Supporting Dayton
Was tun, wenn in Deutschland gewählt
wird? Nach Bosnien-Herzegowina fahren, wo auch nichts anderes passiert.
Das findet zumindest Markus Bickel
"Transit, transit" rufend wehrt der Fahrer
alle Haltewünsche ab. Nein, der Bus stoppt nicht in Sarajevo. Auf
der Fahrt aus dem Erholungsort Pale, der einstigen Hochburg von Radovan
Karadzic, nach Kula, beide im serbischen Teil Bosniens gelegen, ist in
der Hauptstadt der geteilten Republik kein Zwischenstopp vorgesehen.
Der Busfahrer hält erst zwei Meter
hinter dem Ortsausgangsschild von Sarajevo. "Turkish" sagt er, als er mit
dem Finger auf die im Miljeka-Tal liegende Hauptstadt herunterzeigt, und
steht auf. An seinen Sitz gelehnt, weist er geradeaus den Berg hinauf,
Richtung Kula. "Serbish", sagt er nur, dann erst öffnet er die Tür.
Als sei es ein fremdes Land, umfährt
der Fahrer die kroatisch-muslimische Föderation - die Endstation heißt
Srpska. Bald drei Jahre nach dem formellen Friedensschluß von Dayton
steht er damit nicht allein. Auch wenn die Grenzpfosten zwischen der serbischen
Republik und der Föderation gefallen sind, hält die Spaltung
des Adria-Staates an. Die meisten Direktbusse zwischen Sarajevo und Pale
- UNHCR leuchtet es weiß auf den marineblauen Karosserien - werden
von der mit dem Dayton-Vertrag installierten internationalen Bosnien-Verwaltung
gestellt; nach Banja Luka, der neuen Hauptstadt der Republika Srpska, verkehren
Busse nur zweimal täglich.
Wenige Tage vor den zweiten Parlaments-,
Präsidiums- und Kantonalwahlen setzen weder Vertreter ausländischer
noch bosnischer Organisationen viel Hoffnung auf den Urnengang; gerechnet
wird mit einer Bestätigung der ethno-nationalistischen Parteien.
Selbst ein Sprecher der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die die Wahlen organisiert
und beobachtet, ist skeptisch: "Öfter wählen ist gut für
die Demokratie", übt er sich gegenüber Jungle World in guter
Laune, um dann gleich anzumerken, daß sich das Bollwerk der nationalistischen
Parteien wohl frühestens beim übernachsten Wahlgang, "in sechs
bis acht Jahren", durchbrechen lasse. Wenn Wahlen wirklich etwas ändern
würden, würden sie sicherlich nicht von der OSZE durchgeführt.
Gedämpfte Stimmung bei den Exporteuren westlicher Demokratie-Modelle
auf dem Balkan.
Hatte der "Hohe Repräsentant" der
internationalen Verwaltung in Bosnien, Carlos Westendorp, Ende letzten
Jahres noch vollmundig 1998 als das "Jahr der Minderheiten-Rückkehr"
angekündigt, wollen die meisten Politiker in den Kommunen und den
Parlamenten Bosniens davon nichts mehr wissen. Nationalisten bestimmen
weiterhin die politische Bühne: Blockiert wird die Rückkehr von
Kroaten und Muslimen in die Republika Srpska ebenso wie die von Muslimen
nach West-Mostar. Viele der bis Kriegsende mehrheitlich von Serben bewohnten
Häuser in den Vororten von Sarajevo stehen leer.
Dabei hatte sich der auf Drängen der
EU eingesetzte Spanier Westendorp seit seinem Amtsantritt letzten Sommer
doch so bemüht, die staatlichen Institutionen des Landes zu einen
- auch per Dekret, wie es der Dayton-Vertrag bei Unstimmigkeit zwischen
den drei Mitgliedern des Staatspräsidiums vorsieht. Zuletzt im Frühjahr:
Weil zwischen den größten bosnischen Parteien selbst über
eine gemeinsame Fahne keine Verständigung herzustellen war, verordnete
Westendorp den serbischen, kroatischen und muslimischen Nationalisten einheitliche
Staatsinsignien.
Neben der Fahne und einer einheitlichen
Währung, der "Konvertiblen Mark", haben inzwischen auch identische
Kfz-Kennzeichen die alten Plaketten abgelöst. Nicht mehr erkennbar
ist, ob ein Auto etwa aus der von kroatischen Nationalisten beherrschten
Herzegowina oder der Serbischen Republik kommt - ein erster Schritt, um
das in Dayton zugesicherte Recht auf Bewegungsfreiheit durchzusetzen.
Ein peinlicher Ausrutscher unterlief Westendorp
jedoch bei der Einführung der verbindenden Reisedokumente. Die bislang
weitreichendsten Eingriffe "des euro-spanischen Vizekönigs" (The Economist)
in das institutionelle Gefüge Bosniens begannen im Chaos: Als die
gemeinsamen Pässe gedruckt und zum Teil schon ausgehändigt waren,
stellte man fest, daß die serbo-kroatischen Endungen falsch geschrieben
worden waren - die Auflage mußte neu gedruckt werden.
Nicht zuletzt wegen solcher Fehler haben
Nationalisten aller Seiten Westendorp schon als "Diktator", "regierenden
General" und "Protektor" beschimpft. Mißgriffe wie auf der ersten
Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt, als er Bosnien in drei "Entitäten"
unterteilte, sind Wasser auf die Mühlen derer, die weiterhin für
einen Anschluß der serbischen Gebiete an Jugoslawien und der Herzegowina
an Kroatien sind.
Die Amtsführung Westendorps, gepaart
mit Ärger über die deutsche Abschiebepolitik, hat auch in den
USA zu neuerlicher Distanz gegenüber der Bosnien-Politik der EU geführt.
Bei einem Treffen mit bosnischen Offiziellen in der vergangenen Woche kündigte
US-Außenministerin Madeleine Albright einen "aggressiven Zeitplan"
zur rascheren Umsetzung der Dayton-Bestimmungen für die Zeit nach
den Wahlen an. Alle US-Hilfsprogramme würden daraufhin überprüft,
ob die Empfänger den Vertrag einhielten. Insbesondere die Verhinderung
der Rückkehr von Bosniern in ihre Herkunftsorte werde zum sofortigen
Stopp der Hilfszahlungen führen.
Einer darf natürlich nicht fehlen,
wenn die USA Entschlossenheit auf dem Balkan demonstrieren: der vor dem
Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit
angeklagte Radovan Karadzic. Vor drei Monaten wegen "destabilisierender
Wirkung auf die Lage in Bosnien" vorübergehend abgeblasen, erklärte
ein Albright-Berater gegenüber der Washington Post, daß die
Suche nach dem Kriegsführer der bosnischen Serben erneut aufgenommen
werde.
Doch eines, auch das machte Albright deutlich,
hat sich gegenüber der bisherigen US-Bosnienpolitik geändert:
Die Hauptverantwortlichen für eine weitere Spaltung sitzen nach Ansicht
des State Department nicht mehr in der Serbischen Republik, sondern in
Mostar. Washington hat den Schwarzen Peter an die kroatischen Hardliner
weitergegeben. Die von Franjo Tudjman unterstützten bosnischen Kroaten,
warnte der Albright-Berater, müßten sich möglicherweise
auf die Wiederholung des Szenarios von Pale im Sommer 1997 einrichten:
Wenn Tudjman den Einfluß seiner Sender auf bosnischem Territorium
nicht beschneide, würden Nato-Kräfte "die Funktürme besetzen".
Die bosnische Serbenrepublik ist ihren
Ruf als Paria Europas vorerst los. Mit der Verlegung des Regierungssitzes
aus der Karadzic-Hochburg Pale nach Banja Luka haben sich die Institutionen
Srpskas konsolidiert. Seit dem Amtsantritt von Präsidentin Biljana
Plavsic und dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Milorad Dodik
sind die Verbündeten Karadzics auf Parlaments- und Regierungsebene
weitgehend entmachtet. Und daß sich Plavsic von Karadzic getrennt
hat, nicht aber vom Chauvinismus, der beide verbindet? Daß sie die
Rückkehr von bosniakischen und kroatischen Flüchtlingen in die
Srpska weiter hintertreibt? Was zählt, ist Plavsic' Bekenntnis zu
Dayton - der bosnische Persilschein.
Als letzter Karadzic-Getreuer an der Macht
bleibt Momcilo Krajisnik. Während sich Alija Izetbegovic und Ante
Jelavic, kroatischer Vertreter im gesamtbosnischen Staatspräsidium,
für die zügige Umsetzung der Vorgaben von Dayton gegenüber
den ausländischen Sponsoren einsetzen - oder dies zumindest regelmäßig
beteuern -, hat der serbische Repräsent Krajisnik bislang als einziger
den Dayton-Schwur verweigert.
Aller Voraussicht nach wird der letzte
Vertreter Pales bei den Wahlen am 12./13. September schlechter abschneiden
als der Präsidentschaftskandidat Zivko Radisic, der das Plavsic-Dodik-Duo
aus Banja Luka bald zum Trio erweitern könnte. Besondere Eignungen?
Supporting Dayton, wie es so schön in den von der OSZE herausgegebenen
Wahlempfehlungen heißt. |