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Neue Kontrollgesetze
Denunziation per Dekret
Von Oliver Tolmein
Es war einmal ein Land, in dem sich Hunderttausende
entschlossen, dem Staat ein entschiedenes Nein entgegenzuschleudern, in
dem Millionen klammheimlich falsche Zahlen in nicht allzu interessante
Fragebögen schrieben, um so der Freiheit ein kleines Biotop zu erhalten.
Als sich schließlich auch noch das
Bundesverfassungsgericht der Volkszählung entgegenstemmte und ein
informationelles Recht auf Selbstbestimmung formulierte, freute sich alle
Welt. Zwar konnte niemand gewiß sagen, daß von deutschem Boden
nie wieder eine Statistik ausgehen würde, aber immerhin war der Ungehorsam
in Detailfragen so gewaltig, daß der BRD das Etikett Zivilgesellschaft
angeheftet wurde.
Früher, das ist bekanntlich lange
her, und in den letzten sieben Tagen hat die deutsche Legislative der Zivilgesellschaft
wieder ein paar Uniformstücke verordnet. Die SachbearbeiterInnen der
Sozial- und Jugendämter, der Rentenversicherungen und Krankenkassen,
der Bafög- und Kindergeldstellen sind künftig ganz formeIl als
"Mitarbeiter" in die Pflicht genommen - statt des Datenschutzes der von
ihnen Betreuten rangieren Verfolgungsinteressen des Staates künftig
ganz oben: Name, Geburtsort und den künftigen Aufenthaltsort ihrer
Klienten müssen die Mitarbeiter auf einfaches Ersuchen von Polizei
und Staatsanwaltschaft melden.
Den Sozial- und Psychotherapeuten, die
mit Strafgefangenen arbeiten, ist noch ein zusätzlicher Stern auf
ihre Epauletten geheftet worden: Da der Aufenthaltsort ihrer Klienten ja
bestens bekannt ist, müssen sie alles aus ihren Therapiesitzungen
den Anstaltsleitern offenbaren, was "für die Aufgabenerfüllung
der Vollzugsbehörde oder zur Abwehr von erheblichen Gefahren für
Leib oder Leben" erforderlich ist. Nun hat die Vollzugsbehörde viele
und vor allem weitreichende Aufgaben, so daß die Therapeuten gut
daran täten, künftig Wortprotokolle ihrer Sitzungen weiterzureichen:
Die dadurch bewirkte Arbeitsbelastung dürfte sich in Grenzen halten.
Das Interesse an Therapien, die mit der klassischen Eröffnungsformel
"Alles, was sie hier sagen, kann gegen sie verwendet werden" beginnen müßten,
wird wohl nicht besonders groß sein.
"Für mich ist nicht entscheidend,
was die SPD sagt - wobei die SPD ja in ihrer Mehrheit schweigt", hat Josef
Fischer dieser Tage wissen lassen und wortreich ein Reformbündnis
fürs nächste Jahrtausend beschworen. Tatsächlich hat sich
in diesen letzten parlamentarischen Amtshandlungen vor der Sommerpause
gezeigt, daß, mit oder ohne Worte, wirklich einig sich vor allem
die große rot-schwarze Koalition ist, die geschlossen für den
autoritären Sicherheitsstaat gestimmt hat.
Die außerparlamentarische Öffentlichkeit
und Opposition hat sich längst aufs routinierte Vermelden immer neuer
Grundrechtseinbußen verlegt: Einen Fragebogen, an dem sich die Zivilcourage
praktisch hätte austoben können, hat es ja seit langem nicht
mehr gegeben.
Was mit der Durchsetzung des Großen
Lauschangriffs begonnen wurde, wird jetzt Zug um Zug vervollständigt.
Aber wenn 13 Prozent der Deutschen rechtsextrem eingestellt sind, warum
sollen nicht auch 13 Prozent der Gesetze extremistischen Rechtsauffassungen
entspringen. Das "Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung" hat
wohl bestenfalls eine Chance auf einen Ehrenplatz irgendwo in den Fußnoten
der deutschen Rechts-Geschichte. |