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Mein Freund, der Horst
Baumsterben und Mädchen-Sein in den
sechziger Jahren
In den sechziger Jahren war es kein besonderes
Vergnügen, ein Mädchen zu sein, schon gar nicht dann, wenn der
Rest der Familie genaue Vorstellungen von der Erziehung einer Tochter hatte.
So war den meisten kleinen Mädchen schon nach kurzer, in den Sechzigern
verbrachter Zeit klar: So nicht. Wie dann, war zwar eher unklar, aber um
das herauszufinden, hatte man viel Zeit und vor allem gute Vorbilder. Immer
waren es erwachsene Frauen - kein kleines Mädchen, das auf sich hielt,
wäre auf die Idee gekommen, später etwa Peter Alexander werden
zu wollen -, und wenn man auch nicht so genau wußte, wie das Leben
in dieser zweifellos unglaublich tollen, allerdings noch ziemlich weit
entfernten Zeit, in der man endlich "groß genug" sein würde,
aussehen sollte, so hatte man doch schon feste Vorstellungen davon, wie
man selber aussehen würde. Wie Barbara Eden von "Bezaubernde Jeannie".
Oder, falls es Probleme mit dem Blondsein geben sollte, wie Diana Rigg
oder Wencke Myrrhe.
Dann gab es noch eine, der man auf gar
keinen Fall ähneln wollte. "Weil die immer so traurig ist," erklärte
Bettina von nebenan, "die hat bestimmt kein schönes Leben." Aber zur
Not, das war klar, würde man auch das Aussehen von Alexandra akzeptieren,
denn sie schien immerhin eine zutiefst verständnisvolle Person zu
sein.
Als kleines Kind kann man seinen Eltern
lange erzählen, daß es unlogisch ist, einen Baum deshalb fällen
zu lassen, weil er im Schlafzimmer Licht wegnimmt, denn schließlich
hielten sie sich tagsüber nicht dort auf. Aber alle waren sich einig,
und zack war der alte riesengroße Kirschbaum weg. Natürlich
dauerte es nicht lange, bis die kriminelle Vereinigung ihre Entscheidung
zutiefst bereute, denn um sechs Uhr morgens von der Sommersonne geweckt
zu werden, gehörte nicht zu den elterlichen Plänen, aber das
hatten sie nun davon. Der kindlichen Trauer begegnete man mit einem entschiedenen
"Das Kind ist nicht normal" und ärgerte sich über den ungefilterten
Sonnnenaufgang.
Immerhin war Alexandra da und tröstete.
Wenn sie als Erwachsene den Tod von Freund Baum so sehr betrauerte, daß
sie extra ein Lied darüber machte, dann hatte man als kleines baumloses
Kind ja wohl das Schlimmste schon hinter sich gebracht.
Blöd nur, daß nach dem Baumsong
nur noch Schnulzen kamen, über die sich zwar die Heimatvertriebenen,
so hießen ein paar Kinder in der Klasse, sehr freuten, die aber zu
Hause als Kitsch nicht geduldet wurden - auch die in der Schule ausgeteilten
Kerzen mit den Umrissen eines ziemlich großen Deutschlands und der
Aufschrift "Dreigeteilt? Niemals!" durften z.B., entgegen den Vorgaben
der Lehrerin, nicht ins Fenster gestellt werden, obwohl die das doch bestimmt
in der Nacht kontrollieren würde. Aber was sollte man von einer Baummörder-Familie
auch anderes erwarten, die verspielte mit ihrer Bockigkeit eben auch ungerührt
die schulische Karriere ihres Kindes, natürlich um hinterher heftig
zu bereuen.
Und darüber sang natürlich niemand,
denn Alexandra hatte zu dieser Zeit schon anderes zu tun.
Wie man selbst auch, denn es war ein ganz
neues Problem aufgetaucht, nachdem man in der Schule gelernt hatte, daß
das Alphabet aus nur wenigen Buchstaben besteht. Das war ein unbedingter
Grund, sich zu fürchten: Wenn die Möglichkeit, Buchstaben zu
Worten zu kombinieren, endlich ist, ebenso wie die Anzahl der Worte, die
in jeder Sprache zur Verfügung stehen, dann sind irgendwann alle Möglichkeiten,
Buchstaben zu Worten, Worte zu Sätzen und Sätze zu Büchern
zu machen, erschöpft. Alle Bücher werden also eines Tages ge-schrieben
sein, und wenn man sie alle ausgelesen hat, dann ist Schluß.
Daß es im Falle vieler Bücher
sowieso nicht so besonders schlimm ist, wenn sie nicht gedruckt werden,
das mußte man eben erst lernen.
Ebenso wie die Tatsache, daß manchmal
Autoren nicht in erster Linie Bücher schreiben, weil sie Spaß
an ihrem Thema haben, sondern nur, weil ihnen aufgefallen war, daß
es noch keine Veröffentlichung zum Thema gibt. So jemand ist Marc
Boettcher, der die Lebensgeschichte der 1969 tödlich verunglückten
Sängerin Alexandra aufgeschrieben hat.
Doris Treitz' Leben verlief für eine
Schlagersängerin ziemlich ungewöhnlich. Als sie starb, hatte
sie zahlreiche Affären mit Männern, eine kaputte Ehe und mindestens
eine Abtreibung hinter sich, Alexandra wurde auf Drogen-Partys gesehen,
alles Dinge, die so gar nicht zum Heile-Welt-Image des deutschen Schlagers
in den Sechzigern paßten. Dieser Widerspruch kümmert Boettcher
jedoch wenig, auch kümmert ihn nicht, wie es jemand aushalten kann,
ein öffentliches Image zu haben, das so wenig mit dem eigenen Leben
zu tun hat - Boettcher listet lieber seitenweise Songtexte auf. Denn der
von Alexandra verursachte Autounfall ist es, der dem Autoren keine Ruhe
läßt. Die Sängerin hatte eine Kreuzung überfahren
und war in einen vorfahrtsberechtigten 32-Tonner gerast; sie und ihre Mutter
starben, nur ihr kleiner Sohn überlebte.
Die Beweise für ein Komplott sind
zwar eher dünn und widersprechen sich zum Teil, aber das kümmerte
bisher niemanden. Denn eine Sensation ist eine Sensation, deswegen konnte
man Boettcher in verschiedenen Talkshows seine Theorien ausbreiten hören,
die zusammengenommen ungefähr so lauten: Der KGB wurde von Alexandras
undurchsichtigem US-amerikanischen Ex-Freund und ihrem pro-zaristischen
Ex-Mann angeheuert sowie von ihrer neidischen Familie, um an ihrem Wagen
die Bremsen durchzuschneiden. Die Spuren wurden von Alexandras Fans beseitigt,
weswegen die in die Verschwörung eingeweihte norddeutsche Polizei
das Wrack extra 24 Stunden lang an der Unfallstelle hatte stehen lassen.
Der damals hinzugezogene Gutachter, der kurz nach dem Crash keine Beweise
für eine Manipulation an dem Auto fand, wurde mit dem bezahlt, was
die Familie nach dem Unfall aus der Wohnung der Toten hatte mitgehen lassen,
und 28 Jahre lang war dies niemandem aufgefallen, bis Marc Boettcher, der
menschliche Spürhund, den gewaltigen Skandal enthüllte.
Allerdings nur fast, denn wie der Autor
auf der letzten Seite seines Buches andeutet, erbte Alexandras Sohn an
seinem 25. Geburtstag nicht nur ihr Vermögen in Höhe von fast
sechs Millionen Mark, sondern heiratete auch noch eine Russin, weswegen
er wahrscheinlich, obwohl zur Tatzeit gerade sechs Jahre alt, einer der
Mitverschwörer ist. Oder auch nicht. Boettchers Buch wird jedenfalls
demnächst vom NDR verfilmt.
Dabei ist die Angelegenheit seit knapp
30 Jahren erledigt! Schon als klar wurde, daß von Alexandra nach
ihrem Beitrag zur Baumproblematik nichts Wichtiges mehr zu erwarten war,
verlagerten sich die Interessen. Nach ihr kam Horst, der Bauarbeiter, der
den Gehweg vor dem elterlichen Haus erneuerte und dem wegen seiner unglaublichen
Schönheit stundenlang vom Fenster aus bei der Arbeit zugesehen wurde,
bis das Erziehungskollektiv entschied, daß das Kind nicht normal
sei und die Baufirma plötzlich anstelle des wundervollen schwarzhaarigen
Horst ein auch heute noch gängiges blondes Bauarbeitermodell mit Bauch
schickte.
Und so ging es immer weiter, bis schließlich
weder Bäume, Blondwerden noch Bauarbeiter eine Rolle im Leben spielten.
Marc Boettcher: Alexandra. Knaur, München
1998, 317 S., DM 15,90 |