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  11. August 1998 Jungle World
 

Südafrikas Wahrheitskommission zieht Fazit 

Wahrheit, Lügen, Tierversuche

 "Wahre Versöhnung kann nicht auf Lügen basieren." Desmond Tutu will, was viele Opfer des Apartheidsregimes nicht wollen: Versöhnung mit den rassistischen Mördern, Vergebung für die Folterer, Gnade für die politisch Verantwortlichen. Doch Tutu ist nicht nur als Erzbischof für den Zusammenhalt seiner Gemeinde zuständig, sondern auch als Leiter der Südafrikanischen Versöhnungs- und Wahrheitskommission.

 Nach über zwei Jahren Arbeit hat am 1. August die Abteilung der Wahrheitskommission, die mit der Anhörung von mehreren Tausend Opfern der zahlreichen Morde und Folterungen des Apartheidsregimes beschäftigt war, ihre Tätigkeit eingestellt. Die beiden anderen Abteilungen, die für Entschädigungen und Amnestie zuständig sind, arbeiten noch bis Ende Oktober dieses Jahres bzw. bis Ende Juli nächsten Jahres weiter.

 Und das, obwohl nur wenige Täter Tutus irdische Gerechtigkeit wollen. Um Amnestie zu erhalten, müßten sie schließlich vor der Kommission auspacken. Zumindest ein bißchen. Wenn die Militärs, Regierungsmitglieder und hohen National Party-Funktionäre aber zu einer Anhörung erschienen - was nur die wenigsten taten -, schwiegen sie oder ließen ihre Anwälte lügen, daß es selbst dem vergebungswilligen Oberhirten zuviel wurde: "Ist da kein Führer der weißen Gemeinschaft (...), der sagt: 'Wir hatten eine schlechte Politik, die üble Konsequenzen hatte. Es tut uns leid. Bitte vergebt uns'?" Dementsprechend fiel Tutus Resümee letzte Woche im Johannesburg Star aus: Die meisten "weißen Führer" hätten vor der Kommission nur gelogen oder ihr Handeln mit dem "gerechten Kampf gegen den African National Congress und dessen kommunistische Verbündete" gerechtfertigt.

 Das hörte sich dann so an: "Wir wollten dem kommunistischen Anschlag auf unser Land begegnen und es vor dem Absturz in ein allgemeines Blutbad bewahren", äußerte einer der wenigen Geständigen, der ehemalige Polizeiminister Adriaan Vlok. Deswegen habe er im August 1988 den Auftrag von Präsident Pieter Willem Botha, das Zentrum des Johannesburger Kirchenrates zu sprengen, weitergeleitet.

 "Wenn mich meine Tochter eines Tages fragt, was ich getan habe, damit Südafrika nicht in die Hände der Schwarzen fällt, habe ich ein reines Gewissen", war von einem anderen in einer der letzten Anhörungen zu vernehmen. Von Dr. Wouter Basson, besser bekannt als Dr. Death, Leiter des Programms für Chemische Kriegsführung gegen Feinde des Regimes.

 Basson hat einiges hergestellt: Zigaretten, die mit dem Nervengift Anthrax getränkt waren; kleine Cyanid-Pfefferminz-Schokoladen, vergifteten Whiskey und vergiftete Briefumschlagklebeflächen, oder auch mit Typhus- oder Cholera-Erregern versehene Deodorants. Das gab er bereitwillig zu. Aber nein, Vernichtungswaffen seien das nicht gewesen, nur "Mittel für Tierversuche".

 Auch stimme nicht, was Wissenschaftler seines Programms vor der Kommission ausgesagt hätten. Nie habe er in Auftrag gegeben, Mittel und Wege zu finden, wie die Fruchtbarkeit von schwarzen Frauen zu reduzieren sei. Oder zu erforschen, welche Bakterien am besten geeignet seien, um Schwarze schnellstmöglich zu töten. Alles sei nur "für legitime Trainings- und Forschungszwecke" untersucht worden.

 Aber das sagt er schon nicht mehr selbst. Sondern seine Anwälte, die, wie der Guardian Weekly letzte Woche berichtete, von der Armee bezahlt werden.

 I Maik Söhler

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