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Vorwärts in die Vergangenheit
In Berlin wurde eine Streitschrift gegen
den Bericht der Bayerisch-sächsischen Zukunftskommission vorgestellt
Wer keinen Job hat, aber gerne als "Sicherheitskraft"
auf Friedhöfen arbeiten möchte, dem stehen derzeit in Frankfurt
am Main alle Türen des Sozialamts offen. Dort wird seit einigen Monaten
allen Erwerbslosen das städtische Programm "Arbeit statt Sozialhilfe"
angeboten. Freiwillig ist diese Offerte jedoch nicht: Wer ablehnt, riskiert
die Kürzung der staatlichen Unterstützung.
Das Frankfurter Beispiel könnte Schule
machen, wenn es nach dem Willen der Bayerisch-sächsischen Zukunftskommission
geht - allerdings zu verschärften Konditionen. Die Kommission hatte
im vergangenen Jahr im Auftrag der beiden Landesregierungen ihren Abschlußbericht
"Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitslage" vorgelegt. Zumindest
für eine "begrenzte Zeit", war da zu lesen, müßten "größere
Unterschiede der individuellen Einkommen hingenommen werden". Auch könnten
weder Staat noch Wirtschaft künftig im bisherige Umfang die "Daseinsfürsorge"
erhalten. Statt dessen setzte die Kommission auf eine Privatisierung des
Sozialsystems sowie auf eine Entlastung durch kostenlose "soziale Bürgerarbeit",
die als "Dienst an der Gemeinschaft" das angebliche "Arbeitsverbot" für
Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose ablösen solle. Die Berliner
Arbeitssenatorin Christine Bergmann (SPD) hat nun vergangene Woche die
230 Seiten starke "Streitschrift" eines Autorenteams vorgelegt, das die
zentralen Punkte des Kommissionsbericht angreift.
Um wieder mehr Jobs zu schaffen, so die
Logik der Kommission, müsse eine größere Differenzierung
bei Löhnen und Gehälter geschaffen werden. Das sei jedoch, nach
Meinung von Bergmanns Autoren, erwiesenermaßen nicht der Fall. Einen
Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Einkommensstruktur sei selbst
in Musterländern wie Dänemark, Norwegen oder Niederlande, die
die niedrigste Arbeitslosenquote der EU vorweisen können, nicht erkennbar.
Wird ein Niedriglohnsektor eingeführt, nutzen die Unternehmer ihn
hingegen dazu, bisher gut bezahlte Arbeit durch billige zu ersetzen. Neue
Jobs springen kaum dabei heraus.
So lasse sich das US-Job-Wunder, auf das
die Konservativen gerne verweisen, nicht auf den Anstieg von Billig-Jobs,
sondern primär auf geldpolitische Impulse zurückführen.
In Deutschland wurden Anfang der neunziger Jahre die Zinsen trotz nachlassenden
wirtschaftlichen Wachstums angehoben, während die USA ihren Job-Boom
durch einen Realzins von Null initiierten.
Auch von dem Vorschlag einer verstärkten
gemeinnützigen "Bürgerarbeit" halten die Autoren nicht viel.
Denn dieses "freiwillige soziale Engagement" soll nicht entlohnt, sondern
durch "immaterielle Anerkennung" erfolgen. Im Kern zielen die Vorschläge
jedoch darauf ab, mittels der Bürgerarbeit soziale Dienstleistungen
zu verbilligen. Gesellschaftlich nützliche Arbeiten, die bisher u.a.
in ABM-Maßnahmen oder der kommunalen Arbeitsförderung erbracht
wurden, sollen kostengünstiger gestaltet und aufgewertet werden.
Die Entdeckung dieses "altruistischen Gemeinschaftsgefühls"
mutet dem Autorenteam anachronistisch an: "Huldigt die Kommission doch
sonst den freien Kräften des Marktmechanismus und bagatellisiert deren
angeblich unumgängliche negative Folgen wie Armut und die weitere
Spaltung der Gesellschaft". Abgesehen davon, weist die Streitschrift nach,
daß ehrenamtliche Arbeit besonders in den saturierten Mittelschichten
beliebt ist, während Erwerbslose wenig davon halten.
Eine Idee der Kommission weckt besonders
den Zorn der Autoren. Eine wesentliche Ursache der Massenarbeitslosigkeit
sei die steigende Erwerbsorientierung von Frauen, hatten die Zukunftsforscher
in ihrem Bericht erkannt. Zur Entlastung des Arbeitsmarkts müsse dieses
Problem bewältigt werden. Frauen zurück an den Herd - und vorwärts
in die Vergangenheit, könnte das Motto der Zukunftskommission daher
lauten.
Ulrich Beck, Kommissionsmitglied und oberster
Soziologe, hat die Konsequenz dieser Überlegung bereits vor einiger
Zeit vermutlich sarkastisch formuliert: "Wer die 'gute, alte' Solidarität
wiederherstellen will, muß das Rad der Modernisierung zurückdrehen,
das heißt: die Frauen aus dem Arbeitsmarkt verdrängen. (...)
Das Lohngefälle wäre zu verschärfen, letztlich wäre
auch die gesetzliche Gleichstellung rückgängig zu machen. Es
wäre zu prüfen, ob das Unheil nicht schon beim allgemeinen Wahlrecht
angefangen hat."
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