Nachrichten
Bündnis mit Arbeitslosen
Die Stimmabgabe allein bewirkt noch keine
neue Politik. Weil dies die gewerkschaftlichen Arbeitsloseninitiativen
ebenfalls so sehen, wollen sie ihre Aktionen nach der Bundestagswahl fortsetzen.
Nach den Protesten am 9. September, dem "Jagoda-Tag", an dem die Bundesanstalt
für Arbeit in Nürnberg die offiziellen Arbeitslosenzahlen verkündet,
werden die Aktionen gegen Stellenabbau und Armut auch im Oktober weitergehen.
Zum ersten Mal seit Beginn der bundesweiten Aktionen im Februar wird es
jedoch keine zentral organisierten Veranstaltungen geben. Einige lokale
Initiativen planen dennoch Aktionen, teilte die Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher
Arbeitsloseninitiativen in Bielefeld mit. Sie ruft zur Teilnahme an der
Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am 12. September
unter dem Motto "Deine Stimme für Arbeit und soziale Gerechtigkeit"
auf.
Nächster bundesweiter Protesttag ist
der Weltspartag am 30. Oktober. Bis dahin erwarten die Initiativen von
der neuen Bundesregierung Signale, ob sie zu einem Kurswechsel bereit ist.
Kriterien sind die in einem 101-Tage-Programm der Arbeitslosen formulierten
Sofortforderungen. Dazu zählt eine gesetzliche Initiative zur Wochenarbeitszeitverkürzung
und Überstundenbegrenzung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, eine
Steuerpolitik zu Entlastung der Armen, die Rücknahme der jährlichen
Kürzungen der Arbeitslosenhilfe, keine Anrechnung des Kindergeldes
bei der Sozialhilfe, die Stärkung eines öffentlichen Beschäftigungssektors
mit Tariflöhnen sowie die Beteiligung der Arbeitsloseninitiativen
an Verhandlungen für ein Bündnis für Arbeit.
Die Russen kommen
Im nächsten Jahre wird die deutsche
Wirtschaft nach Ansicht von Lutz Hoffmann, Präsident des Deutschen
Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, um ein halbes
Prozent weniger wachsen. Bereits "in diesem Jahr wird das Wachstum näher
an zwei Prozent als an drei Prozent liegen", sagte Hoffmann. Die Rußland-Krise
habe bereits Weißrußland und die Ukraine erfaßt und werde
auch die anderen osteuropäischen Länder beeinträchtigen.
Man könne die Gefahr einer neuen Weltwirtschaftskrise nicht völlig
ausschließen. Die Finanzkrise in Rußland wird sich nach Überzeugung
des DIW-Chefs in einem geringerem Wachstum in ganz Europa niederschlagen.
Irgendwer muß ja an dem Desaster schuld sein. Warum also nicht die
Russen?
Nach Yen kommt Yuan
China Staatschef Jiang Zemin will eine
Abwertung der Landeswährung Yuan wegen der Asienkrise nicht mehr ausschließen.
Peking könnte die Stabilität des Yuan "nicht zu hundert Prozent"
garantieren, sagte Jiang nach Angaben der japanischen Tageszeitung Tokio
Shimbun. China habe bisher erfolgreich versucht, seine Landeswährung
stabil zu halten; es sei jedoch "unwahrscheinlich, daß dies ewig
weitergehen kann". Eine Abwertung des Yuan würde massive Auswirkungen
auf die Währungen der anderen asiatischen Staaten und die Schwellenländer
insgesamt haben. Vor allem der Hongkong-Dollar wäre davon betroffen.
Kapital flüchtet aus Brasilien
Eine Milliarde US-Dollar täglich fließen
seit Ende August aus Brasilien ab, seit Ende Juli sind die Devisenreserven
des Landes um rund 14 Prozent auf 61 Milliarden US-Dollar gefallen. Falls
die Kapitalflucht weiterhin anhält, wird die Regierung Cardoso vermutlich
gezwungen sein, radikale Maßnahmen zu ergreifen, um die Währungsstabilität
aufrecht zu erhalten. Das Land gehört zu den sogenannten "aufstrebenden
Wirtschaften", die nach der Asien- und Rußland-Krise zunehmend von
ausländischen Investoren gemieden werden.
Die Kapitalflucht hatte trotz der hohen
Realzinsen eingesetzt; der Basissatz der Zentralbank beträgt 19 Prozent,
obwohl die Jahresinflation nur bei 3,5 Prozent liegt. Präsident Cardoso
hatte bisher eine Abwertung der Landeswährung Real abgelehnt und die
Folgen der Hochzinspolitik in Kauf genommen: Die Arbeitslosigkeit stieg
innerhalb eines Jahres von fünf auf acht Prozent, das Handelsdefizit
wuchs um mehrere Milliarden Mark. Vergangene Woche hat Cardoso erstmals
eine Anpassung des Real in Aussicht gestellt.
Klage gegen Gates
Kurz vor Beginn des Kartellrechtverfahrens
der US-Regierung gegen Microsoft am 23. September stoßen auch die
Beziehung Microsofts zu Intel bei den US-Behörden auf Interesse. Beide
Unternehmen sind jeweils für einen zentralen Bereich der Computerproduktion
zuständig. Intel stellt hauptsächlich Mikroprozessoren her, während
Microsoft die dazu notwendigen Betriebssysteme liefert. Diese enge Verknüpfung
hat beiden Firmen geholfen, ihre Marktposition auszubauen - 85 Prozent
aller neuen PCs sind mit Mikroprozessoren von Intel, 90 Prozent mit einem
Betriebssystem von Microsoft ausgestattet.
Intel hatte überlegt, einen Java-kompatiblen
Mikroprozessor zu entwickeln und die Zusammenarbeit mit Netscape zu verstärken.
Daraufhin drohte Microsoft-Chef Bill Gates, die Zusammenarbeit mit der
Firma zu kündigen. Grund der Aufregung: Java gilt als eine der wenigen
Technologien, die das Monopol Microsofts im Bereich der Betriebssysteme
angreifen kann.
Hyundai gibt keine Ruhe
Beim südkoranischen Auto-Bauer Hyundai
droht ein neuer Arbeitskampf. Die Beschäftigten lehnten den Kompromiß
ab, auf den sich Geschäftsführung und Gewerkschaft Anfang vorvergangener
Woche geeinigt hatten, um einen mehrwöchigen Streik sowie die Besetzung
der Fabrik zu beenden. Anlaß der Auseinandersetzung waren Massenentlassungen,
die die Konzernführung wegen der anhaltenden schlechten Wirtschaftslage
des Landes beabsichtigte. Unter den Arbeitern und Angestellten, die entlassen
werden sollten, befanden sich auffällig viele Gewerkschafter.
Anti-Stollman der Woche
Eine Berliner Medienunternehmen hat seine
Produktion in das benachbarte Ausland verlagert, weil dort die Kosten höher
seien als in Deutschland. Nach Angaben von Geschäftsführer Heiko
von Schrenk sei das Unternehmen "nicht auf den Standort Deutschland angewiesen".
Durch die Verlagerung könne die Produktivität "deutlich reduziert,
der Meerwert aber erheblich gesteigert werden". Das gelte besonders für
die Ostsee-Anrainerstaaten.
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Die Nachrichten wurden von Landgraf,
Schacht und Seelinger zusammengestellt
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