Strategie der Spannung
Als das "Schwarzbuch des Kommunismus" noch
nicht geschrieben war: Vor 25 Jahren putschte General Pinochet in Chile
mit Hilfe der CIA
Das demokratische Gedächtnis ist ebenso
flexibel wie sein staatlicher Arbeitgeber. Das läßt sich derzeit
am Beispiel des chilenischen Generals Augusto Pinochet beobachten. Heute
ist man sich hierzulande einig: Der kürzlich zum "Senator auf Lebenszeit"
Ernannte ist ein blutiger Schlächter, seine Ernennung ein Skandal
und steht der Demokratie nicht gut zu Gesicht.
Das war nicht immer so. Als Pinochet und
die Seinen am 11. September 1973 die Macht ergriffen und mit ihrem blutigen
Säuberungsprogramm begonnen hatten, bekundeten deutsche Journalisten,
Politiker und Industrielle Genugtuung über die Wiederkehr der Ordnung
in dem Andenstaat. "3 Jahre Marxismus und Chile war kaputt" titelte die
Bild-Zeitung schon am 12. September. "Angesichts des Chaos, das in Chile
geherrscht hat, erhält das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich
wieder einen süßen Klang", säuselte der CSU-Vorsitzende
Franz Josef Strauß in seinem Partei-Organ Bayernkurier.
Der CDU-Abgeordnete Todenhöfer hatte
sich gleich nach dem Putsch zu einer Besichtigungsreise in das Renovierungsgebiet
aufgemacht und auch das zum Konzentrationslager umfunktionierte Fußballstadion
von Santiago besucht. Bei gutem Wetter, teilte er nach seiner Rückkehr
mit, sei das Leben der dort Internierten ganz erträglich.
Und was das Wetter betraf, brauchte man
sich kaum Sorgen zu machen. Im September beginnt in Chile der Frühling.
Im Stadion von Santiago de Chile wurden damals Hunderte ermordet und mißhandelt,
für viele war es Durchgangsstation zu Folter, Hinrichtung oder jahrelanger
Inhaftierung.
1973 war in Deutschland die SPD an der
Macht. Die mochte sich nicht ganz so deutlich wie ihre christdemokratische
Schwester zur Notwendigkeit des Aufräumens bekennen. Zwar hatte die
damalige SPD/FDP-Regierung noch im Sommer 1973 umfangreiche Waffenlieferungen
an das chilenische Militär auf den Weg gebracht, und der deutsche
Botschafter war denn auch der einzige ausländische Diplomat, der an
der Siegesfeier der Junta teilnahm - selbst den beim Putsch federführenden
USA war eine offizielle Teilnahme zu peinlich -, doch hierzulande hielt
man vorst kritische Distanz. Seinerzeit als "links" geltende SPD-Politiker
wie etwa Hans Matthöfer bezeichneten Pinochets Regierung als "Mörderbande",
ein Urteil, das wenig kostete und dem sich im rhetorischen Überschwang
sogar CDU-Kollege Norbert Blüm anschloß.
So geht's nicht, schienen große Teile
der SPD zu meinen, und sozialdemokratische Basis-Organisationen beteiligten
sich auch an den vielfältigen Solidaritätsaktionen mit dem "demokratischen
Chile". Damit war ausdrücklich das Chile vor dem Putsch gemeint, was
heute vielleicht verwundern mag. Im Dezember 1973 veröffentlichte
das SPD-Organ Vorwärts mit kritischer Intention einen Brief des Leiters
der chilenischen Filiale der Farbwerke Hoechst an seine Zentrale: "Wir
sind der Meinung, daß das Vorgehen des Militärs und der Polizei
nicht intelligenter geplant und koordiniert werden konnte und daß
es sich um eine Aktion handelte, die bis ins letzte Detail vorbereitet
war und glänzend durchgeführt wurde.(...) Die Regierung Allende
hat das Ende gefunden, das sie verdiente (...)"
Das schien einfachen SPD-Genossen doch
ein wenig zu kraß, schließlich existierte damals noch kein
"Schwarzbuch des Kommunismus". Geschmacksfragen hinderten deutsche Sozialdemokraten
in Regierungsverantwortung allerdings nicht am Vollzug des demokratisch
Notwendigen. Noch im Oktober 1973 kam der Staatsminister im Auswärtigen
Amt Hans-Jürgen Wischnewski mit einem "gemäßigten Urteil"
(FAZ) aus Chile zurück und konnte im Jahr darauf einem schon der Allende-Regierung
gewährten 21-Millionen-Mark-Kredit in Pinochets verdiente Hände
legen.
Daß zur gleichen Zeit mindestens
ein chilenischer Offizier an einem Lehrgang für militärische
Führung an der Hamburger Bunderwehrakademie teilgenommen hatte, mochte
da wie eine Peanut erscheinen. Doch dieses Wort war den meisten Deutschen
damals noch so unbekannt wie ein "Schwarzbuch des Kommunismus". Als die
Teilnahme des deutschstämmigen Oberstleutnants Helmut Kraushaar bekannt
wurde, rechtfertigte sie SPD-Verteidigungsminister Georg Leber als Erfolg
sozialdemokratischer "Realpolitik". Kraushaar revanchierte sich in seinem
Abschiedsvortrag vor Ausbildern und Kameraden, indem er die Vorzüge
der chilenischen Militärherrschaft für die Demokratie unterstrich.
Hatte nicht General Pinochet selbst betont, die Demokratie müsse gelegentlich
in Blut gebadet werden, wolle man sie retten? Und war das nicht auch die
Maxime des ersten SPD-Reichswehrministers Noske 1919 gewesen?
Nein, vom "Schwarzbuch des Kommunismus"
waren Mitte der siebziger Jahre erst Solschenizyns Vorarbeiten bekannt.
Ganz vom Geist des erst am Ende des Jahrzehnts neu beginnenden antikommunistischen
Kreuzzuges erfüllt, zeigte sich die Intervention des seinerzeit noch
wenig bekannten CDU-Abgeordneten Elmar Pieroth: "Der Mut breiter Schichten
des chilenischen Volkes und des Militärs, auch in einer verunsicherten
und manchmal schon feige gewordenen Welt eine drohende kommunistische Diktatur
zu verhindern, verdient Respekt." So enthielt sich auch die SPD/FDP-Bundesregierung
ihrer Stimme, als selbst die Uno 1976 auf Initiative von sozialistischen
und Dritte-Welt-Staaten sich zu einer Verurteilung des chilenischen Regimes
durchrang.
Von den Ideen des späteren "Schwarzbuchs"
waren allerdings die meisten deutschen Kommentare schon während Allendes
Regierungszeit erfüllt. Als bei den Wahlen im März 1970 das aus
Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Linkschristen und -liberalen
bestehende Bündnis Unidad Popular (UP) mit 36 Prozent die relative
Parlamentsmehrheit in Chile erhielt, sah man hierzulande Chaos und Anarchie
aufziehen. Nachdem die UP dieses Ergebnis drei Jahre später noch um
sieben Prozent verbessern konnte, wurden Rufe nach einem "antitotalitären"
Eingreifen der Armee laut.
Es ist wenig verwunderlich, daß diese
Einschätzung in bürgerlichen Kreisen sowohl Chiles als auch in
den "Metropolenländern" die gleiche war. Interessant ist aber, daß
die Skepsis gegenüber den Erfolgsaussichten einer UP-Regierung auch
von radikalen Linken geteilt wurde. Wenn auch aus völlig anderen Gründen.
Beide, Anhänger wie radikale Kritiker des Kapitalismus trafen sich
in der Einschätzung, daß demokratische Staatlichkeit und eine
sozialreformerische Politik zugunsten der Unterklassen unvereinbar sei.
Während die einen nach der ordnungsstiftenden Lösung riefen,
warnten die anderen vor ihr.
Auch dem Sozialisten Salvador Allende schien
solche Skepsis nicht ganz fremd zu sein. Als er im September 1970 auch
noch die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte und seine Ernennung
vom Kongreß ratifiziert war, gestand er dem argentinischen Journalisten
Miguel Bonasso seine Verwunderung: "Sehen Sie, wie seltsam. Der Kongreß,
der eine Institution des Systems ist, wählt jemand, der vorhat, mit
dem System Schluß zu machen."
Die UP-Regierung verstaatlichte die wesentlich
in US-Händen befindliche Kupfer-, Salpeter-, und Kohleförderung.
Darüber hinaus die Eisen- und Stahlindustrie, Teile der Elektroindustrie
und die zum ITT-Konzern gehörende Telefongesellschaft ebenso wie Ford
Motors. Durch die Verstaatlichung der meisten bisher vom US-Kapital kontrollierten
Banken sicherte sich die Regierung die Kontrolle über 90 Prozent des
Kreditwesens. Allerdings wurde die Verstaatlichung der Banken größtenteils
durch Kauf von Bankaktien - und nicht durch Enteignung - durchgeführt.
Ein national-demokratisches Entwicklungskonzept
also. Und äußerst volksfreundlich. Zwar wurde die angestrebte
Erhöhung der Durchschnittslöhne um 30 bis 40 Prozent kaum vollständig
erreicht, doch nach traditionellem keynesianistischem Muster wurde die
Geldumlaufmenge erhöht. Dies führte bald zu Inflationserscheinungen.
Trotz des "antimonopolistischen" Charakters
der Umgestaltungen zeigten sich die kleinen und mittleren Unternehmer wenig
angeregt, ihre Chancen wahrzunehmen. Sie verweigerten nicht nur die Investition
des nun vermehrt zur Verfügung stehenden Geldes, sie entwickelten
auch politische Formen von Klassenbewußtsein. Ab Mitte 1972 kam es
zu so eigenartigen Erscheinungen wie Unternehmerstreiks; Fuhrunternehmer
und Einzelhändler bis hin zu Architekten verweigerten organisiert
ihre unternehmerische Tätigkeit. Beim Staatsbesuch Fidel Castros im
Herbst 1972 kam es zu Demonstrationen "hungernder" Mittelstands-Hausfrauen
gegen die "sozialistische Mißwirtschaft". Ergänzt wurden diese
Aktivitäten durch eine von CIA und rechten Gruppierungen geschürte
"Strategie der Spannung" in Form von unberechenbaren Anschlägen und
Attentaten. Die UP-Regierung stand allerdings nicht nur unter dem Druck
der wirklichen und eingebildeten Nutznießer des freien Marktes. Ihre
eigene Klientel, Industrie- und Landarbeiter, nahm die antikapitalistische
Programmatik ernster, als es Staatsreformern lieb sein konnte.
Auf die notwendig erfolgenden Zugeständnisse
der Regierung an die "nationale Bourgeoisie" antworteten sie zunehmend
mit Selbstorganisation und eigenständigen Fabrik- und Landbesetzungen
und versuchten, die durch die traditionellen Eigentümer verschleppte
Verteilung von notwendigen Dingen selbst zu organisieren.
Dadurch gerieten sie in Konflikt mit den
traditionellen Arbeiterparteien, vor allem der KP. Diese setzte auf unbedingte
Legalität des "Reformprozesses" und scheute sich nicht, staatliche
Repression gegen Linksradikale und auch gegen Fabrik- und Landbesetzern
aus den eigenen Reihen einzusetzen.
Als das chilenische Militär dann zu
seinem demokratierettenden Blutbad schritt, gab es zwar für kurze
Zeit militanten Widerstand, doch insgesamt bestätigte sich auf blutige
Weise die Warnung der Linksradikalen: Die UP hatte durch ihre obskure Option,
das kapitalistische "System" mit seinen eigenen demokratischen Mitteln
aushebeln zu wollen, seine Klientel den demokratisch-militärischen
Schlächtern waffenlos ausgeliefert.
In der Geschichte der Arbeiterparteien
war das nicht das erste und nicht das letzte verhängnisvolle Versagen.
Für die am Realsoz orientierten KPen galt die Erfolgsgeschichte der
UP als Beweis für die Möglichkeit des "friedlichen Weges zum
Sozialismus". Nach deren Scheitern war allerdings nicht Selbstkritik angesagt,
sondern verdruckstes Schweigen.
Während Pinochets Schergen im ersten
Jahr ihrer Machtergreifung mindestens 30 000 Linke umbrachten, erging sich
die "internationale Solidarität" in Folklore. Zu den Liedern des im
Stadion von Santiago ermordeten Victor Jara stopfte man massenhaft empanadas
in sich hinein und ließ mit Nerudaschem Pathos die Demokratie hochleben.
Bereits in den siebziger Jahren hatten sich die meisten Chile-Solidaritäts-Aktivisten
der heute vollends entfalteten demokratischen Erinnerung mit ihrer bemerkensweten
Flexibilität mehr angenähert als ihnen damals lieb gewesen sein
durfte.
"Das einzige, was noch bleibt, meine Freunde",
sagte General Pinochet am 22. Jahrestag seines Putsches vor chilenischen
Unternehmern, "ist das Verges-sen." Das Protokoll vermerkt, er habe jede
Silbe des Wortes einzeln betont. "Dies ist das Wort, und um das zu erreichen,
müssen beide Seiten vergessen." Und da liegt der alte Bluthund ja
auch nicht ganz falsch. Zumindest die eine Seite hat vergessen, was sie
damals wollte. Sozialismus und ähnlich idealistische Sachen will heute
keiner mehr. Demokratie wollen jetzt alle.
Aber auch an die Bedingungen der Demokratie
will sich heute keiner mehr so recht erinnern. Pinochets demokratische
Karriere war anders als die seiner UP-Vorgänger eine echte Erfolgsgeschichte.
Er holte die Chicago Boys um den Nobelpreisträger Milton Friedman
ins Land und ließ sie Chile zu einem neoliberalen Musterstaat mit
dem inzwischen hinlänglich bekannten Elend umwandeln. Der Demokrat
Friedman wußte Pinochets Bemühungen von Anfang an zu würdigen.
Den Katharsis-Idealen des Generals von der im Blutbad gewaschenen Demokratie
sekundierte er mit einer dem Ökonomen typischen, für ausschließlich
am politischen Ideal orientierte Zeitgenossen vielleicht etwas trockenen
Feststellung: "Das Majoritäts-prinzip ist in erster Linie ein Hilfsmittel
und kein Grundprinzip".
Deutschen Demokraten war diese Weisheit
schon länger geläufig. Als im September 1973 knapp hundert Chilenen
in die deutsche deutsche Botschaft in Santiago flüchteten und politisches
Asyl begehrten, rief Hans-Dietrich Genscher - damals Innenminister - händeringend:
"Wir werden uns hier doch keinen Haufen Tupamaros hereinholen."
Deutschland blieb gelassen: Ein "Schwarzbuch
des Kommunismus" war noch nicht zur Hand, also schickte man Beamte des
Verfassungsschutzes nach Santiago. Nur für den Fall, daß die
chilenischen Kollegen relevante Details übersehen hätten.
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