 |
 |
Im Ufo mit Le Pen
"X-Files" im Kulturkampf der französischen
Rechtsextremen.
Von Bernhard Schmid
Verschwörungsideen haben Konjunktur
in Zeiten, da der einzelne sich gegenüber dem Lauf der Dinge machtlos
glaubt und keine Möglichkeiten sieht, die eigene oder die gesellschaftliche
Zukunft zu bestimmen. Hinter den als übermächtig empfundenen
Zwängen wird nach einem verborgenen Motiv gesucht, das jenseits sozialer,
historischer und politischer und damit veränderbarer Zusammenhänge
die eigentliche Ursache für den Zustand der Gesellschaft ist. Auf
diese Weise findet die empfundene Aussichtslosigkeit des eigenen Handelns
eine plausible und einfache Erklärung. Kulturprodukte mobilisieren
mitunter diese Suche nach dem großen Komplott als die "wahre" Ursache
aller beobachteten Probleme und Mißstände. Offenkundig gilt
dies für die antisemitische Literatur, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts
in Frankreich ein Publikumsschlager war, als Beispiel seien nur die äußerst
populären Schriften von Edouard Drumont, des Autors von "La France
juive" ("Das jüdische Frankreich") genannt. Die politische und ideologische
Funktion dieser Trivialliteratur ist im historischen Rückblick offensichtlich.
Doch auch in weniger explizit agitatorisch-hetzerischer Form, mitunter
sogar sehr subtil, propagieren Kino, Literatur oder Pop die Theorie eines
weltumspannenden Komplotts und bedienen so das Bedürfnis nach simpler
Erklärung für das vermeintlich Schicksalhafte, die immer auch
die Lust am Schauderhaften und Unheimlichen verspricht.
Ein Beispiel dafür ist die US-amerikanische
TV-Serie "X-Files" ("Akte X"). In den USA korrespondiert die Beliebtheit
der Serie mit der Popularität von Komplottvorstellungen, die die Bundesregierung
in Washington beschuldigen, als verlängerter Arm einer ominösen
"Weltregierung" die Unterjochung der Amerikaner unter eine globale "Neue
Weltordnung" zu betreiben. Der Diskurs der US-Eliten, die möglichst
häufig die Globalisierung und die "Neue Weltordnung" beschwören,
weil sie den Vereinigten Staaten die Dominanzrolle über konkurrierende
Staaten sichern wollen, wird so systematisch mißverstanden als ein
Projekt, das gegen die US-Interessen gerichtet sei und dem Land von außen
diktiert werde. Insbesondere die Hunderttausende Anhänger zählenden
antiföderalistischen "Milizen", deren kriminelle Gefährlichkeit
1995 durch das Attentat des Aktivisten Timothy McVeigh auf ein Regierungsgebäude
in Oklahoma City erkennbar wurde, setzen auf den Verschwörungswahn.
Die beiden Helden der Serie, die
FBI-Agenten Dana Scully und Fox Mulder, decken mit jeder neuen Folge ein
weiteres Detail einer gigantischen Verschwörung auf, die von "Lobbys",
die die Welt beherrschen wollen, betrieben wird. Demnach gibt es eine (geheime)
Weltregierung, in deren dunklen Machenschaften "Außerirdische" eine
zentrale Rolle spielen. Ihre Existenz aber wird von den Regierungen durch
"Staatslügen" verschleiert.
Die Ermittlungen der beiden tapferen
Agenten Scully und Mulder werden dabei immer wieder durch die Mächtigen
behindert. Das zentrale Motto der Handlung lautet: "Trust no one" - "Vertraue
keinem" oder in der französischen Version: "La vérité
est ailleurs." ("Die Wahrheit liegt anderswo") Nicht zuletzt symbolisiert
die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten das Ringen zwischen rationaler
Analyse und irrationalen Erklärungsmustern. Wie oftmals bei der Vorstellung
einer großen und finsteren Verschwörung mischen sich auch hier
Elemente gesellschaftlicher Wirklichkeit ("Recycling" von Nazi-Wissenschaftlern
in US-Diensten nach 1945; die radioaktive Bestrahlung der Zivilbevölkerung
zu Versuchszwecken, die tatsächlich in den fünfziger Jahren vom
US-Militär durchgeführt wurde) mit Fiktionen (so im Falle des
behaupteten Massakers durch Sondereinheiten des Pentagon an Geisteskranken).
Erst der Konspirations-Zusammenhang, der aus diesen Elementen konstruiert
wird, macht aus der Beobachtung oder der Behauptung unglaublicher Tatsachen
eine wahnhafte Idee - nimmt man sie für bare Münze, worauf das
Drehbuch der Serie nicht von vornherein angelegt sein mag.
Interessant und von besonderer Brisanz
ist die politische Instrumentalisierung, die die Serie seit geraumer Zeit
in Frankreich erfährt, wo "X-Files" seit 1996 unter Titel "Aux frontières
du réel" ("An den Grenzen des Wirklichen") vom französischen
Kabelsender M6 ausgestrahlt wird. Die Sendezeit, Sonnabend um 20.30 Uhr,
scheint in manchen Haushalten dafür zu sorgen, daß die Kids
plötzlich den Samstagabend zu Hause verbringen; jedenfalls schlägt
die Einschaltquote beim Publikum zwischen 15 und 34 Jahren alle Rekorde,
und ein französischer Fanclub hatte bereits zur Jahreswende 1996/97
rund 10 000 Mitglieder. Rund um die Kultserie hat sich mittlerweile eine
ganze Industrie gebildet. So stößt man in Supermärkten
oder Bahnhofsbuchhandlungen auf eine breite Palette von Taschenbüchern
zur Serie, es gibt Kappen und T-Shirts mit der "X"-Aufschrift zu kaufen,
und fast zeitgleich mit Deutschland läuft seit kurzem auch "X-Files
- Der Film" in den Kinos.
Frankreichs Neofaschisten, auf der
Suche nach ideologischer Hegemoniefähigkeit, die auch kulturelle Identifikations-
und Anknüpfungspunkte verlangt, haben seit einiger Zeit die Kompatibilität
der "X"-Ideen mit denen des Front National entdeckt und sich zunutze gemacht.
Die Ideologen der extremen Rechten erkennen in der US-Serie eine Entsprechung
ihrer eigenen fixen Vorstellungen einer Weltverschwörung. Das belegen
die ausgewählten Zitate aus "X-Files", welche Alain Sanders, einer
der Spitzenjournalisten der extremen Rechten und Redakteur der von Jean-Marie
Le Pen unterstützten katholisch-rechtsextremen Tageszeitung Présent,
in seinem Blatt vorstellte: "Die Regierung weiß, warum sie kommen,
aber die Wahrheit darf nicht ans Licht kommen." In "X-Files" bezieht sich
diese Aussage auf die Außerirdischen, in der Vorstellungswelt des
Présent-Publikums freilich auf die internationalen Migrationsbewegungen.
Dient doch die Einwanderung, nach dem Diskurs ihres Milieus, einem "Komplott
internationaler Lobbys" (jüdischer und/oder freimaurerischer und/oder
marxistischer Provenienz), die so die biologische Substanz der Nation aufweichen
und den Weg zu ihrer globalen Herrschaft ebnen wollen. "Es steht euch frei",
zitiert Sanders aus "X-Files", "all die Dinge zu leugnen, die ich gesehen
und entdeckt habe. Aber das kann nicht von Dauer sein, weil zu viele Leute
wissen, was vorgeht, und kein Gesetz und keine Regierung wird jemals das
Recht haben, die Wahrheit zu manipulieren." In den rechtsextremen, geschichtsrevisionistischen
Diskurs fügen sich solche Prophezeiungen paßgenau ein.
Samuel Maréchal, Schwiegersohn
Le Pens und Chef der Parteijugend Front National Jeunesse, ergänzt
an dieser Stelle: "'X-Files' schärft uns ein, daß man nicht
auf die Tabus hereinfallen darf, die uns das System auferlegt. Das ist
eine rebellische, quasi revolutionäre Serie, welche die Ablehnung
des Establishments predigt." In der Sondernummer der parteieigenen Wochenzeitung
National Hebdo zum Jahreswechsel 1996/97 führt Maréchal die
Serie ebenfalls als Beispiel einer künftigen Gegenkultur an.
Verschiedene regionale Gliederungen
des Front National Jeunesse (FNJ) sowie die Zeitung Présent haben
ihre Mitglieder bzw. Leser dazu aufgefordert, dem Fanclub der Serie beizutreten.
In verschiedenen Gymnasien ließ der FNJ ein Flugblatt verteilen,
das keinerlei Organisationsbezeichnung trägt, dafür aber die
große Aufschrift "X-Files" und diesen Text enthält: "Korruption,
Arbeitslosigkeit, Drogen, Immigration. (Ö) Es gibt Leute, die wissen,
aber schweigen. Manche haben gesehen, aber vergessen. Jene, die reden,
werden als Aussätzige behandelt, als Extremisten." Am Schluß
des Aufrufs findet sich eine Kontakt-Telefonnummer, die direkt ins Hauptquartier
der Partei in Saint-Cloud bei Paris führt. Das Flugblatt ist mit einer
Zeichnung versehen. Sie zeigt nur undeutlich zu erkennende Gestalten, die
aus einem UFO steigen und nur bei näherem Hinsehen als Karikaturen
verschleierter muslimischer Frauen zu erkennen sind.
|