Alle gegen die EU?
In der dänischen Anti-EU-Bewegung
arbeiten Linke gemeinsam mit Konservativen und Rechtsradikalen. Ein Gespräch
mit Kurt Lund
In kaum einem europäischen Land
trifft die EU auf so starke Ablehnung wie in Dänemark. Das Spektrum
der Anti-EU-Bewegung reicht dabei von linken Parteien wie der Enhedslisten
bis zu rechtsradikalen Gruppierungen. Ist es überhaupt möglich,
eine Anti-EU-Politik zu betreiben, ohne gleichzeitig nationalistische Positionen
zu übernehmen?
Kurt Lund ist Mitglied der Europa-Kommission
der Enhedslisten und Redakteur der Wochenzeitung Notat, die von den vier
größten Anti-EU-Gruppen politisch und finanziell unterstützt
wird: der "Volksbewegung gegen die EU", die seit 25 Jahren existiert; der
"Juni-Bewegung", die sich vor der Volksabstimmung über den Maastricht-Vertrag
1992 gebildet hat, den nationalistischen Unionsgegner des "Notwendige Forums"
aus Jütland und der "Gewerkschaftsbewegung gegen die Union".
Wie ist die Anti-EU-Bewegung politisch
einzuordnen?
Die Volksbewegung will unbedingt aus der
EU raus. Dänemark und EU, das ist für sie wie Feuer und Wasser.
Die Juni-Bewegung dagegen vertritt auch Leute, die die frühere EG
als Binnenmarkt akzeptieren, aber gegen eine monetäre und politische
Union sind. Die Juni-Bewegung hat sich Anfang der neunziger Jahre von der
Volksbewegung abgespalten.
Dominiert in der Bewegung eine politische
Partei?
Seit Beginn haben sich alle möglichen
politischen Kräfte daran beteiligt, sogar die Sozialdemokraten. Als
sie dann umschwenkten, bekamen sie Probleme mit ihren Wählern und
erzielten 1994 das schlechteste Ergebnis seit 60 Jahren. Nach Meinungsumfragen
sind rund die Hälfte der sozialdemokratischen Wähler gegen die
EU.
Die Volksbewegung hat sich aber insgesamt
quer zu den politischen Parteien organisiert. Dort gibt es Konservative,
Liberale, Linke und sogar Rechtsradikale. Und alle wollen aus der EU heraus.
Die Regierung sagt wiederum, daß die Volksbewegung von linken Kräften,
wie z.B. der dänischen KP, infiltriert sei.
Wie können Linke mit Rechtsradikalen
zusammenarbeiten?
Das ist eine sehr schwierige Konstellation.
Die Unterschiede sind oftmals sehr groß. In Dänemark gibt es
auch Parteien, die der DVU und den Republikanern in Deutschland ähneln:
die Dänische Volkspartei und die Fortschrittspartei. Die sind mit
einer linken Partei wie der Enhedslisten natürlich verfeindet.
Aber in der Volksbewegung gegen die
EU arbeiten sie trotzdem zusammen.
Ja, es gibt in der Volksbewegung auch Leute
von der Dänischen Volkspartei, was sehr problematisch ist. An der
Basis klappt die Zusammenarbeit noch ganz gut. Aber je höher die Hierarchie,
desto schlechter ist die Kooperation. Dennoch: Es gibt einen gemeinsamen
Nenner, und deshalb geht es trotzdem.
Und was ist der gemeinsame Nenner?
Das Wort "Union" ist in Dänemark ein
Schimpfwort. Die EU unterdrückt die nationale Unabhängigkeit.
Wir haben nichts gegen eine internationale Zusammenarbeit, aber wir wollen
uns keine Beschlüsse von Brüssel aufzwingen lassen. Das dänische
Parlament soll der Ausgangspunkt für die dänische Politik sein.
Das gilt für alle EU-Gegner, deshalb
können sie auch in der Volksbewegung und in den lokalen Anti-EU-Gruppen
zusammenarbeiten. Und die Leute von der Dänischen Volkspartei halten
sich dort auch mit ihren Meinungen über Flüchtlinge und Ausländer
zurück. Die Anhänger der EU haben übrigens das gleiche Problem:
Auch dort gibt es große Meinungsunterschiede.
Hat die Enhedslisten nicht Angst, mit
den Rechten in einen Topf geworfen zu werden oder sogar deren Argumente
zu bekräftigen?
Ja, das ist eine Gefahr. Bei der Volksabstimmung
über die EU am 28. Mai, die mit einem knappen Sieg der Befürworter
endete, war die Grenzproblematik das Hauptthema. Damals haben die Rechtsradikalen
gesagt: Wir wollen unter keinen Umständen Flüchtlinge und Asylanten,
deshalb müssen wir die Grenze absperren. Das Schengener Abkommen und
der Amsterdamer Vertrag bedeuten in ihren Augen eine Öffnung der Grenzen;
dann würden die Asylantenfluten über Dänemark hereinbrechen.
Was war die Antwort der Enhedslisten
auf diese Propaganda?
Dänemark muß die Flüchtlinge
aufnehmen, aber aus eigener Entscheidung, und nicht, weil die EU uns das
vorschreibt. Im Gegenteil: Die EU geht in dieser Hinsicht nicht weit genug,
sie ist reaktionär. Eine Union, die sich gegen Flüchtlinge abschottet,
wollen wir nicht. Wir haben auch versucht, die europäische Sicherheitspolitik
mit Schengen, Europol etc. in den Wahlkampf hineinzutragen.
Liegt in der Anti-EU-Kampagne nicht
die Gefahr, den Nationalismus zu bestärken?
Ja. Wir sind ja keine Nationalisten, die
Dänemark für Fremde verschließen möchten. Wir wollen
keine Festung Europa. Wir haben klar gesagt, was wir wollen, aber das wurde
von den Wählern vielleicht nicht so gut verstanden. Die Öffentlichkeit
ist sehr an der Grenzfrage interessiert, während wir in der Enhedslisten
auch ganz andere Bereiche diskutieren möchten, z.B. die Währungsunion
und die neoliberale Politik, die dahinter steht.
Eine andere Frage, der sich linke EU-Gegner
stellen müssen: Wieso ist die Ablehnung in den reichen Ländern
besonders stark? In Deutschland resultiert die Abneigung gegen die EU auch
aus einem Wohlstandschauvinismus.
Dänemark ist ein Agrarland und bekommt
daher hohe Subventionen aus Brüssel. Nächstes Jahr werden wir
13,1 Milliarden Kronen an die EU zahlen und ungefähr die gleiche Summe
zurückbekommen. Aber das wird sich in Zukunft ändern, und wir
werden mehr an die EU zahlen müssen als wir zurückerhalten. Dann
haben wir dasselbe Problem wie Deutschland. Die EU wird dadurch sicherlich
noch mehr an Popularität verlieren.
Deutschland ist die dominante Macht
in der EU. Spielt das eine Rolle?
Die Parteien beobachten genau, was in Deutschland
passiert, schließlich ist das Land ein Schwergewicht in der EU. Aber
grundsätzlich gibt es keine deutsch-feindliche Stimmung. Die EU-Befürworter
haben im Wahlkampf behauptet, mit dem Amsterdamer Vertrag sei der Ausbau
der EU beendet. Wir haben gesagt, wenn die Deutschen die Präsidentschaft
übernehmen, wird die Entwicklung weitergehen. Kohl oder Schröder
wollen wahrscheinlich eine noch stärkere europäische Integration.
Die dänische Regierung hatte dem widersprochen. Jetzt hat sie das
Problem, daß sich ihre Aussagen nicht bewahrheiten werden.
Würde mit dem Ausscheiden Dänemarks
die führende Rolle Deutschlands nicht unterstützt?
Deutschland hat schon jetzt eine führende
Rolle, z.B. heißt in Dänemark das Schlüsselwort der Regierung
derzeit Subsidiarität, ebenso wie in Deutschland. Und natürlich
ist Deutschland ein Trendsetter in der EU - wenn in allen Staaten plötzlich
über diesen Begriff geredet wird, dann liegt es daran, das Bundeskanzler
Kohl ihn vor einigen Monaten eingeführt hat, um die EU populärer
zu machen.
Aber tatsächlich findet eine Ausweitung
der EU-Kompetenzen statt. Die dänische Regierung sagt z.B., daß
Europol eine notwendige Einrichtung sei, um die grenzüberschreitende
Kriminalität zu bekämpfen. Aber was steckt dahinter? Mit dem
Schengener Informationssystem kann man alle Bürger in Europa bespitzeln.
Die Grenzen werden zwar aufgehoben, aber was ist der Ersatz dafür?
Die Kontrollen finden bis weit hinter die Grenzen statt.
In der deutschen Linken gibt es die
Meinung, daß die Einbindung Deutschlands in die EU sinnvoll ist,
weil seine Macht dadurch begrenzt und besser zu kontrollieren sei ...
Dieses Argument kennen wir natürlich
auch. Aber ich sehe das differenzierter. Die EU ist nicht nur ein Einbindungsinstrument,
sondern auch eine Plattform für eine selbständige nationale deutsche
Politik. Deutschland kann aus meiner Sicht nicht im Alleingang im Kosovo
intervenieren - aber mit einer EU-Unterstützung wäre das möglich.
Die EU kann ein Sprungbrett für eine selbständige nationale Politik
sein.
Die Nationalstaaten haben immer weniger
Bedeutung, die Kontrolle über die Sozial- und Wirtschaftspolitik liegt
zunehmend außerhalb staatlicher Instanzen. Der Versuch, diese Entwicklung
umzudrehen, entspringt doch einer anachronistischen Haltung.
Die Globalisierung hat erst in den letzten
zehn, fünfzehn Jahren ihre jetzige Bedeutung erhalten. Es hängt
auch von dem politischen Willen ab, diese Entwicklung zu beeinflussen.
Kann die EU die Globalisierung bekämpfen? Haben diese Leute überhaupt
den Willen, das Monopolkapital zu bekämpfen?
Aber diesen Willen haben nationale Politiker
auch nicht.
Dieselben Politiker, die auf nationaler
Ebene das Monopolkapital nicht bekämpfen, werden dies auch nicht in
der EU machen. Die EU wird daher keinen Schutz gegen die Globalisierung
bieten.
Dann könnte man auch sagen, daß
es eigentlich egal ist, ob Politik im nationalen oder im Rahmen der EU
stattfindet.
Ich glaube schon, daß im nationalen
Rahmen mehr politischer Einfluß möglich ist. Um den negativen
Folgen der Globalisierung etwas entgegenzusetzen, sind die Gewerkschaften
wichtiger als die Parlamente. Die Mehrheit der EU-Parlamentarier sind Sozialdemokraten
oder Mitglieder konservativer Parteien, die nichts gegen das Monopolkapital
unternehmen werden. Eine internationale Zuammenarbeit der Gewerkschaften
wäre da viel effektiver.
-
Das Gespräch führten
Bernd Beier,Anton Landgraf und Ferdinand Muggenthaler in Kopenhagen
(Siehe auch Seite 8) |