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Ende einer Dienstfahrt
In M-Team, dem interessanten Magazin für
Mitarbeitende bei Mitropa, verabschieden sich die Beschäftigten von
ihren Arbeitsplätzen
Große Firmen leisten sich gern sogenannte
Mitarbeiterzeitungen. In denen werden die Beschäftigten über
alles informiert, was im Betrieb passiert, Neuerungen vorgestellt, verdiente
Mitarbeiter porträtiert, Ideen präsentiert, Gewinnspiele veranstaltet
und Leserbriefe abgedruckt. Das soll nicht nur die Corporate Identity der
Mitarbeiter stärken, sondern hilft der Geschäftsleitung, die
nicht mehr jeden einzelnen durch teure Rundbriefe infomieren muß,
Geld zu sparen.
Auch die Mitropa AG, eine 100prozentige
Tochter der Deutschen Bahn AG, hat mit M-Team ein "interessantes Magazin
von Mitarbeitern für Mitarbeiter". Die Mitropa (Mitteleuropäische
Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft), eine Servicegesellschaft,
die zu den größten gastronomischen Anbietern Deutschlands gehört,
betreibt Autobahnraststätten, Gastronomie in Zügen und auf Fähren
sowie Bahnhofsgaststätten. Im vorigen Jahr gründete sie in der
Schweiz und in Frankreich Tochterunternehmen, um den europäischen
Markt zu erschließen.
Im M-Team finden sich die für Mitarbeiterzeitschriften
vorgeschriebenen Jubel-Artikel, etwa der "Hinter den Kulissen des Schienencaterings"
betitelte, der von einem Besuch des "Gemeinnützigen Fahrgastverbandes
pro Bahn e.V." bei der Mitropa-Niederlassung München handelt und in
dem nicht nur ausführlich auf die paradiesischen Arbeitsbedingungen
bei Mitropa eingegangen wird ("Die Mitarbeiter melden sich zum Dienst in
einer Wohnlandschaft. Man legt Wert darauf, die Angestellten wirklich als
eigenverantwortliche Mitarbeiter zu behandeln und ernst zu nehmen, nicht
mehr als Befehlsempfänger zu sehen."), sondern auch das beruhigende
Fazit gezogen wird: "Zumindest in Deutschland scheint die Krise der kulinarischen
Kultur auf Schienen überwunden zu sein."
Das klingt gut, der Mitropa geht es jedoch
wirtschaftlich schlecht, auf eine neue Ausgabe des M-Team werden die Mitropa-Mitarbeiter
im Herbst vergeblich warten. "Aufgrund der zur Zeit wirtschaftlich äußerst
angespannten Situation in unserem Unternehmen, sind wir leider gezwungen,
das Erscheinen von M-Team vorerst einzustellen - diese Ausgabe unserer
Mitarbeiterzeitschrift ist daher bis auf weiteres unsere letzte", schreibt
Chefredakteur Johannes Nohl über das Ende der 1994 gegründeten
Publikation.
Aber die viermal im Jahr erscheinende 28seitige
Hochglanz-Zeitung einzustellen, reicht nicht aus. Bei Mitropa muß
noch viel mehr Geld eingespart werden, ohne drastische Kostensenkungen
werde, so gab der Vorsitzende des Aufsichtsrates bei der Vorlage des Budgets
für das laufende Jahr zu bedenken, das Jahr 1998 "schwieriger als
bisher erwartet". 28,3 Prozent aller Beschäftigten sind bereits Teilzeitarbeiter
(viel mehr als der bundesdeutsche Durchschnitt von 15 Prozent), am "Standort
Dresden erklärten sich beispielsweise fast alle Mitarbeiter dazu freiwillig
dazu bereit, Teilzeit zu arbeiten, um so ihre Arbeitsplätze zu sichern".
Andere werden in den vorgezogenen Ruhestand
verabschiedet, wie freiwillig, zeigt der Abschiedsbrief der frühpensionierten
Gisela Gralow (Hauptverwaltung Berlin, Abteilung Rechungswesen) in der
letzten Ausgabe: "Für mich gab es nur dieses eine Mitropa-Arbeitsleben,
das sich nun vorzeitig erfüllt."
Wie sich die Mitropa AG ihre verbleibenden
Mitarbeiter vorstellt, zeigt ein M-Team-Artikel vom Früjahr 1998.
Dort war Frau Bergmann, "Die Goldmarie von München" vorgestellt worden,
ein "fleißiges Lieschen", das schon Stunden vor ihrem offiziellen
Arbeitsbeginn unbezahlt den Speisewagen putzt und Gläser poliert,
weil sie es als "unpassend" empfindet, dies vor den Gästen zu tun.
Vehementer Widerspruch auf den Leserbriefseiten
war die Folge, der jedoch von der "Leitung des Geschäftsbereiches
Service im Zug" glatt abgebügelt wurde: "Für geistige Vorbereitungszeit
können wir keine Zeit anrechnen, diese Muße bleibt jedoch denen,
die wie Frau Bergmann im eigenen Interesse etwas eher kommen." Aber auch
sonst reagiert man auf Kritik der mündigen Mitarbeiter eher unwirsch,
weswegen wahrscheinlich kaum jemand ernsthaft traurig über das Ende
des M-Teams ist. "Seit Jahren stellt uns die Bahn AG überaltertes
Wagenmaterial zur Verfügung. Oft müssen wir ohne Heizung oder
während der ganzen Nacht ohne Licht einen Schlaf-Liegewagen betreuen.
Obwohl immer wieder auf derartige Mängel hingewiesen wird, ändert
sich nichts. Meiner Meinung nach sind es nicht selten auch äußere
Bedingungen, die den Krankenstand bei 'Service im Zug' unnötig in
die Höhe treiben", schreibt etwa der Schlafwagenschaffner Siegfried
Neubauer über seine Arbeitsbedingungen. "Meine Bitte: Lassen Sie uns
nicht alles negativ sehen, sondern auch eine Antenne für die vielen
positiven Ansätze innerhalb unseres Unternehmens und bei der DB AG
entwickeln", ermahnt ihn jedoch Harald Ditthard, Leiter Nachtreiseverkehr
und Touristik.
Daraus könnte ein Fall für den
neugewählten Mitropa-Betriebsrat werden, der "es als Hauptaufgabe
ansieht, die weiterhin anstehenden personellen Probleme im Zusammenhang
mit der Umstrukturierung des Unternehmens im Interesse der Arbeitnehmerschaft
zu lösen". Denn Siegfried Neubauer steht nun ganz gewiß auf
der Liste der bei nächster Gelegenheit unbedingt zu feuernden Personen.
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