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Maler ohne Hände
Der Höhepunkt der dänischen Literatur:
Über Jens Peter Jacobsens Roman "Niels Lyhne".
Von Stefan Ripplinger
Am Ende von Friedrich Nietzsches wichtigstem
Text findet sich die Feststellung: "Es giebt Zeitalter, in denen der vernünftige
Mensch und der intuitive Mensch neben einander stehen, der eine in Angst
vor der Intuition, der andere mit Hohn über die Abstraction; der letztere
eben so unvernünftig, als der erste unkünstlerisch ist." ("Ueber
Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne", aus dem Nachlaß
des Jahres 1872)
Die Scheidung der Typen ist wie ihr Nebeneinander
ein Effekt des Kapitalismus und der von ihm dirigierten Reflexion. Das
gedankliche Problem aber, auf dem diese Zweiheit ruht, ist ein sprachphilosophisches:
Während der Vernünftige sich an das "ungeheure Gebälk und
Bretterwerk der Begriffe" klammert, sind sie dem Intuitiven nur "Spielzeug
für seine verwegensten Kunststücke". Das Denken des Vernünftigen
vollzieht sich also begrifflich, das des Intuitiven rhetorisch. Dem Unglück
begegnet das begriffliche Bewußtsein in der "Maske" des Stoizismus,
während das rhetorische ihm schutzlos ausgesetzt ist. Was aber, wenn
die Begriffe zerbrechen?
In der modernen Literatur findet man das
Problem einmal nach dieser, einmal nach jener Seite hin aufgelöst,
den Widerspruch einmal künstlerisch-intuitiv, einmal stoisch-begrifflich
beruhigt. Wenige halten die Schwierigkeit als solche fest und beschreiben
das Nebeneinander als einen Zustand der unmöglichen Wahl zwischen
zwei unmöglichen Strebungen.
Jens Peter Jacobsens Roman "Niels Lyhne"
(1874-1880) gestaltet die Unlust zu wählen. Sein Protagonist hält
die Mitte zwischen rhetorischer Intuition und begrifflicher Vernünftigkeit.
Er ist zu reich beschenkt von beidem; das macht ihn zu einer unbestimmten
und unbestimmbaren Größe, das erzeugt seine erotische (auf Bisexualität
wird angespielt), emotionale und gedankliche Unstetigkeit. Niels Lyhne
ist ein Dichter, der nicht dichtet.
Von dem "praktischen Geschlecht", von den
Bauern, unter denen er aufwächst, wird berichtet, daß man "die
Rippen der Grammatik durch ihre Formulierungen durchfühlen konnte".
Das meint gute, unprätentiöse Einfachheit und biedere Beschränktheit
gleichermaßen. Während der Vater die "erdgebundenen Gedanken
und traumlosen Erklärungen" der Umgebung angenommen hat, ist das Reich
der Mutter nicht von dieser Welt. Nicht nur erheben sich ihre Gedanken
über die Erde und die Arbeit, sie reißen sie in einen fortgesetzten
Flug über die Dinge, in Phantasterei und Phantome. Darüber vergißt
sie, daß "selbst die schönsten Träume, selbst die tiefsten
Sehnsüchte den menschlichen Geist nicht um einen einzigen Zoll wachsen
lassen". Währenddessen ist das Mißtrauen des Vaters gegenüber
dem, "was er Theorie nannte", so groß, daß er sich lieber dem
Allerkonventionellsten, den "durch lange Bewährung ehrwürdig
gewordenen Erfahrungsregeln" anbequemt; und darüber "ermüdet"
seine Intelligenz.
Zur Anspruchslosigkeit muß der Vater
erst regredieren. Den Verlust seines reicheren Ich betrauert er in "vegetativer
Benommenheit". Dagegen ist das Denken der Mutter infantil in seiner Unfähigkeit,
das Widerständige und Widerstrebende zu integrieren. Als sie ins Land
ihrer Träume reisen kann, stirbt sie vor Enttäuschung.
Diese beiden "freundlichen Mächte"
ringen um Niels Lyhnes Seele, die sich mal nach dem Vater, mal nach der
Mutter ausrichtet. Dem Sohn erst gelingt es, die gedanklichen Möglichkeiten,
die in beiden elterlichen Systemen liegen, durchzuspielen, eben deshalb
aber bleibt er das "Kind einer instinktiven Unlust, etwas zu wagen". Er
leidet an der Kierkegaardschen Krankheit; das Übermaß an Simulation
lähmt ihn: "Wenn er sich vorstellte, daß er Frau Boye seine
Liebe gestand - und er mußte sich nun einmal alles ausdenken -, dann
sah er sich so deutlich in dieser Situation, seine ganze Haltung, jede
Bewegung, seine ganze Person, von vorn, von der Seite und auch von hinten,
sah sich unsicher gemacht vom Fieber des Handelns, das ihn stets lähmte
und ihm alle Geistesgegenwart nahm, so daß er dastand und eine Antwort
erwartete wie einen Schlag, der ihn in die Knie zwang, anstatt daß
er ihn auffing wie einen Federball, der auf wer weiß wie viele Arten
zurückgeworfen werden und wer weiß wie oft wiedergeflogen kommen
könnte." (zit. nach der Übertragung von A.O. Schwede, Rostock
1971)
Nicht nur der "etwas krankhafte Drang,
sich selbst wahrzunehmen" - also mütterliches Erbe -, sondern auch
die "vegetative Benommenheit" des Vaters machten sich bemerkbar. Lyhne
verpaßt die Bälle, weil er sich zu sehr darauf konzentriert,
sie zu treffen, und weil er sich nicht darauf vorbereitet zurückzuschlagen.
Als er aber ruhiger und trotziger geworden ist, bemerkt er, daß er
den Schlägen seines Gegenspielers gar nicht parieren kann. Niels Lyhnes
Gegenspieler in diesem Roman, dem der Autor den Arbeitstitel "Atheisten"
gegeben hatte, ist Gott.
Das ungleiche Match zwischen Lyhne und
Gott bildet den Rahmen und bedarf daher keiner besonderen theologischen
oder philosophischen Erörterung. Gott ist die "siegende Kraft", die
"Übermacht" und die "Gewalt". Gegen ihn nimmt Niels Lyhne Partei,
zunächst aus einem mütterlichen Gerechtigkeitsbedürfnis
heraus, am Ende aus dem erklärten Willen, "das Leben zu tragen, wie
es war", also wie der Vater zu leben, ohne sich wie der Vater zu unterwerfen.
Gott ist natürlich auch der Erzähler,
der die Niederlagen seiner Figur sowohl mit subtiler Einfühlung, ja
Mitleid als auch mit Spott und unerbittlicher Härte begleitet. Der
Erzähler ist der Figur Vater und Mutter zugleich.
Auf in sich gespannte, nervöse Perioden,
auf dramatisch sich entwickelnde Metaphorik und reine Gedanken- und Bildermusik
folgen kurze, konstatierende Propositionen. Dieser Dialog zwischen mütterlichen
und väterlichen Einsätzen, zwischen irritierender und verführender
Rhetorik und grausam-schroffem, abtuendem Kommentar bildet das eigentliche
Geschehen in "Niels Lyhne", wenn man so will: die Handlung. Das Ringen
der freundlichen und der unfreundlichen Mächte um Niels spiegelt sich
in dieser Kontrapunktik. Das heißt, Gott, der Erzähler, spaltet
sich selbst in eine mütterliche und eine väterliche, in eine
verführende und eine strafende Instanz.
Der Leser gewöhnt sich nie an diese
Wechsel. Wohl traut er nach einigen der brutalen Sätze den dahinschießenden
Fluten, dem Wirbel der Bilder nicht mehr ganz. Dann läßt er
sich aber doch hinreißen - um im nächsten Absatz eine Wahrheit
mitten ins Gesicht geschlagen zu bekommen.
"Sie hatte die schwarzen, strahlenden Augen
der Bliders mit den feinen schnurgeraden Brauen (Ö)", beginnt der
Erzähler und scheint ein schmeichelhaftes Gemälde hinzuwerfen.
Dann folgt: "Ihre Stimme war jedoch matt und tonlos." Nach einer bilderreichen
Schilderung von Niels' beginnendem Kampf gegen Gott heißt es trocken:
"Es wurde still in ihm." Nachdem die Annäherung zwischen Fennimore
und Niels' Freund Erik impressionistisch zart angedeutet wurde: "Drei Jahre
sind verstrichen, Erik und Fennimore sind seit zwei Jahren verheiratet
und bewohnen ein kleines Landhaus draußen bei Mariagerfjord."
Durch diese harten Schnitte ist auch das
ausgespart, was andere Romanciers für das Wesentliche halten: das
Ereignis. In Jacobsens Texten bahnt sich das Ereignis an, man ahnt, wie
es naht, man erkennt den Schatten, den es auf die Protagonisten wirft und
erfährt von den Empfindungen, die all das in ihnen auslöst. Dann
folgt schroff die vollendete Wirklichkeit; sie liegt, indem sie konstatiert
wird, schon zurück, sie ist bereits überwunden. Der Schmerz,
den sie erzeugt, wird nicht dargestellt, sondern dem Leser durch den abrupten
Wechsel der Tonart beigebracht. Das Geschehen selbst bleibt vornehm ausgespart,
es ist kein Gegenstand der Literatur.
Gegenstand der Literatur ist Sprache. Selten
setzt Jacobsen sein Kontrastverfahren drastischer ein als in der Verabschiedung
Niels' von seiner ersten Geliebten, Tema Boye. Sie hat, nach der unbürgerlichen
Affäre mit Niels, in eine sehr bürgerliche Ehe eingewilligt.
Als er von einer Reise, während der er seine Mutter zu Grabe tragen
mußte, zurückkehrt, eröffnet sie ihm ihre Verlobung. Ein
halb komisches, halb trauriges Ballett von Annäherung und Zurückweichen
beginnt. Er beginnt, "ihren Stuhl zu wiegen": "Es war wie eine lange Umarmung,
als ließe sie sich in seine offenen Arme gleiten, wenn der Stuhl
zurückschwang, und wenn er nach vorn schaukelte, so daß ihre
Füße den Boden berührten, lag in dem leisen Druck des Bodens
gegen den Fuß etwas von ihm."
Sie küssen sich und umzärteln
einander; die Situation bleibt unbestimmt, Entscheidungen sind suspendiert.
In diesem Augenblick sind von der Straße "stimmungslose Plauderstimmen"
zu hören: "All diese Prosa drang zu ihnen herein und machte es noch
schöner, so dazustehen, Brust an Brust, traulich eingehüllt von
dem weichen, gedämpften Licht." Die von der Straße kommende
Allerweltsprosa erst macht die Entrücktheit der beiden spürbar,
eine Entrücktheit vor allem der Sprache: "(Ö) es soll immer Sonne
um dich sein und Rosennächte - eine Rosennacht Ö" Sie will ihn
nicht gehen lassen, sie duldet aber auch seine Berührungen nicht mehr.
Schon deutet sich das Ende an: "'Exit Niels
Lyhne', sagte er, als er die Entreetür hinter sich ins Schloß
fallen hörte." Frau Boye "hatte sich vor den Spiegel gestellt, beide
Hände auf die Konsole gestützt, und weinte, daß die Tränen
von ihren Wangen in das rosarote Innere einer großen Meermuschel
tropften". Die Exzentrik und Überspanntheit des Zusammentreffens weicht
sehr langsam und mündet in den einen Satz: "Sie hatte Szenen schon
gern."
Die Exponiertheit der beiden - hinter geöffneten
Fenstern, hoch über dem Publikum auf der Straße - und ihre hochgetriebene
metaphorische Sprache hat an das Spiel von Schauspielern erinnert, Niels'
"Exit" führte die Möglichkeit der Inszeniertheit schon ein, aber
erst mit dem ebenso banalen wie zynischen "Sie hatte Szenen schon gern"
wird der Zauber weggewischt. Sie öffnet die Jalousien, "und es war
auf einmal ein ganz anderes Zimmer". Erst jetzt hat sie ihn verlassen.
Exit Frau Boye.
Mit dem Fortschreiten des Romans nimmt
sich der Erzähler immer seltener die Zeit, solche Bühnenillusionen
aufzubauen. In den Schlußpassagen endlich wird die Figur mit wuchtigen,
wohlgezielten Hieben zertrümmert.
Man könnte glauben, daß damit
das Begriffliche über das Intuitive obsiegt. Aber selbst das Zerstörungswerk
ist rhetorisch geleitet: "In schwarzen Schwärmen, wie Raben, kamen
sie von überall her herangeflogen, die dunklen Gedanken, angelockt
von der Leiche ihres Glücks, und sie hackten auf sie ein, Schnabel
an Schnabel, während die Lebenswärme noch in ihr war. Und sie
zerfetzten und zerfledderten sie und machten sie abstoßend und unkenntlich,
jeder Zug wurde entstellt und verzerrt, bis alles nur noch ein Kadaver
von Ekel und Schrecken war." Die Raben sind nicht Bilder für die "schwarzen
Gedanken", sie überdecken den Begriff und setzen sich an seine Stelle.
Die Metaphern stoßen wie Raben auf den Kadaver des Begriffs herab.
Darin schon deutet sich Nietzsches Einsicht
an, daß es "eigentliche" Begriffe nicht gebe, sondern Sprache, Referenz,
Wahrheit ein "bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen"
seien. Nietzsche: "(Ö) denn es ist nicht wahr, dass das Wesen der
Dinge in der empirischen Welt erscheint. Ein Maler, dem die Hände
fehlen und der durch Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken
wollte, wird immer noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären verrathen,
als die empirische Welt vom Wesen der Dinge verräth". Derselbe Vergleich,
dasselbe Sprachbild ist bei Jacobsen pessimistisch gewendet: "Es war zwar
gut, daß er Talent besaß, nur konnte er es nicht anwenden,
sondern ging umher und kam sich vor wie ein Maler ohne Hände." Er
singt nicht, er dichtet nicht, auf bittere Weise geht seine Hoffnung in
Erfüllung, "daß all dies ihn erdichtete". Niels Lyhne ist ein
Dichter, der erdichtet wird.
Sein Unglück ist nicht allein, sich
einen Begriff von allem machen zu müssen und begriffen zu werden,
sondern zur gleichen Zeit zu ahnen, daß Begriffe vom "Wesen der Dinge",
vom "Leben" nichts verraten. Das "Leben" ist, sofern man von ihm sprechen
kann, bloß ein sprachliches Epiphänomen; die Sprache ist der
Gott, gegen den Niels Lyhne auftritt und dem er unterliegt. Seine Niederlage
aber ist zugleich ein Sieg der Literatur.
Da die Hinstorff-Ausgaben ("Das erzählerische
Werk" bzw. "Niels Lyhne") zur Zeit nicht mehr lieferbar sind, muß
sich der Leser begnügen mit der Übersetzung von Anke Mann: Jens
Peter Jacobsen: Niels Lyhne. Insel Taschenbuch, Frankfurt/M., 291 S., DM
17,80 |