Der Parteienstaat als Volksstaat
Zu aktuellen Entwicklungen und Tendenzen
im deutschen Parteiensystem.
Von Stefan Vogt und Andreas Benl
Bis in die späten siebziger
Jahre hinein glaubte die westdeutsche Neue Linke, die gesellschaftlichen
Verhältnisse in der BRD mit den Begriffen "autoritärer Staat"
und "Faschisierung" auf den Punkt zu bringen. Je mehr die Entwicklungen
seit dem Deutschen Herbst 1977 diese Diagnose zu bestätigen schienen,
desto kleinlauter wurde jedoch die linke Kritik daran. Die vollmundige
Rede von der "präventiven Konterrevolution" wurde durch Erwägungen
über "Demokratieabbau" und eine diffuse "Gefahr von rechts" ersetzt.
Nach 1989 richtete sich mit der linken
Suche nach (neu-) rechten Drahtziehern die Frage nach Ursachen und Formen
der rasanten rassistischen Nationalisierung des vereinten Deutschland endgültig
auf die Peripherie des politischen Systems.
Dabei hätte es durchaus auch
gute Gründe für den Abschied von traditionellen marxistischen
Faschismustheorien gegeben. Denn die umstandslose Subsumtion des Nationalsozialismus
unter diverse "Formen bürgerlicher Herrschaft" (Reinhard Kühnl)
konnte zwar den banalen (für Liberale jedoch immer noch unerhörten)
Beweis erbringen, daß auch der Faschismus ein Kapitalismus ist. Dafür
verschwanden die Spezifika dieser Herrschaftsform hinter soziologistischen
Klassenanalysen, die wider die historisch-materialistischen Intentionen
ihrer Urheber zumeist einem abstrakten Strukturalismus huldigten. So wurde
nicht nur die Shoah als Spezifikum des deutschen Faschismus verdrängt;
in der gebetsmühlenhaften Mahnung vor einer Wiederholung von 1933
zeigte sich die Blindheit gegenüber der historischen Zäsur, die
der Nationalsozialismus für die deutsche Gesellschaft bedeutete.
Kaum jemand kam auf die Idee, die
apologetische Behauptung, Bonn sei nicht Weimar, als Frage nach der realen
Differenz zwischen dem gesellschaftlichen Zustand vor 1933 und dem bundesrepublikanischen
Postfaschismus mißzuverstehen. Das hätte den Blick auf die gesellschaftlichen
Transformationen gelenkt, die der Nationalsozialismus hervorgebracht hat
und auf denen die deutsche Nachkriegsgesellschaft basiert. Vom deutschen
Sonderweg zur bundesdeutschen Konsensdemokratie
Die Weimarer Republik zeigte sich
untauglich für die Aufgabe, eine nationalpolitische Homogenisierung
im Innern als Voraussetzung für einen außenpolitischen Wiederaufstieg
Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg durchzusetzen. Daß sich die
politischen Parteien und Ideologen bis weit in die Sozialdemokratie hinein
im Ressentiment gegen Partikularinteressen und die "innere Zerrissenheit"
der Nation einig waren, verweist nicht nur auf den Nationalismus der Kriegsverlierer,
sondern auf die Vorgeschichte des sogenannten deutschen Sonderwegs. Bereits
der wilhelminische Staat als Organisator der Kapitalakkumulation und autoritärer
Garant des Klassenfriedens in einem stellte die Vorform einer formierten
Gesellschaft dar, der auch die SPD spätestens 1914 die Unterstützung
nicht mehr verweigern (und sie 1918 nicht kündigen) wollte.
Gegenüber diesem preußischen
Weg der ursprünglichen Akkumulation mußten deutschen Nationalisten
aller Couleur die "Weimarer Verhältnisse" als besonders schmerzlicher
Rückschritt erscheinen. Nazis und Konservative Revolutionäre
folgerten aus der Niederlage des Kaiserreichs, daß ein zukünftiger
autoritärer Staat nicht nur die liberalistische Oberfläche der
Weimarer Republik, sondern auch die Halbheiten des Wilhelminismus überwinden
müsse. Die Willkürherrschaft des Nationalsozialismus war die
praktische Kritik der "Substanzlosigkeit" des Liberalismus und seines vermeintlich
neutralistischen Rechtsbegriffs.
Die Vernichtung der europäischen
Juden, die mit allen nationszersetzenden Eigenschaften identifiziert wurden,
war ihre mörderische Konsequenz. Gerade die Tatsache, daß die
Deutschen in ihrer absoluten Mehrheit zu willigen Vollstreckern der NS-Herrschaft
wurden, macht den Nationalsozialismus zur Vorbedingung der bundesdeutschen
Konsensdemokratie. Nur in diesem historischen Kontext lassen sich die derzeitigen
Entwicklungen des deutschen Parteiensystems angemessen interpretieren.
Bereits vor mehr als 30 Jahren versuchten Johannes Agnoli und Peter Brückner
in ihrer Studie "Die Transformation der Demokratie" (1) die Entwicklungstendenzen
der westlichen Demokratien in den sechziger Jahren theoretisch zu fassen
und einer Gesellschaftskritik zu unterziehen, die es vermied, die Demokratie
nur an ihren eigenen schlechten Maßstäben zu messen. Gerade
weil sie seither so selten aufgegriffen worden sind, sind die Fragen von
Agnoli und Brückner von ungebrochener Aktualität, auch wenn sich
die Verhältnisse, auf die sie gemünzt sind, in der Zwischenzeit
verändert haben.
Allerdings entgeht auch die Studie
von Agnoli und Brückner, wiewohl sie eine Kritik der Politik darstellt,
nicht ganz der Misere der kritischen Politikwissenschaft, nach konkreten
Handlungsmöglichkeiten im System fragen zu müssen.
Gleichzeitig stellen Agnoli und Brückner
die herrschaftsstrategische Notwendigkeit, einen latenten Klassenkonflikt
zu pazifizieren und zu transformieren, in den Mittelpunkt ihrer Analyse.
In beidem reflektieren sich nicht vollends abgestreifte Erbschaften des
traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus. Erstere Annahme setzt eine Trennung
von Staat und Gesellschaft voraus, letztere eine Trennung von Herrschenden
und Beherrschten.
Beides ist in Deutschland seit dem
Nationalsozialismus hinfällig geworden. Agnolis und Brückners
eigene Ergebnisse, die Charakterisierung der Bundesrepublik als autoritäre
Demokratie, die die volksgemeinschaftliche Basis rechtsstaatlich anstatt
terroristisch herzustellen bemüht ist, widerspricht hier ihren Ausgangsthesen.
Die Transformation der Demokratie
Agnoli und Brückner stellen
die "Involution" der bürgerlichen Demokratie zu einem "autoritären
Staat rechtsstaatlichen Typus" fest (2). Dies vollzieht sich vor dem Hintergrund
einer ungebrochenen Entwicklung hin zum integralen Etatismus und zum organisierten
Kapitalismus. Der integrale Etatismus bezeichnet nach Max Horkheimer den
Zustand, in dem der Staat den Schritt vom ideellen zum praktischen Gesamtkapitalisten
vollzogen hat. "Im integralen Etatismus ist die Vergesellschaftung dekretiert."
(3) In der Theorie des organisierten Kapitalismus, auf die auch Horkheimer
rekurriert, beschrieb der sozialdemokratische Parteitheoretiker Rudolf
Hilferding 1910 die radikale Monopolisierung des Kapitalismus als Voraussetzung
für die Übernahme der Wirtschaftslenkung durch den Staat. (4)
Diese Entwicklungen erfordern nach Agnoli und Brückner die Rückbildung
der Demokratie in vor- oder antidemokratische Formen, um die gesellschaftlichen
Konflikte regulieren zu können. Allerdings vollziehe sich diese Involution
nicht gegen die alten Verfassungsnormen, sondern mit ihrer Hilfe und durch
sie hindurch.
Der Pluralismus als Ideologie dieser
autoritären Demokratie stellt in diesem Zusammenhang ein Mittel zur
Absicherung der Herrschaft dar. Denn er ist der direkte Gegenbegriff zum
Antagonismus der (Klassen-)Interessen und hat die Funktion, diesen gesellschaftlichen
Antagonismus zum Verschwinden zu bringen.
Der Pluralismus bietet statt dessen
allen Interessenten die Möglichkeit, sich als Teil des einen großen
Ganzen zu verstehen. Seine politische Realisierung stellt der Parlamentarismus
dar. Er verkürzt den Herrschaftskonflikt auf einen Führungskonflikt,
auf den friedlichen Wettbewerb darum, wer das beste Rezept zur Realisierung
des Allgemeinwohls besitzt. Dem Parlament kommt eine Integrations- und
Transmissionsfunktion zwischen Staat und Gesellschaft zu.
In der Folge nehmen die Parteien
den Charakter von "Volksparteien" an. Sie verzichten darauf, spezifische
Klassen- oder Gruppeninteressen zu vertreten und erheben den Anspruch,
an dem einen allgemeinen Interesse zu partiziperen. "Die Parteien trennen
sich von der eigenen, aktuellen oder potentiellen gesellschaftlichen Basis
und werden zu staatsbürgerlichen Vereinigungen." (5) Diesen Prozeß
sehen Agnoli und Brückner in der Bundesrepublik als am weitesten fortgeschritten,
da hier die Parteien als Verfassungsorgane anerkannt sind.
Die Folge ist für Agnoli und
Brückner die strukturelle Konservierung von Herrschaft durch das politische
System selbst. Die Volksparteien bilden "die plurale Fassung einer Einheitspartei".
(6) Die virtuelle Vereinheitlichung der Interessen stellt aber auch die
Legitimation bereit, notfalls mit repressiven Mitteln den sozialen Frieden
aufrechtzuerhalten und den Verfassungsstaat zum Notstandsstaat fortzuentwickeln.
Besonders tiefgreifende Veränderungen ergeben sich für die Funktion
des Parlamentarismus.
Die Autoren konstatieren die Herrschaft
einer Parlaments- und Regierungsoligarchie und eine deutliche Machtverlagerung
von der Legislative zur Exekutive. Das Parlament fungiert nurmehr als "Instrument
der Veröffentlichung von Herrschaft" und als "Transmissionsriemen
der Entscheidungen politischer Oligarchien". (7) Agnoli und Brückner
konstatieren schließlich sogar die "Überspitzung oligarchischer
Methoden zu einer (postfaschistischen) Form des plebiszitären, unmittelbaren
Kontakts mit dem Volk" (8), etwa im Frankreich Charles de Gaulles oder
in der Bundesrepublik während der Regierung Ludwig Erhards. Hier betonen
sie auch, noch zu Beginn des Fernsehzeitalters, die Rolle der medialen
Vermittlung von Politik. Sie deuten damit bereits die Möglichkeit
einer weiteren Transformation des politischen Systems an, unterschätzen
aber den qualitativen Sprung, den dies bedeuten würde.
Der Arbeiter als Bürger
Die Annahmen von Agnoli und Brückner
bedürfen einer Reihe von Korrekturen und Aktualisierungen. Diese betreffen
einerseits die Veränderungen der gesellschaftlichen und ökonomischen
Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten. Agnoli und Brückner
beziehen sich noch auf die weitgehend traditionell-fordistische Akkumulationsstruktur
der sechziger Jahre. Andererseits sind ihre gesellschaftstheoretischen
Grundannahmen stark von den damaligen politischen Kämpfen in Westeuropa
geprägt und dadurch zu optimistisch ausgefallen. Für Deutschland
treffen sie jedenfalls nicht in vollem Maße zu. Auch Agnoli/Brückner
setzen die gesellschaftlichen Verhältnisse der BRD der nationalsozialistischen
Vorgeschichte abstrakt entgegen, anstatt in historischen Bezug zu ihr.
Agnoli meinte sogar, der Korporatismus des italienischen Faschismus sei
für die Analyse der "institutionellen Strategie" der westeuropäischen
Nachkriegsdemokratien unvergleichlich relevanter als die terroristische
deutsche Version. (9) Was Agnoli/Brückner als originäre Leistung
des deutschen Postfaschismus erschien - "Der Staat erscheint als tatsächlich
übergeordnete, tatsächlich dem Hader der Gruppen enthobene Macht,
die allen Ernstes und mit großem sittlichen Ernst das Gemeinwohl
durch Ausgleich schafft" - das traf zumindest ex negativo auch schon auf
die NS-Volksgemeinschaft zu. Und die kollektiv an den Juden und anderen
"Volksfeinden" vollzogene innerstaatliche Feinderklärung gab der Selbstverpflichtung
der Deutschen auf das staatlich definierte Gemeinwohl eine Kontinuität,
die der italienische Faschismus nie durchsetzen konnte. Die Bedeutung des
vermeintlich archaischen Terrorismus des NS-Regimes für die Produktions-
und Opfergemeinschaft der Nachkriegsdeutschen kann gar nicht unterschätzt
werden. (10) Der entscheidende Unterschied des bundesrepublikanischen Gesellschaftsmodells
zum NS besteht jedoch in der Überführung der Negation des bürgerlichen
Rechtsstaats in die totale Verrechtlichung gesellschaftlicher und sozialer
Konflikte, die selbst den Ausnahmezustand rechtlich kodifiziert und in
die demokratische Normalität integriert. Agnoli und Brückner
erkennen klar, daß diese "verfassungsstaatlich gerichtete Technik
des sozialen Friedens" (11) nur durch das Einverständnis der befriedeten
Massen möglich ist, schreiben dies jedoch der Manipulation und der
Repression durch die Herrschenden zu.
Dabei ist dies ist nur vor dem Hintergrund
der volksgemeinschaftlichen Produktion des Fetischs "sozialer Frieden"
zu verstehen. Neben dieser bereits im NS vorbereiteten rechtsstaatlichen
Integration gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen des Postfaschismus
muß die Bedeutung der Protestbewegung für die Modernisierung
des "Modells Deutschland" in Rechnung gestellt werden. Beides hat Folgen
für die Funktion der Parteien und die Form der politischen Mobilisierung
nach dem Ende der fordistischen Integration via Arbeit und Konsum.
Zunächst muß die Vorstellung
des organisierten Kapitalismus, wie sie Agnoli und Brückner von Hilferding
übernommen haben, revidiert werden. Das, was als Neoliberalismus firmiert,
meint in erster Linie die Abkehr vom fordistischen Akkumulationsregime
und die zunehmende Deregulierung der Arbeitsverhältnisse. An die Stelle
des sozialpaternalistischen Modells der gesellschaftlichen Formierung müssen
damit andere Mechanismen treten. Die Integration der Massen erfolgt immer
weniger durch Partizipation am allgemeinen Wohlstand und muß sich
demnach in den Bereich des Politischen verschieben.
Der von Agnoli und Brückner
beschriebene "betriebsdiszipliniert-unmündige (...) Arbeiter" (12)
weicht dem flexibilisierten, prekären, vielfach freigesetzten, jedenfalls
tendenziell auf sich selbst zurückgeworfenen Beschäftigten. Weil
dieser seine Identität nicht mehr von einer festen Rolle im ökonomischen
Prozeß verliehen bekommt, wächst die Bedeutung der politischen
Ideologie. Damit ändern sich die Voraussetzungen für die politische
Mobilisierung, sie erfolgt nicht mehr über Verbände, sondern
direkt und unter unmittelbar ideologischen Vorzeichen, und dies gerade
auch in Bereichen, die scheinbar dem Politischen enthoben sind: der Freizeit,
dem Konsum, dem medialen Entertainment.
Angesichts von Deregulierung und
Krise verklären sich die abhängig Arbeitenden selbst zunehmend
zu "Bürgern". Die Konjunktur dieses Begriffs entspricht der Verschiebung
der Identitätssuche auf den ideologisch-politischen Bereich und den
panischen (weil vergeblichen) Abkoppelungsversuchen von der Ökonomie.
Die Individualisierungsthese hat darin ihren wahren Kern, daß bei
dieser Suche die intermediären Instanzen zwischen dem Einzelnen und
dem Staat, allen voran die Parteien, tendenziell ausgeschaltet und damit
überflüssig werden.
Für die Staatstreue und Unmündigkeit
der Bürger, die schon Agnoli und Brückner feststellten, sind
dann andere Institutionen zuständig, die auch noch die vereinzeltsten
Einzelnen erreichen: die Medien. Sie kümmern sich inzwischen sowohl
um die Ruhigstellung als auch um die Mobilisierung der Bevölkerung.
Der gesellschaftliche Konsens, den die postfaschistische Demokratie benötigt,
wird immer deutlicher medial hergestellt.
Tendenzwende und Verfassungspatriotismus
In den siebziger Jahren stellte die
Parteienforschung eine "Reideologisierung" (13) des politischen Systems
fest. Damit schien sich der Trend zur "entideologisierten Volkspartei"
umzukehren. Daran war soviel richtig, daß sich die Bundesrepublik
seit dem Ende der sechziger Jahre in einer Modernisierungskrise befand
und sozioökonomische Integrationsmechanismen nicht mehr wie gewohnt
funktionierten. In der Studentenrevolte und ihren Nachwehen, bis hin zur
Gründung der Grünen, sah man dann auch den Kern der Reideologisierung.
Aus heutiger Perspektive läßt sich allerdings leicht nachvollziehen,
daß es mit der Abkehr vom Konzept der Volkspartei nicht weit her
war. Die ideologische Aufladung des politischen Systems hatte eine ganz
andere Qualität.
Tatsächlich war sie nur scheinbar
mit einer Linksverschiebung der Diskurse verbunden. Bereits Mitte der siebziger
Jahre setzte die sogenannte "Tendenzwende" ein. Dies bedeutete die Entwicklung
neokonservativer und neurechter Ideologien und deren Aufnahme durch die
Parteien, insbesondere durch die CDU/CSU. Einen vorläufigen Höhepunkt
fand dieser Prozeß im Regierungswechsel von 1982. Seither haben diese
Ideologien eine erstaunliche politische Wirkung entfaltet.
Bereits vor 1989 wurden beispielsweise
wichtige Schritte auf dem Weg zu einer "offiziellen" Revision der NS-Geschichte
als Grundlage einer neuen nationalen Identität getan. Marksteine waren
dabei der Historikerstreit von 1986 und die Ehrung der SS-Soldaten auf
dem Friedhof von Bitburg. Auch die Debatte um die Abschaffung des Asylgesetzes
wurde schon Anfang der achtziger Jahre initiiert. In beiden Fällen
zeigt sich die Bedeutung der Diskurse für eine nationale Formierung
und für die Dynamisierung des Modells Deutschland. Nationalisierung
und Neoliberalismus stellen demnach keinen Kontrast dar, sondern stehen
in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Deutschland versucht,
die Modernisierungskrise als eine Chance für die Wiedererlangung nationaler
Macht und einer hegemonialen Position in Europa zu nutzen.
Eine Begleiterscheinung war das Aufkommen
rechter Parteien wie der Republikaner und der DVU. Sie beschleunigten einerseits
den Weg der Unionsparteien nach rechts, andererseits war ihre Konjunktur
wiederum eine Konsequenz dieser Entwicklung. Einen Vorläufer hatte
der parteipolitische Rechtsextremismus im Aufstieg der NPD in den späten
sechziger Jahren und in der Debatte um die vierte Partei in der zweiten
Hälfte der siebziger Jahre. Doch trotz einiger Erfolge auf Landesebene
kamen die Rechtsparteien nie wirklich über eine Randexistenz im Parteiensystem
hinaus.
Auch der Versuch einer nationalliberalen
Ausrichtung der FDP ist gescheitert. Insgesamt ist die strukturelle Schwäche
rechtsextremer Parteien eine Besonderheit der deutschen Entwicklung im
europäischen Rahmen. Dies spricht für die Fähigkeit der
Volksparteien, diese Potentiale zu integrieren.
Auf der linken Seite des Parteienspektrums
kam es ebenfalls zu strukturellen Veränderungen. Der Ideologisierung
im Zeichen der "Tendenzwende" wollte man zunächst mit dem Modell eines
"Verfassungspatriotismus" und einer "westdeutschen Identität" entgegentreten.
Doch auch schon in den achtziger Jahren erwies sich diese sozialliberale
Variante des Nationalismus als nicht konkurrenzfähig.
Die SPD blieb an das gescheiterte
keynesianistische Modell gebunden, dem ja auch der Verfassungspatriotismus
in seinem konservativ-bewahrenden Grundton letztendlich entsprang. Daraus
resultierte ihre strukturelle Schwäche. Sie verfolgte weiterhin ein
verbandsorientiertes Mobilisierungsmodell, das die Partei als Trägerin
eines gesellschaftlichen Gesamtkonzeptes in den Vordergrund stellte, damit
aber den sozioökonomischen Gegebenheiten immer weniger entsprach.
Nach dem Abgang Helmut Schmidts hatte sie keine populäre Führerfigur
mehr zu bieten und war statt dessen auf Apparatschiks vom Schlage eines
Vogel oder Rau angewiesen.
Auf der Linken entstand außerdem
in Gestalt der Grünen aus der Friedens- und Ökologiebewegung
eine strukturelle Konkurrenz für die SPD. Dies betraf nicht nur die
Inhalte und damit die potentielle Klientel der Partei. Auch der grundsätzliche
Charakter der Grünen bedeutete eine Herausforderung der SPD und eine
Modernisierung des Parteiensystems. Denn hinter der linken Fassade kam
rasch zum Vorschein, daß die Grünen von Anfang an als Volksbewegung
entstanden waren.
Dies stand nur zum Teil im Widerspruch
zu ihren Wurzeln in der Studentenbewegung, denn sie konnten auch auf ausgeprägte
nationalistische und volkstümelnde Traditionen in der Neuen Linken
zurückgreifen. Nicht zuletzt in der Friedensbewegung hatte sich dieser
Aspekt in aller Deutlichkeit gezeigt. Vor allem aber bemühten sich
die Grünen, über Themen, die zwar keinen klassen- oder schichtenspezifischen
Interessen entsprangen, dafür aber alle anzugehen schienen, Identitäten
zu stiften, die eine politische Mobilisierung ermöglichten. In diesem
Sinne leisteten die Grünen Pionierarbeit bei dem Unternehmen, die
Institution der Volkspartei in die nachsozialdemokratische Ära zu
transferieren.
Das einzige Interesse, Deutscher
zu sein
Die deutsche Einheit brachte eine
ganze Reihe von Veränderungen in der politischen Landschaft mit sich,
die auch Auswirkungen auf das Parteiensystem hatten. Sie verursachte zunächst
eine ungeahnte Verschärfung der ökonomischen Krise und damit
eine rasante Beschleunigung der sozioökonomischen Transformationsprozesse.
Außerdem bescherte der Untergang
der DDR dem vereinigten Deutschland eine große Masse von Wählern,
die in ihrer Mehrzahl ein kaum weniger autoritäres Bewußtsein
mitbringen, als dies bei den alten Bundesbürgern der Fall ist. Was
die Wähler angeht, bedeutet die Vereinigung jedenfalls mit Sicherheit
keinen Linksruck des politischen Systems, auch wenn noch so viele ehemalige
DDR-Bürger PDS wählen. Schließlich brachte die Vereinigung
einen mächtigen Schub im Prozeß der Nationalisierung der politischen
Ideologien.
All diese Entwicklungen knüpften
jedoch an bereits in Westdeutschland vor 1989 bestehende Tendenzen an.
Diese Prozesse wurden von der Vereinigung zwar beschleunigt und radikalisiert,
nicht aber verursacht. Die Vereinigung stellt für die Entwicklung
des politischen Systems weniger einen Bruch denn einen Katalysator dar.
Dies gilt auch für die konkreten Veränderungen im Parteiensystem,
die mit ihr einhergingen.
Die Ausdehnung des westdeutschen
Parteiensystems auf die ehemalige DDR verursachte dort in gewisser Weise
eine Umkehrung des bisherigen Rechts-links-Paradigmas. Im Beitrittsgebiet
wählen die Unterschichten eher CDU oder DVU, die Mittel- und Oberschichten
eher SPD oder PDS. Die politische Mobilisierung verläuft damit bereits
von Anfang an nach dem Modell, das in Westdeutschland erst das Ergebnis
eines Transformationsprozesses ist.
Daß keine der Parteien eine
Strategie anzubieten hat, die der ökonomischen Krise in Ostdeutschland
abhelfen könnte, verstärkt diese Entwicklung noch. Gewählt
wird, wer der Bevölkerung am wortgewandtesten die Teilhabe am großen
nationalen Ganzen verspricht. Damit setzt sich auch endgültig die
Einebnung des politischen Spektrums durch, denn wenn es nur einen Programmpunkt
gibt, kann sich nurmehr die Art und Weise unterscheiden, in der die Parteien
diese Punkt präsentieren.
Die ostdeutschen Bürgerbewegungen
stellen ein weiteres Element der Aufhebung des traditionellen Parteiensystems
dar. Indem sie bewußt nicht Partei sein wollen, sondern wahlweise
Bewegung, Bündnis oder eine Ecke am runden Tisch, gleichzeitig aber
politischer Akteur, erheben sie den Anspruch auf Unmittelbarkeit zum Staat.
Weil alle "Bürger" sind, repräsentieren die Bürgerbewegungen
vorgeblich alle, das ganze "Volk".
Sie stellen bereits eine weitere
Metamorphose der Volkspartei dar, indem noch der Rest des lateinischen
Inhalts von "Partei" getilgt ist. Dazu kommt, daß die Bürgerbewegungen
im Wesentlichen konservative und neokonservative Ideologie transportieren,
dennoch aber ein Bündnis mit den Grünen eingingen. Dies belegt
noch einmal die Austauschbarkeit der politischen Inhalte zwischen den Parteien.
Kamen bei den westdeutschen Grünen Rechtsabspaltungen meist der SPD
zugute, so landen abtrünnige Bürgerbewegte statt dessen bei der
CDU, falls sie nicht sowieso schon für die neurechte Junge Freiheit
schreiben.
Die Grünen konnten sich nicht
zuletzt dank der Blutspende aus den Bürgerbewegungen nach einer anfänglichen
Krise stabilisieren. Die Vereinigung mit Bündnis 90 hat den letzten
Rest an linken, sogenannten fundamentalistischen Exotismen aus der Partei
vertrieben. Daß diese durch die Fusion nun vollends kompatibel zum
national sich formierenden politischen System geworden ist, zeigte sich
beispielsweise in den Debatten um die Auslandseinsätze der Bundeswehr.
Seither profilierten die Bündnisgrünen
sich mehr und mehr als eine Volkspartei mit mittelständischer Basis.
Sie demonstrieren mehr als jede andere Partei, daß Verortungen innerhalb
des parteipolitischen Spektrums nach dem Muster links oder rechts tendenziell
willkürlich werden, und diese Entwicklung durch die Vereinigung deutlich
an Dynamik gewann.
Auch die PDS formiert sich als Volksbewegung,
als eine ostdeutsche allerdings, die zwar eine regionale Konfliktlinie
auszunutzen versucht, aber eine zentrale Funktion dabei besitzt, die vereinigungsbedingten
sozioökonomischen Verwerfungen ins nationale Ganze zu integrieren.
Gerade in ihrem Beharren auf einer "ostdeutschen Identität", unter
dessen Banner sie einen repräsentativen Querschnitt der ehemaligen
DDR-Bevölkerung zusammenbringt, forciert sie die Einschmelzung aller
Interessen auf das eine und einzige, das Interesse, Deutscher zu sein.
Ebenso wie alle anderen Parteien
partizipiert die PDS so an einer Entwicklung, die die Vereinigung zwar
nicht angestoßen, wohl aber beschleunigt hat.
"Law and Order is a Labour Issue"
Gerade die Etablierung von PDS und Grünen
im ehemaligen Dreiparteiensystem zeigt, daß die Vermittlung zwischen
Parteien und Wahlvolk sich heute anders herstellt als in der fordistischen
Ära. Während die alten Volksparteien auf der Basis der Nachkriegsprosperität
leicht divergierende gesamtgesellschaftliche Ordnungsmodelle repräsentierten,
stehen die Newcomer für eine neue "postmoderne" Form nationaler Integration.
Die Wähler wollen den Grund
ihrer Sorge ums Gemeinwohl selbst wählen. Das vermeintlich partikulare
Thema Umwelt und der angebliche Separatismus der PDS erweisen sich als
Ruf nach ökologischer Standortmodernisierung und als Einklagen nationaler
Zugehörigkeit durch die "Deutschen zweiter Klasse". Diese neue Ausrichtung
der politischen Identitäten an "issues" verweist materiell auf den
Niedergang des paternalistischen Sozialmodells der alten BRD, das mit der
Krise des westdeutschen Fordismus und verstärkt im Zuge des Anschlusses
der DDR prekär wurde.
Vor diesem Hintergrund kommt es zu
einer Neuauflage der Konzertierten Aktion. Meinte dies früher die
verschärfte Sozialpartnerschaft der zumindest noch als "gesellschaftliche
Gruppen" anerkannten Pole Kapital und Arbeit, so wird unter postfordistischen
Bedingungen in jeder Sachfrage an die Einzelnen appelliert, sich für
den Standort Deutschland zu engagieren. Der Anspruch auf eine Vermittlung
der Interessen wird erst gar nicht mehr erhoben, gilt doch eine gewerkschaftliche
Interessenvertretung, sofern sie diesen Namen verdient, bereits als "Sozialismus".
Der politische Diskurs wird von der
Forderung bestimmt, daß alle an einem Strang ziehen sollen, sei es
als "Bündnis für Arbeit" oder in großen gemeinsamen Reformprojekten.
Bisweilen erscheint auch eine große Koalition als Retterin in der
nationalen Not.
Daß die verschiedenen Versuche
einer Konzertierten Aktion bisher nur dürftige Ergebnisse zeitigten,
wird einer unterstellten Rückständigkeit des Parteiensystems
angelastet. Anfang der achtziger Jahre konnte Johannes Agnoli noch mit
Recht feststellen, daß in der Bundesrepublik im Gegensatz zu Italien
der Grund jeder politischen Krise außerhalb des Rechtsstaats und
seiner Verfassung gesucht wird. (14) Mittlerweile wird auch in Deutschland
das politische System für einen allumfassenden Reformstau verantwortlich
gemacht. "Das ganze einst gepriesene System Bundesrepublik ist verstopft",
klagt etwa die Zeit. "Wie in einem gigantischen Verkehrsstau haben die
Vehikel unserer Demokratie sich ineinander verkeilt, die Ampeln blinken
noch vor sich hin, aber nichts bewegt sich mehr." Die demonstrativ beschworene
"Parteienverdrossenheit" gilt als Aufforderung, das System endlich zu modernisieren.
Die Unbestimmtheit dieser Forderungen entspricht dem Paradox eines Parteiensystems,
das nun wirklich gar keine Parteiungen mehr vertreten soll. Sie bietet
Anschlußmöglichkeiten für eine Vielzahl autoritärer
Optionen.
Eine solche Option ist die Transformation
der Parteiendemokratie in eine populistische Mobilisierungsdemokratie.
In einer derart verfahrenen Situation erscheint ein - diesmal demokratisch
legitimierter - charismatischer Führer als Hoffnungsträger. Weil
er sich auf eine populistische Legitimation stützt, kann er als Gegenpol
zu den unbeweglichen Parteiapparaten gelten und ein unmittelbares Verhältnis
zu seinem "Volk" beanspruchen. Er kann scheinbar auch gegen den Willen
von Parteien und Interessengruppen die angeblich notwendigen Entscheidungen
durchsetzen. Den Schein der Unmittelbarkeit und den Mythos der Entscheidung
vermitteln die Medien, deren politische Bedeutung in dem Maße zunimmt,
wie die identitätsstiftende Rolle der Parteien abnimmt.
Das Schicksal Silvio Berlusconis
zeigt jedoch, daß ein solches Herrschaftsmodell neben medialen Spektakeln
wenigstens die Hoffnung auf neue soziale Integration bieten muß,
um sich zu stabilisieren. Das ist die Chance einer Schröder-SPD. Im
selben Maß, wie sich diese soziale Hoffnung im Zeitalter von Deregulierung
und staatlicher Kostensenkung als Fiktion erweisen wird, werden sich staatliche
und parteipolitische Kampagnen vermehrt gegen die richten, die als Schmarotzer
am Nationalreichtum ausgemacht werden. Der Anspruch des bundesrepublikanischen
Staats, als regulierender Hüter des sozialen Friedens und der gesellschaftlichen
Homogenität aufzutreten, kann in Zukunft mehr und mehr nur noch ex
negativo stattfinden: rassistisch als Ausgrenzung der mit der Nation nicht
Identischen, politisch als Ausgrenzung des mit der Nation nicht Identischen.
Eine Dauermobilisierung in Asyl-,
Ausländer- und Kriminalitätsdebatten unter reger Bürgerbeteiligung
wäre dann nicht mehr nur taktisches Mittel der Tagespolitik, sondern
Strukturmerkmal des politischen Systems.
|