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Rekorde zum Aufblasen
Fakt ist: Der Kanzler hatte recht, und
die NBI zeigt es. Der Osten ist ein Land der Rekorde
Ist es wieder soweit? Werden im Osten Deutschlands
wieder Zeitungen verboten? Nein, die CDU kann aufatmen. Der Verlag Gruner+Jahr,
der den Christdemokraten die beschränkte Nutzung des Namens überlassen
hatte und der Frankfurter Verleger Dietrich von Boetticher, der sich ebenfalls
im Besitz der Titelrechte sah, haben sich außergerichtlich geeinigt:
Die NBI darf weiter verteilt werden.
Nur ist es nicht die gute alte Neue Berliner
Illustrierte, jenes in der DDR beliebte bunte Blättchen. Es ist die
Neue Bundesländer Illustrierte, die seit dem 3. Juli in die Briefkästen
von 6,8 Millionen ostdeutschen Haushalten gestopft wird und nichts anderes
ist als die CDU-Wahlkampfzeitung für den Osten. Diese ähnelt
dem Original nicht nur äußerlich, sie folgt auch dem gleichen
Grundgedanken. Sollte die NBI früher im Auftrag der Partei "Woche
für Woche unser Leben, unsere Arbeit, unsere Erfolge im Bild festhalten"
- so die Berliner Zeitung im Oktober 1960 -, so liefert sie heute, nach
Ansicht von Lothar de Maizière, "eine Fülle von Argumenten
dafür (...) Bundeskanzler Helmut Kohl den Respekt zu erweisen, den
er verdient und den die ganze Welt ihm zollt".
Die ganze Welt? Nein, eine große
Schar undankbarer Ossis verweigert ihm beharrlich den Dank. Ein Sachverhalt,
den Regierungssprecher Hauser jüngst mit etwas klareren Worten umrissen
hatte als de Maizière. Um diesem Zustand abzuhelfen, appelliert
Hans-Hermann Tiedje, Ex-Bild-Chef und Kohls neuer Wahlkampfberater, mit
der NBI an die von der CDU bislang so verpönte Ostalgie. Die alte
NBI hatte 1989 immerhin eine Auflage von 800 000 Stück. 1990 kaufte
Gruner+Jahr mit dem Berliner Verlag auch diese Zeitschrift, aber die alte
Auflage wurde nicht wieder erreicht. Die Umbenennung in Extra half da auch
nicht mehr, 1991 erschien die letzte Nummer.
Ein naheliegender Gedanke, solch ein Blatt
wiederzubeleben, um den Brüdern und Schwestern vorzuführen, wie
gut es ihnen im Vergleich zur Zeit vor 1989 geht. Die Kopie ist gelungen,
der Wiedererkennungswert ist hoch. Auf dem Titel präsentiert sich
der Kanzler mit Miß Germany 1992, die neben körperlichen Vorzügen
vor allem den Vorzug hat, Hallenserin zu sein. Daß sie mit Nachnamen
ausgerechnet Kuba heißt, ist ein erträglicher Schönheitsfehler
der "Queen of the World".
Über dem Foto mit Helmut Kohl und
Miß Kuba verheißt eine fette Überschrift Rekordverdächtiges:
"Ein Land der Superlative". Äußert sich die CDU zu den enormen
Arbeitslosenzahlen im Osten? Zur Zahl der Pleiten? Zur ständig steigenden
Zahl rechtsradikaler Jugendlicher? Nein, das "beste Telefon der Welt",
die "saubere Luft" und der "Abschied von Schlaglöchern" wird gefeiert.
Besonders erwähnenswert: Die Ostdeutschen waren 1997 "Weltmeister
beim Fernweh". Es geht also aufwärts.
Damit aber nicht genug, die Ostdeutschen
haben noch ganz andere Höchstleistungen vollbracht, "Rekorde zum Aufblasen"
nämlich, wie Tischler Detlef Bannier aus Gutengermendorf, der einen
aufblasbaren Dino mit der Rekordhöhe von 13 Metern geschaffen hat.
Aber nicht nur das: "Hagen Neumann und Jörgen Krahl aus Ottendorf-Okrilla
rollten mit dem Tretroller von ihrem Heimatort bis nach Budapest (660 Kilometer)",
"Benno Schmidt aus Wernigerode wanderte zwischen dem 3. 12. 1989 und dem
18. 3. 1997 insgesamt 1 500mal auf die Spitze des Brockens", "Axel Schulz
aus Kyritz (nicht verwandt mit dem Boxer) warf am 22. Juni 1997 die Amiga-Langspielplatte
mit dem Titel 'Goldene Gitarren' 145,52 Meter weit". Kein Zweifel, solche
Spitzenleistungen hätte es bei Honecker niemals gegeben.
Ob die Rekordträger sich als Zugpferde
für den CDU-Wahlkampf einspannen lassen wollten, erschien Tiedje und
seinem Mitarbeiter Emmerich Kusztrich dabei unerheblich. So erinnert sich
Hans-Jürgen Bielawny, der mit 476 Gewinnen in Radio-Quiz-Sendungen
im Guinness-Buch der Rekorde steht, zwar daran, daß eine Firma TV
Media ihn angerufen und etwas von einer Zeitung speziell für die neuen
Bundesländer erzählt habe, vom CDU-Wahlkampf sei aber nicht die
Rede gewesen.
Kusztrich gibt zu, es sei nur einigen direkt
gesagt worden, worum es ging. Aber wer die Honorarbestätigung (Honorar
um die 200 DM) gelesen habe, habe dort auch den kleinen Vermerk entdecken
können: "Verantwortlich für den Inhalt: CDU-Bundesgeschäftsführer
Dürig." Das Kleingedruckte hätten sie eben lesen müssen
- ein Hinweis auf die Schnellkurse, mit denen Versicherungsvertreter, Kreditinstitute
und Ratenkaufanbieter seit 1989 Hunderttausende Menschen das ABC des Kapitalismus
gelehrt haben.
Der Tatbestand des Betruges wäre allerdings
gegeben, wenn die Vorwürfe einiger der vielen lächelnden und
unerhört frei wirkenden Menschen in der NBI zutreffend sind. Ihnen
soll von TV-Media-Reporter Karsten Krenz (dem Sohn des Egon) ausdrücklich
versichert worden sein, daß es sich nicht um CDU-Werbung handele.
Die Honorarbestätigung mit dem Kleingedruckten soll der Reporter gleich
nach Unterschrift wieder eingesteckt haben.
Um nicht ungerecht zu sein: Der ostdeutsche
Mensch darf sich nicht nur in der Art und Weise wiedererkennen, wie er
hier über den Tisch gezogen wurde. Tiedje und Co. verstehen ihr Handwerk,
sie suchen und finden die Punkte, an denen sie ihre Zielgruppen packen
können. Um den Ostalgiker zu erreichen, gibt die Christenpartei sogar
ihre Moralvorstellungen auf und bekennt sich zur Freikörperkultur.
Eine ganze Seite unter dem Titel "Die nackte Existenz blieb uns bewahrt"
beschwört die die gute alte Zeit der "FKK-Strände zwischen Ostsee
und Vogtland" und versichert, daß in der Marktwirtschaft die Zahlungsfähigkeit
der Nudisten dafür sorgen wird, "daß unsere nackte Existenz
bewahrt bleibt". Wer nicht mehr will als die nackte Existenz, ist bei der
CDU allerdings richtig.
Ansonsten wird den CDU-Anhängern jede
Menge Prominenz im Bild geboten. Zunächst fällt natürlich
Kohl auf, dann noch mal Kohl, dann Clinton mit Kohl und dann Hannelore
Kohl, die es schön findet, "wie unbefangen die Menschen mit mir reden".
Claudia Nolte fordert "mehr Mut zum Baby", Angela Merkel freut sich, denn
"das Umweltbarometer steht auf gut", Henry Maske, Mathias Sammer, Olaf
Marschall haben "nicht gedopt und doch gesiegt". Und wenn die Ossis mal
nicht so recht wissen, wie's geht, dann legt der Wessi selbst Hand an und
läßt sich dabei fotografieren, wie Bundesverteidigungsminister
Volker Rühe bei der Oder-Überschwemmung: "Hier bereitet er Sandsäcke
für den Hubschraubertransport vor."
Überhaupt, die Flut aus dem Osten.
Schließlich sollen ja nicht nur PDS Wähler abgeworben werden,
sondern auch der DVU. "Mit dem Grenzschutz unterwegs - Die langen, bangen
Nächte an der Oder", so ist ein Text überschrieben, der die Arbeit
der Beamten an einer der "zweifellos empfindlichsten Nahtstellen der Welt,
die sich zugleich im Fadenkreuz des internationalen Medieninteresses befindet".
Im Fadenkreuz, diese Sprache versteht man doch. Auch sonst wird kurzentschlossen
gehandelt. "Ist ein Illegaler ausgemacht, so hat er kaum Chancen, der jeweiligen
BGS-Dienststelle zu entgehen."
Der DVU-Wähler darf aber auch selbst
zu Wort kommen und sagen, wo seine Sache am besten aufgehoben ist: "Ich
bin Taxifahrer und habe das letzte Mal rechtsradikal gewählt. Es muß
was gegen die hohe Kriminalität geschehen. (...) Ich finde auch, wer
als Ausländer sein Gastrecht mißbraucht, soll abgeschoben werden.
Auch Graffitischmierereien, der Vandalismus und die schmutzigen Ecken in
der Stadt sind mir unerträglich. (...) Daher wähle ich jetzt
CDU. Die tun was, wenn sie nur ordentliche Mehrheiten haben."
Ob das alles was hilft? Eigentlich schwer
vorstellbar, denn als Bilanz von acht Jahren Kohl-Herrschaft sind 22 Guinness-Buch-Einträge
doch ein bißchen mager. Einen Grund aber gibt es, sich die NBI zu
beschaffen: Beim Kreuzworträtsel gibt es einen "schnittigen BMW" zu
gewinnen. Das Lösungswort ist "ein Fluß, der an ein diebisches
Tier erinnert". Dieser Tip gilt nicht nur Quizrekordler Hans-Jürgen
Bielawny - versuchen Sie es auch mal, schreiben Sie also "Elster" auf eine
Postkarte und schicken Sie sie an die CDU-Bundesgeschäftsstelle, Kennwort
NBI, Postfach, 53084 Bonn.
Wäre es nicht schön, im schnittigen
BMW über Straßen ohne Schlaglöcher zu fegen und dabei Hagen
Neumann und Jörgen Krahl auf ihren Tretrollern zu überholen?
Nur Vorsicht in der Gegend von Kyritz,
da fliegen die Amiga-LPs immer so tief.
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