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  9. September 1998 Jungle World
 

Ende einer Dienstfahrt 

In M-Team, dem interessanten Magazin für Mitarbeitende bei Mitropa, verabschieden sich die Beschäftigten von ihren Arbeitsplätzen 

Große Firmen leisten sich gern sogenannte Mitarbeiterzeitungen. In denen werden die Beschäftigten über alles informiert, was im Betrieb passiert, Neuerungen vorgestellt, verdiente Mitarbeiter porträtiert, Ideen präsentiert, Gewinnspiele veranstaltet und Leserbriefe abgedruckt. Das soll nicht nur die Corporate Identity der Mitarbeiter stärken, sondern hilft der Geschäftsleitung, die nicht mehr jeden einzelnen durch teure Rundbriefe infomieren muß, Geld zu sparen. 

Auch die Mitropa AG, eine 100prozentige Tochter der Deutschen Bahn AG, hat mit M-Team ein "interessantes Magazin von Mitarbeitern für Mitarbeiter". Die Mitropa (Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft), eine Servicegesellschaft, die zu den größten gastronomischen Anbietern Deutschlands gehört, betreibt Autobahnraststätten, Gastronomie in Zügen und auf Fähren sowie Bahnhofsgaststätten. Im vorigen Jahr gründete sie in der Schweiz und in Frankreich Tochterunternehmen, um den europäischen Markt zu erschließen. 

Im M-Team finden sich die für Mitarbeiterzeitschriften vorgeschriebenen Jubel-Artikel, etwa der "Hinter den Kulissen des Schienencaterings" betitelte, der von einem Besuch des "Gemeinnützigen Fahrgastverbandes pro Bahn e.V." bei der Mitropa-Niederlassung München handelt und in dem nicht nur ausführlich auf die paradiesischen Arbeitsbedingungen bei Mitropa eingegangen wird ("Die Mitarbeiter melden sich zum Dienst in einer Wohnlandschaft. Man legt Wert darauf, die Angestellten wirklich als eigenverantwortliche Mitarbeiter zu behandeln und ernst zu nehmen, nicht mehr als Befehlsempfänger zu sehen."), sondern auch das beruhigende Fazit gezogen wird: "Zumindest in Deutschland scheint die Krise der kulinarischen Kultur auf Schienen überwunden zu sein." 

Das klingt gut, der Mitropa geht es jedoch wirtschaftlich schlecht, auf eine neue Ausgabe des M-Team werden die Mitropa-Mitarbeiter im Herbst vergeblich warten. "Aufgrund der zur Zeit wirtschaftlich äußerst angespannten Situation in unserem Unternehmen, sind wir leider gezwungen, das Erscheinen von M-Team vorerst einzustellen - diese Ausgabe unserer Mitarbeiterzeitschrift ist daher bis auf weiteres unsere letzte", schreibt Chefredakteur Johannes Nohl über das Ende der 1994 gegründeten Publikation. 

Aber die viermal im Jahr erscheinende 28seitige Hochglanz-Zeitung einzustellen, reicht nicht aus. Bei Mitropa muß noch viel mehr Geld eingespart werden, ohne drastische Kostensenkungen werde, so gab der Vorsitzende des Aufsichtsrates bei der Vorlage des Budgets für das laufende Jahr zu bedenken, das Jahr 1998 "schwieriger als bisher erwartet". 28,3 Prozent aller Beschäftigten sind bereits Teilzeitarbeiter (viel mehr als der bundesdeutsche Durchschnitt von 15 Prozent), am "Standort Dresden erklärten sich beispielsweise fast alle Mitarbeiter dazu freiwillig dazu bereit, Teilzeit zu arbeiten, um so ihre Arbeitsplätze zu sichern". 

Andere werden in den vorgezogenen Ruhestand verabschiedet, wie freiwillig, zeigt der Abschiedsbrief der frühpensionierten Gisela Gralow (Hauptverwaltung Berlin, Abteilung Rechungswesen) in der letzten Ausgabe: "Für mich gab es nur dieses eine Mitropa-Arbeitsleben, das sich nun vorzeitig erfüllt." 

Wie sich die Mitropa AG ihre verbleibenden Mitarbeiter vorstellt, zeigt ein M-Team-Artikel vom Früjahr 1998. Dort war Frau Bergmann, "Die Goldmarie von München" vorgestellt worden, ein "fleißiges Lieschen", das schon Stunden vor ihrem offiziellen Arbeitsbeginn unbezahlt den Speisewagen putzt und Gläser poliert, weil sie es als "unpassend" empfindet, dies vor den Gästen zu tun. 

Vehementer Widerspruch auf den Leserbriefseiten war die Folge, der jedoch von der "Leitung des Geschäftsbereiches Service im Zug" glatt abgebügelt wurde: "Für geistige Vorbereitungszeit können wir keine Zeit anrechnen, diese Muße bleibt jedoch denen, die wie Frau Bergmann im eigenen Interesse etwas eher kommen." Aber auch sonst reagiert man auf Kritik der mündigen Mitarbeiter eher unwirsch, weswegen wahrscheinlich kaum jemand ernsthaft traurig über das Ende des M-Teams ist. "Seit Jahren stellt uns die Bahn AG überaltertes Wagenmaterial zur Verfügung. Oft müssen wir ohne Heizung oder während der ganzen Nacht ohne Licht einen Schlaf-Liegewagen betreuen. Obwohl immer wieder auf derartige Mängel hingewiesen wird, ändert sich nichts. Meiner Meinung nach sind es nicht selten auch äußere Bedingungen, die den Krankenstand bei 'Service im Zug' unnötig in die Höhe treiben", schreibt etwa der Schlafwagenschaffner Siegfried Neubauer über seine Arbeitsbedingungen. "Meine Bitte: Lassen Sie uns nicht alles negativ sehen, sondern auch eine Antenne für die vielen positiven Ansätze innerhalb unseres Unternehmens und bei der DB AG entwickeln", ermahnt ihn jedoch Harald Ditthard, Leiter Nachtreiseverkehr und Touristik. 

Daraus könnte ein Fall für den neugewählten Mitropa-Betriebsrat werden, der "es als Hauptaufgabe ansieht, die weiterhin anstehenden personellen Probleme im Zusammenhang mit der Umstrukturierung des Unternehmens im Interesse der Arbeitnehmerschaft zu lösen". Denn Siegfried Neubauer steht nun ganz gewiß auf der Liste der bei nächster Gelegenheit unbedingt zu feuernden Personen. 

  •  Elke Wittich 
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