Grünes Sofortprogramm
Klippen umschifft
Von Pascal Beucker
Der SPD-Kanzlerkandidat zieht Linie. "Rot-Grün
gibt es nicht um jeden Preis", gab er in Bild am Sonntag zu Protokoll.
Einem anderen sozialdemokratischen Theorieorgan verriet er, was das zu
bedeuten habe: Die SPD stehe für wirtschaftliche Stabilität,
Kompromißlosigkeit bei der inneren Sicherheit und außenpolitische
Kontinuität, ließ Gerhard Schröder Super Illu wissen.
Da haben die Bündnisgrünen nochmal
Glück gehabt: Diese Klippen haben sie in ihrem am Sonntag im bayerischen
Germering beschlossenen 9-Punkte-Programm geschickt umschifft. Die Bereiche
Innere Sicherheit und Außenpolitik tauchen in dem vom Länderrat
verabschiedeten Sofortprogramm "Eine neue Politik für die Bundesrepublik"
erst gar nicht auf. Ansonsten sei die Partei "der Garant für eine
seriös finanzierte Reformpolitik" - dagegen kann Schröder schlecht
kritikastern.
Nun ist die Öko-Partei also für
die Endphase des Wahlkampfes gerüstet. Schwerpunkt ist die Wirtschafts-
und Sozialpolitik. An erster Stelle steht das "Bündnis für Arbeit".
Weiterhin fordern die Bündnisgrünen "eine sozial gerechte und
transparente Steuerreform". Mittels einer Ökosteuer soll Energie verteuert
und Arbeit billiger werden. Mit den daraus gewonnenen Einnahmen sollen
die Beiträge zu den Sozialversicherungen gesenkt werden. Außerdem
soll eine bedarfsorientierte Grundsicherung, "die wirksam vor Armut schützt",
eingeführt werden.
Auf die Law&Order-Politik der Regierung
sowie der SPD-Opposition geht das Papier nicht ein. Während sich die
Bündnisgrünen in ihrem Wahlprogramm noch als "die Partei, die
für die Bürgerrechte eintritt" präsentierte, fehlen entsprechende
Forderung nun. Auch kein Wort mehr zur Legalisierung weicher Drogen. Selbst
im Ökologiebereich sind die Grünen vorsichtig geworden. Zwar
soll der Ausstieg aus der Atomenergie "sofort angegangen" werden, ein Zeitrahmen
wird jedoch nicht genannt. Andere Großprojekte wie der Transrapid
werden erst gar nicht benannt. Schließlich hat Schröder bereits
angekündigt, daß unter seiner Regierung sowohl der Transrapid
als auch die Ostseeautobahn A20 gebaut würden.
In einem entscheidenden Punkt sind die
Grünen jedoch standhaft geblieben: Die Abschaffung des deutschen auf
Abstammung beruhenden Staatsbürgerschaftsrechts "müsse eine der
ersten Regierungsinitiativen" einer rot-grünen Regierung sein. In
der Flüchtlingspolitik soll der Genfer Flüchtlingskonvention,
der Europäischen Menschenrechtskonvention und der UN-Kinderrechtskonvention
"volle Geltung" verschafft werden. Das wird mit der SPD sicher nicht zu
machen sein. Nicht umsonst stellte der bayerische Innenminister Günther
Beckstein in der vergangenen Woche fest, SPD-Schatteninnenminister Otto
Schily sei bei ihm "in die Lehre gegangen".
Eines sei seit letzter Woche "ziemlich
sicher", erklärte Fraktionssprecherin Kerstin Müller, der nächste
Kanzler, "er wird nicht Helmut Kohl heißen". Doch ob ihre Partei
an dieser Wachablösung beteiligt sein wird, bleibt trotz aller Bemühungen
fraglich. Die Gedankenspiele des SPD-Kanzlerkandidaten jedenfalls sind
offen. Gegenüber Bild am Sonntag ließ er am selben Tag wissen:
"Auch eine Koalition SPD/CDU ohne CSU ist nicht abwegig." |