Geld- und
Stabilitätspolitik stehen mittlerweile auf verlorenem Posten.
In den letzten Jahren schien deren Credo
für einen harten Euro unangefochten. Die Gefahr, eine weiche europäische
Währung könnte eine Kapitalflucht in die USA, Japan oder andere
sichere Anlage-Länder zur Folge haben, wurde an die Wand gemalt. Doch
seitdem sich Japan in der tiefsten Rezession seiner Nachkriegsgeschichte
befindet und kein Ende des Desasters abzusehen ist, hat sich die Attraktivität
der asiatischen Finanzmärkte in Luft aufgelöst.
Auch das Vertrauen in die USA hat in den
letzten Monaten schwer gelitten. Seit dem Crash der Investmentfonds gilt
auch die Wall-Street nicht mehr als sicheres Pflaster. Hinzu kommt, daß
sich die Staaten nach acht Jahren Wirtschaftsboom an der Schwelle zu einer
Rezession befinden.
Der Euro macht Karriere. Jetzt gilt Euroland
weltweit als "einziger Hort der Stabilität". Und plötztlich droht
nicht mehr eine zu weiche, sondern eine zu harte europäische Währung.
Es sei "nicht wünschenswert, daß der Euro im Vergleich zum Dollar
überbewertet" werde, unterstützte der französische Regierungschef
Lionel Jospin die Initiative von Lafontaine. Die Zinsen müßten
daher "so niedrig wie möglich sein".
Angesichts der Gefahr einer weltweiten
Rezession werden niedrige Zinsen auch für die meisten EU-Länder
zunehmend attraktiv. Rund 80 Prozent ihres gesamten Handels wickeln die
EU-Mitgliedsstaaten innerhalb ihrer gemeinsamen Grenzen ab. Ein drohender
Wirtschaftseinbruch in den USA hätte zwar auch für Europa drastische
Konsequenzen, noch schlimmer wäre es jedoch, wenn die Nachfrage zwischen
Lissabon und Berlin stark sinken würde. Selbst das Schreckgespenst
einer Inflation wirkt da ziemlich blaß. Bleibt das EU-Wachstum jedoch
einigermaßen stabil, während in den USA die Rezession beginnt,
könnte sich Euroland zur dominierenden Wirtschaftsregion der Welt
entwickeln - und die Weltleitwährung im nächsten Jahrzehnt Euro
statt Dollar heißen.
Voraussetzung dafür ist allerdings,
daß die Krise des globalen Finanzsystems nicht noch weiter um sich
greift und jede längerfristige Währungspolitik unmöglich
macht. Dafür will Lafontaine strengere Regeln für das Weltwährungssystem
schaffen. Heiner Flassbeck, ökonomischer Berater des SPD-Vorsitzenden
und Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftspolitik (DIW)
in Berlin, sagte im Spiegel, geplant sei eine "geordnete, gelenkte Flexibilität"
der Wechselkurse mit einer Bandbreite von zehn bis 15 Prozent. Ziel sei
ein neuer internationaler Vertrag, ähnlich dem von Bretton Woods,
auch wenn dies "sicher mehrere Jahre dauern" werde. Die Bundesregierung
werde im kommenden Jahr ihre Präsidentschaft in der EU und ihren Vorsitz
bei der Gruppe der sieben führenden Industrienationen zu dem Vorstoß
nutzen.
Doch Lafontaine muß sich beeilen,
wenn er zunächst die europäische Finanzpolitik unter seine Fuchtel
bekommen möchte. In den Euro-Länder fallen die nationalen Zinssätze
bis zum 1. Januar 1999 weg, dann müssen sie ihre Sätze angeglichen
haben. Bisher liegen die niedrigsten Sätze bei rund drei, der höchste
bei sechs Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß sich
Lafontaine durchsetzen wird - ähnlich, wie zuvor kaum ein Land der
deutschen Forderung nach "harten" Stabilitätskriterien widersprechen
konnte.
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt/M.
hat bereits signalisiert, daß sie Lafontaines Initiative unterstützen
wird. Spanien hat vergangene Woche, ebenso wie Großbritannien, seine
Leitzinsen deutlich reduziert, die nun noch knapp über den deutschen
liegen. Portugal wird vermutlich bald folgen. Nur Italien sträubt
sich noch.
Den ersten Machtkampf hat Lafontaine jedenfalls
schon gewonnen. Auf dem G-7 Treffen der Finanzminister in Washington vorvergangene
Woche sah Hans Tietmeyer noch keinen Anlaß für eine Senkung,
"da sich die deutschen Zinsen bereits auf einem Rekord-Tief" befänden.
Bereits zwei Tage später, auf dem Herbsttreffen von Weltbank und IWF,
wollte er nichts mehr ausschließen.
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