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Zeitung geht baden
So wird man belohnt: Letztes Jahr noch von
einem Tag auf den anderen arbeitslos. Heute sogar bezahlter Urlaub. Die
Jungle World macht sich aus dem Staub. Aus Vordingborg berichtet Simon
Hannover
Alles da:
Waschmaschine, das Meer vor der Tür,
lecker Essen - jeden Tag -, Wind, Schnaps, Sonne, ein Riesengarten, ein
Wintergarten, Ruhe, vom Balkon Blick auf die Ostsee, Sofas, überall
Sofas, Boote, nur 100 Kilometer bis Kopenhagen, elf Tage Zeit, jede Menge
Nischen und ein Steg auf dem Meer, zwei Riesenbrücken, kaum Kosten,
Witze über Dänen und zwar im Überfluß, Faxe normal
und im Kühlschrank, jemand geht jetzt gerade wieder welche holen,
die anderen sind am Strand, kaum jemand kann keinen Skat, nur ein Verletzter
beim Fußball, okay, die Ostsee ist verdreckt, aber besser als in
Kreuzberg den Sommer anzugucken, grillen geht morgen los, danach vielleicht
in die Stadt, diskotanzen, Dänen abschleppen, Lachgasampullen, sonst
Sportzigaretten.
Was passiert:
W.-D. Vogel fährt den Mitsubishi-Bus
mit Einschußlöchern am Kühler. H. Schwarzzenberger versteckt
den Wein und hat sich Schwarzzbrot aus Deutschland mitgenommen. H. Runge
trägt einen Jogginganzug aus Neukölln. M. Bickel muß, weil
er gerade aus Ex-Jugoslawien wiedergekommen ist und nun als bürgerkriegserfahren
gebrandmarkt wird, das Feuer machen. Übrigens hält er seinen
Laptop vor der Redaktion verborgen. M. Söhler kürzt das Dossier
an einem Abend von ursprünglich 220 000 auf 35 000 Anschläge
runter. Das spart der Buchhaltung 1 850 Mark. B. Beier sagt: "Jetzt hab
ich die Faxen aber dicke" und trinkt fortan Schnaps. K. Behnken macht Schweinebraten,
kaum daß er in der Tür ist, abends kommt Weihnachtsstimmung
auf. Mein Gin ist mittlerweile alle, aber es gibt jetzt Tuborg-Bier, einsfünfzig
der halbe Liter. Gestern kam die erste Folge von Jungle-TV, director's
cut, und das ist I. Bozic. A. Landgraf und F. Muggenthaler haben mir heute
mal so ein bißchen die Zeitung näher gebracht. Muggenthaler:
"Die Jungle World ist eine Mischung aus Gegenöffentlichkeit und souveränem
Medium."
Nebenbei:
Die Produktion geht so langsam los. Problem:
Offenbar gibt es in Dänemark nur zwei oder drei ISDN-Anschlüsse.
Was ISDN heißt, weiß kein Mensch. Wenn Dänemark also so
einen Anschluß nicht hat, wie kommt die Zeitung dann zum Druck und
wie kommen die Bilder in die Zeitung? Tja, vielleicht mal die Kollegen
vom Vordingborg Dagblad konsultieren. Soll morgen eine Delegation regeln.
Soll Wimpel mitnehmen. An den Fenstern im Wintergarten hängen die
ersten Zeitungsfahnen. Doch, doch, sieht gut aus. Könnte klappen.
Die Waschmaschine hat allerdings einen Schaden. Will K. Behnkens Wäsche
nicht hergeben.
Auf der Fähre:
Da waren nur Omis und Opis, Bier für
vier Mark, es dauerte zwei Stunden, schöne Aussichten, Panik, weil
der Duty-Free-Shop-Prospekt keine schwarzen Zigaretten anonnciert, im Restaurant
gab es eine halbe Fischvergiftung für zehn Mark, Skinke-Snitsel traute
sich nur einer zu wie A. Landgraf.
Zimmerverteilung:
Hochinteressant! Geht ab wie auf einer
Klassenfahrt. So ganz zu durchschauen, wer wo wohnt, ist nicht einfach.
Oben, im Wohnzimmer vor dem Balkon, schläft das Ausland. Auch oben,
soviel ist sicher, der Wirtschaftsredakteur. Das Kulturressort hat sich
unten den Raum mit der defekten Waschmaschine gesichert. Auch unten: der
Rest der Kernredaktion.
Ausflüge:
Zum Beispiel nach Christiania, wo die Welt
noch in Ordnung ist, sagt I. Bozic. Koks ist da nicht so populär,
Ecstasy wohl nur saisonal, wie man berichtet, und Heroin ist da so angesagt
wie Nazis in Kreuzberg. Die Straßen in Christiania gehören angeblich
dem Verteidigungsministerium, aber dazu mehr unter der Rubrik Hauptstadt,
was auf dänisch vigtig h¿j by heißt. Noch ein Ausflug:
B. Beier war im Parlament. Keine Polizei weit und breit. Und wie war's?
"Naja, der alte Generalstab halt." Legoland war so ähnlich wie Christiania,
sagt I. Bozic. Oder umgekehrt?
Dänemark ist wie:
In Dänemark wird offenbar nichts so
sehr an die große Glocke gehängt und noch dazu alles in der
Regel klein geschrieben. Dänemark ist ein öder Ort. Am ödesten
ist Gedser. Fahren Sie nie nach Gedser.
Der Zeitungsbetrieb:
H. v. Schrenk: "So wie immer." "Ist das
alles, was Du dazu sagen möchtest. Ich meine: Das ist ziemlich wortkarg."
"Naja, ist schon ziemlich lässig hier zu arbeiten." "Stell Dir vor,
ich käme von einer Zeitung, und du mußt jetzt ein Statement
abgeben." "Äh, ja, weiß nicht, stell doch mal eine Frage." "Okay,
ihr seid ja ziemlich flexibel, ein junges aufstrebendes Unternehmen, mit
wenig Geld ermöglicht, dennoch habt ihr Arbeitsplätze geschaffen,
das muß dem zukünftigen Wirtschaftsminister doch ziemlich gefallen.
Dabei seid ihr doch links. Schämt ihr euch nicht?" "Die Frage ist
gut, ja." "Und?" "Ich komm gleich wieder."
Die Kommunistische- Bürgermeister-Rubrik:
Daß es so einen in Dänemark
geben soll, hört man derzeit an jeder Ecke in diesem Haus, das ich
jetzt folgendermaßen taufe: Haus der tausend Faxe. Ob es den Bürgermeister
wirklich gibt, ist zur Stunde noch ungeklärt. Gesehen hat ihn noch
niemand. Später stellt sich heraus: ist gestorben.
Komisch ist was:
"Das Ferienhaus ist dreiundsechzig mal
so groß wie die Redaktion." "Endlich mal fast alle Redakteure bei
der Arbeit." "Das Auto mit den zwei Typen vor der Tür." "Die Tür
von der Waschmaschine". "Die Auswahl im Käseregal." Mein Schnupfen
ist weg. "Faxe holen im Turistbureau." Der Satz zum Thema Journalistenkarriere:
"Ich war jung, ich brauchte das Geld."
Dänische Küche.
Draußen: Viele Kartoffeln, rote Würstchen,
die nach Zucker schmecken, Eis, Sm¿rrebr¿d, griechische,
indische, chinesische, amerikanische und dänische Pizza. Drinnen:
Viele Kartoffeln, Knoblauchhuhn (Vorstadt-Disko fällt deswegen aus)
mit oder ohne grünen Bohnen, Kartoffelgratin mit Geflügelleber,
Pasta sin Pesto, warmer Hefekuchen, Vanillepudding, Tuborg.
Erzählt wird:
Die Anekdoten häufen sich, aber die
richtig gute Story hat es noch nicht gegeben. Hier eine kleine Auswahl:
1. Die Bildkonferenz findet nach dem Gebratenem-Hering-Essen
um 23 Uhr statt und dauert drei Minuten. 2. H. Runge und A. Landgraf wollen
zur großen Landzunge. I. Bozic beschreibt den Weg, drei Stunden nach
Abfahrt geben sie auf. 3. Am nächsten Tag finden sie die Zunge und
sollen zehn Kronen für die Einfahrt bezahlen. Das machen sie natürlich
nicht, weil man, da kein Kassierer da ist, freiwillig die Kronen in den
Briefkasten schmeißen muß. A. Landgraf und H. Runge freuen
sich wie die Könige über den Betrug, wähnen sich in Sicherheit,
fahren mit dem Auto ins Areal, gehen Sonnenbaden und spazieren so rum,
wollen zurückfahren und da kommt der Haken: Ausfahrt nicht möglich
wegen Stahlkette vor Ausfahrt. Hmm. Über Schleichwege finden sie einen
Ausweg. Das kostet sie zusätzlich drei Stunden. 4. Keiner macht Witze
über G. Jacob, weil sich das niemand traut. 5. F. Muggenthaler, der
nach eigenen Angaben die Muppets-Show noch nie gesehen hat, will nicht
auf den hiesigen Sportfeldern Fußball spielen, weil er sich offensichtlich
nicht ganz sicher ist, ob das erlaubt ist. Deswegen spielt er generell
nur auf den benachbarten Bolzplätzen. Auf Sand. 6. F. Muggenthaler
hat sich auf dem Sandplatz verletzt. Hmm.
7. S. Kimbel verspricht einen Text über
Arbeitsmarktpolitik in Dänemark, der bis Mitte August vorliegen sollte.
Der Termin mußte verschoben werden, weil fünf Dänen Tag
und Nacht daran arbeiteten. Eine Delegation scheitert in Kopenhagen bei
der Suche. Kimbel ist seither auf der Flucht. 8. Letzte Geschichte: Leider
wurde die Pesto-Affäre schon beim Essen verbraten.
Dänisches Fernsehen:
Leider machen die Dänen einem nicht
die Freude, Michael Douglas zu synchronisieren - Untertitel. Auch bei dänischen
Produktionen. Auf den restlichen Kanälen ist Schnee. Das Zweite Deutsche
Fernsehen kann man noch so gerade erkennen. Wenn das Wetter schlecht wird,
ist die Redaktion voll aufgeschmissen oder Jungle TV dreht, was das Zeug
hält.
Dabei ist nicht:
C. Rasmus aus Lichtenrade, weil er die
Redaktion in Kreuzberg bewachen muß. E. Wittich kam zu spät
aus Norwegen zurück. "Wo ist der große Ripplinger?" Der hatte
ein schlechtes Gewissen, weil er die Boulette von K. Behnken am Abreisetag
geklaut hat. Sagt Heinz. Und der megagroße Elsässer? Hmm? Heinz,
sag mal: "Elsässer ist natürlich auf Buchreise, versucht seinen
braunen Schinken unter die Ossis zu bringen." "D. Hempel, wo ist denn der
eigentlich, Heiko?" "Alicante, Spanien." U. Tremmel ist entschuldigt, muß
zum Designerkongreß in Berlin. A. Dietl ist mit Frau und Kind nach
Frankreich gefahren, nachdem ... tja, das will Heinz nicht sagen. Eigentlich
hätte man einen Satz Praktikanten mitnehmen sollen.
Wer hat
Feuer? Kugelschreiber? Briefmarken? Die
Faxe? Die FAZ? Lust auf Strand? Den Schwarzen Usbeken? Butter ohne Salz?
Klaus gesehen? Mein Muskelshirt? Ersatz für Pesto? Kontakt zu Anti-EU-Gruppen?
ISDN? Kronen? Geschnarcht? Noch Gin? Eingekauft? Sportsalbe? Erfahrung
mit Quallen? Handstand gemacht? Spinnen entfernt? Nicht ins Bett gefunden?
Enno geweckt?
Statements:
"Hühnchen heißen Hühnchen,
weil sie im Unterschied zu Hühnern noch keine Eier gelegt haben. Jetzt
wird auch klar, warum Hähne nicht Hähne, sondern Hähnchen
heißen." (Nach dem Essen, keine Ahnung, wer das gesagt hat, vor allem
nicht warum.) "Ich habe gerade einen großartigen Brief geschrieben,
der für Aufsehen sorgen wird." (H. Schwarzzenberger zum Thema Drogen
und Schreiben.) "Ich beherrsche jedes Problem, ehrlich, Maj-Britt." (H.
v. Schrenk in der Socialisten Weekend-Redaktion in Kopenhagen, wo er über
den endlich gefundenen ISDN-Anschluß Bilder von dpa besorgen wollte
und dabei den ganzen Betrieb lahmlegte.) "Hört doch mal auf mit dem
PC-Terror!" (I. Bozic, als Kimbels Fluchtort Polen gestrichen wurde. Ups!)
Der Deadline-Tag:
Das gesamte Haus ist der Produktion unterworfen.
Es wird nur noch das Nötigste geredet. H. Schwarzzenberger macht Kartoffelpuffer.
Das ist einfach und geht schnell. Dazu, meint H. Schwarzzenberger, paßt
am besten Senf. Die Kombination kommt eher schlecht an. Die meisten weichen
auf Ketchup und Marmelade aus und gehen dann wieder korrigieren. Das Klischee
von der Zeitungsredaktion, die nicht aufräumt und so langsam versinkt
in Fahnen, Flaschen, Frühstücksrückständen, Magazinen,
in Asche und unerledigten Dingen, trifft voll zu. Das Motiv für die
Seite eins wird nach und nach weggeplündert und Filterzigaretten werden
knapp.
Unbeantwortet geblieben,
nicht erlebt, zu kurz gekommen, nicht mitbekommen,
untergegangen, nicht gelesen, nicht passiert, vermißt, nicht geschafft,
nicht ausgereifte Witze, noch dazu unausgesprochen etc. Die einen heißen
Hells Angels, wie heißen die anderen? Wo ist K. Behnken? Kann ich
mal den Rechner haben? Polonäse mit den Nachbarn durch das Dorf. Dänischen
Waschmaschinenreperaturmeister nach seinen Ansichten fragen. Wie ist eigentlich
der Kurs? Wem gehören die 50 Mark im Garten? Mal eine richtig gute
politische Parole zur Abwechslung. Wieviel Witze passen in ein Fax? Nein:
Wieviele Faxe passen in einen Witz. Antwort I. Bozic: "Kommt auf die Größe
an!"
Letzter Absatz, Rückfahrt:
Zwischen hier und der Mitte des Aufenthaltes
sind natürlich noch Sachen passiert, die jetzt nicht berichtet werden
können, weil das einfach zu heikel wäre. Aber Jungle-TV hat fast
alles aufgezeichnet, und I. Bozic hat gerade eben mit dem Fernsehen telefoniert.
Sagt Heinz. Auf der Fähre nach Rostock: "Tja, wie war's? Ganz okay.
Ja, war alles da." |