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Bundesregierung diskutiert subventionierte
Lohnmodelle
Tip und Kombilohn
Wenn ein deutscher Tourist sich in
einem Kentucky-Fried-Chicken-Restaurant in Niagara Falls, New York, über
die ungewöhnlich unfreundlichen Amis wundert, dann liegt das normalerweise
weder an seinem schlechten Englisch noch am Unbehagen ob des dünnen
Bieres, sondern am Geld. Hatte er doch, als es ans Bezahlen ging, seine
9,75-Dollar-Rechnung mit einer jovialen Geste, einer Zehn-Dollar-Note und
einem "It's okay so" - was so viel wie "Stimmt so" bedeuten sollte - begleichen
wollen. Doch urplötzlich mußte er einen unwirschen und unverständlichen
Redeschwall der schwarzen Bedienung über sich ergehen lassen, immer
nur "Tip, Tip, Tip" verstehend. Tip, so las er später in seinem Reiseführer
nach, ist die US-Version des Kombilohns. Denn das Trinkgeld ist in dem
Land, in dem es verboten ist, sein Bier am Strand, im Zug oder Park zu
zischen, nicht zum Versaufen da, sondern Bestandteil des Lohns. Klar, daß
es da schon zehn bis zwanzig Prozent der Rechnung betragen sollte.
Das Modell, mit dem die CDU die Deutschen
beglücken will, sieht ein wenig anders aus. Um die Aufnahme gering
bezahlter Arbeit zu erleichtern, sollen die Bezieher von Arbeitslosenhilfe
für eine gewisse Zeit staatliche Lohnzuschüsse erhalten. So sollen
bisher brachliegende Beschäftigungsfelder im unqualifizierten Dienstleistungssektor
erschlossen und die Arbeitslosenstatistik geschönt werden. Andererseits
kann es einem Tellerwäscher oder einem Dienstmädchen egal sein,
ob das Geld, das ohnehin kaum zum Leben reicht, nun vom Chef oder vom Staat
kommt.
Was aber, wenn sämtliche Unternehmer,
die ein paar neue Jobs schaffen wollen, nun auf die Idee kommen, sich diese
vom Staat finanzieren zu lassen und den Extra-Gewinn einzusacken? Und was,
wenn nach zwei Jahren der Staat meint, die Lohnzuschüsse seien zurückzufahren
- müssen sich die Hotelboys und Zimmermädchen dann mit 800 Mark
brutto zufriedengeben? Warum nicht? rufen die Liberalen - schließlich
versaut der Kombilohn die Preise für die Ware Arbeitskraft. Gisela
Babel, sozialpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, umschreibt
dies in der FAZ so: Sie halte es für ordnungspolitisch fragwürdig,
einen Rechtsanspruch auf Kombilohn einzuführen. Da sorgt sich Babel,
deren Partei die Tarifverträge am liebsten per Gesetz aushebeln will,
sogar um die Tarifautonomie. Es bestehe die Gefahr, daß der Staat
damit die Lohnfindung der Tarifparteien störe, so Babel.
Etwas geschickter ist da die CDU:
Wenn mit dem Kombilohn erst einmal flächendeckend Niedriglohn-Arbeitsplätze
eingeführt und gesellschaftlich akzeptiert sind, so das Kalkül,
wird sich angesichts leerer Kassen schon klarmachen lassen, daß nicht
die Löhne zu niedrig, sondern die Ansprüche der Lohnabhängigen
zu hoch sind.
Für den CDU-Sozialpolitiker
Ulf Fink ist der Kombilohn ohnehin nur das "Vorprogramm" für eine
tiefgreifende Reform, die die Sozial- und Arbeitslosenhilfe bei den Kommunen
zusammenfassen müsse. Die paar Millionen, die der Kombilohn kostet,
hätte der Bund durch die faktische Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
schnell wieder reingeholt. Da sich ein Zurück zur Arbeitslosenhilfe
dann für einen Niedrigstlöhner erledigt hätte, wird der
Schuhputzer wohl bei seinen Leisten bleiben - in der Hoffnung, daß
auch die Deutschen mehr Trinkgeld rausrücken.
I Richard Rother |