Bacillus Teutonicus
Ein Gespräch mit Ruth Fischer (Berliner
Sozialbündnis) und Max Holz (Kritische Gewerkschafter) über die
deutsche Arbeitslosenbewegung
Seit Anfang des Jahres werden jeden
Monat zur Bekanntgabe der Arbeitslosenzahlen bundesweite Protestaktionen
organisiert. Was haben die Aktion bisher gebracht?
Max Holz: Die Erwerbsloseninitiativen
wurden in den letzten Jahren in ein tiefes Loch gestoßen - Beratungsstellen
wurden geschlossen, ABM-Stellen gekürzt. Die ganze Infrastruktur wurde
kaputtgemacht. Ende vergangenen Jahres begannen die Erwerbslosen sich wieder
zu organisieren. Die erste Demo in Berlin war mit 4 000 Leuten ein großer
Anfangserfolg. Erwerbslose haben sich in Deutschland bisher kaum politisch
artikuliert. Daher finde ich die bisherigen Aktionen schon ein Fortschritt.
Ruth Fischer: Die Forderungen gehen
in die richtige Richtung. Bereits auf den ersten Demos wurde gesagt: Wir
wollen nicht Arbeit für alle, sondern eine Grundsicherung, 1 500 Mark
plus Miete, und eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Und wir wollen
vor allem eine Rücknahme des geltenden Arbeitsförderungsgesetzes
und des Meldezwanges. Als ersten Schritt in diese Richtung verlangen wir
200 Mark mehr für alle.
Die Proteste zeugten aber häufig
weniger von einem neuen Selbstbewußtsein der Arbeitslosen, sondern
appellierten eher an die Verantwortlichen, endlich gegen soziale Mißstände
vorzugehen. Bei einer Aktion legten sich die Arbeitslosen beispielsweise
Ketten an, liefen damit durch die Straßen und ließen sich anschließend
auf einem Sklavenmarkt verhökern.
Fischer: Das liegt am Bacillus Teutonicus.
Die Menschen erwarten hier, daß die Obrigkeit, der Staat alles regelt.
Man wird hier nicht dazu erzogen, die Interessen in die eigene Hand zu
nehmen. Die wenigsten Arbeitslosen hinterfragen die Gründe für
ihre Erwerbslosigkeit oder stellen das zugrundeliegende System in Frage.
Es gibt eine große Lethargie und das Verlangen, daß andere
die Verantwortung übernehmen. Und das hindert die Menschen daran,
sich selber orginelle Dinge auszudenken. Man könnte z.B. in ein Luxusrestaurant
gehen und sagen: Wir haben den ganzen Tag demonstriert, dafür haben
wir auch ein gutes Essen verdient. Die meisten trauen sich das nicht einmal
zu denken. Es gab einige Ansätze in diese Richtung wie z. B. die Schwarzfahr-Aktion
oder die "Einkaufsaktion" bei Karstadt. Aber als bei der "Einkaufsaktion"
ein Einkaufswagen als Spende für die Arbeitslosenbewegung gemeinsam
vollgepackt werden sollte, gab es große Vorbehalte. Das ist eine
wesentliche Schwäche dieser Bewegung: Man traut sich nicht, radikal
zu sein - in den Aktionen wie bei den Forderungen.
Die Proteste wurden durch den Medienrummel
um die Ereignisse in Frankreich zunächst sehr gepuscht. Doch anschließend
wurde es um die Arbeitslosenbewegung immer stiller.
Fischer: Es ist hier nicht gelungen,
eine Verbindung zu den sozialen Problemen anderer Gruppen herzustellen
und beispielsweise Migranten, Obachlose oder Behindertengruppen einzubeziehen.
Am meisten betroffen von der Arbeitslosigkeit sind ja nicht weiße
männliche Facharbeiter, sondern vor allem Frauen und Migranten. Bei
der Demo vor der Berliner Börse am 8. Mai, dem Tag der Befreiung,
wurde nicht einmal der Opfer der Hitler-Barbarei gedacht. Das ist eine
sehr deutsche Bewegung, die um sich selbst kreist. Und wenn dann noch große
Organisationen wie der DGB sagen, die Lösung sind die Wahlen, starren
alle auf den 27. September, auf daß Schröder jetzt die Probleme
löse.
Holz: Wir haben nur wenig Kontakt
zu Betriebsräten. Umso einfacher kann sich der DGB als einzige legitime
Vertretung präsentieren. Die Stärke der französischen Bewegung
lag sicher darin, daß sie sowohl Migranten und Obdachlose wie auch
Betriebsleute einbezogen hat. Das haben wir bisher nicht geschafft.
Wie ist das Verhältnis zu den Gewerkschaften?
Am 12. September soll als vorläufiger Höhepunkt ein gemeinsamer
bundesweiter Aktionstag in Berlin stattfinden.
Fischer: Eine gemeinsame Veranstaltung
gibt es nicht mehr. Der DGB hat lange Zeit zugesagt, die bundesweite Demonstration
zu unterstützen. Dann bestand der DGB darauf, daß die Demo unter
seinem Motto "Ein Wechsel ist notwendig" laufen müsse. Wir befürchten,
daß bei dieser Parole unsere Forderungen nicht mehr berücksichtigt
werden. Daher organisieren die Gewerkschaften nun ihre eigene Veranstaltung
vor dem Brandenburger Tor, während das Sozialbündnis vor der
DGB-Veranstaltung zu einer Demonstration mit anschließender Kundgebung
aufruft.
Holz: Bei der Haltung zur Grundsicherung
sind die Gewerkschaften gespalten. Gerade von Gewerkschafts- und SPD-Mitgliedern
wird häufig gesagt, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Diese
Forderung stammt aus dem 19. Jahrhundert und war gegen Kapitalisten und
Feudalsystem gerichtet. Die Arbeiterklasse setzte sich aber noch nie nur
aus Lohnarbeitern zusammen, sondern auch aus deren Familien und aus den
Erwerbslosen.
Aber wir werden heute eher vom DGB akzeptiert
als noch vor zehn Jahren. Die Gewerkschaften versuchen mittlerweile Bündnisse
mit sozialen Gruppen, Umweltinitiativen etc. zu schließen. Da wird
sich die nächsten Jahre einiges tun.
Und die Forderungen desSozialbündnisses
...
Fischer: Wie anfangs schon gesagt,
soll jeder Mensch unabhängig von Alter und Geschlecht 1 500 Mark plus
Miete bekommen. Die Summe entspricht unserer Ansicht nach etwa einer akzeptablen
Grundsicherung. Außerdem wollen wir den gesellschaftlichen Arbeitsbegriff,
der Arbeit nur als entfremdete Lohnarbeit anerkennt, in Frage stellen.
Beispielsweise ist es auch Arbeit, eine Sprache zu lernen. Gleichzeitig
wollen wir eine radikale Arbeitszeitsverkürzung und ein Antidiskriminierungsgesetz.
Das liegt alles unterhalb der Eigentumsfrage und ist daher eine Reformforderung,
aber eine sehr weitgehende, ein revolutionäres Reformtörtchen
sozusagen. Und wenn einige gar nichts machen und nur Bier trinken wollen,
dann sollen sie es tun. Die Gesellschaft ist reich genug, um sich das leisten
zu können.
Wie soll das finanziert werden?
Fischer: Take half. Jeder soll die
Hälfte seines Einkommens, egal ob es aus Vermögen, Gehalt oder
Coupon-Schneiden stammt, abgeben. Das bedeutet eine radikale Umverteilung
von oben nach unten. Damit wird weder der Kapitalismus abgeschafft, noch
das enorme Einkommensgefälle beseitigt. Aber dies würde wenigstens
die Massenarmut verhindern.
Holz: Weniger als 50 Prozent der
Berliner Einwohner erzielen nach Angaben des Statistischen Landesamtes
mittlerweile ihr Einkommen durch Lohnarbeit. Gleichzeitig heißt es,
daß jeder den sozialen Aufstieg schaffen kann, wenn man sich nur
richtig anstrengt. Ein Dienstleistungssektor mit Schuhputzen und Schnürsenkelverkauf
wie in der Dritten Welt ist nicht mehr weit entfernt; Hausmädchen
und Jugendliche, die für 500 Mark im Monat Einkaufstüten durch
die Gegend tragen sollen, sind schon jetzt in staatlichen Beschäftigungsprogrammen
vorgesehen. Auch diese Entwicklung soll mit der Forderung nach einer Grundsicherung
angegriffen werden.
Auch Biedenkopf, die Grünen oder
die PDS diskutieren schon seit langem über Grundsicherungsmodelle
und Lohnsubventionen ...
Fischer: Ich habe nichts dagegen,
daß Leute eine Grundsicherung erhalten und noch etwas dazu verdienen.
Wenn aber Kombi-Löhne bedeuten, daß moderne Sänftenträger
eingestellt werden sollen, bin ich dagegen. Und daher haben wir die Grundsicherung
an die Forderung nach einem Mindestlohn gekoppelt.
Holz: Die Unterschiede zu den anderen
Modellen liegen in der Höhe, bei der Verteilung und dem Kreis der
Empfänger, da auch Migranten einbezogen werden sollen. Die Grundsicherung
kommt auf jeden Fall.Die Frage ist nur, wann und in welcher Höhe.
Selbst der Sozialflügel der CDU wird sich dies überlegen. Die
Erwerbsloseninitiativen sollen daher jetzt ihre Forderungen aufstellen
und so offensiv wie möglich vertreten, um der Diskussion nicht hinterher
zu hinken.
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Interview: Anton Landgraf
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