"Es gibt kein Zuviel"
Erotik und Verschwendung bei Gianni Versace.
Von Gabriele Werner
Der griechischen Antike entnahm Gianni
Versace den bildhaften Ausdruck der Affekte, des heidnischen Rausches und
der Ekstase. Seine Renaissance ist die der venezianischen Stofflichkeit
und Leiblichkeit eines Tizian - und nicht die florentinische eines Michelangelo.
Gianni Versaces Bilder des Weiblichen sind der italienischen tragischen
Oper des 19. Jahrhunderts entnommen, der "Norma" Bellinis oder der "Lucia
di Lammermoor" Donizettis.
1996 fotografierte Steven Meisel Madonna
für die Herbst/Winter-Kollektion von Versace, und er gestaltete mit
ihr ein Szenario wie aus der "Kameliendame". Ob Madonna aufschaut oder
in die Weiten eines fiktiven Raums blickt, ihre Körpersprache läßt
ein begehrtes oder begehrendes Gegenüber entstehen. Auf dem Spielplan
steht die nostalgische "Traviata"; die Kurtisane des Impressionismus wird
aufgerufen, Prostitution jenseits einer kapitalistischen Verwertung idealisiert.
Die große tragische italienische
Oper des 19. Jahrhunderts ließ Frauen an der Verdrängung des
Weiblichen aus der bürgerlichen Gesellschaft wahnsinnig werden. Versaces
Kampagne für die 1996er-Kollektion rief den Verlust ins Gedächtnis
zurück und berichete zugleich von der aktuellen Sehnsucht, diesen
Zustand des Mangels zu überwinden.
Kritikerinnen sehen in Versaces Entwürfen
ein Angebot an Frauen, aktive Protagonistinnen ihrer Handlungen zu sein.
Ich würde zumindest soweit gehen zu sagen, daß in der Mediendebatte
darüber, daß Feminismus zu Impotenz führt, Versace auf
seiten der Frauen war. Darin lag das Tizianeske seiner Haltung, daß
er Weiblichkeit mit sexueller Macht ausstattete und sie darüber vergöttlichte.
Wenn man die immer wieder benutzte Wendung
von Versaces "barockem" Stil in eine Ökonomie übersetzt, läßt
sich sagen, daß bei ihm unproduktive Verausgabung herrscht, wo Leistung
sein sollte, Verschwendung, wo Nützlichkeit gefragt war und ist.
Folgt man der Feststellung Georges Batailles,
daß "der Haß auf die Verschwendung der Daseinsgrund und die
Rechtfertigung der Bourgeoisie" ist, so ist die Mode Versaces ein Regelverstoß,
da Versace zurückeroberte, was Bataille aus der bürgerlich-kapitalistischen
Gesellschaft ausgetrieben sah: das Generöse, Orgiastische, Maßlose.
Nach Bataille wäre dies das feudalistische
Prinzip, das aber nicht notwendig Versaces Sache gewesen sein muß.
Eher erinnert seine Äußerung, daß es nie ein Zuviel geben
kann, an jenen Slogan, der der Hollywood-Diva May West in den Mund gelegt
wurde: "Too much of a good thing could be wonderful."
Die Wendung von der Ökonomie hin zum
Hollywood-Film soll hinführen zu dem, was für das Stoffdesign,
der Hauptsensation bei Versace, wichtig ist. Seine Mode sind Kreationsergebnisse
einer medial rezipierten Geschichte, seien diese Medien nun die Malerei,
die Skulptur oder die Fotografie oder der Film. Mariuccia Casadio kann
deshalb in dem Buch "Versace. Der Prophet des Glamour" behaupten, die Visualität
der Mode Versaces baue auf die interpretatorischen Fähigkeiten des
Medienmenschen im ausgehenden 20. Jahrhundert, weil die Mode selbst aus
der Interpretation und Verarbeitung der Medien entstanden war.
Somit paaren sich in Versaces Bilder des
Weiblichen auch zwei Medienkörper: Da ist auf der einen Seite der
straffe athletische Leistungskörper, der die Werbung der neunziger
Jahre dominiert. Diesem Körper wird auf der anderen Seite seine Aggressivität
und Zweckrationalität genommen, indem ihm die Opulenz und der Glamour
von Hollywoods frühen Göttinnen und das Weiblichkeitsideal des
italienischen Films der späten vierziger und der fünfziger Jahre
zugesellt wird. Zu diesen Körper-Bildern läßt sich ein
Gegenbild ausmachen.
Die aktuelle Rede über virtuelle Technologien
ist begleitet von einer Rede über die platonische Überwindung
des "bedrückend beengenden Fleisches", der Körper hat in der
kybernetischen Mensch-Maschine-Einheit den Stellenwert von Wet-ware, oder
aber das Fleisch dient wie bei Marshall McLuhan nurmehr als Pufferzone
gegen die beängstigende Entgrenzung des Nervensystems im Netzwerk.
Das derzeit höchst populäre leichte durchscheinende Nichts zur
Bekleidung des weiblichen Körpers muß im Kontext dieser Rede
gesehen werden. Auch hier stellt sich die Frage nach den Geschlechterverhältnissen,
wenn das, was zu verschwinden droht, das Bild des weiblichen nackten Körpers
enthält: das Muster von weiblicher Materie und männlicher Form
scheint überdeutlich.
In den Kollektionen von Versace gab es
auch mehr oder weniger durchsichtige Kleider, 1993 orientierten sich fast
alle Abendkleider an Lingerien; sie waren aber Sondererscheinungen und
unterschieden sich in einem wesentlichen Aspekt von den Entwürfen
anderer Designer: im Material. Versace verwandte Plastik und PVC zur Umhüllung
der Haut, ein dem Organischen radikal entgegengesetztes Material und nicht
eine zweite Pseudo-Haut der fließenden Stoffe, wie sie Stella McCartney,
Alexander McQueen oder Karl Lagerfeld benutzen.
Es gibt bei Versace einen Umgang mit der
menschlichen Haut, der an das erinnert, was Volker Demut bei Oscar Wilde
sieht: "eine Deklaration des Menschenrechts auf die eigene Haut". Anders
formuliert, das verachtete Fleisch der Cyberpunks wird zurückverwandelt
in die Haut als sensitives Organ.
Kleidung oder Decken dienen dem Schutz
der Haut. Deshalb werden in den Kampagnen von Versace die Kleidung und
die sie begleitenden Accessoires und Textilien immer als das radikal Andere
der Haut gezeigt. Haut wurde als prekärste Trennung zwischen Mensch
und Welt von Versace ernst genommen und als erotisches Organ ausgestellt.
In dieser doppelten Bedeutung schien ihm Haut schützenswert.
In der 1994er Kampagne wurden nackte Männer
als erotische Figuren propagiert - sie lassen sich in diesem Sinne durchaus
als männlicher Gegenpart zur "Prostituierten" verstehen. So wie Haut
und Stoff gegen- oder nebeneinandergestellt werden, die haptische Sinnlichkeit
der Haut gegen die stoffliche Sinnlichkeit der Bekleidung, zeugt Haut von
ihrem Tastsinn, von einem Ort mit einem eigenen Sensorium.
In einer Werbung für einen Füllfederhalter
wird das Logo Versaces, das Medusenhaupt, durchaus in seiner apotropäischen
Wirkung, d.h. in seiner Wirkung zur Vermeidung von Schaden, auf einen nackten
männlichen Oberkörper geschrieben, eben im Hinblick auf die Verletzlichkeit
der höchst sensiblen Haut. Zugleich zeigt dieses Werbefoto, daß
Mode bewußt oder unbewußt ebenso als Einschreibung, als Körpersemantik
verstanden wird, Mode also auch eine kulturelle Technik ist, die den Körper
als mediale Technologie darstellt. Da Mode ohne Körper nicht ist,
stellt sich die Frage, von welcher Art der Körper ist, der hier gezeigt
wird. So wie Courrèges und Paco Rabanne in den sechziger Jahre auf
die Raumfahrt reagierten und diese Technologie feierten, so ist die Frage
heute, wie Mode heute Technologien affirmiert oder dekonstruiert.
Ich will mit meinen Thesen zur Haut bei
Versace keineswegs behaupten, daß es gegen die technologische Augensinn-Erfahrung
eine authentische Leiberfahrung gibt. Auch in Versace lauert ein Mythos
- und zwar der vom Schöpfer. Seine radikale Trennung von Haut und
Material läßt sich verstehen als fundamentale Aussage über
die Funktion eines Modeschöpfers. Sein Werk ist die Bekleidung der
nackten Haut. Und um dieses Werk wertzuschätzen, muß zunächst
die Haut als Organ nobilitiert werden.
Konservative, weil reduktionistische Positionen
verflachen die kybernetische Mensch-Maschine-Einheit auf das Pawlowsche
Reiz-Reaktionsschema. Affekte und Leidenschaften gelten als technokratisch
gebannt. Richard Avedon setzte für eine Versace-Kampagane 1993 bildsprachliche
Mittel für expressive Stimmungen ein, die einen Analogieschluß
mit Aby Warburgs Untersuchungen zum Nachleben der Antike in der Gebärdensprache
herausfordern. Avedon gibt in dieser Kampagne Leidenschaften und Affekte
Bilder, die Warburg in der Mänade der griechischen Antike fand, sprich
wehende Gewänder, flatternde Säume und wogendes Haar. Die sogenannen
Pathosformeln sind ihm Hinweise auf die zeitlose Dialektik von Logik und
Magie, Leidenschaft und Vernunft.
Von hier aus läßt sich fragen:
Was passiert in den Avedon-Fotografien, und wofür steht Versaces Mode?
Der vertikale Tauschverkehr der Formen trägt Konflikte weiter und
trägt sie aus. Zweck von Kleidung ist es, den Situationen angemessen
bekleidet zu sein, Nacktheit zu verhüllen. Nach dem dialektischen
Modell Warburgs könnte man vielleicht formulieren, daß sich
der Konflikt zwischen Vernunft und Leidenschaft bei Versace als Konflikt
zwischen Leistung und Verschwendung zeigte. Omar Calabrese schreibt im
Katalog zur Versace-Retrospektive 1994 im Kunstgewerbemuseum in Berlin:
"Wir Italiener nennen die Verführung
'seduzione', vom Lateinischen se ducere, zu sich ziehen. Anders gesagt:
die Besonderheit der Verführung durch Versaces Kleidung liegt darin,
die Wahrnehmung des anderen auf sich zu ziehen." Dieser Überschuß
an Bedeutung ist im Alltagsverkehr Verschwendung.
Zur Mänade formuliert Anna Donoue
die These, sie sei essentiell für die Fläche gestaltet und sowohl
diese Verflachung als auch ihre Sakralisierung sprächen dafür,
daß sie ihrer physischen Präsenz enthoben wird. Und da nach
Ines Lindner die weibliche Mänade eine Übertretungsfigur ist,
ein ekstatisches Zeichen für Grenzüberschreitung, ist verständlich,
warum sie nur in ihrer Zweidimensionalität erschaut werden konnte.
Mit Hilfe des Modells Stephanie Seymour
befreite Richard Avedon für Versace zunächst die Mänade
aus ihrem Relief, um sie flugs wieder auf die zweidimensionale Fotoschicht
zu bannen. Von der Bedrohlichkeit des männlichen Schauderns vor mänadischer
Raserei und Vernunftentgrenzung sprach schon Warburg: "Ich verlor meinen
Verstand. Immer wieder war sie es, die Leben und Bewegung brachte, in sonst
ruhige Vorstellungen. Ja, sie schien die verkörperte Bewegung (...),
aber es ist sehr schwer, sie zur Geliebten zu haben."
In einer Notiz von 1929 über die Mnemosyne,
seine Theorie zum sozialen Gedächtnis, schreibt Aby Warburg, was er
in der dionysischen Antike gefunden hat: "In der Region der orgiastischen
Massenergriffenheit ist das Prägewerk zu suchen, das dem Gedächtnis
die Ausdrucksformen des maximalen inneren Ergriffenseins, soweit es sich
gebärdensprachlich ausdrücken läßt, in solcher Intensität
einhämmert, daß diese Engramme leidenschaftlicher Erfahrung
als gedächtnisbewahrtes Erbgut überleben."
In diesem Sinne ließe sich die Versace-Kampagne
von Avedon 1993 verstehen. Hier wurde etwas aus dem historischen Gedächtnis
aktiviert, was in der parallel dazu verlaufenden Diskussion über Cyberspace
und Cybersex zum Schweigen gebracht werden soll: daß der Körper
nicht nur Wet-ware ist, sondern Ort der Affekte und der unvernünftigen
Leidenschaften.
Der leidenschaftliche, affektbeladene Körper
ist aber nicht nur - und auch das wird in Warburgs Forschungen über
Jahrzehnte deutlich - der lebensbejahende Körper, sondern auch der
in seiner Integrität und Unversehrtheit bedrohte Körper. Leben
und Tod gehören im Bild des Wahnsinns und der Ekstase zusammen.
Avedon läßt seine in Versace
gekleideten Mänaden auf einem abgestorbenen Baumstamm sich räkeln,
kriechen, liegen, oder aber sie verlustieren sich im Sande. In dieser Verbindung
aus abgestorbenen oder anorganischen Materialien und Leibern scheint etwas
in die zeitgenössische Modefotografie übertragen, was Warburg
in eine gerdezu rauschhafte Sprache hat verfallen lassen: "Im harten Steinmetzwerk
(der antiken Sarkophage), das die pompöse prahlende oder verzweifelt
sterbende Heidenwelt hinterließ, jubelt und klagt ein lebender Totentanz."
Vielleicht ist es der Mode ganz allgemein,
aber vor allem in den Inszenierungen von Gianni Versace eigen, daß
sie Vergänglichkeit und Tod flieht. Dies geschieht vor allem, indem
Versace mit seinen Fotografen ein Bild vom weiblichen und männlichen
Körper in immer neuen Varianten und Wiederholungen in Szene setzt,
das überdeutlich auf die Lebendigkeit, Leidenschaft und Sexualität
des Leibes abhebt. Dieser Leib, dieses Bild vom Körper, wurde in die
Auseinandersetzung mit den kulturellen Aktivitäten gestellt, die genau
gegen diesen speziellen Leib insistieren.
Zu Versaces Bilder des Weiblichen sind
zwei Veröffentlichungen im Buchhandel erhältlich:
Samuele Mazza (Hg.): Versace. Der Prophet
des Glamour. Wilhelm Heyne Verlag, München 1997, 122 S., DM 38 Versace.
Magier der Mode. Schirmer/ Mosel, München 1997, 80 S., DM 34 |