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  07.Juli 1998 Jungle World
 

Wer von Auschwitz nichts wissen will, sollte die Klappe halten
Ohne Erkenntnis der deutschen Vernichtungspraxis sind auch die deutschen Zustände der Gegenwart nicht zu verstehen

Auf dem Schlachtfeld der gemordeten Begriffe
Die Diskurs- und Wertanalytiker handeln über die Shoah, ohne deren Realität an sich heranzulassen

Arbeit und Antisemitismus

Zur Aktualität von Auschwitz 

Pogrome, Neonazis, Goldhagen-Debatte: Es ist schwer, in Deutschland die Gegenwart des Holocaust zu verdrängen 

Alle Motive und Triebkräfte, die den Holocaust möglich gemacht haben, haben den 8. Mai 1945 überlebt. Mehr noch: Das gesellschaftliche Bewußtsein im nach-nationalsozialistischen Deutschland ist von der verleugneten oder abgespaltenen Tat in wesentlichen Punkten geprägt. "Wer genau hinsieht, wer Alltagserscheinungen mit einer Folie unterlegt, auf der das Verbrechen und seine Verleugnung eingetragen sind, wird beinahe täglich mit der untergründigen Gegenwart des Holocaust konfrontiert", hatten wir in "Goldhagen und die deutsche Linke" geschrieben. 

Dieser Satz kommt uns mittlerweile wie eine Verharmlosung vor: Man muß schon gezielt wegschauen, um die Gegenwart des Holocaust ignorieren zu können, wie es die als "bessere Deutschen" sich gerierenden Landsleute stets tun. Die ganz Normalen sind unverkrampfter und bringen ihre Wünsche öffentlich und unmißverständlich zum Ausdruck: "Früher hätte man euch vergast!", "Die müßte man alle erschießen!", "Raus damit, aber schnell!" So dezent werden Jüdinnen, Juden und MigrantInnen täglich daran erinnert, wozu die Deutschen fähig sind. 

Noch ungeschminkter geht es in deutschen Fußballstadien zu: Wer in Deutschland Fußballspiele wie die des VFB Leipzig gegen den FC St. Pauli verfolgt, kennt den Schlachtgesang: "Wie bauen eine U-Bahn von St. Pauli nach Auschwitz!" Und die wegen ihres geringen "Germanenanteils" als "Multi-Kulti-Truppe" verschriene Regionalligamannschaft des Vereins Tennis Borussia Berlin wurde vom deutschen Mob mit der Parole "Zyklon B für TeBe!" geschmäht und vor laufender Kamera tätlich angegriffen. 

Das Entsetzen über derartige Episoden bleibt in der Regel fragmentarisch, ohne den Gesamtzusammenhang zu sehen. Dabei hatte sich das von Horkheimer und Adorno geleitete Institut für Sozialforschung nach seiner Neugründung 1950 schwerpunktmäßig mit der Phänomenologie der "deutschen Neurose" (Adorno) befaßt. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Rezeption der Kritischen Theorie, daß Adornos Untersuchung über "Die autoritäre Persönlichkeit", dem eine Untersuchung von US-AmerikanerInnen zugrundeliegt, zum vielverkauften Buch geworden ist, während seine unter dem Titel "Schuld und Abwehr" 1954 veröffentlichte Analyse deutscher Denkweisen nach dem Holocaust bis heute ein Insider-Tip geblieben ist. 

"Schlägt man nicht die Weisung (Freuds) aus dem Wind", hatte Adorno in den Fünfzigern erklärt, "so läßt das nur eine Folgerung offen: daß insgeheim, unbewußt schwelend und darum besonders mächtig, jene Identifikationen und der kollektive Narzißmus gar nicht zerstört wurden, sondern fortbestehen. (Ö) Sozialpsychologisch wäre daran die Erwartung anzuschließen, daß der beschädigte kollektive Narzißmus darauf lauert, repariert zu werden, und nach allem greift, was zunächst im Bewußtsein die Vergangenheit in Übereinstimmung mit den narzißtischen Wünschen bringt, dann aber womöglich auch noch die Realität so modelt, daß jene Schädigung ungeschehen gemacht wird." 

In seiner bedeutsamen Studie hat Lars Rensmann die Forschungsarbeiten der Kritischen Theoretiker über die erinnerungsabwehrenden Dispositionen der Deutschen untersucht und die "in vielerlei Hinsicht erschreckende Aktualität" dieser Studien betont ("Kritische Theorie über den Antisemitismus", Berlin 1998). "Auf subjektiver, bewußtseinsstruktureller Seite ist durchaus davon zu sprechen", stellt er fest, "daß sich Geschichte wiederholt, was, als gesellschaftlicher Tatbestand proklamiert, eine Verharmlosung der singulären Verbrechen des NS darstellte." 

Hiervon jedoch will auch die antinational sich verstehende Linke in der Regel nichts wissen. "Nicht eine blöde Reprise der Geschichte bahnt sich an", hatte Joachim Bruhn in "Was deutsch ist" (Freiburg 1994) geschrieben, "sondern der Wiederholungszwang macht sich Luft, dem die kapitalistische Vergesellschaftung in ihren Katakomben beständig Futter gibt." Hier wird nicht nur ignoriert, daß das Besondere der deutschen Geschichte, der Nationalsozialismus und die Shoah, Bewußtseinsstrukturen der Gegenwart bestimmt, sondern schon der Gedanke der Kontinuität wird für absurd erklärt und unterdrückt. 

Bruhns Argumentation, die deutsche Spezifik, d.h. Auschwitz auszuklammern und die rassistische Denkform des rassistischen Mörders aus Solingen, Christian R., einzig und allein aus der kapitalistischen Warenform abzuleiten ("Was deutsch ist"), mußte zwangsläufig bei einer Argumentation landen, die ihn zum Verteidiger des rassistischen Mörders und der "eigentlichen" Intentionen von Christian R. machte. Warum wurden die Türken in Solingen ermordet? Weil die deutschen Jugendlichen dort "Angst haben", antwortet Bruhn, "daß nach dem Taschengeld gleich die Sozialhilfe kommt, daß sie nur politisch zu Subjekten befördert werden. Der Fall Christian R. scheint nach allem, was man dem Spiegel entnehmen kann, für diese Halbierung und eigentliche Kastration des Subjekts typisch zu sein." 

Christian R., der Mörder, heißt es hier weiter, "ist das an sich selbst explodierende Subjekt, das an den Vermittlungen der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt, aber nichts anders bezweckt, als deren Geheimnis sich anzueignen." Wir lernen: Die kaltblütige Verbrennen von TürkInnen diente nicht dem Zweck, sie zu töten, sondern war ein verzweifelt-rebellischer Versuch, in einem der reichsten Länder der Welt mit dem Kapitalismus klarzukommen. "Es besteht daher kein Unterschied", fährt Bruhn fort, "zwischen einer sozial verursachten, aus dem 'Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital' gespeisten Protestenergie und der falschen, rassistischen oder antisemitischen Form ihrer Verausgabung." Kein Unterschied? Doch nur, solange 'wir' nicht zu den Opfern gehören. 

Wir haben diese Aussagen zitiert, um die aktuelle Relevanz der Auseinandersetzumg mit dem Holocaust zu demonstrieren. Der schematische Ökonomismus der ISF, der den Holocaust in der Formel "Denkform = Warenform" fassen zu können glaubt, scheitert auch dann, wenn es um die adäquaten Analyse des deutschen Pogromismus seit 1990 geht, der ohne die in Auschwitz kulminierte und nach Auschwitz verdrängte Vernichtungstat nicht begriffen werden kann. 

Dieser Zusammenhang ist es, der das Gegensatzpaar von "Kontinuität" und "Bruch", das die diskurstheoretisch orientierte Gruppe von Berendt et al. in ihrem Dossier bemüht, so absurd macht. In Auschwitz und seiner abwehraggressiven Verarbeitung sind Kontinuität und Bruch vereint. Von hier aus betrachtet erscheinen alle gesellschaftlichen Erscheinungen in neuem Licht: sei es die gesellschaftliche und staatliche Reaktion auf den Lübecker Brandanschlag, sei es die Goldhagen-Debatte, seien es die Wahlerfolge der DVU oder sei es das deutsche Selbstverständnis von Volkswirtschaft. 

Vieles würde, von Auschwitz aus gedacht, überhaupt erst auffallen: der deutsche Opfermythos und die Selbstsuggestion, stets der Geprellte zu sein - eine besonders aggressive Form, die wirklichen Opfer der Deutschen zum Verschwinden zu bringen. 

Das unausgesprochene Motto der Diskurstheorie stand als Überschrift eines Antifa-Artikels von Hanno Martens in der Jungle World (Nr.20 / 98): "Die Gesellschaft ist kein monolithischer Block". Die Anziehungskraft eines Foucault speist sich nicht zuletzt aus der Möglichkeit, das für das deutsche Mörderland so charakteristische Ausmaß an freiwilliger Homogenität zu relativieren - durch Verweis auf die ach so bunte und differenzierte Postmoderene, welche eine wirklich gefährliche volksgemeinschaftliche Formierung eigentlich gar nicht mehr erlaubt und gleichzeitig viele kleine praktische diskursive Interventionsmöglichkeiten suggeriert. 

Während die Anziehungskraft der Wertkritik darin besteht, den ganzen Wahnsinn in Deutschland auf die eine und einzige theoretische Formel gebracht zu haben, dient die Diskurstheorie dazu, sich mit modernem Vokabular ganz radikal, aber ohne wirklichen Bruch in der hiesigen Gesellschaft bewegen zu können, weil es ja ganz viele Diskurse gibt, in die man eingreifen kann. In beiden Ansätzen sind wichtige und richtige Gedanken enthalten. Es ist ihr gemeinsamer Ausgangspunkt, der der Wahrheit entbehrt: die Hoffnung, die relativ normale Linke in einem relativ normalen Land zu sein. 

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