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Nachrichten
Projekt Abschwung
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland
ist im Juli auf mehr als 4,13 Millionen gestiegen. Erstmals in diesem Jahr
hat die Zahl der Arbeitslosen auch in Westdeutschland zugenommen. Dabei
wurden innerhalb nur eines Monats noch 60 000 weitere ABM-Stellen (bzw.
vergleichbare Maßnahmen) eingerichtet; eine Milliarde Mark aus dem
Arbeitslosengeld-Etat wurde ein halbes Jahr später als ursprünglich
vorgesehen für Umschulung, Fortbildung u.ä. freigegeben. Außerdem
will Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) noch weitere 600 Millionen
Mark für Sachkosten der ABM-Träger locker machen. Dadurch werden
bis zu 100 000 Erwerbslose aus der Statistik verschwinden - zumindest bis
nach den Bundestagswahlen.
Daß die Arbeitslosenzahl insgesamt
im Vergleich zum Vorjahr dennoch zurückging, liegt auch an den verschärften
Meldepflichten. Nach Schätzungen der Nürnberger Bundesanstalt
wurden zwischen 10 und 15 Prozent der Abgänge im Monat Juli wegen
nicht rechtzeitig erfolgter Neumeldung vom Arbeitsamt nicht mehr registriert
- das sind 60- bis 90 000 Arbeitslose weniger.
Außerhalb von ABM herrscht weiterhin
Flaute: Wenn überhaupt neu eingestellt wird, dann werden praktisch
nur befristete Jobs vergeben. Arbeitsplatzverluste im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen
nehmen weiter zu. So ist die noch im Frühjahr vorausgesagte Beschäftigungszunahme
im Maschinenbau ausgeblieben. Statt 20 000 Stellen mehr, wie vorausgesagt,
gibt es trotz voller Auftragsbücher und Exportboom 2 000 Stellen weniger.
Zugenommen hat dagegen die Zahl der geleisteten Überstunden und der
Leiharbeit, was durch die Flexibilisierung der Tarifverträge in der
Metallindustrie ermöglicht wurde.
OECD über Deutschland
Die OECD, der 29 Industriestaaten
angehören, bescheinigte in ihrem Deutschland-Bericht günstige
wirtschaftliche Aussichten, gestiegene Produktivität und gute Investitionsbedingungen.
Der Aufschwung reiche aber nicht aus, um die Arbeitslosigkeit deutlich
zu senken. Die OECD plädiert für eine weitere Aushöhlung
des Kündigungsschutzes und für eine weitere Kürzung von
Sozialleistungen, die eine geringbezahlte Arbeit unattraktiv machten. Trotz
Aufschwungs werde die Arbeitslosigkeit 1998 insgesamt leicht steigen. Im
Jahresdurchschnitt dürften 4,41 Millionen Menschen ohne Arbeit sein.
Diese Zahl werde 1999 nur leicht sinken. In dem Bericht wird darauf verwiesen,
daß sich die Asien-Krise bisher noch kaum in Deutschland ausgewirkt
habe, daß aber im nächsten Jahr mit negativen Effekten zu rechnen
sei. Neue Arbeitsplätze sind ohne weitere politische Maßnahmen
nur dann zu erwarten, wenn das Wirtschaftswachstum den Anstieg der Produktivität
übertrifft. Die OECD erwartet ein Wachstum von 2,75 Prozent, die Produktivität
werde dagegen um drei Prozent zunehmen.
Arm dran
Streit um Berichte zu Armut und sozialer
Exklusion gibt es nicht nur in Bonn, wo Frau Nolte im Urlaub ist. In Baden-Württemberg
fehlt der für den Beginn des Jahres von der CDU/FDP-Regierung versprochene
Familienbericht, in Saarbrücken der Kinder- und Jugendbericht der
SPD-Landesregierung, in Niedersachsen wird der Landesarmutsbericht nicht
veröffentlicht. Der für Bonn erarbeitete Kinder- und Jugendbericht
war bei Familienministerin Claudia Nolte (CDU) wegen seiner Armutsdefinition
auf Widerspruch gestoßen. Wer Sozialhilfe bekomme, sei nicht arm,
so die Familienministerin. In dem Stuttgarter Bericht ist diese Noltesche
Einschätzung berücksichtigt. Die Studie spricht nicht von Armut,
sondern von "Einkommensarmut" (weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens,
und das beträgt 2 800 Mark netto) und macht für Ost und West
verschiedene Rechnungen auf, um im Osten, wo das Durchschnittseinkommen
geringer ist, die Armutsrate statistisch zu drücken. Mit dem Nolteschen
Neusprech wird nicht nur behauptet, daß Sozialhilfe kein Einkommen,
sondern immer noch ein unverdientes christliches Almosen sei. Diese Form
der "Einkommensarmut" entspricht allerdings genau der Definition, was in
allen OECD-Ländern als Armut bezeichnet wird. Aus dieser standardisierten
OECD-Armutsstatistik geht auch eindeutig hervor, daß in Europa in
den achtziger und neunziger Jahren die "Einkommensarmut" in Deutschland
am stärksten zugenommen hat, und daß der Abstand der Einkommen
von Armen und Reichen am schnellsten angewachsen ist. Deutsche Sozialhilfeempfänger
liegen allesamt deutlich unter der Grenze von 50 Prozent des Durchschnittseinkommens
- und sind damit eben arm dran.
Kalter Hundt
Eine neue Studie des Deutschen Instituts
für Wirtschaftsforschung (DIW) bestreitet den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit
und Lohnkosten. Statt dessen müsse der Zusammenhang in einer Relation
aus Produktivität und Lohnkosten gesucht werden. Gehaltssteigerungen,
die sich an der Produktivität einer Branche orientieren, seien daher
sinnvoll. Diese sogenannten Lohnstückkosten, die den realen Preis
der Arbeit pro produziertem Warenwert bezeichnen, sinken in Deutschland
so stark wie nirgends. Zufrieden stellte der Arbeitgeberpräsident
Wolf-Dieter Hundt fest, daß diese Lohnstückkosten seit 1966
kontinuierlich sinken. In den letzten beiden Jahren sind diese Kosten in
Deutschland um 2,4 bzw. um 2,1 Prozent gesunken, während sie in den
USA etwa um 0,2 Prozent und 1,3 Prozent zugenommen haben. Hundt wäre
aber nicht Arbeitgeberpräsident, hätte er neben dem Lob der Gewerkschaften
für die maßvollen Tarifabschlüsse der letzten Jahre, die
diese gesunkenen Lohnstückkosten mit ermöglichten, nicht auch
darauf hingewiesen, daß sie im Osten wegen der deutlich geringeren
Produktivität immer noch um mehr als 20 Prozent über den Lohnstückkosten
im Westen liegen würden.
Stollmann der Woche
Jost Stollmann, Wirtschaftsminister
einer künftigen SPD-Regierung, will jetzt "Mißverständnisse"
ausräumen, die es wegen "unnötiger Kontroversen gegeben" habe.
Dazu will er für Mitte August die DGB-Vize-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer,
die v.a. wegen seiner Äußerungen zur betrieblichen Mitbestimmung
nicht gut auf ihn zu sprechen ist, zu einem Gespräch unter vier Augen
bitten. Im Vorfeld der Unterredung erhielt er dabei indirekt Unterstützung
von Klaus Zwickel, dem Vorsitzenden der IG Metall. Die Aufregung mancher
Gewerkschafter über Gerhard Schröders Wahlkampfmannschaft könne
er nicht teilen, verriet er vergangene Woche dem Focus.
Das brachte wiederum Bundesarbeitsminister
Norbert Blüm zum Schäumen. Ausgerechnet Zwickel müsse "Beruhigungspillen
gegen gewerkschaftliche Aufregung wegen Stollmann liefern", erklärte
er. Der Metall-Chef habe immer an der Spitze der Angriffe auf die Bundesregierung
gestanden. Jetzt singe er "Wiegenlieder" für die SPD und Stollmann.
Das sei "die Selbstdemontage gewerkschaftlicher Unabhängigkeit".
Die Nachrichten wurden von Baumann
und Landgraf zusammengestellt |