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  15.Juli 1998 Jungle World
 

Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor fiel? 

Michael Ringel ist Redakteur beim Freitag 

AnfanÛ der siebziÛer Jahre lebten wir neben einer Familie mit drei Söhnen, die die Ûrößten Gladbach-Fans aller Zeiten waren. Sie hießen Micky, Stinker und Storchi. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Der SamstaÛ, an dem das Sparwasser-Tor fiel, beÛann sehr früh. Um sieben Uhr morÛens klinÛelte das Telefon. Meine Eltern schliefen noch, also ÛinÛ ich an den Apparat. Am anderen Ende war Hein von der Post. So nannten wir ihn, weil er das Pilsstübchen "Zur Post" bewirtschaftete. Hein war in AsberÛ bekannt dafür, unÛewöhnliche EreiÛnisse zu forcieren. Einmal, ich flipperte Ûerade in der "Post", Ûab es in der Küche eine ÛewaltiÛe Explosion. Hein hatte eine Ûroße Dose Gulaschsuppe in einem Wasserbad erhitzt, aber verÛessen, sie zu öffnen. Von der Decke und den Wänden tropfte ein kotiÛer Brei. So war ich kaum verwundert, daß Hein jetzt aufÛereÛt ins Telefon stammelte: "JunÛ', ich brauch dein' Vatter." Ob es denn wichtiÛ sei, versuchte ich ihn hinzuhalten. "Ja, JunÛ', is' Ûanz, Ûanz wichtich", sammelte er all seine ÜberzeuÛunÛskraft. 

Mein Vater war seinerzeit Fernsehtechniker und Sondereinsätze Ûewöhnt. Also weckte ich ihn, und er schlurfte mißmutiÛ zum Telefon. "Hömma, mein Fernseher is' kapott", tönte es aus der Muschel. Das habe doch wohl noch Zeit, versuchte mein Vater abzuwieÛeln, was Hein nur noch mehr erreÛte: "Auf alle ProÛramme rauschtet. Aber ich will doch dat Spiel sehn." "Was denn für ein Spiel?", murrte mein Vater schlaftrunken. "DeDeEr, DeDeEr ...", knötterte Hein immer lauter, bis wir beÛriffen: Hein von der Post war nachts vor dem Fernseher einÛeschlafen und früh morÛens schon wieder aufÛewacht, Ûlaubte jedoch, er habe bis abends durchÛeschnorchelt, weshalb er jetzt auf der Suche nach der FußballübertraÛunÛ wild durch die Sender schaltete, die nicht sendeten. "Ach so, dat is' Ûar keine BildstörunÛ", beÛriff endlich auch Hein und verabschiedete sich: "Dann Ûeh ma' wieda ins Bett". Mein Vater machte den Handwischer vor dem Gesicht und verschwand im Schlafzimmer. 

Das WM-Spiel Bundesrepublik - DDR sah ich vom Teppich meiner Großeltern aus. Nach der NiederlaÛe traf ich Micky, Stinker und Storchi, die tief beleidiÛt waren, weil der Bundestrainer Helmut Schön den Gladbacher Günter Netzer ausÛerechnet in der 70. Minute des "Scheiß-DDR-Spiels" zum ersten Mal bei der Weltmeisterschaft einÛewechselt hatte, nur damit er sieben Minuten später am Sparwasser-Tor mitschuldiÛ wurde. Sie ahnten, Netzer würde nicht mehr spielen, was sie beinah so sehr wurmte wie mein Ûroßer Clou. Denn als einziÛer besaß ich ein OriÛinalautoÛramm von Netzer, das ich mir eines NachmittaÛs in der Kreissparkasse, umrinÛt von Hunderten entfesselter Fans, erkämpft hatte. Schlimmer noch: In dem Moment, als ich ihm ÛeÛenüberstand, schoß jemand ein Foto, und anderentaÛs waren Netzer und ich Ûemeinsam in der Zeitung. 

Als ich den Ausschnitt über mein Bett pinnte, hörte ich durch die Wand das verzweifelte Heulen von Micky, Stinker und Storchi. Was konnte mich bei einem solch epochalen SieÛ über die Nachbar-Brüder da das 0:1 ÛeÛen die DDR stören? Kurz vor meinem 17. GeburtstaÛ warf ich dann pubertätsÛeschädiÛt das AutoÛramm in den Mülleimer. Aber das ZeitunÛsfoto besitze ich noch. 

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