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  15.Juli 1998 Jungle World
 

Onanieren mit Gott 

Zum achtzigsten Geburtstag Ingmar Bergmans. 
Von Dietrich Kuhlbrodt 

Ingmar Bergman, 80, hat sich auf seine Insel Farö zurückgezogen. Die heißt so, weil sie am weitesten vom schwedischen Festland entfernt liegt. Dort trauert der große schwedische Filmregisseur ("Fanny und Alexander"), verstummt und schwer depressiv, der Zeit nach. Die letzte und sechste seiner Frauen ist vor ihm gestorben. Er ist allein. Aber wir wollen mit ihm zusammen trauern. Trauern. Trauern. Bis die Welt sich wieder dreht. Wir sind allein. Preise und Ehrungen haben an den Jubilar andere vergeben. 

1976. Deutschland. Der Frankfurter Goethe-Preis. Vier Oscars für "Fanny und Alexander" (1982), die schwedischen Großbürger von 1900. Das kannst du knicken. Dann am 11. Mai 1997 der superelegante Festakt der Großfilmer auf dem Festival in Cannes: Bergman kriegt, Tusch!, die "Palme der Palmen" auf dem französischen Festland. Das war für den Geehrten noch weiter als Schwedens Küste. Er kam nicht. Wir waren auch nicht da. Ich bin schuldig. Seit 1963. 

Damals drang nach München, wo die Zeitschrift Filmkritik erschien, die Nachricht, daß in Stockholm am 23. September die Uraufführung des "Schweigens" bevorstehe. Eile war geboten, denn die Nachrichtenlage ließ voraussehen, daß der Film in Westdeutschland verboten werden würde. Im Mief und Muff der mittsechziger Jahre sollten unerhörte Tabus gebrochen werden: Öffentlich sollte im Kino zu sehen sein, wie in einem Film eine Frau onaniert. Und nicht nur das: Lesbisch waren die Frauen, nymphoman und Mutter obendrein. 

Das war genau das, was wir in der Filmkritik wollten: den, so hießen wir es damals, nonkonformistischen Film. Martin Ripkens reiste mit der Elite fortschrittlicher Filmkritiker ins schwedische Ausland. Von dort wurde die Botschaft des "Schweigens" verkündet: die Lehre vom "lastenden Schweigen Gottes" angesichts der "Hölle dieser Welt", von "Gott verlassen". Ein zutiefst religiöser Film also. 

Die Ideologisierung des "Schweigens" funktionierte bestens. Sie war der richtige Code, um den Film durch die Zensurinstanzen zu schleusen. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) gab den Film frei. Die Filmbewertungsstelle (FBW) vergab ein "Besonders wertvoll" und verwandte zur Begründung gleich dreimal die Formulierung "Schweigen Gottes". Martin Ripkens und Hans Stempel machten für die Kinoaufführungen einen "Vorfilm", der auch gezeigt wurde, um jegliches Aufmucken gegen die göttliche Onanie zu verhindern. Hinter verschlossenen Türen, nämlich in den Spalten der Filmkritik, die keine Publikumszeitschrift war, gestanden wir uns ein, daß Bergmans "Schweigen" eventuell doch nicht so toll war. 

Im Ratschlag für Kinogänger der Filmkritik rangen sich Helmut Färber und Uwe Nettelbeck zu einem "zwiespältig" durch, während Enno Patalas, später Direktor des Münchner Filmmuseums, zu einem mickrigen "bemerkenswert" kam, was angesichts der Möglichkeit, den Film überragend oder gar vorzüglich zu finden, einer schallenden Ohrfeige glich. Warum? "Bergman ist altmodisch. Er quält sich mit Fragen, die für die meisten seiner Zuschauer keine sind. Er möchte an Gott glauben, und es fällt ihm schwer", schrieb Wilfried Berghahn 1964 in der Filmkritik. 

Für die Katholiken, die damals vor den Kinos demonstrierten, war das Schweigen neumodische Schweinerei, "Keuchen nackter Wollust", "Laster" (Generalvikariat Köln). Die Staatsanwaltschaft Duisburg leitete ein Verfahren ein, und der Bundestag debattierte am 19. März 1964 den Schutz "vor weiteren Sex-Schockern aus dem Ausland". Die Filmwirtschaft jubelte. Uns wurde klar, daß wir ihr ganz prima in die Hände gespielt hatten. 

"Das Schweigen" wurde der bis dahin größte Kinoerfolg (11 Millionen Besucher in einem Jahr), Verleihchef Eckelkamp setzte 10,5 Millionen Mark um und bot mir später an, das Drehbuch für den Sex-Schocker "Das Liebeskonzil" zu schreiben, was ich auch tat, weil es um Gott ging und Panizza und den von mir verehrten nonkonformistischen Regisseur Werner Schroeter, was mir wiederum vor ein paar Tagen einen Lehrauftrag an der Münchner Filmhochschule einbrachte. Grüß Gott, und ich weiß, daß es nicht geht, Persönliches ins Werk zu mischen, aber ich habe das dem Jubilar Bergman zu danken. 

Viel peinlicher finde ich, daß dreißig Jahre nach Berghahns Altmodisch-Verdikt der katholische Nonkonformist, Priester, Theologe und Therapeut Eugen Drewermann, Paderborn, in der evangelischen Monatsschrift epd Film (2/94) zu seinem jähen Entsetzen gewahr wird, daß die "Fragestellung (des Films 'Fanny und Alexander'; D.K.) der Vergangenheit angehört". Als ob sie jemals Gegenwart gewesen wäre. Aber das ist die Saat unsrer bösen Tat von 1963/64, daß sie bis in letzte Glied böse Gottesforschung muß gebären. In den achtziger Jahren ging es dem evangelischen Filmbeauftragte Hans Werner Dannowski um "Tabu und religiöse Deutung" ("Zur Rezeptionsgeschichte von Bergmans 'Schweigen'"), und 1994 beantwortet Hans-Helmuth Schneider in seiner Dissertation an der Münchner Theologischen Fakultät "Anfragen an das Christentum in den Filmen Ingmar Bergmans". Schnickschnack. 

Wie wäre es denn, wenn Bergman, als Kind ziemlich verklemmt und neurotisch, und da kann ich mich voll mit identifizieren, wie also wäre es, wenn er seine Körper-, Seelen- und Ur-Ängste ganz simpel in die Mittelalterikonographie verlegt hätte, die seine erste Bilderfahrung war (Vater: Pastor). Dann wäre die Pest nicht Frage, sondern Antwort und platte Allegorie: "Im Mittelalter lebten die Menschen in der Furcht vor der Pest; heute leben sie in der Furcht vor der Atombombe" (Ingmar Bergman zu "Das siebte Siegel", 1957). Die Interpretation ist authentisch. Sie ist auch freimütig. 

In der Autobiographie "Mein Leben" beschreibt er sehr liebevoll, wie der Vaterpastor die alten kirchlichen Grundregeln von Sünde, Beichte, Buße und Strafe zur rituellen Gestaltung der Körperstrafe nutzte. Naschen, stehlen, lügen - stets folgte die Entblößung des Hinterns und Schläge mit dem Riemen auf die blanke Haut. Zum Abschluß küßte der kleine Ingmar die Hand der dominierenden Autorität. Danke, Papa. 

Schon als kleiner Junge wechselt er die Rolle im Sado-Spiel, denn er hat eine jüngere Schwester. Er versucht, sie zu ermorden. So steht es in seiner Autobiographie. Auch, daß ihm der Drang zum Scheißen und zum Kotzen in aller Öffentlichkeit sein Leben lang treu blieb. Es rührt schon an, wenn er schreibt, wie er sich zu schützen gelernt hat vor übermäßiger Zuneigung zur Frau. Nachdem die Mutter die ungezügelte Liebe des Buben Ingmar, der sie umknutscht und umzingelt, auf ärztlichen Rat zurückweist. Bett- und Hosennässer Bergman verläßt mit 19 Jahren das elterliche Terror-Haus. 

In seiner Autobiographie ist er es, der seine Kinder zurückweist, er hat acht; er erwähnt sie nicht. Mutter und Ehefrau Ingrid, die sechste, kommt kaum vor. Auch Schweigen gehört zur Gewalt. Im Text, den der vom Vater gezüchtigte Bergman zum "Siebten Siegel" verfaßt, kommen gleich in der dritte Zeile Flagellanten vor. Über die sado-erotischen Riten in Bergmans Filmen haben wir kaum geschrieben. Berghahn hatte 1964 auf "die eigenartige Faszination, die jede Art von Gewalt auf ihn ausübt" aufmerksam gemacht. Jahrzehnte später mußte Bergman selbst darauf hinweisen. Die schweigenden Filmkritiker waren verklemmt gewesen, neurotisch und wahrscheinlich auch nässend. Wenigstens das war uns klar gewesen. 

Zurück zum 19jährigen Studenten Bergman. Er fing nicht mit Filmen an, sondern mit Theater, gleich an der Universität. Lehrmeister war der große Schauspieler Gustaf Molander. Bergman führt Regie. Als Jungintendant entläßt er den Meister. Mitte der siebziger Jahre, die großen Filme liegen hinter ihm, ist er wieder am Theater. Er inszeniert unter dem Intendanten Kurt Meisel am Residenztheater in München. Schweden hatte er 1976 im Zorn verlassen; er war während einer Probe im Königlichen Schauspielhaus Stockholm verhaftet worden - von der Steuerfahndung. Auch München verließ er nach neun Inszenierungen im Zorn. Diesmal war er es, der vom Intendanten rausgeschmissen worden war. 

Das Sado-Ritual sieht die Vertauschung der Rollen vor und die liebevolle Beschreibung der Schmerzzufügung. Die Fragen, die sich auf ärztlichen, seelsorgerischen oder sonstwie therapeutischen Rat berufen, um nicht das zu tun, was doch zu tun ist, mindestens sich zu knuddeln und zu bepuddeln, zu knuffen und zu puffen, werden laut und wieder unverständlich ("Schreie und Flüstern", 1973), verlieren sich in Rollenspielen ("Szenen einer Ehe", 1974) und ersehnen heimlich die "Stunde des Wolfes" (1967). Dringend gewünscht ist eine Therapie der Therapie, die Liebesentzug postuliert. Die Über-Therapeutin aber ist diejenige, die den größten Therapiebedarf hat ("Von Angesicht zu Angesicht", 1975). 

Welches Leid! Haben wir uns damit identifiziert, liebe Trauergäste? Aber wir feiern doch Geburtstag, wir freuen uns. Zusammen mit dem, der, völlig verwandelt, in den spätsiebziger Jahren die "Zauberflöte" gedreht hat, diese heiter-gelassene Kombination von Film- und Theater-Inszenierung. Die Darsteller sind uns und ihm nicht fremd: Freunde. Er stand ihnen stets nah, grade in der Arbeit. Wahnsinnige Leidenschaft verband ihn mit Liv Ullmann; alles weitere in deren Buch "Wandlungen" nachzulesen. Und Leidenschaft braucht strenge Zucht, so hatte es schon das Kind erfahren. Drum war die tägliche Dreharbeit rituelles Handwerk. 

Bergman legte jeden Tag selbst Hand an und schnitt das Filmmaterial, das er gedreht hatte, mit bloßen Händen. Es mußte einfach sein. Es war unüblich, aber legendär. Alle Auf- und Erregung vor und während der (seelischen) Entblößung vor der Kamera floß in die täglichen drei Minuten Filmmaterial. Fertig. Und gleich hinterher die Takes schneiden. Der Schnitt folgte dem Rhythmus der Inszenierung. Ein Nachspiel. Ich finde es bemerkenswert. Ach ja und herzlichen Glückwunsch denn zum 14. Juli! 

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