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Allein mit der Sequenzerspur
Techno in der Falle der Öffentlichkeit.
Von Martin Pesch
Death by Disco
Der britische Autor Jeff Noons beschreibt
in seiner Short Story "DJNA" (in: Sarah Champion: Disco Biscuits. New Fiction
from the Chemical Generation. London 1997) die Mechanismen der Exklusion:
Ausschließung von historisch entwickeltem Widerstandspotential, der
es verkörpernden Menschen und der es vorwärtstreibenden Musik.
Die Geschichte ist in ein Science-Fiction-Setting
verlegt: Manchester, in unbestimmter Zukunft. Die Welt des Samstagnachtvergnügens
wird kontrolliert von Jesus Boom, der die Herrschaft in einem Moment übernahm,
als die Musik zu dirty wurde und ihre Fans zu sinful. Jetzt herrscht Ordnung.
An den Türen der Clubs befinden sich Seelendetektoren, die die Verbindung
zur alten Szene anzeigen und mit Strafen belegen. Hinter dem Eingang werden
"Disco Biscuits" und "Jesus Blood" an die Besucher ausgegeben, um sie auf
die neue, geglättete Version von Jesus Booms Dance-Mix vorzubereiten.
In einer Szene entdeckt DJ Helix, ein "natural
born DJ", der noch mit dem alten, nun als Zeichen der Sünde geltenden
Vinyl arbeitet, daß hinter den Plattenspielern, hinter dem alle Jesus
Boom vermuten, ein Roboter steht. In einer anderen Szene wird die Razzia
eines illegalen Clubs außerhalb von Manchester beschrieben, die mit
dem Tod mehrerer DJs - unter ihnen auch DJ Helix - endet.
Noon benutzt die Stadt Manchester als ein
Zeichen. Mit der Hacienda ist dort ein Club beheimatet, der seit Mitte
der achtziger Jahre für die Entwicklung der britischen Clubkultur,
der Kultur, die mit House und Techno verbunden ist, äußerst
wichtig ist und einen mythischen Status erlangt hat. Gab es anfangs den
Ursprungsmoment einer Szene, die den Club als neuen Raum und diesen Raum
mit bis dahin unbekannter Intensität neuen Vergnügens (Acid House!
Ecstasy!) definierte, wurde dieser Moment schnell in einen Kokon der Erinnerung
eingeschlossen, weil in der Realität auf unterschiedliche Weise versucht
wurde, aus ihm Gewinn zu schlagen, ihn vergessen zu machen, ihn als reproduzierbaren
offenzuhalten oder zu promoten. Drogenkartelle, Vorstadtgangs und städtische
Ordnungspolitik bildeten sich abwechselnde und zusammenfunktionierende
Strukturen, die den Überschuß an Pleasure zu kanalisieren versuchten.
In Noons Story ist diese Struktur gesteigert
zu einem Kontrollprozeß, in dem Musik und Drogen verteilt werden,
und der den Exzeß auf der Tanzfläche zu einem fließbandgefertigten
Produkt macht, dessen Qualität insbesondere dadurch gewährleistet
ist, daß Individuen, deren Geschichte und Sozialisation noch andere
Erfahrungen als Optionen einbrachte, ausgeschlossen werden. Die repetitiven
Beats und ihre Anhänger werden als "schmutzig" ausgeschieden und noch
außerhalb der repressiv organisierten Geographie verfolgt und als
Delinquenten unter die dort herrschende Ordnung zurückgezwungen.
Der Club Shangri-La, der in Noons Geschichte
im Mittelpunkt steht, ist eine Fortsetzung der Überwachungsidee des
19. Jahrhunderts, in der soziale Kontrolle durch einen unsichtbar bleibenden
Beobachter gewährleistet wird. Der DJ Jesus Boom im Shangri-La ist
nicht anwesend und spielt seine Macht verborgen aus: "Jesus Boom don't
do requests" - der DJ als Big Brother. Wie die Wirklichkeit außerhalb
dieses Clubs aussieht, wie also Manchester in dieser Phantasie als Stadt
funktioniert, möchte man sich eher nicht vorstellen. Denn wie Foucault
in seiner Studie "Überwachen und Strafen" dargelegt hat, verhält
sich jede kleine Disziplinierungseinheit funktional zu einem größeren
Disziplinierungssystem.
Welcome to the Fun Dome
Neben der zentralisiert verordneten Dosis
von Pleasure ist ein weiterer wichtiger Aspekt in Noons Story die Ausschließung
von Wissen über subkulturell entwickelte Autonomievorstellungen. Der
Club, der einer Razzia unterzogen wird, entspricht einem offenen Gebilde,
in dem sich vornehmlich die Crowd trifft, die in der Musik und dem Club
mehr sieht als ein vom Alltag abgetrenntes Freizeitvergnügen. Der
Club als Forum des Verhandelns der eigenen Lebensform. Das Wissen, das
dieser Club mit dieser für ihn charakteristischen repetitiven Musik
gebildet hat, ist eine Folge sozialer Aktion und nicht ein bloß vermitteltes
und je nach Bedarf anzapfbares: Räume müssen gesucht, eingenommen
und gefüllt werden. Und zwar mit der eigenen Vorstellung, in welcher
Form diese Organisationsprozesse abzulaufen haben: enthierarchisiert, sponsorfrei,
offen für alle. Deswegen ist Noons Story auch ein Nachhall auf die
frühen Tage, in denen Helen Mead noch über Acid-House-Partys
schreiben konnte: "Rassische, sexuelle und geschlechtliche Grenzen läßt
man hinter sich, so wie man seinen Mantel an der Garderobe abgibt." (Helen
Mead, "Psychedelic Jack", in: New Musical Express, 17.6.1989)
Die Teilhabe an einer sozialen Praxis,
in der solches möglich war oder möglich schien, führte zu
einem bestimmten Wissen über die Bedingungen dieser Praxis und in
der Folge zum Erkennen der Diskrepanz zwischen diesem Wissen und der realen
Entwicklung. Das Versprechen, das Techno - hier als Sammelbegriff für
die seit 1987/88 die Clubkultur beherrschende elektronische Musik - mit
sich führt, wurde immer mehr zum Emblem einer Vergnügungsindustrie,
die autonome soziale Praxis unter das Diktat eines verwalteten Wir stellte.
(Emblem wird hier verwendet auf dem Hintergrund der Bildproduktion und
-politik des Techno. Kann man den in der Szene beheimateten Zeitschriften
und ihren Party-Berichten für die jeweiligen Regionen noch identitätsstiftende
Wirkung attestieren, werden die Fotos tanzender und in die Kamera grimassierender
Leute zu einem die Techno-Kultur versinnbildlichenden Emblem.)
Das Wissen, daß dieses Wir durch
autonomes soziales Verhalten möglich wäre, wurde abgespalten
und bekämpft - in Noons Story wird dies ins Extrem getrieben und bleibt
doch immer auf die realen Entwicklungen übertragbar. Auf Dissidenz
zielendes Wissen wird kriminalisiert, die durch es möglich gewordenen
Maße an Pleasure werden durch bereitgestellte Konsummöglichkeiten
von Fun vereinheitlicht.
Dieses Durchsetzen von Monopolen des Wissens
über soziale Praktiken zeigt sich z.B. in kommunal geförderten
Raves. Städte legen für ein Wochenende ihre Hauptverkehrsader
lahm (Tunnelrave, Frankfurt am Main) oder räumen brav den Müll
weg (Love Parade, Berlin), um der Jugend according to Shell-Studien den
goldenen Käfig des Fun als ihre Wahl zu verkaufen. Techno als Teil
kommunaler Corporate Identity.
Die Ordnung des Beats
Eine solche Schilderung, wie sie hier vor
dem Hintergrund ihrer Fiktionalisierung durch Jeff Noon gemacht wurde,
suggeriert einen heilen Weg von einer Subkultur und der in ihr sich formierenden
sozialen Praktiken bis zu ihrer Korrumpierung durch Kommerzialisierung
und Neutralsierung durch sich verbergende jugendpolitische Disziplinierung.
Insofern ist diese Schilderung falsch, denn eine solche naturalistisch
wirkende Ordnung kultureller Entwicklung gibt es nicht. Sarah Thornton
hat in ihrer Studie "Club Cultures" sehr genau beschrieben, wie verwoben
die Entstehung der Clubkultur in subkulturellen Milieus mit deren Verhandlung
in der Öffentlichkeit zusammenhing (Sarah Thornton: Club Culture.
Music, Media und Subcultural Capital. Hanover 1996).
Als Paradebeispiel dient ihr die Promotion-Kampagne
der Plattenfirma London für eine Compilation-Serie mit House-Musik
aus Chicago, also der musikalischen Basis, aus der in England 1987/88 die
Acid-House-Welle werden sollte. Diese Musik ist also nicht, wie man es
sich gerne vorstellt, über undurchsichtige Hand-zu-Hand-Reichungen
einiger Aficionados auf den britischen Markt und seine Tanzflächen
gekommen, sondern durch gezielte Maßnahmen eines PR-Agenten, der
den Auftrag hatte, einer bis dahin unbekannten Szene von nordamerikanischen
House-Produzenten zu wohlwollenden Presseberichten in den Musikmedien des
Vereinigten Königreichs zu verhelfen.
Schaut man sich diese Artikel an, ist man
verwundert über ihre Sachlichkeit. Über eine neuartige Musik
wurde berichtet ohne Lifestyle-Glamour und Bigger-than-Life-Images. Nüchtern
wurde versucht, ihre Entstehung und insbesondere ihre geschichtliche und
soziale Situierung zu beschreiben. In einem Bericht von Stuart Cosgrove
von 1988 über Detroit-Techno ist hauptsächlich die Rede vom Bezug
dieser Musik zur urbanen Verfallssituation der ehemaligen Motor-City und
vom Bezug zur historischen und zeitgenössischen Popmusik: "Anders
als Chicago-House mit seiner latenten Seventies-Philly-Obsession und anders
als der New Yorker HipHop mit seinen dekonstruktiven Attacken auf James
Browns Back-Katalog verweigert Detroit-Techno sich der Vergangenheit. Es
räumt Parliament und Pete Shelley noch einen Ehrenplatz ein, ansonsten
setzt es aber mehr auf die Technologie von morgen als auf die Helden von
gestern." (Stuart Cosgrove, "Seventh City Techno", in: The Face, Mai 1988)
Auch wenn Techno hier in Abgrenzung zu
bestimmten popmusikalischen Strömungen definiert wird, liegt darin
gerade eine Bezugnahme auf Pop-Historie, die das Verständnis dieser
neuen Musik und die Möglichkeit ihrer Beurteilung ermöglicht.
Und das insbesondere auch jenen, die Derrick Mays "Strings Of Life" nicht
als Teil eines Acid-House-Mix in der Hacienda als Höhepunkt eines
Ecstasy-gestützten Euphoriefluges erlebt haben.
Öffentlichkeit war durch diese Referenz
auf Vorgänger und Zeitgenossen immer schon für eine Musik hergestellt,
der lange der Ruf anhing, sie bestünde nur aus funktionalen Sequenzen,
die man erleben müsse und nicht verstehen könne. Daß letzteres
konstitutiver Bestandteil einer in den folgenden Jahren insbesondere in
Deutschland entwickelten Ideologie wurde - Techno als neues, eigenes und
wurzelloses Genre mitsamt Jugendkultur, die nichts mit den angeblich gescheiterten
Vorgängern zu tun hat -, läßt sich gut an den ersten Ausgaben
von Frontpage rekonstruieren.
Das im April 1997 eingestellte Magazin
startete 1989 im Umfeld des Frankfurter Techno Club als Din-A5-Fanzine
und brachte beflissene Interviews mit Chris & Cosey und Carlos Peron.
Weit und breit noch nichts zu sehen von fluoreszierenden Sweatshirt-Aufdrucken
und Raving Society. Dafür Musikjournalismus, der sich um Einordnung,
Informationsvermittlung und trockene Hintergründe kümmerte. Fakten,
Fakten, Fakten mit 130 bpm.
Allein mit der Sequenzerspur
Dennoch - und das war etwas wirklich Neues
- entzog sich die Musik immer mehr der Möglichkeit ihrer Verhandlung
mittels des geschriebenen Wortes. Die Masse an Veröffentlichungen,
denen die Funktionalität eigen ist, auf der Tanzfläche meist
nur für kurze Momente eine bestimmte Wirkung zu erzielen und die nach
diesem Moment womöglich für immer vom Plattenspieler verschwinden,
ließ sich nicht mehr journalistisch abdecken.
Was soll man über eine Sequenzerspur
sagen, unter der eine 4/4-Kickdrum läuft, produziert von jemandem,
der unter noch fünf anderen Pseudonymen in wahrscheinlich anders gelagerten
Untergenres veröffentlicht, und verpackt in nicht mehr als eine unbedruckte
weiße oder schwarze Plattenhülle? Viel kann man dazu nicht sagen,
außer eben das. Musik, die nicht vermittelt werden, sondern funktionieren
will als Werkzeug eines DJs und Auslöserin der Aktion auf der Tanzfläche.
Diese neuartige Funktion von Musik und
ihre Bezogenheit auf den Moment zog eine bis dahin unbekannte Art von Produktion
und Distribution nach sich. Öffentlichkeit wird hier in einem ganz
engen Rahmen definiert: Produzent, DJ, Dancefloor, spezielle Vertriebe,
spezielle Plattenläden, wo wiederum spezielle Informationen umgeschlagen
werden. Diese Information ist nur denen zugänglich, die sich in einem
sozialen Feld bewegen, in dem ein bestimmtes Verständnislevel herrscht.
Das macht die Schwellen hoch, und die Zirkulation
von Musik und kodierter Information im Inneren sehr schnell. Kurze Wege,
kurze Worte, kurze Dauer. Bezogen auf die britische Dancefloor-Szene -
international und auch auf aktuelle Zustände noch übertragbar
- schreibt Mandi James: "Independent-Labels mit ihrem kleineren Tätigkeitsbereich
konnten die Nachfrage gezielt bedienen, mit dem schnellen Umsatz und den
wechselnden Moden auf dem Dancefloor mithalten, indem sie Platten direkt
vom Mischpult auf die Plattenspieler brachten." (Mandi James, "Hail the
DJ", in: Andy Spinoza, Hg.: Sublime. Manchester Music and Design 1976-1992.
Manchester 1992)
Im nachhinein ist schwer nachzuvollziehen
- gerade nach solchen Beschreibungen -, warum eine Musikszene, die sich
über den Begriff independent ("Indierock") definiert hatte, so feindselig
auf Techno reagierte, also eine Musik, die wesentlich auf unabhängiger
Produktion, Promotion und Distribution beruht. Erklären läßt
sich das nur mit der Musik selbst und der mit ihr verbundenen kleinen Öffentlichkeit.
Von Anfang an stand Techno zudem im Ruf, lediglich einem hedonistischen
(Tanzen!) und einem kommerziellen Interesse zu dienen. Daß im Zuge
der Kommerzialisierung gerade der Independent-Sektor stärker wurde
- eine Entwicklung, die bis heute anhält -, wurde nicht erkannt.
Die konventionelle Musikpresse gab sich
weiterhin ignorant. Was die um 1991/92 starke Hardcore-Szene in Großbritannien
betrifft, führt Simon Reynolds diese Ignoranz und Abneigung darauf
zurück, daß über die Musik kein Anschluß an bisher
bekannte Musiken und sie vermittelnde Erklärungsmuster möglich
schien: "No narrative, no destination." (Simon Reynolds, "Rage to Life:
'Artkore Techno'", in: The Wire, November 1992)
Daß "die Rolle der kulturellen Vermittler"
von Hardcore-Techno abgeschafft wird, wie Reynolds schreibt, trifft genauso
für andere Techno-Subgenres zu. Keine Anschlüsse, keine Identifikationfiguren,
kein Style, keine Gesichter, nichts als Tracks. Es ist deswegen nachvollziehbar,
wenn Westbam sagt: "Ja, das Ende des Musikjournalismus ist natürlich
sowieso diese ganze Track-Musik. Was willst du da rezensieren an einem
Stück, das für sich nicht den Anspruch erhebt, ein abgeschlossenes
Werk zu sein. Darüber kann man ja eigentlich noch gar nichts sagen."
(Westbam und Rainald Goetz: Mix, Cuts & Scratches. Berlin 1997)
Seit zwei bis drei Jahren ist aber die
entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten. Techno wird als normaler Bestandteil
der Popmusik betrachtet und findet seinen Platz in den Rezensionsrubriken
von bürgerlichen Tageszeitungen genauso wie von einstmals strikten
Indierock-Fanzines. Das hat unterschiedliche Gründe und verläuft
auch nicht so glatt wie es scheint. Denn wieder sind in dieser Öffentlichkeitsbildung
bestimmte Muster von Ein- und Ausschließungen eingebaut.
Techno privat
Das klingt verdächtig. Eine karge
Soundfläche, sirrende Perkussion, ein loses Pianogeklimper, eine undeutliche
Stimme, verhaltenes Feedback, dann Stimmen, die von außen herein
klingen, die Andeutung einer Melodie - so schwebt es dahin, gute zehn Minuten
und heißt Einklang. Das scheint programmatisch gemeint zu sein, denn
es ist das erste Stück des Debütalbums von Ro 70 (Source Rec.).
Das ist eines der Soloprojekte von Roman Flügel, der zusammen mit
Jörn Elling Wuttke auch in die Projekte Sensorama, Alter Ego und Acid
Jesus verwickelt ist.
Einklang klingt nach Isolation, und daß
der Track diesen Titel trägt und ein Soloalbum eines Technomusikers
einleitet, legt den Gedanken nahe, hier würde ein Produzent Raum schaffen
für sein eigentliches musikalisches Interesse, für das Eigene,
das Private, das sonst immer nur zum Teil in kreative Prozesse einfließt
und an den jeweiligen Ergebnissen nicht mehr abzulesen ist. In einem solchen
Gedanken sind Prämissen verborgen, die sich innerhalb der letzten
Jahre zu einer bestimmten Rezeptionsweise verfestigt haben.
Im Kontext der Rockmusik haben Soloalben
einen traditionell kodierten Stellenwert. Ein Musiker, der sein musikalisches
Können und seine Ideen, Sound und Songs betreffend, bisher in den
Dienst einer Gruppe, einer Band, gestellt hat, präsentiert sich nun
als Einzelkünstler. Das ist etwas Besonderes. Ein ganzes Individuum.
Immer ein bißchen mehr Kunst als Pop. Das ist das eine. Andererseits
wurde im Zuge der Lo-Fi-/Homerecording-Euphorie die Tendenz zur Regression
vehement diskutiert. Das Brüchige des Lo-Fi-Sounds wurde dabei auch
oft als Abbildung individueller Befindlichkeit interpretiert. Im Knarzen
und Rauschen werden die Spuren des Rückzugs ins Private entdeckt.
(Wichtig sind hier die in Spex veröffentlichten Besprechungen und
Diskussionen zu den Platten von Sentridoh, Smog, Beck und Palace Brothers.)
Dieses Muster scheint sich inzwischen bei
der Betrachtung von Techno fortzusetzen. Dabei bleibt oft unberücksichtigt,
daß Parameter, die für Rockmusik historisch zu begründen
sind (Soloalbum, Homerecording), auf Techno (oder allgemeiner: elektronische
Musik) nicht schlüssig übertragen werden können. Unter dem
Motiv der Auflösung, das das Nachdenken über Techno bestimmt,
läßt sich bezüglich der Produktionsweisen nicht von Grenzen
zwischen Einzel- und Gruppenprojekten, zwischen Homerecording und Studioaufnahmen
sprechen. Techno ist tendenziell immer Musik eines einzelnen und immer
Homerecording. Daß diese Abgrenzungen übertragen werden, hat
allerdings den Vorteil, daß Techno überhaupt in den Wahrnehmungsraum
von Konsumenten hineingerät, die bisher keine Handhabe hatten (oder:
die meinten, sie nicht zu haben), diese Musik in ihre Geschichte aufzunehmen.
Was passiert mit Techno, das außerhalb
zu einem solchen Gewinn an Reputation geführt hat? An vier Aspekten
lassen sich vorerst Veränderungen bzw. Entwicklungen feststellen.
Musik. Generell läßt sich Techno
nicht mehr auf sein bisher bestimmendes musikalisches Element, den durchgehenden
4/4-Beat, reduzieren. Strömungen wie Elektro, Trip Hop, Jungle, Breakbeat,
Drum & Bass haben sich in das Zentrum geschoben, werden adaptiert und
eingebaut. Das bedingt das Paradox, daß Techno durch andere Dancefloor-Musiken
nicht mehr als ausschließliche Dancefloor-Musik wahrgenommen wird.
Sondern eher als Diskursraum, in dem sich unterschiedliche gegenwärtige
Strömungen treffen, gegenseitig aufsaugen und abstoßen.
Dazu paßt die Tatsache, daß
sich zwischen Techno, Neuer Musik und Rock ein musikalischer Zwischenbereich
gebildet hat, in dem Elemente unterschiedlichster Musiken aufeinander bezogen
werden. Beispielhaft dafür sind Veröffentlichungen des Brüsseler
Labels Sub Rosa, die Doppel CD "In Memoriam Gilles Deleuze" (Mille Plateaux).
Geschichte. Techno wird älter. Das
heißt insbesondere, daß aktuelle Veröffentlichungen auf
ihre geschichtliche Relevanz hin gehört werden. Nichts ist mehr neu.
Hinter jeder Platte lichtet sich der Schlagschatten ihrer Genese. Ob an
der neuen LP von B 12 bemängelt wird, daß sie nicht an ihr (für
das Genre Electronic Listening) bahnbrechendes Debütalbum von 1992
heranreicht (B 12, "Time Tourist", Warp, 1996; "Electro Soma", Warp, 1992),
oder ob die Namen Chicago und Detroit (als sogenannte Ursprungsstädte
von House und Techno) ständig als Qualitätsstandards herangezogen
werden - mit der geschichtlichen Verwurzelung geht seltsamerweise eine
Transparenz einher. Aktuelle Veröffentlichungen sind keine abgeschlossenen
Entitäten, sondern Fenster, die Nachvollziehbarkeit und repetitives
Wissen ermöglichen.
Ein Beispiel dafür wäre auch
die Rezeption der aktuellen Veröffentlichungen des Kölner Produzenten
Mike Ink. Sein 1996 erschienenes Love Inc.-Album "Life's a gas" war verpackt
in ein Cover, auf dem wiederum verschiedene Cover aus der Rock- und Popgeschichte
der letzten 30 Jahre ohne Namensnennung abgebildet waren. In den einzelnen
Tracks wurden Samples verarbeitet, die diesen historischen Covern zugeordnet
werden konnten.
Ink ist in dieser Hinsicht zu einer Integrationsfigur
geworden, weil er "neue" Techno-Musik mit älterer, für die Sozialisation
des sogenannten Rock-Publikums wichtiger Musik verbindet. Mehr unter dem
Trash-Aspekt sind seine Tracks mit Samples aus Stücken deutscher Liedermacher
zu betrachten, die er unter dem Projektnamen Grungerman veröffentlicht.
Der Sampler dient hier als Übersetzer von Geschichte in Techno und
von Techno in eine diese Geschichte kennende Öffentlichkeit.
Autor. Autoren-Techno ist zu einer Genrebezeichnung
geworden, die weniger etwas mit bestimmten musikalischen Eigenschaften
zu tun hat, sondern mit den zwei bisher skizzierten Entwicklungen. Dadurch,
daß Techno einen immer breiteren Raum in Musik- und allgemeinen Medien
einnimmt, hat sich die Nachfrage nach Namen und Gesichtern verstärkt.
(Für das FAZ-Magazin, 16. Juni 1995, wurde für einen Personality-Bericht
über Sven Väth eine aufwendige Fotoproduktion durchgeführt.
Gesichter standen ebenso im Mittelpunkt eines Reports über Techno-DJs
im Zeit-Magazin am 6. januar 1995.) Hinzu kommt, daß Musiker dadurch,
daß sie seit den Anfängen (Mitte der achtziger Jahre) Techno
produzieren und auch heute noch Platten machen, mit der Geschichte der
Musik verbunden werden und eine unanfechtbare Stellung erreicht haben.
Beispiel dafür ist Juan Atkins aus
Detroit. Auch wenn er unter seinen Pseudonymen Infiniti oder Model 500
Platten veröffentlicht, ist sein Name inzwischen soweit durchgesetzt
und "Allgemeingut" geworden, daß seine Musik darunter kommuniziert
wird (aktuelle Veröffentlichungen: Model 500, "Deep Space", R&S,
1995; Infiniti, "The Infiniti Collection", Tresor, 1996). Mit diesem Aspekt
hängt die Benutzung des LP- oder CD-Formats zusammen.
Noch immer werden zwar in den einschlägigen
Läden hauptsächlich Maxis verkauft, aber gerade ältere Musiker
verwenden das Langformat, um ein Gesamtbild ihrer derzeitigen Kreativität
zu präsentieren.
Design. Was vor einigen Jahren und heute
noch pragmatisches Mittel ist, um die eigene Musikproduktion so sachgerecht
und billig wie möglich zu handhaben - das schmucklose Plattencover
-, ist inzwischen zu einer eigenen Art des Informationsdesigns geworden.
Die einzelnen Platten des Kölner Labels Studio 1 werden zum Beispiel
nur über die Farbe kommuniziert: Rot, Rosa, Hellblau, Grün und
weitere.
Vom reinen Pragmatismus des Handling hat
sich die Erscheinungsweise zum Ausdruck eines hohen Bewußtseins über
die ästhetische Vermittlung des eigenen Tuns gewandelt. Das gefällt
dann auch Leuten, die mit dem Teil von Techno wenig anfangen können,
der mit Tanzen, Club, Ausgehen, Szene etc. zu tun hat. Das darin vorherrschende
Beteiligtsein, der notwendige Kontakt, das Tanzen, die Expressivität
werden nun praktisch sublimiert in einem Kennertum, in dem der Austausch
von Wissen und das Bescheidwissen über subtile Kleinigkeiten wichtiger
sind als das konkrete Zusammenkommen bei entsprechender Musik.
Es findet an diesem Punkt also eine Trennung
statt. Wo ein Konzept vermutet wird oder hineinprojiziert werden kann,
stellt man den Fuß in die Tür zu Techno.
Im Fall von Studio 1 und Concept - ein
weiteres Label, bekannt für sein minimales Infodesign - hat das auch
etwas mit der Art von Musik zu tun. Das sind immer ziemlich lange Tracks,
mit einem durchlaufenden, nicht zu schnellen und nicht zu harten Beat,
über dem winzige Soundteilchen schweben, die sich zu rhythmischen
Mustern oder auch zu angedeutenen Melodien verdichten können. Das
klingt sehr angenehm. Richie Hawtins Concept-Platten sind soundmäßig
auch minimal gehalten, von der Rhythmik etwas spröder und vertrackter.
Das ist tanzbar, clubkompatibel und bei vielen DJs beliebt - strahlt aber
eine Sophistication aus, die die Musik darüber hinaus attraktiv macht.
Es gibt keine simplen Melodien, es gibt
keine dramatisierenden Snarewirbel, es gibt keine daraufhin losdonnernde
Bassdrum - also nicht die Elemente, die für sogenannte Ravehits typisch
sind. Wer also Studio 1- oder Concept-Platten mag, kann sich einerseits
Techno nähern, andererseits kann er unberührt bleiben von Dingen,
die an Techno (aus Alters- oder Sozialisationsgründen) eher unangenehm
erscheinen.
Bei der Beschreibung der Musik, die hier
genannt wird, fallen dann sehr leicht folgende Adjektive: minimal, abstrakt,
intelligent. Wobei zu sagen ist, daß diese Bezeichnungen keine gewaltsam
von außen an die Techno-Rezeption herangetragenen Genretitel sind,
auch nichts, was sich Plattenfirmen ausgedacht haben. Es sind Bezeichnungen
für Musik, der der Tanz- oder Spaßimperativ nicht anzuhören
ist.
Festzuhalten ist, daß über diese
Begriffe Differenzierungen stattfinden, die auf eine Trennung von "gutem"
und "schlechtem" Techno hinzielen, was weniger etwas mit jeweiliger musikalischer
Qualität zu tun hat, als mit einem Distinktionsgewinn: Man ist in
der Lage, innerhalb einer bestimmten Kultur das zu finden, dem der höchste
Grad an immanenter Sophistication eigen ist. Es wird dabei ein Wissen über
bestimmte Avantgarde-Strömungen dieses Jahrhundert aktiviert: serielle
Musik, Minimal Music, funktionales Bauhaus-Grafikdesign, Minimal Art.
Indem die Möglichkeit besteht, einen
bestimmten Teil einer Kultur abzutrennen, werden die dadurch entstehenden
Differenzen ideologisch belegt. Indem ich Studio 1 oder Concept in seinen
musikalischen und designmäßigen Feinheiten für mich gewinne
und in ein Universum des gebildeten Diskurses führe, muß ich
mich mit Marusha nicht mehr abgeben. Längst verloren geglaubtes, mit
der Entwicklung von Techno entstandenes subkulturelles Kapital, um einen
Begriff Sarah Thorntons zu verwenden, wird mittels einer bestimmten Auswahl
von ästhetischen Merkmalen in kulturelles Kapital umgewandelt und
einem Wissen über Design, Kunst und Geschichte der Popkultur angeschlossen.
Diese vier, hier schematisch dargestellten
Aspekte haben zu einem Abschied von Techno geführt, wie man diese
Musik bisher kannte oder zu kennen glaubte. Was Simon Reynolds über
Acid House schrieb, trifft nicht mehr ausschließlich zu: "Keine Verzögerung,
keine Vermittlung, sondern ein direktes Interface zwischen dem Pleasure-Circuit
der Musik und den Nervenbahnen des Hörers." (Simon Reynolds: Blissed
Out. The Raptures Of Rock. London 1990)
Zwischen Musik und Körper hat sich
ein Wissen geschoben, das musikalisch und verbal aufgearbeitet und interpretiert
wird. Das entspricht den Rezeptionsweisen, mit denen Rock- und Popmusik
bisher aufgenommen wurde. Techno spricht nicht mehr nur eine amorphe Masse
von "Ravern" an, sondern den einzelnen Musikhörer in seinem Zuhause
vor seiner Hifi-Anlage mit seiner Musikzeitschrift und seinen Fachbüchern.
Der Hang zum Privaten läßt sich
bei Techno also weniger auf der Seite der Produzenten, sondern auf der
der Konsumenten ausmachen. Eine Musik, die lange einerseits hermetisch
abgeschlossen, andererseits ohne individuelle Merkmale ("nur" in der Funktion
für eine entindividualisierte tanzende Masse) ein Eigenleben führte,
ist jetzt eingegliedert in gewohnte Mechanismen des Hörens und Kaufens.
Öffentlichkeit findet Techno nach
wie vor auf der Tanzfläche, aber in immer stärkerem Maße
innerhalb einer Gemeinschaft intellektuell-bohemistischer Konsumenten,
die ihr Techno-Erlebnis nicht mehr in wochenendlichen Initiationsriten
haben, sondern es sich in Privatstudien erarbeiten und sich von Hocker-DJs
erklären lassen. Wir warten auf einen Jeff Noon, der diese Entwicklung
in eine melancholische (wahlweise: deprimierende) Science-Fiction-Story
gießt.
Auszug aus dem Text "Allein mit der Sequenzerspur.
Techno in der Falle der Öffentlichkeit" von Martin Pesch, in: Marius
Babias, Achim Könneke (Hg.): Die Kunst des Öffentlichen. Projekte/Ideen/Stadtplanungsprozesse
im politischen/ sozialen/öffentlichen Raum. Das Buch ist im Mai 1998
im Verlag der Kunst Berlin/ Dresden erschienen. |