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Onanieren mit Gott
Zum achtzigsten Geburtstag Ingmar Bergmans.
Von Dietrich Kuhlbrodt
Ingmar Bergman, 80, hat sich auf seine
Insel Farö zurückgezogen. Die heißt so, weil sie am weitesten
vom schwedischen Festland entfernt liegt. Dort trauert der große
schwedische Filmregisseur ("Fanny und Alexander"), verstummt und schwer
depressiv, der Zeit nach. Die letzte und sechste seiner Frauen ist vor
ihm gestorben. Er ist allein. Aber wir wollen mit ihm zusammen trauern.
Trauern. Trauern. Bis die Welt sich wieder dreht. Wir sind allein. Preise
und Ehrungen haben an den Jubilar andere vergeben.
1976. Deutschland. Der Frankfurter Goethe-Preis.
Vier Oscars für "Fanny und Alexander" (1982), die schwedischen Großbürger
von 1900. Das kannst du knicken. Dann am 11. Mai 1997 der superelegante
Festakt der Großfilmer auf dem Festival in Cannes: Bergman kriegt,
Tusch!, die "Palme der Palmen" auf dem französischen Festland. Das
war für den Geehrten noch weiter als Schwedens Küste. Er kam
nicht. Wir waren auch nicht da. Ich bin schuldig. Seit 1963.
Damals drang nach München, wo die
Zeitschrift Filmkritik erschien, die Nachricht, daß in Stockholm
am 23. September die Uraufführung des "Schweigens" bevorstehe. Eile
war geboten, denn die Nachrichtenlage ließ voraussehen, daß
der Film in Westdeutschland verboten werden würde. Im Mief und Muff
der mittsechziger Jahre sollten unerhörte Tabus gebrochen werden:
Öffentlich sollte im Kino zu sehen sein, wie in einem Film eine Frau
onaniert. Und nicht nur das: Lesbisch waren die Frauen, nymphoman und Mutter
obendrein.
Das war genau das, was wir in der Filmkritik
wollten: den, so hießen wir es damals, nonkonformistischen Film.
Martin Ripkens reiste mit der Elite fortschrittlicher Filmkritiker ins
schwedische Ausland. Von dort wurde die Botschaft des "Schweigens" verkündet:
die Lehre vom "lastenden Schweigen Gottes" angesichts der "Hölle dieser
Welt", von "Gott verlassen". Ein zutiefst religiöser Film also.
Die Ideologisierung des "Schweigens" funktionierte
bestens. Sie war der richtige Code, um den Film durch die Zensurinstanzen
zu schleusen. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK)
gab den Film frei. Die Filmbewertungsstelle (FBW) vergab ein "Besonders
wertvoll" und verwandte zur Begründung gleich dreimal die Formulierung
"Schweigen Gottes". Martin Ripkens und Hans Stempel machten für die
Kinoaufführungen einen "Vorfilm", der auch gezeigt wurde, um jegliches
Aufmucken gegen die göttliche Onanie zu verhindern. Hinter verschlossenen
Türen, nämlich in den Spalten der Filmkritik, die keine Publikumszeitschrift
war, gestanden wir uns ein, daß Bergmans "Schweigen" eventuell doch
nicht so toll war.
Im Ratschlag für Kinogänger der
Filmkritik rangen sich Helmut Färber und Uwe Nettelbeck zu einem "zwiespältig"
durch, während Enno Patalas, später Direktor des Münchner
Filmmuseums, zu einem mickrigen "bemerkenswert" kam, was angesichts der
Möglichkeit, den Film überragend oder gar vorzüglich zu
finden, einer schallenden Ohrfeige glich. Warum? "Bergman ist altmodisch.
Er quält sich mit Fragen, die für die meisten seiner Zuschauer
keine sind. Er möchte an Gott glauben, und es fällt ihm schwer",
schrieb Wilfried Berghahn 1964 in der Filmkritik.
Für die Katholiken, die damals vor
den Kinos demonstrierten, war das Schweigen neumodische Schweinerei, "Keuchen
nackter Wollust", "Laster" (Generalvikariat Köln). Die Staatsanwaltschaft
Duisburg leitete ein Verfahren ein, und der Bundestag debattierte am 19.
März 1964 den Schutz "vor weiteren Sex-Schockern aus dem Ausland".
Die Filmwirtschaft jubelte. Uns wurde klar, daß wir ihr ganz prima
in die Hände gespielt hatten.
"Das Schweigen" wurde der bis dahin größte
Kinoerfolg (11 Millionen Besucher in einem Jahr), Verleihchef Eckelkamp
setzte 10,5 Millionen Mark um und bot mir später an, das Drehbuch
für den Sex-Schocker "Das Liebeskonzil" zu schreiben, was ich auch
tat, weil es um Gott ging und Panizza und den von mir verehrten nonkonformistischen
Regisseur Werner Schroeter, was mir wiederum vor ein paar Tagen einen Lehrauftrag
an der Münchner Filmhochschule einbrachte. Grüß Gott, und
ich weiß, daß es nicht geht, Persönliches ins Werk zu
mischen, aber ich habe das dem Jubilar Bergman zu danken.
Viel peinlicher finde ich, daß dreißig
Jahre nach Berghahns Altmodisch-Verdikt der katholische Nonkonformist,
Priester, Theologe und Therapeut Eugen Drewermann, Paderborn, in der evangelischen
Monatsschrift epd Film (2/94) zu seinem jähen Entsetzen gewahr wird,
daß die "Fragestellung (des Films 'Fanny und Alexander'; D.K.) der
Vergangenheit angehört". Als ob sie jemals Gegenwart gewesen wäre.
Aber das ist die Saat unsrer bösen Tat von 1963/64, daß sie
bis in letzte Glied böse Gottesforschung muß gebären. In
den achtziger Jahren ging es dem evangelischen Filmbeauftragte Hans Werner
Dannowski um "Tabu und religiöse Deutung" ("Zur Rezeptionsgeschichte
von Bergmans 'Schweigen'"), und 1994 beantwortet Hans-Helmuth Schneider
in seiner Dissertation an der Münchner Theologischen Fakultät
"Anfragen an das Christentum in den Filmen Ingmar Bergmans". Schnickschnack.
Wie wäre es denn, wenn Bergman, als
Kind ziemlich verklemmt und neurotisch, und da kann ich mich voll mit identifizieren,
wie also wäre es, wenn er seine Körper-, Seelen- und Ur-Ängste
ganz simpel in die Mittelalterikonographie verlegt hätte, die seine
erste Bilderfahrung war (Vater: Pastor). Dann wäre die Pest nicht
Frage, sondern Antwort und platte Allegorie: "Im Mittelalter lebten die
Menschen in der Furcht vor der Pest; heute leben sie in der Furcht vor
der Atombombe" (Ingmar Bergman zu "Das siebte Siegel", 1957). Die Interpretation
ist authentisch. Sie ist auch freimütig.
In der Autobiographie "Mein Leben" beschreibt
er sehr liebevoll, wie der Vaterpastor die alten kirchlichen Grundregeln
von Sünde, Beichte, Buße und Strafe zur rituellen Gestaltung
der Körperstrafe nutzte. Naschen, stehlen, lügen - stets folgte
die Entblößung des Hinterns und Schläge mit dem Riemen
auf die blanke Haut. Zum Abschluß küßte der kleine Ingmar
die Hand der dominierenden Autorität. Danke, Papa.
Schon als kleiner Junge wechselt er die
Rolle im Sado-Spiel, denn er hat eine jüngere Schwester. Er versucht,
sie zu ermorden. So steht es in seiner Autobiographie. Auch, daß
ihm der Drang zum Scheißen und zum Kotzen in aller Öffentlichkeit
sein Leben lang treu blieb. Es rührt schon an, wenn er schreibt, wie
er sich zu schützen gelernt hat vor übermäßiger Zuneigung
zur Frau. Nachdem die Mutter die ungezügelte Liebe des Buben Ingmar,
der sie umknutscht und umzingelt, auf ärztlichen Rat zurückweist.
Bett- und Hosennässer Bergman verläßt mit 19 Jahren das
elterliche Terror-Haus.
In seiner Autobiographie ist er es, der
seine Kinder zurückweist, er hat acht; er erwähnt sie nicht.
Mutter und Ehefrau Ingrid, die sechste, kommt kaum vor. Auch Schweigen
gehört zur Gewalt. Im Text, den der vom Vater gezüchtigte Bergman
zum "Siebten Siegel" verfaßt, kommen gleich in der dritte Zeile Flagellanten
vor. Über die sado-erotischen Riten in Bergmans Filmen haben wir kaum
geschrieben. Berghahn hatte 1964 auf "die eigenartige Faszination, die
jede Art von Gewalt auf ihn ausübt" aufmerksam gemacht. Jahrzehnte
später mußte Bergman selbst darauf hinweisen. Die schweigenden
Filmkritiker waren verklemmt gewesen, neurotisch und wahrscheinlich auch
nässend. Wenigstens das war uns klar gewesen.
Zurück zum 19jährigen Studenten
Bergman. Er fing nicht mit Filmen an, sondern mit Theater, gleich an der
Universität. Lehrmeister war der große Schauspieler Gustaf Molander.
Bergman führt Regie. Als Jungintendant entläßt er den Meister.
Mitte der siebziger Jahre, die großen Filme liegen hinter ihm, ist
er wieder am Theater. Er inszeniert unter dem Intendanten Kurt Meisel am
Residenztheater in München. Schweden hatte er 1976 im Zorn verlassen;
er war während einer Probe im Königlichen Schauspielhaus Stockholm
verhaftet worden - von der Steuerfahndung. Auch München verließ
er nach neun Inszenierungen im Zorn. Diesmal war er es, der vom Intendanten
rausgeschmissen worden war.
Das Sado-Ritual sieht die Vertauschung
der Rollen vor und die liebevolle Beschreibung der Schmerzzufügung.
Die Fragen, die sich auf ärztlichen, seelsorgerischen oder sonstwie
therapeutischen Rat berufen, um nicht das zu tun, was doch zu tun ist,
mindestens sich zu knuddeln und zu bepuddeln, zu knuffen und zu puffen,
werden laut und wieder unverständlich ("Schreie und Flüstern",
1973), verlieren sich in Rollenspielen ("Szenen einer Ehe", 1974) und ersehnen
heimlich die "Stunde des Wolfes" (1967). Dringend gewünscht ist eine
Therapie der Therapie, die Liebesentzug postuliert. Die Über-Therapeutin
aber ist diejenige, die den größten Therapiebedarf hat ("Von
Angesicht zu Angesicht", 1975).
Welches Leid! Haben wir uns damit identifiziert,
liebe Trauergäste? Aber wir feiern doch Geburtstag, wir freuen uns.
Zusammen mit dem, der, völlig verwandelt, in den spätsiebziger
Jahren die "Zauberflöte" gedreht hat, diese heiter-gelassene Kombination
von Film- und Theater-Inszenierung. Die Darsteller sind uns und ihm nicht
fremd: Freunde. Er stand ihnen stets nah, grade in der Arbeit. Wahnsinnige
Leidenschaft verband ihn mit Liv Ullmann; alles weitere in deren Buch "Wandlungen"
nachzulesen. Und Leidenschaft braucht strenge Zucht, so hatte es schon
das Kind erfahren. Drum war die tägliche Dreharbeit rituelles Handwerk.
Bergman legte jeden Tag selbst Hand an
und schnitt das Filmmaterial, das er gedreht hatte, mit bloßen Händen.
Es mußte einfach sein. Es war unüblich, aber legendär.
Alle Auf- und Erregung vor und während der (seelischen) Entblößung
vor der Kamera floß in die täglichen drei Minuten Filmmaterial.
Fertig. Und gleich hinterher die Takes schneiden. Der Schnitt folgte dem
Rhythmus der Inszenierung. Ein Nachspiel. Ich finde es bemerkenswert. Ach
ja und herzlichen Glückwunsch denn zum 14. Juli! |